Sprachbrocken 51/2012

Alle Jahre wieder wendet sich Hans Zehetmair, Vorsitzender des Rats für deutsche Rechtschreibung, an die Presse um den Verfall der deutschen Sprache zu beklagen. Dieses Jahr beschwert er sich über „Recycling-Sprache“, den SMS-bedingten Mangel an „Gefühl und Herzlichkeit“ und über englische Wörter, „die man ebenso auch auf Deutsch formulieren könnte“. Und natürlich benennt er schonungslos die Verantwortlichen für den Sprachverfall: die Jugend von heute und ihre iPads, auf denen sie die Sprache Schillers und Goethes regelrecht kaputt twittern.

Ganz anders klang das im letzten Jahr. Da klagte er über die „Fetzenliteratur“ in SMS und auf Twitter, wo es „keine ganzen Sätze mehr“ gebe und über eine Gesellschaft, deren Verwendung englischer Lehnwörter „symptomatisch für eine Gesellschaft [sei], die nicht mehr hinter die Dinge blick[e] und die Hintergründe nicht mehr beleuchte[]“. Und natürlich identifizierte er auch damals schonungslos die Schuldigen: die (weitgehend analphabetische) Jugend von heute und ihre „Abkürzungen“ und „Ausrufezeichen“, mit denen sie die Sprache Goethes und Schillers regelrecht kaputt simsen.

Und alle Jahre wieder überlege ich, ob ich mich auf das Niveau herabbegeben soll, auf dem ich Zehetmairs Kultursolipsismus etwas entgegen setzen könnte. Und ich überlege, wo ich anfangen sollte: bei seinen falschen Prämissen, bei seiner Ignoranz gegenüber sozialen Medien, bei seiner Unkenntnis der wissenschaftlichen Faktenlage oder bei seiner Inkompetenz beim Themenkomplex „Sprache“ allgemein. Und im letzten Jahr habe ich mich in einem schwachen Moment dazu hinreißen lassen, Zehetmairs Klagelied tatsächlich einmal mit wissenschaftlichen Faktenlage verglichen. Und was soll ich sagen: Die wissenschaftliche Faktenlage hat haushoch gewonnen.

7 Kommentare

  • Christoph Päper hat Folgendes geschrieben:

    Ich habe mich bei der unreflektierten Heise-Meldung auch nur mühsam zurückhalten können. Mit solchen Gedankenfürzen verbessert er nicht gerade meine Meinung über alte bayerische Politiker, die an der LMU studiert und im Zivilleben als Lehrer gearbeitet haben … oder jede dieser Teilgruppen.

  • […] Zwei, 22. Dezember, 15:55 Uhr: Sprachlog — Sprachbrocken 51/2012, und dort unbedingt den abschließend verlinkten Text lesen, der sich mit dem blinden Geschafel des […]

  • Johannes hat Folgendes geschrieben:

    Fakten brauchen immer ein bisschen bis nach Bayern. Die wissenschaftliche Studie, die zeigte, dass es Kindern in Regenbogenfamilien genauso gut oder schlecht geht wie in "konventionellen" Familien (in Ermangelung einer besseren Bezeichnung), wurde ja von CSU-Sozialministerin Haderthauer (und diversen CDU-Granden) auch sinngemäß mit "Nun, das sehe ich anders als die Wissenschaft" quittiert.

  • […] Alle Jahre wieder: wendet sich Hans Zehetmair, Vorsitzender des Rats für deutsche Rechtschreibung, an die Presse um den Verfall der deutschen Sprache zu beklagen … sprachlog […]

  • Steff hat Folgendes geschrieben:

    vorab @Christoph Päper: sich seine Meinung über bayerische Politiker, LMU-Absolventen und Lehrer im allgemeinen von Aussagen einer einzelnen Personen prägen zu lassen … zeugt aber auch nicht wirklich von intellektueller Brillianz.

    Die Aussagen von Herrn Zehetmaier werden ja zurecht zerpflückt. Dennoch vermisse ich in der Bildungspolitik mehr Köpfe seiner Güte. Also um Himmels Willen nicht mehr solcher erzkonservativer Lordsiegelbewahrer. Aber er steht wenigsten für irgendein klar konturiertes Weltbild, mit dem man sich auseiandersetzen und an dem man seine eigene Position ausschärfen kann. Genau das scheint der aktiven Generation von Bildungspolitikern mehrheitlich etwas abhanden gekommen zu sein: da sind Populismus, Entscheidungen nach Kassenlage, ersatzweise auch nach letzter oder nächster anstehender Bildungsstudie, auch Positionen nach — sich oft rasch ändernder — Koalitionsoption doch zu weit verbreitet.

  • Christoph Päper hat Folgendes geschrieben:

    Steff, man ist für die Vorurteile mitverantwortlich, die sich andere über Gruppen bilden, zu denen man gehört – die man also repräsentiert oder exemplifiziert. Man sollte lernen, streng zwischen eigenen abstrakten, relativ starren Vorurteilen zu Gruppen einerseits und konkreten, flexiblen Urteilen über Individuen andererseits zu unterscheiden.

  • […] Sprachwandel kritisiere. Sein Urteil über die Äußerungen von Zehetmaier fällt er in diesem Jahr kurz, aber deftig: Er wisse nicht, wo er mit seiner Kritik ansetzen soll, bei „seinen falschen Prämissen, bei […]

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird niemals weitergegeben.Erforderliche Felder sind mit einem * markiert.