Das Blog ist tot, es lebe der Blog

Mein Sprachgefühl sagt mir ohne jeden Zweifel: Es muss das Blog heißen. Natürlich höre und lese ich immer wieder auch die Maskulinform der Blog, sie klingt also vertraut, fühlt sich aber trotzdem falsch an. Auch für den Duden ist das Neutrum die dominante Form: das, auch: der Blog, erfährt man dort.

Nur liegen mein Sprachgefühl und der Duden da falsch: der Blog ist die dominante Form, nur eine Minderheit der deutschen Sprachgemeinschaft bevorzugt das Blog. Das zeigt zunächst eine (sicher nicht repräsentative) Umfrage, die ich gestern auf der Facebook-Seite des Sprachlog durchgeführt habe:

Genus von BlogDiese Umfrage wird aber auch durch das Deutsche Referenzkorpus des Instituts für deutsche Sprache bestätigt. Ich habe in den in diesem Korpus enthaltenen deutschen und Schweizer Tageszeitungen nach allen Vorkommen von das Blog (eindeutig Neutrum) und der Blog bzw. den Blog (eindeutig Maskulinum) gesucht (die österreichischen Tageszeitungen enthielten insgesamt nur drei Treffer, ich habe sie deshalb nicht weiter berücksichtigt).

Das Ergebnis zeigt, dass in der Schweiz das Maskulinum der Normalfall ist: es gab nur einen einzigen Treffer für das Blog. Das ist im Prinzip bekannt, es dürfte vor allem die Leser/innen aus der Schweiz nicht überraschen. Aber auch in Deutschland ist das Maskulinum mit fast siebzig Prozent der Vorkommen klar die dominante Form:

Genus von BlogWarum sagt mein Sprachgefühl mir etwas so völlig anderes? Nun, zunächst ist klar, dass Blog eine Abkürzung von Weblog ist, und darin ist das Wort log enthalten. Die deutsche Entsprechung Log(buch) ist ein Neutrum, und als das Wort (We)blog vor noch nicht allzulanger Zeit ins Deutsche entlehnt wurde, war es deshalb auch ein Neutrum. Eine nach Jahren aufgegliederte Suche in den deutschen Tageszeitungen im Deutschen Referenzkorpus zeigt, dass das Verhältnis Neutrum/Maskulinum sich über die Jahre tatsächlich vom Neutrum zum Maskulinum verschoben hat (die Rauten sind die tatsächlichen Werte, die ansteigende Linie ist die Regressionsgerade für diese Werte:

Genus von BlogMein Sprachgefühl hängt also schlicht in der ersten Hälfte der 2000er fest, in der ich zum ersten Mal mit Blogs in Berührung gekommen bin.

Aber woher kommt dieser Trend zum Maskulinum? Nun, die semantisch motivierte Genuswahl, bei der einem Lehnwort das Genus der deutschen Entsprechung (oder des am nächsten verwandten deutschen Wortes) verpasst wird, ist nur eine von zwei Strategien. Die andere ist phonologisch: Das Lehnwort erhält das Genus eines lautlich verwandten Wortes. (Tatsächlich ist die Genuswahl noch etwas komplexer, aber das ist ein Thema für einen eigenen Beitrag.) Das Wort Blog ist nun lautlich identisch mit dem Wort Block, beide werden [blɔk] ausgesprochen. Und Block ist ein Maskulinum. Je stärker die ursprüngliche semantische Verwandschaft zwischen Blog und Logbuch also in Vergessenheit gerät, desto mehr setzt sich die phonologisch motivierte Genuszuweisung durch. Dass diese Erklärung stimmt, zeigt sich auch daran, dass die Vollform Weblog noch dominant als Neutrum verwendet wird:

Genus von BlogInteressant ist nun die Frage, ob sich beim Genus von Blog ein Effekt „gebildeter Sprache“ nachweisen lässt, so wie es beim Virus der Fall ist. Die Antwort lautet: eher nicht. Es gibt zwar sowohl in Google-Gruppen, die sich mit Computern befassen, als auch in WordPress-Foren eine etwas stärkere Tendenz zum Neutrum als in den Tageszeitungen, aber angesichts der relativ ungenauen Häufigkeiten, die Google für Suchergebnisse liefert, kann man diese kaum als signifikant betrachten:

Genus von BlogDie digital gebildeteren Experten in diesen Gruppen und Foren bevorzugen also, ebenso wie der Rest der Sprachgemeinschaft, die Form der Blog.

Mir, und allen anderen, für die es das Blog heißen muss, sage ich deshalb: Der Kampf ist vorbei. Das Maskulinum hat gewonnen. Auf dem Neutrum zu beharren, wird bald ebensoviel Charme haben, wie die Behauptung, dass Busen „eigentlich“ das „Tal zwischen den Brüsten“ bezeichnet.

Sprachgefühl hin oder her, man muss wissen, wann es Zeit ist, aufzugeben.

[P.S. An die Scilogs-Technik: Ich möchte trotzdem, dass es oben rechts auf der Seite weiterhin „Über das Blog“ heißt, und nicht „Über diesen Blog“, wie es einige der offensichtlich besser auf den Sprachgeist eingestellten Mitblogger/innen hier halten. Schließlich heißt mein Blog Sprachlog ohne b, und das ist auf jeden Fall ein Neutrum.]

[Dieser Beitrag erschien ursprünglich im alten Sprachlog auf den SciLogs. Die hier erschienene Version enthält möglicherweise Korrekturen und Aktualisierungen. Auch die Kommentare wurden möglicherweise nicht vollständig übernommen.]

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