Langlebige Studierende

In einem kurzen Anflug von Verwaltungsfrust habe ich gestern nostalgisch folgenden Satz getweeted: „Wisst ihr noch, früher, als die Univerwaltung für die Lehrenden und Studierenden gearbeitet hat?“. Kein bedeutsamer Satz, denn einen kurzen Anflug von Verwaltungsfrust hat jede/r Universitätsmitarbeiter/in (inklusive derer in der Verwaltung) etwa drei Mal pro Minute. Neben viel Zustimmung kam kurz darauf aber auch die Antwort „Früher hießen die auch noch Professoren und Studenten und nicht Lehrende und Studierende.“

Denn nichts löst so zuverlässig Kopfschütteln aus, wie mein Versuch, möglichst durchgängig eine wenigstens oberflächlich geschlechtsneutrale (oder zumindest geschlechergerechte) Sprache zu verwenden. Das ist ja Political Correctness, und irgendwie scheinen viele ansonsten nette und kluge Menschen der Meinung zu sein, dass ausgerechnet diese Art der Korrektheit abzulehnen sei. Weil es doch nur Sprache ist, und man über die Sprache nicht die Welt ändern kann. Und weil die Welt auch gar nicht geändert werden muss, weil sie doch längst gercht ist. Oder eben, weil geschlechtsneutrale und/oder geschlechtergerechte Sprache irgendwie nicht so ist wie früher, wo alles besser war.

Und besonders das Wort Studierende ruft regelmäßig Verfechter traditioneller Sprechweisen auf den Plan, in denen Studenten eben die Studentinnen mitmeint, wenn die denn nun schon studieren müssen. Studierende seien etwas ganz anderes als Studenten, hört man dann oft — es seien quasi Studenten, die gerade am Studieren sind.

Alles neumodischer Genderquatsch, also, was ich da getwittert habe?

Natürlich nicht. Die Wörter Studierender und Lehrender haben eine lange Geschichte, deren Wurzeln in einer Zeit liegen, als man sich um die Bezeichnung weiblicher Lehrende oder Studierender keine Sorgen machen musste, weil es weibliche Lehrende oder Studierende schlicht nicht gab.

Das Wort Lehrende findet sich zum Beispiel (und es ist wirklich nur ein Beispiel unter hunderten) in „Die Preussischen Universitäten: Eine Sammlung der Verordnungen, welche die Verfassung und Verwaltung dieser Anstalten betreffen“, einer Sammlung von 1839. Der Grund für die Existenz dieses Wortes wird dort auch sehr schnell deutlich:

Studierende

Studierende

Lehrende waren schon damals eben nicht nur Professores verschiedenster Art, sondern auch Privatdozenten, Repetenten, Sprachmeister und Exerzizienmeister (letzere drei Gruppen dürften grob heutigen „Lektoren“ und „Lehrkräften für besondere Aufgaben“ entsprechen). Für die brauchte und braucht man einen Oberbegriff, und die Wahl fiel — vielleicht, weil Lehrer/in schon anderweitig vergeben war — auf das auch heute noch gebräuchliche Lehrende.

Studierende

Studierende

Auch die Studierenden (alternativ auch Studirende geschrieben) gibt es schon sehr, sehr lange. Das Wort ist seit dem 18. Jahrhundert absolut gebräuchlich, auch bei der Political Correctness absolut unverdächtigen Organisationen wie dem Königreich Bayern (siehe Grafik rechts). Tatsächlich ergibt eine oberflächliche Korpussuche auf Google Books, dass das Wort zeitweise sogar häufiger war als die angeblich so traditionelle Alternative Studenten. Die folgende Grafik zeigt die Häufigkeitsentwicklung der Wörter Studierende/n, Studenten und Studentinnen. Sie ist mit etwas Vorsicht zu genießen; erstens, weil Google Books häufig dasselbe Werk mehrfach enthält und manche Bücher zeitlich falsch zuordnet; zweitens, weil keine Groß– und Kleinschreibung berücksichtigt ist, in den Häufigkeiten für Studierende/n also auch ein paar adjektivische Verwendungen (die studierenden Menschen) enthalten sind; drittens, weil Googles Häufigkeiten immer etwas undurchschaubar errechnet werden.

Studierende

Studierende

Es zeigt sich zunächst ein Verwendungssmaximum für Studierende um die Jahrhundertwende zum 19. Jahrhundert. Das war, wie gesagt, lange bevor Frauen überhaupt studieren durften — Political Correctnes war hier sicher nicht der Grund. Das Wort Studierende ist und war eben ganz einfach Ergebnis eines weltanschaulich völlig neutralen Wortbildungsmusters, bei dem das Partizip eines Verbs nominalisiert wird, um jemanden zu benennen, der die durch das Verb bezeichnete Tätigkeit ausübt.

Ein zweites Verwendungsmaximum findet sich vor 1900, ebenfalls bevor Frauen tatsächlich in nennenswerter Anzahl studieren durften. Das war erst ab 1900 der Fall, und hier sinkt die Häufigkeit des geschlechtneutralen Wortes interessanterweise, während die weibliche Form Studentinnen in ihrer Häufigkeit stetig zunimmt. Die Anwesenheit von Frauen an den Universitäten macht sich also eher durch die explizite Benennung durch die feminine Form bemerkbar, als durch die übermäßige Verwendung von Studierende.

Ich benutze Formen wie Lehrende und Studierende aus Gewohnheit und aus der Überzeugung, dass Studenten die Studentinnen, die in meinem Fach die große Mehrheit stellen, eben nicht mit einschließt. Aber ich werde mich deswegen in Zukunft nicht mehr rechtfertigen, sondern einfach darauf verweisen, dass ich eben ein sehr traditioneller Mensch bin, der sich dem sprachlichen Duktus des 19. Jahrhunderts verpflichtet fühlt und für den der alberne Latinismus Studenten pseudopolitischinkorrekte Wichtigmacherei signalisiert.

 

[Dieser Beitrag erschien ursprünglich im alten Sprachlog auf den SciLogs. Die hier erschienene Version enthält möglicherweise Korrekturen und Aktualisierungen. Auch die Kommentare wurden möglicherweise nicht vollständig übernommen.]

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