Titelkämpfe

Von Anatol Stefanowitsch

In den Kom­mentaren zu meinem Beitrag zu Adels- und akademis­chen Titeln hat­te ich etwas vor­eilig einen Nach­trag zur deren tat­säch­lich­er Ver­wen­dung ver­sprochen, und da die Grü­nen nun den Dok­tor­ti­tel aus dem Per­son­alausweis stre­ichen wollen, ist es höch­ste Zeit, diesen Nach­trag Wirk­lichkeit wer­den zu lassen.

Zunächst will ich noch ein­mal kurz die Sach- und Recht­slage zu akademis­chen Graden und Adel­stiteln zusam­men­fassen, die ich in meinem let­zten Beitrag aus­führlich­er dargestellt hat­te (Punkt 1 übernehme ich dabei weit­ge­hend wörtlich aus meinem aktuellen Par­al­lel­beitrag bei DE PLAGIO):

Akademis­che Grade existieren und dür­fen von ihren Inhab­ern öffentlich geführt wer­den — auf Vis­itenkarten und Brief­pa­pi­er, auf Prax­is- und Fir­men­schildern und natür­lich auf Wahlplakat­en. Das gilt nicht nur für den Dok­tor­grad, son­dern auch für den BA, den MA, den Dipl. usw. Tat­säch­lich ist es in Deutsch­land rel­a­tiv unüblich, Grade öffentlich zu führen — den BA und MA führt kaum jemand (außer vielle­icht auf ein­er uni­ver­sitären Web­seite). Der Dr. wird schon häu­figer geführt — von Wissenschaftler/innen aber häu­fig nur im uni­ver­sitären Kon­text, und von vie­len gar nicht. Am Durchgängig­sten scheint mir der Dipl.-Ing. geführt zu werden.

Etwas ver­wirrend ist nun die Tat­sache, dass der Dok­tor­grad als einziger akademis­ch­er Grad im Per­son­alausweis und im Reisep­a­ss einge­tra­gen wer­den kann (aber nicht muss). Das führt zu viel Ver­wirrung bezüglich der Frage, ob er damit zu einem „Namens­be­standteil“ wird (Antwort: im rechtlichen Sinne nicht, im All­t­agsver­ständ­nis sich­er). Die Frage ist aber ohne­hin neben­säch­lich, da sie kein­er­lei Auswirkun­gen auf das öffentliche Führen des Grades hat. Ich kann einen Grad führen oder auch nicht, egal, ob ich ihn im Per­son­alausweis ste­hen habe oder nicht.

Nur eins darf ich nicht: einen akademis­chen Grad führen, den ich gar nicht erwor­ben habe. Wer das tut, macht sich straf­bar. Das ist auch gut so, denn wenn es nicht so wäre, kön­nten akademis­che Grade ihre eigentliche Funk­tion nicht erfüllen, näm­lich etwas über die Qual­i­fika­tion ihrer Träger/innen aussagen.

Adel­sti­tel existieren nicht. Wer einen hat­te, kon­nte diesen bei der Abschaf­fung des Adels 1920 zu einem Teil des Nach­na­mens machen. Aus einem Frei­her­rn Hans zu Muster­burg wurde dadurch ein Herr Hans Frei­herr zu Muster­burg. Ein Frei­herr ist er dadurch nicht, eben­sowenig, wie ein Herr Müller-Lüden­schei­dt ein Müller oder eine Frau Koch-Mehrin eine Köchin ist.

Etwas ver­wirrend ist höch­stens, dass die ehe­ma­li­gen Adel­sti­tel, anders als andere Namen, nach Geschlecht dek­lin­iert wer­den — die Frau von Her­rn Hans Frei­herr zu Muster­burg hieße z.B. Frau Eri­ka Freifrau zu Muster­burg, Frau Koch-Mehrin heißt dage­gen eben nicht Frau Köchin-Mehrin. Aber das macht diese Namen­steile nicht zu Adel­stiteln, son­dern eben zu einem dek­lin­ier­baren Namen (man ver­gle­iche rus­sis­che Nach­na­men, die eben­falls an das Geschlecht ihrer Träger/innen angepasst wer­den — Michail Gor­batschow, aber Rais­sa Gorbatschowa).

Diese Nach­na­men kön­nen natür­lich eben­falls auf Vis­itenkarten, Praxiss­childern oder Wahlplakat­en ste­hen. Manchen Men­schen sind diese Namens­be­standteile (vielle­icht wegen der Assozi­a­tion mit den ex-adli­gen B‑Promis aus dem Pri­vat­fernse­hen) unan­genehm und sie lassen sie weg. Sie lassen dann aber keinen „Adel­sti­tel“ weg, wie oft — in atem­los­er Ehrfurcht vor soviel edelmän­nis­ch­er Beschei­den­heit — behauptet wird, son­dern einen Teil ihres Namens. Eben so, als ob eine Frau Koch-Mehrin sich Frau Mehrin nen­nen würde.

Da es Adel­sti­tel nicht gibt, darf sie jed­er führen ohne sich straf­bar zu machen (solange er dabei keine existieren­den Namen­srechte ver­let­zt). Ich kann mich Ana­tol Graf zu Ottensen — oder sog­ar Graf Ana­tol zu Ottensen — nen­nen und das, wenn ich unter diesem Namen kün­st­lerisch tätig bin, sog­ar in meinem Per­son­alausweis ein­tra­gen lassen.

Beim alltäglichen Umgang mit (echt­en) akademis­chen und (ver­meintlichen) Adel­stiteln ver­hält es sich kurioser­weise genau umgekehrt zur Recht­slage. Sowohl die Träger akademis­ch­er Grade selb­st als auch die Sprachge­mein­schaft ins­ge­samt lässt diese Titel häu­fig unter den Tisch fall­en, bzw. geste­ht sie Ärzten (ob pro­moviert oder nicht) als Berufs­beze­ich­nung zu. Die ehe­mals adli­gen Namens­be­standteile der ehe­ma­li­gen Adli­gen wer­den dage­gen unbeir­rt als tat­säch­liche Adel­sti­tel tat­säch­lich­er Adliger verwendet.

Ein schönes Beispiel dafür ist die Zeitung Main-Post, deren Einzugs­ge­bi­et unter anderem die fränkische Heimat des Nicht-Dok­tors und Nicht-Adli­gen Karl Theodor Frei­herr zu Gut­ten­berg umfasst. Die Zeitung hat ein gewiss­es Bewusst­sein für dieses The­ma (um nicht zu sagen, eine Besessen­heit). So hat sie sich schon im August 2009 — das Zeital­ter der ent­tarn­ten Plagiator/innen war noch in weit­er Ferne — mit der Frage befasst, was „eine Pro­mo­tion heute noch wert“ sei.

Schon damals stellte man die irrige Behaup­tung auf, Dok­tor­ti­tel wären ein deutsches Spez­i­fikum (siehe dazu meinen oben ver­link­ten Beitrag auf DE PLAGIO). Vor allem aber mah­nte man fast visionär einen sorgfältigeren Umgang der Uni­ver­sitäten mit „Schmal­spur-Arbeit­en ohne Erken­nt­niswert und Anspruch an.“

Als Gut­ten­berg dann seinen Titel „zurück­gab“, war das für die Main-Post Anlass, zu erk­lären, warum man den dama­li­gen Vertei­di­gungsmin­is­ter eben­so wie alle anderen Pro­movierten in der Zeitung sel­ten oder nie mit diesem Titel bezeichnete:

Dahin­ter steckt keine Mis­sach­tung, son­dern ein jour­nal­is­tis­ches Ord­nung­sprinzip, das für Gle­ich­be­hand­lung sor­gen soll. …

Dr. wird in der Zeitung dann zum Namen hinzuge­fügt, wenn es ein Beitrag über den Titel selb­st oder seinen Erwerb ist. Eine Nachricht kön­nte die Nen­nung eben­falls her­aus­fordern, etwa wenn nur das Dr.-Fachgebiet erschließt, warum eine bes­timmte Per­son eine Auf­gabe übern­immt … Min­destens ein­mal erscheint in solchen Fällen der Dr. im Text, meist bei der ersten Erwäh­nung. Fehlt er trotz­dem, liegt es oft daran, dass der Träger des Titels keinen Wert auf die Nen­nung legt. Auch das gibt es häufig.

Vor der Ein­führung der Dr.-Regel herrschte ein Durcheinan­der, das ständig für Ver­druss gesorgt hat. Beim Einen stand er dabei, der Titel, beim Anderen nicht. …

Der grund­sät­zliche Verzicht kommt nun der nüchtern gehal­te­nen Nachricht­en­sprache ent­ge­gen. [Main-Post, 27. August 2009]

Soweit, möchte man zunächst denken, so gut. Nie­mand kann oder will eine Zeitung oder son­st jeman­den dazu zwin­gen, die akademis­chen Grade der­er zu nen­nen, über die man schreibt. Wenn Bil­dung von ein­er Gesellschaft nicht aus sich selb­st her­aus als ein Wert wahrgenom­men wird, den es lobend zu erwäh­nen gilt, dann ist das eben so.

Auch die Regel, akademis­che Grade nur dann zu nen­nen, wenn sie inhaltlich rel­e­vant sind, ist im Prinzip vernün­ftig. So halte ich selb­st es auch mit meinen eige­nen Titeln und Amts­beze­ich­nun­gen und mit denen von Kolleg/innen. Auf mein­er uni­ver­sitären Web­seite ste­hen sie, auf meinen pri­vat­en Web­seit­en nicht, im Sprachlog ste­hen sie in der Rubrik „Zur Per­son“, damit Leser/innen (wenn es sie genü­gend inter­essiert, um danach zu suchen) erfahren kön­nen, woher ich meine Fachken­nt­nisse über Sprache habe.

Lei­der macht die Main-Post diese schein­bar so ratio­nale Titelpoli­tik damit kaputt, dass sie ex-adlige Namens­be­standteile gerne und häu­fig so behan­delt, als seien es tat­säch­lich Adelstitel.

Zeigen wir das am Beispiel von Gut­ten­berg, dessen Nach­name das Wort „Frei­herr“ enthält. So ver­wen­det man dessen Namen korrekt:

Karl-Theodor Frei­herr zu Gut­ten­berg hat viel abgeschrieben und über­nom­men. Zu viel, ohne Herkun­ft­sangabe und in vorsät­zlich­er Absicht. [Link]

„Nach einge­hen­der Würdi­gung der gegen seine Dis­ser­ta­tion­ss­chrift erhobe­nen Vor­würfe stellt die Kom­mis­sion fest, dass Herr Frei­herr zu Gut­ten­berg die Stan­dards guter wis­senschaftlich­er Prax­is evi­dent grob ver­let­zt und hier­bei vorsät­zlich getäuscht hat“, erk­lärte die Uni­ver­sität Bayreuth am Fre­itag. [Link]

Die erste Ver­wen­dung find­et sich auch dur­chaus in der Main-Post, die zweite nur in dem Zitat der Uni­ver­sität Bayreuth.

Gerne ver­wen­den die Zeitung und die dort Zitierten das Wort Frei­herr aber auch direkt als Anrede:

„Er ste­ht nur für eines, näm­lich die CSU, und dieses Qual­itätsmerk­mal war sog­ar bei Frei­herr zu Gut­ten­berg zu wenig“, sagte Rinder­spach­er. [Link]

Und noch lieber als alle­in­ste­hen­den Adelstitel:

Karl-Theodor zu Gut­ten­berg (CSU): Der Frei­herr aus Franken ist der Shoot­ingstar in der deutschen Poli­tik… [Link]

Zahlre­iche Sozialdemokrat­en gin­gen da schon weit­er; sie ver­langten den Rück­tritt des Frei­her­rn: … [Link]

Und manch­mal rutscht es den Redak­teuren, die doch bei Dok­tor­titeln so prinzip­i­en­treu sind, sog­ar vor den Vornamen:

Seit der Keil­er, dessen Namenspa­tron Frei­herr Karl-Theodor zu Gut­ten­berg und Pate die CSU-Stad­trats­frak­tion ist, im Wild­park Schwe­in­furt lebt, gab es in einem Früh­jahr noch nie mehr als die Reko­rdzahl von 40 Frischlin­gen. … [Link]

So bleibt eben doch der Ein­druck, dass man tat­säch­liche, erar­beit­ete Wür­den bei der Main-Post weniger schätzt als imag­inäre, ererbte Wür­den. Und die Main-Post ist hier nicht untyp­isch — man find­et eine ähn­lich verkehrte Titel-Welt bei vie­len Zeitungen.

Was kön­nen wir dage­gen tun? Ich stelle zwei Vorschläge zur Diskus­sion (die sich nicht ausschließen).

Erstens: Wir ehrlichen Träger akademis­ch­er Titel soll­ten mit diesen nicht länger so beschei­den umge­hen. Eine Dis­ser­ta­tion — ganz gle­ich, ob in Philoso­phie oder Phar­mazie, Queer Stud­ies oder Quan­ten­physik — ist ein hartes Stück Arbeit. Warum ver­steck­en wir diese Leis­tung? Und das gilt nicht nur für Dok­tor­grade: ein Hochschul­studi­um — egal, ob mit BA, MA, Staat­sex­a­m­en oder Diplom abgeschlossen — ist ein hartes Stück Arbeit. Tra­gen wir auch diese Grade mit Stolz. Und auch andere Qual­i­fika­tio­nen — Indus­triekauf­mann, Klemp­n­er­meis­terin, staatlich geprüfter Grafik­er — sind ein hartes Stück arbeit. Tra­gen wir auch diese Berufs­beze­ich­nun­gen offen und offensiv.

Zweit­ens: Brin­gen wir die Abschaf­fung des deutschen Adels von 1920 kon­se­quent zu Ende. Stre­ichen wir die Namens­be­standteile, die sich aus ehe­ma­li­gen Adel­stiteln ableit­en endgültig. Machen wir ein für alle Mal Schluss mit der Vorstel­lung, dass „Abstam­mung“ eine gesellschaftlich rel­e­vante Kat­e­gorie sei.

Wer einen Titel tra­gen will, soll ihn sich ehrlich ver­di­enen. Und wer sich einen Titel ehrlich ver­di­ent hat, soll ihn auch tragen.

 

[Dieser Beitrag erschien ursprünglich im alten Sprachlog auf den SciLogs. Die hier erschienene Ver­sion enthält möglicher­weise Kor­rek­turen und Aktu­al­isierun­gen. Auch die Kom­mentare wur­den möglicher­weise nicht voll­ständig übernommen.]

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Über Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch ist Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der Freien Universität Berlin. Er beschäftigt sich derzeit mit diskriminierender Sprache, Sprachpolitik und dem politischen Gebrauch und Missbrauch von Sprache. Sein aktuelles Buch „Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ ist 2018 im Dudenverlag erschienen.

21 Gedanken zu „Titelkämpfe

  1. Maik

    In Öster­re­ich bleibt Frau Eri­ka eine Frei­herr zu Muster­burg. Das ist insofern kon­se­quent, da eine Eva Her­mann auch nicht zur Eva Her­frau oder genauer Eva Damen­frau wird (ja, dafür fehlt das zweite r).
    Im Rus­sis­chen wird dage­gen wirk­lich (alles) durchdek­lin­iert, Sachen enden auf o, Weiber auf a und Ker­le auf nix, es sei denn, sie tap­pen in eine(n) Fall(e), dann wird aus einem Maik im Sin­gu­lar Gen­i­tiv auch mal schnell ein(e) Maika.
    Zu Deinem ersten Lösungsvorschlag ver­weise ich auch gerne auf unsere südlichen Nach­barn, in Öster­re­ich wird dies großflächig prak­tiziert — obwohl hier der ange­heiratete Part dann doch den Titel häu­fig mitübernimmt.

  2. icks

    Die arme Frau von Sinnen!
    Allerd­ings würde dann ein “Ver­bot” dieser Prax­is gle­ichzeit­ig ein Ver­bot der Kün­stler­na­men nach sich ziehen. Wer kann schon prüfen ob ein­er den Adel­sti­tel nicht als Kün­stler­name beibehält?

  3. RD

    Ana­tol Graf zu Ottensen…
    …klingt aber wik­lich gut!
    “So bleibt eben doch der Ein­druck, dass man tat­säch­liche, erar­beit­ete Wür­den bei der Main-Post weniger schätzt als imag­inäre, ererbte Würden. ”
    Ein plau­si­bler Grund dafür wurde ja erwähnt:
    ‘Vor allem aber mah­nte man fast visionär einen sorgfältigeren Umgang der Uni­ver­sitäten mit „Schmal­spur-Arbeit­en ohne Erken­nt­niswert und Anspruch an.“’
    Man kann auch ganz ohne Pla­giat ein dünnes Brett bohren. Erken­nt­niswert schnuppe, aber Titel im Pass. Zulas­ten der­er, welche von wis­senschaftlich­er Neugi­er getrieben, neue Erken­nt­nisse hart erar­beit­en. Das ist ja oft schw­er zu unterscheiden.
    Dage­gen hat doch ein ’nam­i­fiziert­er’ ehe­mals zu recht getra­ge­nen Adel­sti­tels einen gewis­sen his­torischen Informationsgehalt.

  4. Menschenfreund

    Er ste­ht nur für eines, näm­lich die CSU, und dieses Qual­itätsmerk­mal war sog­ar bei Frei­herr zu Gut­ten­berg zu wenig“
    Das ist ein schlecht­es Beispiel, immer­hin wer­den Nach­na­men häu­fig ohne Anrede verwendet.
    “Diese Erken­nt­nis ist aus­nahm­sweise auch zu Merkel durchge­drun­gen.” etc.

  5. Boris

    Erstens ist gut: Warum eigentlich nicht den akademis­chen Grad wenig­stens in bes­timmten Sit­u­a­tio­nen des Auftretens nutzen?
    Das werde ich mir jet­zt wirk­lich ein­mal über­legen — auch, wenn ich gar nicht in meinem MA-Berufs­feld arbeite.

  6. NörglerIn

    Geht es um Recht oder um Sprache?
    Bei den let­zten bei­den Beiträ­gen kön­nte man meinen, sich in einem Rechts­blog zu befinden.
    Was inter­essiert mich in meinem sprach­lichen Äußerun­gen, was inter­essiert die Sprachge­mein­schaft, welche Titel, Amts- und Berufs­beze­ich­nun­gen durch § 132a StGB geschützt sind oder nicht; was das Namen­srecht zu ehem. Adel­stiteln sagt; was die Bes­tim­mungen zu Per­son­alausweisen und Pässen sagen?
    Wer diesen Blog ver­fol­gt, weiß doch, daß die Sprachge­mein­schaft die ober­ste Instanz für die Sprache ist.
    Ich rede meinen Arzt als “Herr Dok­tor”, meinen Zah­narzt aber nicht als “Herr Zah­narzt” an, obwohl bei­de Beze­ich­nun­gen strafrechtlich geschützt sind.
    Wenn ich jeman­den vorstelle sage ich “Herr Schulze”, “Frau Meier”, “Dr. Müller”, “Botschafter Kun­ze”, “Bischof Huber”, “Prinz von Han­nover” usw. Wenn ich diese Per­so­n­en anrede, sage ich “Frau Meier”, “Herr Botschafter” oder “Exzel­lenz”, “Herr Bischof” oder “Emi­nenz”, “Prinz” oder “Prinz Ernst August” usw. Wer will, kann auch “Hoheit” oder “königliche Hoheit” sagen, na und?
    Als Anrede haben Titel, Amts- und Berufs­beze­ich­nun­gen natür­lich den großen Vorteil, daß man sich nicht unbe­d­ingt den Namen merken muß. Wenn mir ein­fach nicht der Name ein­fällt, sage ich not­falls auch “Herr Zah­narzt”, “Herr Recht­san­walt” oder “Herr Diplomin­ge­nieur”. Ich würde allerd­ings kaum “Herr öffentlich bestell­ter Sachver­ständi­ger” sagen, obwohl auch diese Beze­ich­nung durch das StGB geschützt ist.
    Hierzu eine all­ge­meine Aus­sage zum Gebrauch der “Sprachge­mein­schaft” zu machen, dürfte wohl etwas schwierig sein, würde zu einem “Sprach­blog” aber bess­er passen als rechtliche Erwägungen.
    Bevor man apodik­tis­che Aus­sagen wie “Adel­sti­tel existieren nicht” macht, sollte man sich in der Sprachge­mein­schaft umhören. Natür­lich “existieren” Adel­sti­tel, jeden­falls bei eini­gen Ange­höri­gen der Sprachgemeinschaft.
    Am Sprachge­brauch bes­timmter Zeitun­gen zu krit­teln, ist eben auch nichts anderes als Sprachnörgelei.

  7. Anatol Stefanowitsch

    @Nörgler
    Wie so oft weiß ich nicht, worauf Sie hin­aus wollen. Hier ging es darum, Recht­slage und Sprachge­brauch gegenüberzustellen, weshalb ich das im Beitrag auch expliz­it sage. Dass es im Sprachge­brauch Adel­sti­tel gibt, war eine der zen­tralen Aus­sagen dieses Beitrags. Meine abschließen­den Fra­gen zie­len darauf ab, wie man den eige­nen Sprachge­brauch oder das Namen­srecht verän­dern kann, um bes­timmte Prozesse in Gang zu setzen.
    Zur Frage Rechts­blog vs. Sprach­blog — Sie sind doch lange genug dabei, um zu Wis­sen, dass ich mir meine The­men ungern vorschreiben lasse.

  8. Dierk

    @Nörgler
    Was.Für.Ein.Unsinn.
    Selb­stver­ständlich kön­nte man sich — wenn man son­st auch kein Leben hat — darüber stre­it­en, ob Adelstitel abgeschafft sind oder die damit zusam­men­hän­gen­den Priv­i­legien, Rechte und Pflicht­en. Man kön­nte aber auch Textver­ständ­nis auf­brin­gen und Kon­texte analysieren — wie es, neben­bei bemerkt, jen­er sprich­wörtliche ‘Mann auf der Straße’ [und mit Sicher­heit seine Frau!] täglich immer wieder tut.
    Mag sein, dass Oma Hed­wig, Fräulein Susi und Nör­gler einen Gut­ten­berg immer noch als Frei­her­rn oder Baron sehen. Und es mag sein, dass Sie dies mit irgen­dein­er Gott gegebe­nen Son­der­heit begrün­den wollen. Das ändert aber über­haupt nichts daran, dass es in Deutsch­land schon fast 100 Jahre keinen Adel mehr gibt und damit auch nicht deren hier­ar­chis­che Beze­ich­nun­gen als eben diese Beze­ich­nun­gen.
    Sie wer­den lachen, aufgeregt sicher­lich, aber es gibt tat­säch­lich falsche sprach­liche Ver­wen­dung. Was m.W. auch keine einzige lin­guis­tis­che Schule ern­sthaft bestre­it­et. Und es macht einen Unter­schied, ob es um mor­phol­o­gis­che, pho­nol­o­gis­che, syn­tak­tis­che, seman­tis­che Ver­schiebun­gen geht oder rechtliche Ein­schätzun­gen und deren Kon­se­quen­zen. Die unter­schiedliche Fes­tigkeit von Begrif­f­en ist ein inter­es­santes Stu­di­en­feld: Warum hal­ten sich bes­timmte Bedeu­tun­gen sehr gut, wieso ver­schieben sich andere sehr schnell und immer wieder? Über Stilis­tik gar nicht zu reden.
    Soll­ten Gerichte, ihr Argu­ment kon­se­quent weit­er gedacht, Betrug nach gesun­dem Sprachge­fühl oder nach geset­zlich­er Def­i­n­i­tion beurteilen?

  9. Joe Dramiga

    Beruf oder Berufung?
    Der erste Vorschlag gefällt mir nicht so gut, weil ich befürchte, dass die Leute ihren sozialen Sta­tus dann noch mehr an ihren Berufen fest­machen wer­den. Mir war es schon als Kind ein Graus, wenn andere sich „auf­plus­terten“ mit MEIN VATER ist …….. oder Müt­ter sagen hörte MEIN MANN ist……und arbeit­et bei (Name der renom­mierten Fir­ma). Sel­ten hörte ich jemand sagen, MEINE Mut­ter ist….alleinerziehend, beruf­stätig und hat vier Kinder groß gezo­gen. Auch eine bewun­dern­swerte Leis­tung, wenn auch nicht rein beru­flich­er Art. Bei gle­ichen schulis­chen Leis­tun­gen kommt das Kind mit Akademik­er-Eltern z. B. Ärzte oder Lehrer viel eher aufs Gym­na­si­um, als das ohne. Die Folge ist, dass ger­ade in Deutsch­land der Anteil an Stu­den­ten die aus soge­nan­nten „bil­dungs­fer­nen“ Schicht­en stam­men sehr ger­ing ist im Ver­gle­ich zum europäis­chen Aus­land. Das gle­iche Spiel sieht man dann bei der Stipen­di­en­ver­gabe der großen Studienstiftungen.
    Ich kann mich noch erin­nern, wie mir eine Franzö­sis­chlehrerin, die einen Schüler­aus­tausch mit Frankre­ich organ­isierte, erzählte das sie darauf achte, dass die Väter der deutschen Schüler und der franzö­sis­chen Gast­fam­i­lien einen ähn­lichen Beruf/beruflichen Sta­tus haben. Die Tochter des deutschen Maler­meis­ters kon­nte also nicht in die Fam­i­lie des Uni-Pro­fes­sors. So hat sie das auf jeden Fall mit den deutschen Schülern gehand­habt, die nach Frankre­ich gin­gen. Sie sagte mir, sie mache das wegen der franzö­sis­chen Gast­fam­i­lien, die darauf viel Wert leg­en wür­den. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Auf jeden Fall schreck­en mich diese Dinge ab.

  10. Anatol Stefanowitsch

    @Joe Drami­ga
    Ach, wenn Kinder sich doch bloß mit den akademis­chen Wei­hen ihrer Eltern auf­plus­tern wür­den! Das wäre doch mal eine schöne Abwech­slung vom Auf­plus­tern mit dem Geld ihrer Eltern.
    Aber ern­sthaft: Die soziale Schieflage im Bil­dungssys­tem hat doch nichts damit zu tun, ob wir unsere Qual­i­fika­tio­nen nen­nen, oder nicht. Bish­er sind wir damit in Deutsch­land eher zurück­hal­tend, und trotz­dem kor­re­liert Bil­dung mit Einkommen.
    Wenn jemand ern­sthaft glaubte, ein akademis­ch­er oder son­stiger Abschluss mache ihn zu einem besseren Men­schen (statt eben nur zu einem auf eine bes­timmte Art qual­i­fizierten), dann müsste man ihn dafür öffentlich auslachen.
    Aber dass uns unsere (Aus-)Bildung in Deutsch­land ganz all­ge­mein eher pein­lich zu sein scheint, als das wir stolz darauf wären, ist doch eine Diskus­sion wert.

  11. Mueller

    Das fränkische Lokalblatt passt sich mit sein­er Hand­habung akademis­ch­er Grade lediglich an die entsprechen­den Richtlin­ien der deutschsprachi­gen Nachricht­e­na­gen­turen an und gren­zt sich damit wohltuend von jenen Pos­tillen ab, die jeden Prov­inzpoli­tik­er mit einem zumeist vor Jahrzehn­ten in einem für ihre poli­tis­che Arbeit nicht rel­e­van­ten The­ma pro­moviert haben, per­ma­nent mit Dr. benam­sen und lei­der oben­drein auch deren Poli­tik als unfehlbar hin­stellen — ist doch ein “Herr Dok­tor”. Grausig. Namen beste­hen aus Vor- und Nach­na­men, sieht man von his­torischen und exo­tis­chen Prax­en wie Patrony­men ab.

  12. Jens der andere

    Rückschritt?
    Berufs­beze­ich­nun­gen öffentlich führen? Muß das sein? Auch wenn man sie reduziert als durch Prü­fun­gen erwor­bene, so bleibt mir nur, mit Tuchol­sky zu sagen: “Man kann die Lat­er­nen auch aus der Zen­trale einschalten.”

  13. NörglerIn

    @A.S.
    Sehr geehrter Herr Professor,
    Gott hehüte! Nichts läge mir fern­er, als Ihnen vorschreiben zu wollen, welche The­men Sie in Ihrem eige­nen Sprach­blog ansprechen.
    Ich war nur etwas ent­täuscht: Sie hat­ten ja auf die Frage von Joachim angekündigt, die Frage des Sprachge­brauchs bei akademis­chen Graden und ehem. Adel­stiteln näher behan­deln zu wollen. Das haben Sie zwar andeu­tungsweise getan, nach meinem Empfind­en aber doch sehr kursorisch.
    Außer­dem behan­deln Sie den Sprachge­brauch bei “Adel­stiteln” mit deut­lich kri­tis­chem Unter­ton (“Und manch­mal rutscht es den Redak­teuren, …”), und Sie machen Vorschläge, die let­ztlich darauf abzie­len, diesen Sprachge­brauch zu ändern.
    Auch das ist natür­lich Ihr gutes Recht. Allerd­ings empfinde ich in diesem “präskrip­tiv­en” Ansatz einen gewis­sen Wider­spruch zu Ihren son­sti­gen, betont “deskrip­tiv­en” Argu­menten, soweit sie auf die “Sprach­nör­gler” abzie­len. In diesem Zusam­men­hang berufen Sie sich gerne auf die “Sprachge­mein­schaft”, die so oder so “sich entsch­ieden” habe, und stellen die Bemühun­gen der “Sprach­nör­gler”, den Sprachge­brauch zu bee­in­flussen als Beweis völ­liger Welt­fremd­heit und Verblendung dar.

  14. Robroy

    ein Hochschul­studi­um — egal, ob mit BA, MA, Staat­sex­a­m­en oder Diplom abgeschlossen — ist ein hartes Stück Arbeit. Tra­gen wir auch diese Grade mit Stolz”
    Wobei das Staat­sex­a­m­en kein akademis­ch­er Grad ist, son­dern nur der Name der Abschlussprüfung.

  15. Carsten

    @Robroy
    Richtig, wobei 2 bestandene Exa­m­en sowohl bei Juris­ten, als auch bei Lehrern die Möglichkeit der Führung der Berufs­beze­ich­nung Asses­sor ermöglichen, ohne das man den Beruf auch wirk­lich ausübt. Weiß allerd­ings auch kaum ein­er was damit gemeint ist.
    Die zweite Möglichkeit müsste im Sinne des Beitrags noch nach rechtlich­er und all­t­agssprach­lich­er Benutzung dif­feren­ziert wer­den. Bei Fritz “von” Thurn und Taxis ist es den Leuten auch egal, dass der eigentlich gar nicht so heißt.

  16. NörglerIn

    Bergasses­sor
    Der wichtig­ste “Titel” des Kohlead­els, jeden­falls im Ruhrge­bi­et, war früher der “Bergasses­sor a.D.”. Jeden­falls fehlte er in kein­er ein­schlägi­gen Todesanzeige.
    Es hat mich immer gewun­dert, warum diese Beze­ich­nung bei einem ehe­ma­li­gen Berg­w­erks­di­rek­tor oder gar Konz­ernchef über­haupt für erwäh­nenswert gehal­ten wurde.

  17. NörglerIn

    Wider­spruch?

    Beim alltäglichen Umgang mit (echt­en) akademis­chen und (ver­meintlichen) Adelstiteln …

    Im vorheri­gen Beitrag hieß es dazu:

    Zunächst haben sie eines gemein­sam: Bei­de existieren in Deutsch­land nicht.

  18. Michael Kuhlmann

    Adel­sti­tel als Namensbestandteil
    Mich wun­dert die ablehnende Grund­hal­tung gegenüber den Adel­stiteln als Namens­be­standteil in diesem Artikel. Ana­tol, ein­er­seits schreib­st Du selb­st, dass ehe­ma­lige Titel­träger 1920 die Möglichkeit hat­ten, diesen Titel als Namens­be­standteil zu übernehmen, ander­er­seits beschw­erst Du Dich, dass Zeitun­gen dann diesen Namen auch so verwenden.
    Was spricht denn dage­gen? Ein Name ist nun ein­mal etwas vererbtes, und man muss mit den Vor- und Nachteilen leben, ohne dass man dazu etwas kann. Ein Herr von Glücks­burg hat sich seinen wohlk­lin­gen­den Namen auch nicht “erar­beit­et”, während die Kinder von Frau Möse spätestens in der Pubertät unter ihrem Namen lei­den wer­den, egal wie intel­li­gent und nett sie sind. Und wenn sich ein Herr Yildirim auf eine gut­bezahlte Stelle bewirbt, ist es nicht unwahrschein­lich, dass er sie wegen seines Namens nicht bekom­men wird.
    Da sind Adel­stiten im Namen das kle­in­ste Prob­lem, wenn über­haupt eins. Es muss einem nur bewusst sein, dass sie auss­chließlich Namens­be­standteile sind, mehr nicht. Ich finde sie aber als Teil unseres kul­turellen Erbes dur­chaus bere­ich­ernd, zumal sie nicht beson­ders häu­fig sind. Und nein, ich lese nicht die Gala, und ich habe auch nicht die Hochzeit von Haste-nicht-gese­hen im Fernse­hen verfolgt.
    Zeitun­gen wie die Main-Post sind dahinge­hend nur kon­se­quent, wenn sie die Leute so benen­nen, wie sie heißen. Eben weil es “nur” ein Name ist und kein Qual­itätsmerk­mal — im Gegen­satz zu einem Dok­tor­ti­tel, mit dem man gle­ich etwas sehr ern­stes assoziiert.

  19. Anatol Stefanowitsch

    @Michael Kuhlmann
    Nein, ich beschwere mich nicht über die Ver­wen­dun­gen, bei denen der „Adel­sti­tel“ als Teil des Nach­na­mens ver­wen­det wird, also nach dem Schema [ANREDE + VORNAME + „ADELSTITEL“ + REST DES NACHNAMENS]. Ich „beschwere“ mich über die Ver­wen­dun­gen, wo so getan wird, als han­dle es sich eben nicht um einen Teil des Nach­na­mens, son­dern eben um einen Titel, wie in den zitierten Beispie­len. Gut­ten­berg heißt „Frei­herr“, er ist kein Frei­herr, also kann man ihn eben­sowenig als „der Frei­herr“ oder gar „Frei­herr Karl-Theodor zu Gut­ten­berg“ beze­ich­nen, wie man Koch-Mehrin als „die Köchin“ oder „Köchin Sil­vana Mehrin“ beze­ich­nen kann.
    Die Stre­ichung dieser Namens­be­standteile, die ich am Ende vorschlage, ist ein davon unab­hängiger Punkt. Ich halte es für disku­tierenswert, ob es nicht an der Zeit wäre, diese Namens­be­standteile als das anzuerken­nen und abzuschaf­fen, was sie sind: würde­lose Über­reste eines feu­dal­is­tis­chen, den Grund­sätzen ein­er mod­er­nen Repub­lik ent­ge­gen­ste­hen­den Sys­tems, indem ein einge­bilde­ter Stamm­baum mehr zählt als tat­säch­liche Leis­tung. Aber da die Deutschen ja sog­ar die Hochzeit aus­ländis­ch­er Rest­monar­chen tage­lang auf vier Kanälen im Fernse­hen über­tra­gen, ist mir klar, dass da wohl irgen­deine tiefe masochis­tis­che Sehn­sucht nach der guten alten Leibeigen­schaft erfüllt wird. Und da jed­er, der das möchte, einen solchen „Adel­sti­tel“ tra­gen darf (und sich dafür noch nicht ein­mal von einem adop­tierten „Prinzen“ oder „Grafen“ adop­tieren lassen muss), ist mir das let­zten Endes auch egal.

  20. Monika Hendlmeier

    Gestern an ein­er Lit­faßsäule in Regens­burg gese­hen (Ein­ladung zu einem Fest bei einem Sportverein):
    Schirmherr: S.D. Fürst Albert von Thurn und Taxis

  21. Jens

    BSc/MSc
    “ein Hochschul­studi­um — egal, ob mit BA, MA, Staat­sex­a­m­en oder Diplom abgeschlossen — ist ein hartes Stück Arbeit.”
    Ein mit Bach­e­lor of Sci­ence oder Mas­ter of Sci­ence abgeschlossenes ver­mut­lich auch.

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