Sprachschmuggler in der Wikipedia?

In meiner gestrigen Laudatio zum Anglizismus des Jahres 2012, Crowdfunding, sprach ich meine Vermutung an, dass die vereinzelt zu findende Eindeutschung „Schwarmfinanzierung“ eine Wortschöpfung von Anglizismuskritikern sei, die diese über den Wikipedia-Eintrag zum Crowdfunding zunächst in den journalistischen Sprachgebrauch eingeschleust hätten. Diese Vermutung stützt sich auf die Tatsache, das die früheste Verwendung, des Wortes, die ich finden kann, eben aus diesem Wikipedia-Eintrag, genauer, in der Artikelversion vom 23. März 2011 stammt. Eingetragen wurde es von einem anonymen Nutzer, weshalb die Wikipedia-Software nur die IP-Adresse des Bearbeiters dokumentiert. Eine Überprüfung der Bearbeitungen, die unter dieser IP-Adresse im selben Zeitraum vorgenommen wurden, zeigt, dass außerdem das Schlagwort „Schwarmfinanzierung“ mit einer Weiterleitung auf den Artikel zu Crowdfunding angelegt und das Wort Schwarmfinanzierung in den Eintrag zu einer bestimmten Crowdfundingplattform hinein redigiert wurden. Dass es sich bei dem anonymen Nutzer um einen Sprachkritiker auf Sprachsäuberungsmission handelte, schließe ich daraus, dass das Wort „Schwarmfinanzierung“ im Anglizismenindex des Vereins Deutsche Sprache steht (dazu gleich mehr).

Der Wikipedianer Aalfons griff diese Überlegung auf und stellte sie auf einer internen Wikipedia-Seite zur Diskussion. Auch dort konnte man keinen Beleg für das Wort finden, der zeitlich vor dem März 2011 liegt. Ein anderer Wikipedianer wies aber darauf hin, dass der Begriff „Schwarmauslagerung“ für Crowdsourcing schon länger in der Wikipedia stehe und es sich bei „Schwarmfinanzierung“ analog dazu um eine nahe liegende Übersetzung handle. Nun wusste ich zufällig, dass auch das Wort Schwarmauslagerung im Anglizismenindex steht. Das allein hätte mich noch nicht stutzig gemacht, aber — noch deutlicher als im Fall von Schwarmfinanzierung — ist Schwarmauslagerung durch eine gewisse Sperrigkeit gekennzeichnet, die für Eigenschöpfungen der Anglizismenfeinde vom Verein Deutsche Sprache nicht untypisch ist. Ich hegte also sofort den Verdacht, dass man auch dieses Wort über die Wikipedia in den Sprachgebrauch einschleusen wollte. Und tatsächlich zeigt sich auch hier, dass das Wort von einem anonymen Nutzer eingetragen wurde, und ein Klick auf die IP-Adresse zeigt das bereits von Schwarmfinanzierung vertraute Muster.

Und zwar nicht nur für das Wort Schwarmauslagerung, sondern gleich noch für zwei weitere Wörter, nämlich Offshoring und Sunrise Period (einer Bezeichnung für die frühe Phase der Vergabe von Internetdomainnamen, in der Markeninhaber ihre Ansprüche anmelden können). Für ersteres wurde allerdings nicht die Vorschlag Auslagerung aus dem Anglizismenindex eingetragen, sondern der in der wirtschaftswissenschaftlichen Fachliteratur schon seit den siebziger Jahren gebräuchliche Begriff Auslandsverlagerung. Für letzteres wurde ebenfalls nicht der Vorschlag des Anglizismenindex (Startphase, Vorzugsphase) gewählt, sondern Vorrechtphase. Dabei könnte es sich ebenfalls um eine Eigenschöpfung handeln, denn auch hier finde ich keine Treffer, die zeitlich vor dem Wikipedia-Eintrag (vom 28. Januar 2008) liegen. Allerdings findet sich das Wort vereinzelt sogar in Texten der offiziellen Internet-Namensagentur ICANN.

Es scheint also, als ob hier eine oder mehr Personen die Wikipedia nutzen, um Begriffsbildung zu betreiben und die Begriffe auf diesem bequemen Weg unter die Leute zu bringen. Wie systematisch dieses Vorgehen ist, lässt sich für mich schwer feststellen. In den oben beschriebenen Fällen ist das sprachliche Muster aber immer „Ein(e) [ENGLISCHES WORT] bzw. [(ERFUNDENES) DEUTSCHES WORT] ist…“. Ich habe deshalb per Google nach ["ein * bzw. * ist" site:wikipedia.org] gesucht und tatsächlich eine Reihe von Artikeln gefunden, in denen nach dem gleichem Muster leicht merkwürdige bis absolut zweifelhafte Eindeutschungen eingebaut wurden (z.B. Anonymisierer, Tastschirm, Düffelmantel und Sandbrettern). In vielen Fällen steckt dahinter ein Wikipedianer namens „Stern“, der in seinem Nutzerprofil angibt, Anglizismen in der Wikipedia bekämpfen zu wollen, in anderen Fällen werden die Bearbeitungen anonym durchgeführt, wobei die IP-Adressen häufig nach Berlin führen (wo auch „Stern“ laut Nutzerprofil wohnt).

Egal, ob einer oder mehrere Nutzer dahinterstecken, die Wikipedia wird hier entgegen ihrer eigenen Prinzipien zur Bildung und Bekanntmachung von Begriffen verwendet. Und zwar teilweise sehr erfolgreich — Journalist/innen sehen eben häufig als erstes in die Wikipedia, gerade wenn sie über neue, noch weitgehend unbekannte Dinge schreiben. Dort finden sie dann deutsche Wörter und da sie keinen Grund haben, an der Authentizität dieser Wörter zu zweifeln, verwenden sie sie und führen sie damit in den Sprachgebrauch ein.

Ist das legitim? Wie gesagt, es widerspricht den Leitlinien der Wikipedia (und auch allgemeinen Vorstellungen davon, was eine Enzyklopädie leisten sollte). Aus sprachplanerischer Sicht ist es aber ein äußerst geschicktes Vorgehen. Wie ich vor einigen Jahren einmal geschrieben habe, gibt es für Anglizismenjäger nur einen Weg, gegen die verhassten Lehnwörter vorzugehen: Sie müssen Alternativen erfinden (was sie ja, z.B. mit dem Anglizismenindex ausgiebig tun) und — und das ist der entscheidende Punkt, diese dann so häufig in natürlichen kommunikativen Zusammenhängen verwenden, dass andere Mitglieder der Sprachgemeinschaft sie übernehmen. Das ist schwierig, denn es bedeutet, dass man sich zunächst eine kommunikative Bühne schaffen muss, auf der einem möglichst viele Menschen zuhören — schwierig für den durchschnittlichen Sprachnörgler.

Indem die Wörter aber einfach von einer Art Eindeutschungsguerilla in die Wikipedia eingeschleust werden, gelangen sie auf direktem Wege in den Sprachgebrauch von Menschen, die eine solche Bühne bereits haben — Journalist/innen, Autor/innen usw. Die tragen dann die Wörter in den allgemeinen Sprachgebrauch hinein. Und wenn nach ein paar Monaten oder Jahren jemandem auffällt, dass es das Wort eigentlich gar nicht gab, gibt es keinen Grund mehr, es aus der Wikipedia zu löschen, da sich ja inzwischen ausreichend Belege angesammelt haben, die eine Erwähnung des Wortes in der Wikipedia rechtfertigen.

Ich sage das nicht gerne, aber: Eins zu Null, liebe Sprachnörgler.

33 Kommentare

  • togo hat Folgendes geschrieben:

    Viel zuviele deutsche Wörter. Das geht auch englischer!

  • TMB hat Folgendes geschrieben:

    Ist dasselbe wie beim "Beitragsersuch" (o.ä.), das vor Jahren den guten alten Call for papers ersetzen sollte. 😉

  • Susanne Flach hat Folgendes geschrieben:

    Für Call For Papers ist Beitragsaufruf aber mittlerweile recht gut etabliert.

  • Dierk hat Folgendes geschrieben:

    Ist ja nicht so, als würde der Eintrag in die WP sowie die Verwendung durch faule Nichtrecherchierer genügen, damit die Sprachgemeinschaft ein Wort überwiegend gutheißt. Und wenn sie es tut, spricht einiges dafür, dass jenes neue Wort vielleicht nicht so schlecht ist.

  • Anatol Stefanowitsch hat Folgendes geschrieben:

    Ungewöhnlich unkritisch heute, lieber Dierk? Aber was interessant ist: Mittels der erfundenen Wörter lässt sich nachvollziehen, wer seine Informationen direkt aus der Wikipedia bezieht!

  • muellermanfred hat Folgendes geschrieben:

    Der „Faktenschaff-Faktor“ der Wikipedia läßt sich überdies ganz prima dazu verwenden, mißliebige Diskussionen zu beenden. Auch wenn manche Edits nicht lange überleben: Es genügt, wenn sie einmal drinstehen, wenn man’s braucht. Perfide.

    Über die „Schwarmfinanzierung“ kann ich nur den Kopf schütteln. Es gibt spätestens seit dem 19. Jahrhundert einen eingeführten Begriff dafür: Subskription (ja, nicht sehr deutsch, ich weiß). Der Panama-Kanal z.B. war ein riesiges Crowdfunding-Projekt – gut, kein besonders erfolgreiches, weil alle ihr Geld verloren, aber nun ein neues Wort für so etwas kreieren zu wollen, zeugt auch von einem Mangel an Bildung.

  • Lalia Tuk hat Folgendes geschrieben:

    Die Sprachschmuggler gibt es doch überall, Marketingabteilungen wissen, wie das geht. So hat uns die Firma Canon vor Jahren mit dem Begriff "Vollformat" (en: 'full frame sensor') für einen digitalen Kamerasensor beglückt, der endlich das normale Kleinbildformat herkömmlicher Spiegelreflexkameras ereichte. Zuvor gab es in dem Bereich nur kleinere. Ich habe mich immer gefragt, ob Mittelformatkameras dann wohl "Übervollformat"-Sensoren haben. Oder was auch immer… Jedenfalls ist der Begriff inzwischen etabliert — durch Werbung.

  • TVLuke hat Folgendes geschrieben:

    Dann ist es ja vielleicht gar keine Verschwörung der Sprachnörgler sondern investigativer Meta-Journalismus?

  • klappnase hat Folgendes geschrieben:

    "Ist das legitim?"

    Meiner Ansicht nach ja, auf jeden Fall. Allerdings auch ziemlich lächerlich.

    Wenn ein paar Vollhonks mit ihrer Zeit nichts besseres anzufangen wissen, als grösstenteils extrem alberne Eindeutschungen von ihnen unliebsamen Anglizismen in die Wikiedia einzuschleusen, die am Ende — abgesehen von einigen versprengten "Sekten"mitgliedern — praktisch eh niemand übernimmt, sollte man ihnen den Spass vielleicht einfach lassen. Jedenfalls sollte das imho ausschliesslich die Sorge der WikipedianerInnen sein. Und vermutlich hat man dort noch ganz andere Probleme mit Troll-edits.

    Da jetzt Editwars zu starten oder zu versuchen, die Wikipediapolizei auf derlei Vorgänge anzusetzen verschafft diesen Trollen nur eine Aufmerksamkeit, die ihnen eigentlich nicht zukommt.

    Ich empfehle sich hier die gleiche Gelassenheit zuzulegen, die man auch jedem Anglizismenhasser angesichts von "Sale" und "Shitstorm" anraten würde.

    Und Dierk gebe ich Recht, wenn eine dieser Eindeutschungen tatsächlich in den Sprachgebrauch übergeht, wo ist dann das Problem? Auch die hier (zu Recht) abgefeierten Anglizismen des Jahres waren bis vor kurzem noch Wörter die es "eigentlich gar nicht gab".

  • gnaddrig hat Folgendes geschrieben:

    Eindeutschungsguerilla ist ein schöner Ausdruck. Könnte mal jemand einen Wikipedia-Eintrag zu schreiben…

  • Sascha Lobo hat Folgendes geschrieben:

    Am Prinzip, neue Worte zu erfinden, sehe ich nichts schlechtes (mit der Ausnahme von Hassworten).

    Hier bin ich Anhänger des Sprachdarwinismus. Die Worte, die sich durchsetzen, waren die richtigen, egal woher sie stammen. Langfristig ist das auch das beste Argument gegen Sprachbewahrer. Insofern: erfindet neue Worte, streut sie, so gut ihr könnt — und lasst die Wortspiele beginnen.

  • Sven hat Folgendes geschrieben:

    Als Beispiel kann der Kommentar auf der ersten Seite im heutigen Tagesspiegel gelten. Der Artikel fängt mit einer durchwachsenen Kritik am Anglizismus an um dann kurz vorm Ende die Schwarmfinanzierung als Gegenbeispiel auszupacken.
    Ich war über die Schwarmfinanzierung nicht verwundert, so dass ich annehme, dass ich das Wort schon einmal gehört oder gelesen habe, denn ich kenne den Wikipediaeintrag _nicht_ und interessiere mich nicht wirklich für das Thema.

  • Kristin Kopf hat Folgendes geschrieben:

    Also ich find's cool! Wir werfen der Anti-Anglizismen-Partei ja immer vor, dass ihre Vorschläge auf dem Reißbrett entstehen und sie kein Verständnis davon haben, wie sich Sprache verändert (nämlich durch BenutzerInnen statt durch VerordnerInnen). Jetzt können die Wörter mal getestet werden, möge das Bessere gewinnen! (Was ja durchaus ab und an eine Eindeutschung sein kann.)

  • tina hat Folgendes geschrieben:

    Da ich einen zu bewahrenden Urzustand (wie wohl die meisten hier) nicht annehme, muss ich mich zähneknirschend der "was macht das schon"-Partei anschließen. Mit einer großen Einschränkung, die im Artikel ohnehin erwähnt wurde: Angemessen ist das nicht, nein, eine Enzyklopädie sollte eher Informationen über Bestehendes liefern, als… Und da wird es eben wieder schwierig. "Neutral" wird ein Text nie sein, nichteinmal, wenn wikipediesk ein ganzer Schwarm versucht, die eigene Lieblingsperspektive mit einzubringen. Oder durch den Aufruf, aus anderen Sprachen als dem Englischen zu übersetzen (http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:%C3%9Cbersetzungen#Kulturelle_Aspekte, wenn das auch schauderhaft formuliert ist).
    – Egal, worum es geht, Formulierungen, einseitige Darstellungen, die herrschende Löschpolitik formen dieses Bild des Bestehenden ganz massiv. Wie wir es nennen, scheint da auf den ersten Blick recht egal, solange auf diese Art keine irgendeine Gruppe diskriminierenden Bezeichnungen oder soziale Probleme verschleiernde Euphemismen verbreitet werden. Nun hat auch das wieder eine Grenze: Den Eindruck zu erwecken, es gäbe im Deutschen ja eh für alles Wörter, die Anglizismen wären unnötig und hätten wegen Verdrängen der (neu erfundenen) deutschen Variante keine Daseinsberechtigung, weil Kulturverfall einself, ist mehr, als ein Wort in Umlauf zu bringen, das sind Einstellungen, die ich problematisch finde und nicht auf derart subtile Weise irgendwo herumkriechen sehen möchte. (Wie wäre es mit einer "===Begriffsritik=== Sprachnörgler_innen sagen XYZ, das ist komisch, weil."-Sektion?)

  • Elka Sloan hat Folgendes geschrieben:

    Wie definieren Sie, ob es ein Wort "tatsächlich gibt", Herr Stefanowitsch?

    Warum soll es ncht legitim sein, sich bei neuen Worten darum zu bemühen, deutsche Äquivalente zu finden?

    "Schwarmauslagerung" ist übrigens eine falsche Übersetzung von Crowdsourcing — ich gebe Ihnen uneingeschränkt Recht, wenn Sie sagen, dass Sprachnörgler, wie Sie sie nennen, erstmal wissen sollten, von was sie da eigentlich reden.

    Ihre pauschale Verurteilung dieser Bemühungen kann ich aber nicht teilen. Ich habe grade mal in ein paar Veranstaltungen auf der CeBIT hineingehört und ich muss sagen, dass mich die dort in die Welt posaunte Sprache ziemlich ankotzt — zum Einen natürlich, weil so offensichtlich ihr einziger Zweck das Self-Aggrandizing der jeweiligen Sprecher ist, aber zum Anderen auch wegen der sinnlos in die Welt gespuckten Angizismen. Erinnern Sie sich an den Text, mit dem Jil Sander 1997 den Titel Sprachpanscherin des Jahres gewonnen hat?

    Wo ist die Grenze zwischen Sprachnörglertum und ästhetisch motivierter Sorge um die eigene Sprache?

  • Anatol Stefanowitsch hat Folgendes geschrieben:

    @muellermanfred: Subskription ist ein schönes und nützliches Wort, es deckt aber die Bedeutung von Crowdfunding nur zum Teil ab.

    @Laila Tuk: Nein, wenn eine Marketingabteilung einen Begriff prägt, tut sie das als Sprachbenutzer. Wenn eine Enzyklopädie das tut, tut sie so, als gebe sie etablierten Sprachgebrauch wieder.

    @Elka Sloan: Zeigen Sie mir doch bitte, wo im Text ich das überhaupt „verurteile“, geschweige denn „pauschal“

  • Andreas hat Folgendes geschrieben:

    Da sehe ich keine Grenze, Frau Sloan. Beide legen individuelles Empfinden als Maßstab an (Sprecher-)gesellschaftliche Realitäten an und erwarten normative Autorität. Und im Sinne des oben erwähnten Sprachdarwinismus sollte man schauen, welche Steine des Anstoßes aus Jil Sanders Text (ich kenne ihn nicht) es in den Alltag geschafft haben. Ein ähnliches Schicksal würde ich für die CeBIT-Wörter erwarten — wenn sie es verdienen.

  • Erbloggtes hat Folgendes geschrieben:

    Sprache ist Ausdruck von Machtverhältnissen. Wenn eine PR-Agentur einen Begriff etabliert, zeigt das ihre Macht über unser Denken.
    Die Wikipedia hat Macht. Sich diese Macht für eigene Zwecke anzueignen, um etwa einen Kreuzzug gegen bestimmte Wörter zu führen, ist moralisch verwerflich. Denn das ist nicht "ihr Job".
    Glücklicherweise erlaubt die Wikipedia mit einigem Aufwand die Rückverfolgung solcher Instrumentalisierungen. Bravo!

  • Susanne Flach hat Folgendes geschrieben:

    @Erbloggtes: Naja, ich würde die Rolle eines/r Wikipedianer/in nicht überbewerten bzw. de[ss|r]en Einfluss (es ist ja nicht die Wikipedia, genauso wenig wie die Sprache — das sind beides Kollektivwerke). Würde in der nächsten Zeit die Leute vermehrt Schwarzfinanzierung statt Crowdfunding sagen, würde die Umleitung doch einfach umgekehrt werden können. Und selbst die größte PR-Agentur kann nichts etablieren, was nicht von der Sprachgemeinschaft als nützlich und notwendig angesehen wird.

  • Christoph Päper hat Folgendes geschrieben:

    Die Herkunftsprache eines Begriffes ist fast immer völlig uninteressant, trotzdem ist Eindeutschung nicht gleich Anglizismenkritik oder Sprachnörgelei.

    In der homogenen Experten-Experten-Kommunikation ist internationale Verständigung wichtiger als intuitives Verständnis, schließlich muss normalerweise mit dem Begriff auch das dahinter stehende Wissen erlernt werden. Übersetzung wäre nur weiterer Ballast.

    In der heterogenen Experten-Experten-Kommunikation
    (z.B. zwischen Informatikern und Elektrotechnikern, aber viel schlimmer unter Geistes– und Gesellschaftswissenschaftlern verschiedener Disziplinen oder Schulen) gilt ähnliches, allerdings muss hier mitunter das Wissen nicht neu erworben werden, sondern ein Bezug zur eigenen Expertise hergestellt werden. Es geht also um einen Brückenschlag durch Aliasidentifizierung und nur wenn die scheitert, muss der Neologismus entweder übernommen oder konform zur eigenen Nomenklatur übersetzt werden. Bei bestehendem Alias (ob aus derselben Sprache oder nicht) wird der jeweils fremde Begriff stets die Konnotation „das, was die anderen darunter verstehen“ tragen.

    In der Experten-Laien-Kommunikation ist es eine Frage der Höflichkeit desjenigen mit Wissensvorsprung, Fachtermini in die Begriffswelt (und mglw. Sprache) seiner Zielgruppe zu übersetzen, um besser verstanden zu werden. Darin (Übersetzen und Höflichkeit) sind die meisten Experten allerdings schlecht und zwingen darum dem Publikum ihr Vokabular auf, ohne dass ein eigentlicher Wissenstransfer stattfindet. Der ist für vieles – gerade im Tagesjournalismus – aber auch gar nicht nötig, solange ein Begriff lediglich als Stichwort (Label, Marke) für etwas dient, dessen Details man nicht kennt (d.h. nicht verstehen kann, braucht oder will), über das man aber im Kontext sprechen muss, wozu eine verflachte, womöglich gegenüber dem Ursprung verfälschte Intension ausreicht, darum ist Aussprechbarkeit und Rechtschreibbarkeit oft wichtiger (Akronyme werden bspw. leichter akzeptiert). Es liegt allerdings auch im Eigennutz der Experten, ihre Fachsprache nicht zu offensiv der Öffentlichkeit aufzuzwingen, denn allzu leicht wird ein populär gewordener Begriff dadurch kontaminiert und ambig, sodass er schließlich im Jargon durch ein neues eindeutiges Wort ausgetauscht werden muss.

    In der Laien-Laien-Kommunikation wird sich üblicherweise die Terminologie etablieren, die (von Experten) in der medialen Öffentlichkeit geprägt wurde. Nur wenn den Laien verschiedene Alternativen als akzeptabel angeboten wurden, kann sich der allgemeine vom speziellen Sprachgebrauch unterscheiden. Da Experten dies allerdings häufig nicht leisten (können), kommen die Mittler ins Spiel. Das sind Publizisten, Journalisten, Politiker, Prominente, … – kurzum alle, die Kompetenz durch Präsenz (idealerweise) ergänzen oder (üblicherweise) ersetzen. Sie können den Experten das Übersetzen abnehmen, sich dabei mglw. von Laien inspirieren lassen, und so den Sprachgebrauch beeinflussen.

    Wikipedia-Autoren sind eine spezielle Art Mittler, denn trotz ihrer individuell weitgehenden Anonymität, oft verbunden mit fehlendem Kompetenznachweis, sind sie kollektiv äußerst präsent und kompetent, also einflussreich – auch sprachlich. Der deskriptive Produktionsansatz einer Enzyklopädie (wie eines Wörterbuches oder einer Grammatik) ist zwar löblich und zwingend, doch bringt es unsere Natur mit sich, dass sie trotzdem präskriptiv rezipiert werden wird. Das heißt für diese Thema: wenn der übersetzte, ggf. frei erfundene Alternativbegriff sich nicht im WP-Artikel findet, kann er sich auch nicht (oder nur schwer) so weit durchsetzen, dass er aufgenommen werden würde. Es gibt schlicht keine andere auch annähernd ähnlich effektive Plattform, über die Einzelne den vielen Mittlern sprachliche Alternativen anbieten könnten.

    Ich habe selbst mal versucht, in einem WP-Artikel den eingedeutschten Begriff zu ergänzen, unter dem ich das Thema in einem Presseartikel primär kennengelernt hatte, doch heute taucht der im Text nichtmal mehr auf, obwohl der Artikel sogar zwischenzeitlich sein Lemma gewechselt hatte und eine Weiterleitung existiert. Es hängt immer von den Überzeugungen und Voreingenommenheiten der Hauptautoren bzw. –pfleger ab, ob seltenere Alternativen aufgenommen werden. Ich weiß nicht, ob oder was die bessere Lösung wäre; vielleicht eine Neologismus-Infobox in Artikeln zu rezenten Themen.

  • Christoph Päper hat Folgendes geschrieben:

    PS: Werbung und Konsorten gehören natürlich auch zu den Mittlern.

  • Anonymisiert hat Folgendes geschrieben:

    Zumindest das Beispiel mit dem Anonymisierer halte ich für absolut unzutreffend. "Anonymisierer" war auch in der Fachsprache lange vor der Eindeutschungsaktion in Wikipedia im Juni 2006 weit verbreitet. Von einer merkwürdigen oder zweifelhaften Eindeutschung, gar über Wikipedia selbst, kann hier keine Rede sein:

    Heise Juli 2005

    Golem.de August 2004

    Vorlesung IT-Sicherheitsmanagement TU-Regensburg Mai 2004

    Unabhängiges Landeszentrum für Datenschutz Schleswig-Holstein Dezember 2000

    Es lassen sich hier sogar Spuren bis ins letzte Jahrtausend zurückverfolgen. Wenn "Anonymisierungsdienst" zu sperrig war, hat man halt auf "Anonymisierer" zurückgegriffen.

  • […] ganz schön investigative Recherche, die Sprachblogger Anatol Stefanowitsch da durchgezogen hat. Da haben doch tatsächlich überzeugte […]

  • Pechmarie hat Folgendes geschrieben:

    Nicht ungeschickt zu versuchen so Wörter zu etablieren…
    Mich erinnert das ein bisschen an Guttenbergs 10. (oder 11.?) Vornamen:
    http://www.bildblog.de/5704/wie-ich-freiherr-von-guttenberg-zu-wilhelm-machte/
    Journalisten schauen auf Wikipedia nach, die Wikipedia gibt daraufhin Beiträge dieser Journalisten als Referenz an.

  • Detlef Guertler hat Folgendes geschrieben:

    Das mit dem Bügelbrett ist ebenfalls ein schönes Beispiel dafür, wie mächtig ein Wikipedia-Eintrag sein kann:
    http://arne-nordmann.de/Blog/kaffeeserviceundbuegelbrett.html
    Auch wenn es sich dabei um einen Scherzbold handelte, lässt das doch erahnen, wie gefährlich es werden kann, wenn Undercover-Aktionisten gezielt gegen die Wikipedia-Regeln verstoßen, um ihre eigene Agenda durchzudrücken.

  • Elka Sloan hat Folgendes geschrieben:

    @andreas
    hier ist der Jil Sander Text auch zur allgemeinen Erbauung, denn es ist gut wenn man sich seiner erinnert, während man über Anglizismen debattiert.

    Tun Sie sich da die buzz words hinein, die so von weltrettenden Internet-Unternehmern gebraucht werden, und Sie haben das, was ich gestern bei CeBIT-Präsentationen mitgekriegt habe:

    "Ich habe vielleicht etwas Weltverbesserndes. Mein Leben ist eine giving-story. Ich habe verstanden, dass man contemporary sein muss, das future-Denken haben muss. Meine Idee war, die hand-tailored-Geschichte mit neuen Technologien zu verbinden. Und für den Erfolg war mein coordinated concept entscheidend, die Idee, dass man viele Teile einer collection miteinander combinen kann. Aber die audience hat das alles von Anfang an auch supported. Der problembewusste Mensch von heute kann diese Sachen, diese refined Qualitäten mit spirit eben auch appreciaten. Allerdings geht unser voice auch auf bestimmte Zielgruppen. Wer Ladyisches will, searcht nicht bei Jil Sander. Man muß Sinn haben für das effortless, das magic meines Stils."

    @Stefanowitsch
    Nein, natürlich "verurteilen" Sie nichts und schon gar nicht "pauschal". Sie tun nur Alles was Sie können, um herauszufinden, wer diese Sprachnörgler sind,diese Eindeutschungsguerilla, der Sie so ungern ein 1:0 zugestehen …

    Sie polemisieren, das ist ja auch ok, aber seien Sie hinterher doch bitte nicht scheinheilig. Ihre Wortwahl impliziert zumindest, dass Sie die diskutierten Aktivitäten nicht gutheißen, und zwar pauschal. Die Kampfmetapher 1:0 tut ein Übriges.

  • WFHG hat Folgendes geschrieben:

    Habe nicht alle Kommentare gelesen, darum vielleicht was Doppeltes: Es ist mir vollkommen schleierhaft, wie die dazu kommen "Schwarmfinanzierung" für ein deutsches Wort zu halten. "Schwarmentgelt" könnte man ja noch gerade so durchgehen lassen, aber Finanzierung? Ich bitt' Sie recht ..

  • Detlef Guertler hat Folgendes geschrieben:

    @Elka Sloan
    "Im Sinne des oben erwähnten Sprachdarwinismus sollte man schauen, welche Steine des Anstoßes aus Jil Sanders Text es in den Alltag geschafft haben", schrieb Andreas. Also schauen Sie doch einfach mal hin: Welcher der hier von Jil Sander verwendeten Anglizismen hat es Ihrer Auffassung nach in den Alltag geschafft?
    Nach meinem Sprachgefühl irgend etwas zwischen 0,5 und 2: "supporten" als Verb glaube ich schon mehrfach gehört (oder gar verwendet zu haben), und statt "searchen" wird heute üblicherweise "googeln" verwendet, was Sprachnörgler häufig für einen Anglizismus halten. Zu welchem Ergebnis kommen Sie? Und ist dieses Ergebnis so bedrohlich für die deutsche Sprache, dass es Undercover-Aktionen gegen die Wikipedia-Regeln rechtfertigt?

  • Elka Sloan hat Folgendes geschrieben:

    @detlef guertler
    Ich halte die deutsche Sprache nicht für bedroht. Ich gebrauche tagtäglich Anglizismen. Mir geht es um Sprachästhetik, und darum, dass Menschen die inhaltlich nichts zu sagen haben, dann doch bitte auch nicht glauben sollen, die schicken neuen Wörter, mit denen sie um sich werfen, würden ihre Sprachabsonderungen zu bahnbrechenden Aussagen machen.

    Die Wikipedia-Regeln sind sicher wichtig, aber vielleicht haben diese Menschen sie ja missachtet, weil sie sich nicht namentlich für ihre Eindeutschungsversuche beschimpfen lassen wollen.

  • klappnase hat Folgendes geschrieben:

    @Elka Sloan:
    "Die Wikipedia-Regeln sind sicher wichtig, aber vielleicht haben diese Menschen sie ja missachtet, weil sie sich nicht namentlich für ihre Eindeutschungsversuche beschimpfen lassen wollen."

    Wenn sie sich an die Wikipedia-Regeln gehalten hätten, gäbe es aber keine "Eindeutschungsversuche" für die irgend jemand sie beschimpfen könnte. Das Problem ist doch nicht, dass jemand anonym bleibt, sondern dass der Zweck der Wikipedia nicht ist neu erfundene Begriffe in die Sprache einzuführen, sondern bereits vorhandene Begriffe zu beschreiben.

    Und "Sprachästhetik" ist eben immer eine sehr subjektive Angelegenheit, möglicherweise hat das eitle Geschwafel eines Cebit-Dampfplauderers für andere Menschen durchaus ästhetischen Wert, wer weiss das schon so genau? Und wer aufgeblasenen schlaumeierischen Blödsinn daherlabern will der wird das immer tun, egal ob mit oder ohne Anglizismen, sich drüber ärgern nützt da nichts.
    Wenn einen das "Geschwafel" (ob echt oder nur empfunden) seiner Mitmenschen nervt hilft am Ende nur das alte Hausmittel:
    "Gar nicht ignorieren" :)

  • […] Sprachlog: “In meiner gestrigen Laudatio zum Anglizismus des Jahres 2012, Crowdfunding, sprach ich meine … […]

  • […] Sprach­schmugg­ler in der Wiki­pe­dia? – Sprach­log — Sprach­schmugg­ler in der Wiki­pe­dia? (via Publis­hed articles) […]

  • […] der Verweis aufs Sprachlog — sogar zwei Verweise: Anatol Stefanowitsch vermutet zum einen Sprachschmuggler in der Wikipedia und verrät uns auch, warum; und zum anderen erinnert er an Douglas Adams und dessen nicht ganz […]

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird niemals weitergegeben.Erforderliche Felder sind mit einem * markiert.