Aprilscherz 2013: Auflösung

Und hier die Auflö­sung des diesjähri­gen Aprilscherzes:

Nom­i­na­tiv, Dativ, Akkusativ und Gen­i­tiv — Deutschler­nen­den fall­en oft schon diese vier Fälle schw­er. Die Sprecher/innen ein­er Sprache in Aus­tralien kön­nen darüber nur müde lächeln: Sie haben gle­ich zwanzig ver­schiedene Fälle!

Diese Sprache gibt es tat­säch­lich: Kayardild, gesprochen in Queens­land in Austal­ien. Oder bess­er: es gibt sie noch, denn mit nur 23 Sprecher/innen, die alle nicht mehr ganz jung sind, wird sie schon in weni­gen Jahren für immer ver­schwun­den sein. Zwanzig Fälle sind auch gar nicht so exo­tisch, wie es vielle­icht klingt: Auch in Europa gibt es mit den finno-ugrischen Sprachen eine äußerst kasusver­liebte Sprach­fam­i­lie, deren Mit­glieder sich alle in etwa in diesem Bere­ich bewe­gen. Dabei ist es in dieser Sprach­fam­i­lie nicht ganz ein­fach, die genaue Zahl der Fälle zu bes­tim­men, denn Kasusendun­gen unter­schei­den sich dort for­mal kaum bis gar nicht von dem, was bei uns Prä­po­si­tio­nen (wie inunterzwis­chen) sind: Diese Sprachen haben näm­lich keine Prä- son­dern Post­po­si­tio­nen, die, wie ihr Name ver­muten lässt, hin­ter dem Wort ste­hen, auf das sie sich beziehen — also da, wo auch Kasusendun­gen ste­hen. Das führt dazu, dass z.B. die Zahl der Fälle im Ungarischen manch­mal mit null, manch­mal sog­ar mit über 30 angegeben wird (eine lin­guis­tisch halb­wegs fundierte Analyse würde von ca. 21 aus­ge­hen).

Ver­gan­gen­heit, Gegen­wart, Zukun­ft — mehr braucht ein Tem­pussys­tem doch nun wirk­lich nicht, oder? Doch, find­en die Sprecher/innen ein­er Sprache in Afri­ka: Sie haben gle­ich fünf Ver­gan­gen­heits­for­men, eine Gegen­warts­form und fünf Zukun­fts­for­men!

Auch diese Sprache gibt es: Es ist das Bamileke-Dschang oder Yem­ba, gesprochen im Süd­west­en von Kamerun. Mit über 300 000 Sprecher/innen wird uns diese Sprache mit ihrem faszinieren­den Tem­pussys­tem auf abse­hbare Zeit erhal­ten bleiben. Dass die Zahl von fünf Ver­gan­gen­heits- und fünf Zukun­fts­for­men vie­len Sprachlogleser/innen in den Kom­mentaren und gestern auf Twit­ter nicht ungewöhn­lich vorkam, liegt übri­gens an einem Missver­ständ­nis dessen, was eine Tem­pus­form ist: Das Franzö­sis­che, z.B. hat laut der deutschen Wikipedia sechs Ver­gan­gen­heits­for­men — das Passé Com­pose, das Impar­fait, das Plus-que-Par­fait, das Passé Sim­ple, das Passé Anterieur und das Passé Récent. Tat­säch­lich hat es aber nur eine (oder max­i­mal zwei): Das Passé, für Ereignisse, die in der Ver­gan­gen­heit geschehen sind (und, wenn man es mitzählt, das Passé Récent für Ereignisse, die in der Ger­ade-erst-Ver­gan­gen­heit geschehen sind). Die übri­gen For­men ergeben sich (grob gesagt) daraus, dass das Passé mit anderen Bedeu­tun­gen kom­biniert wird, die in der Sprach­wis­senschaft als Aspekt oder Modal­ität beze­ich­net wer­den. Im Bamile-Dschang gibt es aber tat­säch­lich fünf ver­schiedene Ver­gan­gen­heits- und Zukun­fts­for­men, die fünf ver­schiedene Grade von Ver­gan­gen­heit und Zukün­ftigkeit aus­drück­en.

Sin­gu­lar und Plur­al — ein ele­gantes Numerus-Sys­tem, das völ­lig aus­re­icht, oder? Niemals, find­en die Sprecher/innen ein­er Sprache in Asien: Ihr Numerus-Sys­tem unter­schei­det zwölf ver­schiedene Numera.

Obwohl nichts dage­gen spräche, für Men­gen von eins bis elf jew­eils eigene For­men zu haben, und erst ab zwölf in einen all­ge­meinen Plur­al zu wech­seln — diese Sprache gibt es nicht. Die Sprache mit der größten bekan­nten Zahl an Numerus-Unter­schei­dun­gen ist das Sur­su­run­ga, gesprochen in Papua-Neuguinea, mit immer­hin 5 Numeri: einem Sin­gu­lar (für genau eins), einem Dual (für genau zwei), einem Tri­al (für eine kleine Menge, aber min­destens drei), einem Quadral (für eine etwas größere Menge, aber min­destens vier), und einem Plur­al. Mit ca. 3000 Sprecher/innen ist das kurzfristige Über­leben dieser Sprache nicht in Gefahr, aber ob sie das 21. Jahrhun­dert über­dauern wird, muss bezweifelt wer­den.

Maskulinum, Fem­i­ninum, Neu­trum — das reicht doch, um jedem Sub­stan­tiv ein Genus zu geben, oder? Nein, find­en die Sprecher/innen ein­er Sprache in Afri­ka: Sie teilen ihre Sub­stan­tive in ein­undzwanzig ver­schiedene Gen­era ein!

Da der Aprilscherz ja bei den Numera ver­steckt war, gibt es natür­lich auch diese Sprache: es ist Ful­fulde oder Fula, gesprochen in Nige­ria. Mit etwa 12 Mil­lio­nen Sprecher/innen die Sprache in der diesjähri­gen Aus­gabe des Sprachlog-Aprilscherzes, um die wir uns am wenig­sten Sor­gen machen müssen. Das Ful­fulde gehört zu den Niger-Kon­go-Sprachen, die für ihre umfan­gre­ichen Genus- (bzw. Nominalklassen-)Systeme bekan­nt sind — auch die Ban­tu-Sprachen, wie z.B. Swahili, gehören in diese Groß­fam­i­lie. Allerd­ings ist das Ful­fulde auch in dieser Groß­fam­i­lie ein Spitzen­re­it­er: Die Menge der Nom­i­nalk­lassen der Ban­tu-Sprachen wird häu­fig mit ca. 18–20 angegeben, wobei aber berück­sichtigt wer­den muss, dass in der Ban­tu­is­tik Sin­gu­lar und Plur­al jew­eils als eigene Klasse gezählt wer­den. Täte man das auch beim Ful­fude, hätte es die dop­pelte Menge, also min­destens 42 Nom­i­nalk­lassen oder Gen­era!

Im Laufe dieses Jahrhun­derts kön­nten bis zu 90 Prozent aller derzeit gesproch­enen Sprachen ausster­ben. Die Gesellschaft für bedro­hte Sprachen bemüht sich, diese Sprachen zu doku­men­tieren und kann Ihre Spenden gebrauchen!

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Anatol Stefanowitsch

Über Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch ist Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der Freien Universität Berlin. Er beschäftigt sich derzeit mit diskriminierender Sprache, Sprachpolitik und dem politischen Gebrauch und Missbrauch von Sprache. Sein aktuelles Buch „Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ ist 2018 im Dudenverlag erschienen.

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