Anglizismus des Jahres: Vorschau und Rückblick

Button für den Anglizismus des Jahres 2011

But­ton für den Anglizis­mus des Jahres 2011

Die erste Phase der Wahl zum Anglizis­mus des Jahres 2011 war ein voller Erfolg: über sechzig Wörter sind nominiert wor­den, mehr als anderthalb Mal so viele wie im Vor­jahr.

Natür­lich waren, genau wie im Vor­jahr, viele Wörter dabei, die die Kri­te­rien nicht erfüllen, z.B. weil sie nicht mehr neu genug sind oder weil sie sich im all­ge­meinen Sprachge­brauch (noch) nicht durchge­set­zt haben. In den let­zten Tagen hat die Jury sich deshalb inten­siv mit den Nominierun­gen befasst und zunächst die klaren Fälle aus­sortiert.

Übrig geblieben sind rund 20 Wörter, die ich mor­gen hier im Sprachlog und auf der Web­seite des Wet­tbe­werbs bekan­nt geben werde. Damit begin­nt dann die zweite Phase der Wahl: Bis Ende Jan­u­ar wer­den die Jurymit­glieder diese Wörter aus­führlich in ihren Blogs behan­deln, um Zweifels­fälle zu klären, Favoriten her­auszuar­beit­en und dabei über Entlehnung im Beson­deren und Sprachen­twick­lung im All­ge­meinen zu disku­tieren.

Ende Jan­u­ar ste­ht dann (hof­fentlich) die Short­list, die sowohl öffentlich zur Abstim­mung gestellt wird (um den Anglizis­mus der Herzen 2011 zu ermit­teln) als auch intern berat­en wird (um den Anglizis­mus des Jahres 2011 zu ermit­teln). Die Bekan­nt­gabe erfol­gt dann in der ersten Feb­ru­arhälfte.

Im let­zen Jahr waren sich die Jury und die Öffentlichkeit ja einig: bei­de wählten das Wort leak­en auf den ersten Platz. Bevor mor­gen die neue Runde eröffnet wird, soll­ten wir noch ein­mal kurz zurück­blick­en und uns fra­gen, ob wir mit dieser Wahl richtig lagen — ob wir tat­säch­lich ein Wort gewählt haben, das mit­tel­fristig einen Beitrag zur deutschen Sprache leis­ten wird, oder ob es sich um ein Mod­e­wort gehan­delt hat, das wegen den Vorgän­gen rund um die Enthül­lungsplat­tform „Wik­iLeaks“ kurzfristig in den all­ge­meinen Sprachge­brauch gespült wurde und dann wieder ver­schwun­den ist.

Jurymit­glied Kristin Kopf hat sich diese Frage schon im Dezem­ber im „Sch­plock“ gestellt, kon­nte aber keine klare Antwort find­en. Trotz ihrer detail­lierten Analyse der ist ihr Faz­it: „Ich fürchte, wir müssen in einem Jahr wieder nach­schauen, wie es dem Leak­en so geht“.

Das Prob­lem ist, dass es keine zuver­läs­si­gen Kor­po­ra gibt, die den Sprachge­brauch des Jahres 2011 bere­its erfassen. So musste sie sich auf die Google-News-Suche ver­lassen, die sowohl aktuell genug ist als auch eine Ein­schränkung auf einzelne Jahre erlaubt. Und die ein­deutig einen mas­siv­en Anstieg der Häu­figkeit von leak­en zeigt: Das Wort war 2011 mehr als dop­pelt so häu­fig wie im Vor­jahr.

Wo liegt also das Prob­lem? Es scheint doch, als ob leak­en sich in der deutschen Sprache wohlfühlt. Das Prob­lem ist, dass keine Infor­ma­tio­nen darüber vor­liegen, wieviele Wörter die Suche für das jew­eilige Jahr ins­ge­samt erfasst: Es ist dur­chaus möglich, dass das Archiv für 2011 ein­fach dop­pelt so groß ist, wie das für 2010, und der Anstieg der Häu­figkeit von leak­en nur diese Tat­sache wider­spiegelt.

Um das zu über­prüfen gibt es aber einen recht ein­fachen Trick: Man nehme Wörter, bei denen zu ver­muten ist, dass sie immer etwa gle­ich häu­fig sind, und stelle deren Häu­figkeit für die ver­schiede­nen Jahre fest. So lässt sich abschätzen, ob und wie stark die Textmenge im Archiv von Jahr zu Jahr ansteigt. Anhand dieser Schätzung kann man dann fest­stellen, ob ein neues Wort wie leak­en weniger stark, genau­so stark oder stärk­er ansteigt.

Ich habe dazu die Ver­ben gehen und sehen aus­gewählt und zunächst deren Häu­figkeit ab 2008 fest­gestellt (für alle ver­balen und adjek­tivis­chen Beu­gungs­for­men). Dann habe ich die Häu­figkeit im Jahr 2008 als 100 Prozent geset­zt, und den Anstieg pro Jahr in Bezug auf diesen Aus­gangspunkt berech­net. Bei­de Wörter ver­hal­ten sich rel­a­tiv ähn­lich, was dafür spricht, dass ich hier tat­säch­lich die Größe des Google-News-Archivs messe. Wenn ich nun das­selbe mit dem Verb leak­en mache, ergibt sich ein deut­lich stärk­er­er Anstieg:

Häufigkeit von Leaken im Google-News-Archiv zwischen 2008 und 2011

Häu­figkeit von Leak­en im Google-News-Archiv zwis­chen 2008 und 2011

Das Wort leak­en hat sich also tat­säch­lich im Laufe des Jahres 2011 weit­er durchge­set­zt. Ein paar aktuelle Beispiele aus Nachricht­en und Blogkom­mentaren der let­zten Woche zeigen, dass es dabei um alle möglichen Zusam­men­hänge geht, in denen geheime Infor­ma­tio­nen anonym, gezielt und im öffentlichen Inter­esse bekan­nt gemacht wer­den:

  • Jen­seits von Ver­schwörungsphan­tasien hat es höchst­wahrschein­lich einen Grund, dass bis­lang nie­mand die Mail­box­nachricht geleakt hat. [Link]
  • Viele Infor­ma­tio­nen waren schon in der Ver­gan­gen­heit auf diversen Inter­net-Seit­en „geleakt“ wor­den und sind hier nun gebün­delt zu lesen. [Link]
  • Nur Stun­den, nach­dem das Presse­bild geleakt ist, hat Sam­sung das Galaxy Ace Plus bestätigt. [Link]
  • Das ist das beun­ruhi­gende Ergeb­nis eines Zwis­chen­berichts der EU-Kom­mis­sion, der nun von der Bürg­er­recht­sor­gan­i­sa­tion Quin­tes­senz geleakt wurde. [Link]

In den Duden hat es das Wort bis­lang lei­der noch nicht geschafft, und im Wik­tionary gab es zwar wohl einen Ein­trag, der aber einem Schnel­löschantrag zum Opfer gefall­en ist.

 

[Dieser Beitrag erschien ursprünglich im alten Sprachlog auf den SciLogs. Die hier erschienene Ver­sion enthält möglicher­weise Kor­rek­turen und Aktu­al­isierun­gen. Auch die Kom­mentare wur­den möglicher­weise nicht voll­ständig über­nom­men.]

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Anatol Stefanowitsch

Über Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch ist Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der Freien Universität Berlin. Er beschäftigt sich derzeit mit diskriminierender Sprache, Sprachpolitik und dem politischen Gebrauch und Missbrauch von Sprache. Sein aktuelles Buch „Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ ist 2018 im Dudenverlag erschienen.

9 Gedanken zu „Anglizismus des Jahres: Vorschau und Rückblick

  1. Axel Herold

    Google­ol­o­gy
    die Abschätzung anhand von Google-Dat­en set­zt aber min­destens das Ver­trauen darin voraus, dass die Dat­en für die betra­chteten Peri­o­den gle­ich auf­bere­it­et werden/wurden (dass man also die gle­ichen For­men find­et, wenn man nach “gehen” sucht) und dass die zurück­gegebe­nen Zählw­erte stim­men. Lei­der kann man bei­des nicht über­prüfen. Und wenig­stens für den zweit­en Punkt kann und sollte man sehr skep­tisch sein. Die Zahlen sind wahrschein­lich eher Schätzw­erte als absolute Häu­figkeit­en.
    Die grobe Ten­denz wird vielle­icht trotz­dem stim­men und deckt sich auch mit mein­er sub­jek­tiv­en Ein­schätzung, aber eine ver­lässliche Analyse ist das nicht.
    Kristins vor­sichtigeres Faz­it finde ich daher überzeu­gen­der.

  2. Wentus

    Anglizis­men ander­er Sprachen
    Wie häu­fig wird “leak­en” in anderen Sprachen genutzt?
    Ich habe das franzö­sis­che Par­tizip “leaké” 130000-mal gefun­den, das spanis­che “leakea­do” aber nur 10000-mal, das ital­ienis­che “leaka­to” immer­hin 20000-mal. (Je gemein­sam mit der fem­i­ni­nen Form).

  3. Anatol Stefanowitsch

    Wort­for­men
    @Axel Herold: Ich habe mich nicht auf Googles Sprachtech­nolo­gie ver­lassen, son­dern alle Wort­for­men einzeln und in Anführungsze­ichen eingegeben. An dieser Stelle gibt es deshalb keine Prob­leme. Schwieriger ist die Frage, inwiefern mehrfache Tre­f­fer für diesel­ben Texte (Pressemel­dun­gen etc.) das Bild verz­er­ren, und natür­lich sind die Häu­figkeit­en selb­st Ergeb­nis eines pro­pri­etären und geheimen Algo­rith­mus von Google, über dessen Funk­tion­sweise wenig bekan­nt ist.

  4. Axel Herold

    Google-Recherche
    @A.S.
    [Suchan­fra­gen in Anführungsze­ichen]
    Ah, ver­ste­he.
    Ein weit­er­er Punkt aus dem Prob­lemkreis »was zählen die da eigentlich?« ist mein­er Mei­n­ung nach, dass nicht klar, ist, wofür die Vorkom­menss­chätzun­gen genau ste­hen — Anzahl der Doku­mente, Teile von Doku­menten oder Sätze auf die die Query passt oder ganz andere Ein­heit­en?

  5. sven

    Der method­is­che Schwach­punkt ist doch ein ander­er als der Anteil am Kor­pus: Wie wird “leak­en” für einen Sachver­halt benutzt, den man vorher anders umschrieben hat? Statt den Kor­pus mit “laufen” oder “sehen” zu normieren, sollte man vielmehr “enthüll­ten” und “aufdeck­en” nehmen.
    .
    Ich ver­mute, daß das Wort­feld “leak­en” in den let­zten bei­den Jahren deut­lich öfter in dem Nachricht­enko­r­pus auf­tauchte als zuvor und so stark verz­er­rt.

  6. D. Müller

    Dem schließt sich die Frage an, wie sich “leak­en” im Ver­hält­nis zu den ver­wandten herkömm­lichen Aus­drück­en ver­hält, d.h., ob es dauer­haft ein eigen­ständi­ges Bedeu­tungsspek­trum erhält — neben den genan­nten wäre das z.B. ver­rat­en, informieren, aus­plaud­ern, pub­lik machen etc.

  7. Wentus

    Schwarzkopieren
    Leute, wenn ihr wis­sen wollt, was ein Wort ger­ade bedeutet, müsst ihr dem Volk aufs Maul schauen, bzw. den Hack­ern auf die Tas­tatur:
    “leak­en” hat inzwis­chen die poli­tis­che Ebene ver­lassen und hat vor­wiegend die Bedeu­tung “schwarz kopieren”. Das gilt genau­so für die oben von mir erwäh­n­ten franzö­sis­chen, spanis­chen und ital­ienis­chen Nutzun­gen.

  8. Jan

    Wik­tionary-Ein­trag
    Nur ein kurz­er Hin­weis zu Wik­tionary-Ein­trag: Der Ein­trag war fast inhalt­sleer und ohne jegliche Belege.
    Mit den hier gegebe­nen Bele­gen würde er mit Sicher­heit beste­hen bleiben. Vielle­icht, wenn ich mal wieder Zeit übrig habe. 🙂

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