Sprachbrocken 49/2012

Die Nachricht der Woche war zweifel­los, dass sich zur Liste der twit­tern­den Staat­sober­häupter auch der Monarch des kle­in­sten Staates des Welt hinzuge­sellt: Josef Ratzinger, bess­er bekan­nt unter seinem Kün­stler­na­men Benedikt XVI — oder eben @pontifex, wie der twit­ternde Teil der Bevölkerung ihn ver­mut­lich bald auch im Real Life nen­nen wird. Der hat zwar seit Eröff­nung seines Twit­terkon­tos noch keinen einzi­gen Tweet geschrieben, das aber dafür in gle­ich sieben Sprachen: Englisch, Deutsch, Spanisch, Por­tugiesisch, Pol­nisch, Ital­ienisch, Franzö­sisch und Ara­bisch.

In diesem beein­druck­enden Reigen der (stillen) Mehrsprachigkeit fehlt merk­würdi­ger­weise, wie die WIENER ZEITUNG fest­stellt, die offizielle Amtssprache von Vatikanstadt, Latein — vielle­icht, so ver­mutet die Kolum­nistin Christi­na Böck, weil ein ehrwürdi­ger Segen wie Urbi et Orbi sich nicht mit den „diversen LOLs“ verträgt, die sie offen­bar für einen verpflich­t­en­den Bestandteil eines Tweets hält.

Während der Papst noch über seinen ersten Tweet nach­denkt, been­det „Sprach­papst“ Wolf Schnei­der endlich seine Kar­riere als ober­ster Sprach­nör­gler der deutschsprachi­gen Jour­naille. Wie der KURIER berichtet, gab Schnei­der im Alter von 87 Jahren seine Abschiedsvorstel­lung am Kura­to­ri­um für Jour­nal­is­te­naus­bil­dung. Wir dür­fen uns auf die Anglizis­men­flut freuen, die nun, da Sprach­hüter Schnei­der die Gren­zen des Deutschen nicht mehr bewacht, zweifel­los über uns here­in­brechen wird.

Mehrsprachig — sog­ar im dop­pel­ten Sinne — ist übri­gens auch das Schweiz­er Wort des Jahres, das (wie sein öster­re­ichis­ches Pen­dant) gestern bekan­nt gegeben wurde: es lautet Shit­storm. Das ist erstens natür­lich Englisch, aber zweit­ens ist es der deutsche Anglizis­mus des Jahres vom ver­gan­genen Jahr! Die Neue Zürcher Zeitung wirft der Schweiz­er Jury deshalb man­gel­nde Orig­i­nal­ität vor, aber wir im Sprachlog freuen uns natür­lich, dass wir hier Trend­set­ter für die Schweiz sein kon­nten.

Vor allem aber freuen wir uns auf den Wet­tbe­werb zum diesjähri­gen Anglizis­mus des Jahres, den wir heute Nach­mit­tag offiziell eröff­nen!

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Anatol Stefanowitsch

Über Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch ist Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der Freien Universität Berlin. Er beschäftigt sich derzeit mit diskriminierender Sprache, Sprachpolitik und dem politischen Gebrauch und Missbrauch von Sprache. Sein aktuelles Buch „Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ ist 2018 im Dudenverlag erschienen.

4 Gedanken zu „Sprachbrocken 49/2012

  1. Muriel

    Ich bin verblüfft, dass @pontifex noch frei war. Oder hat der Vatikan das gekauft?
    Und was für eine son­der­bare Idee, Latein ver­trage sich nicht mit Abkürzun­gen. Die wur­den schon damals gerne und aus­giebig genutzt, wenn die Erin­nerun­gen an meine Schulzeit mich nicht trü­gen.

  2. Evanesca Feuerblut

    Ich hätte es cool gefun­den, wenn er auf Latein getwit­tert hätte — auch wenn ich keine Christin bin. Ein­fach mal zeit­gemäßes Latein zu lesen, hätte was gehabt.

  3. klappnase

    Ein­fach mal zeit­gemäßes Latein zu lesen, hätte was gehabt.”

    Also, ich weiss nicht, ob bei diesem Kam­er­aden “zeit­gemäss” wirk­lich das richtige Wort ist, viele­icht wäre ja “zeit­genös­sisch” aus­re­ichend 😉

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