Keine Austerität bitte, wir sind Deutsche

Wie viel Verantwortung die deutsche Regierung an der Wirtschaftskrise im Euro-Raum trägt, will ich nicht beurteilen (wenigstens nicht im Sprachlog), aber dass Außenminister Guido Westerwelle sich mit einem linguistischen Argument der Rechenschaft entziehen will, kann ich natürlich nicht durchgehen lassen. Vor allem nicht, weil das Argument nicht nur eine merkwürdige Vorstellung der Beziehung zwischen Sprache und Wirklichkeit offenbart, sondern auch sachlich falsch ist.

Westerwelles Argument ist das folgende:

Das dritte Zerrbild zeige ein Deutschland, das einem „Dogma der Austerität“ anhänge und der Frage neuen Wachstums gleichgültig, wenn nicht sogar ablehnend gegenüberstehe. „Das Wort ‚Austerität‘ gibt es in der deutschen Sprache nicht einmal“, sagte Westerwelle und versicherte, dass auch für Deutschland die Frage, wie sich neues und zugleich nachhaltiges, dauerhaftes Wachstum fördern lässt, ganz oben auf der Agenda stehe.1

Deutschland kann für die europäische Austeritätspolitik also nicht verantwortlich sein, weil das Deutsche kein Wort für „Austerität“ habe.

Diese Aussage kann ich auf zwei Arten verstehen, von denen eine völlig und eine leicht verwirrt wäre (von der Tatsache, dass das Deutsche ganz offensichtlich sehr wohl ein Wort für Austerität hat, einmal abgesehen – auf die komme ich gleich zurück).

Entweder, Westerwelle meint hier, wer kein Wort für etwas hat, kann es nicht tun. Das wäre eine extreme Version der sprachlichen Relativität, die offensichtlich falsch ist: Hunde haben keine Worte für „seinen eigenen Schwanz jagen“, trotzdem können sie es tun. Deutsche bräuchten das Wort Austerität nicht, um auf die Idee zu kommen, den Staatshaushalt durch einen Investitionsstop und Kürzungen der Sozialausgaben auszugleichen.

Oder Westerwelle will sagen, da die Deutschen das Wort Austerität nicht erfunden, sondern entlehnt haben, müsse auch das dahinterstehende Konzept von jemandem anders erfunden worden sein. Das wäre ebenso falsch, denn natürlich ist es für eine Sprachgemeinschaft möglich, Wörter für etwas zu entlehnen, das sie bereits praktiziert. Die deutsche Sprachgemeinschaft hat z.B. mit hoher Wahrscheinlichkeit schon Sex gehabt, bevor sie das Wort Sex aus dem Englischen entlehnt hat. Außerdem wäre die Tatsache, dass auch das Wort Austerität (bzw. seine hier relevante Bedeutung) aus dem Englischen stammt, kein Grund, warum die aktuelle Austeritätspolitik nicht von Deutschland ausgehen sollte. Es ist ja problemlos möglich, anderen Menschen Dinge aufzuzwingen, die man nicht selbst erfunden hat: Alle Missionare machen das zum Beispiel so.

Bleibt die Frage, warum Westerwelle überhaupt auf die Idee kommt, das Deutsche habe kein Wort für Austerität. Natürlich hat es das, und Westerwelle verwendet es ja selbst: Austerität, halt.2 Was er damit nur meinen kann, ist, dass es sich bei diesem Wort nicht um eins handelt, das uns aus dem Proto-Germanischen erhalten geblieben ist. Stattdessen stammt es ursprünglich aus dem Lateinischen (austeritas), wo es „Herbheit“ (z.B. von Wein) und im übertragenen Sinne auch „Strenge, Ernst“ hieß. Mit dieser Bedeutung findet es sich schon im 14 Jahrhundert im Englischen:

  1. Þe gret austerité, Þat Crist sal shew þat day. [1340, cit. Oxford English Dictionary, s.v. austerity („Die große Strenge, die Christus an diesem Tage zeigen wird.“)

Ab Anfang des 17. Jahrhunderts findet es sich außerdem mit der Bedeutung „Selbstdisziplin, Zurückhaltung, moralische Strenge, Abstinenz, Asketentum“:

  1. Or on Dianaes altar to protest, For aye, austeritie and single life. [1600, Shakespeare, Midsummer Night's Dream, cit. OED, s.v. austerity]

(In der Übersetzung von Schlegel wird austerity in Beispiel 2 recht eng mit „ehloser Stand“ übersetzt).

In dieser Bedeutung findet sich das Wort Austerität spätestens seit dem 18. Jahrhundert auch im Deutschen (Jahreszahlen verlinken auf die Quellen bei Google Books):

  1. Dieses erklären die Welt-Menschen also: wenn man bey einer lustigen Compagnie sey, so soll man mit machen, und nicht mit seiner Austerität sie in ihrer Lustbarkeit stören… [1738]
  2. Nun scheinet er zwar eines Theils die Sache fast allzuweit wegzuwerfen, andern Theils aber zu seiner Verwahrung eine übrige Austerität anzunehmen; allein im Mittel zu bleiben, ist es wohl zu erachten , daß er zu keiner solchen Conferenz vorjetzo leicht stimmen werde. [1745]

Die finanzpolitische Bedeutung („Ausgleich des Staatshaushalts durch strenge Sparmaßnahmen“) stammt aus dem Großbritannien des Zweiten Weltkriegs, das Oxford English Dictionary nennt die Times Weekly vom 2. Dezember 1942 als erste Quelle:

  1. A General Limitation Order—..which suggests that the United States have got quite a way on the road to austerity.

Im Deutschen findet sich diese Bedeutung spätestens 1954, noch in Anführungszeichen und im direkten Zusammenhang mit der britischen Austeritätspolitik, schon 1961 (und seitdem durchgängig) aber ganz selbstverständlich auch in anderen Zusammenhängen:

  1. Das britische Volk ist müde geworden durch Krieg und „Austerität", eine zwiefache Prüfung, die der Amerikaner niemals kennengelernt hat. Der britische Stolz ist verletzt, weil Britanniens Gewicht in der Kräfteverteilung der Welt geringer geworden ist. [1954]
  2. Gleichzeitig ist in Belgien, keine 500 km von uns entfernt, die Wirtschaft durch die Evakuierung des Kongos und die Streiks so sehr durcheinander geraten, daß wohl nur ein Programm striktester Austerität das Land wieder auf die Beine kommen kann, wobei auch hier damit zu rechnen ist, daß ein beträchtlicher Pool von Arbeitslosen zurückbleiben wird. [1961]

Und sogar das Wort Austeritätspolitik findet sich schon seit 1960 im Deutschen:

  1. Die Voraussetzung einer Eindämmung der Geldschöpfung wäre die Herstellung eines Gleichgewichts zwischen den Einnahmen und den Ausgaben im Staatshaushalt gewesen. Es gab genug Möglichkeiten, wirksame Maßnahmen zur Erzielung einer Austeritätspolitik zu ergreifen. [1960]

Das Wort Austerität existiert also im Deutschen seit weit über 250 Jahren, und davon seit über 50 Jahren mit der für Westerwelles Zitat relevanten Bedeutung. Nun könnte er sich natürlich auf den Standpunkt stellen, dass lateinische Wörter niemals genuin deutsch werden, und deshalb auch nie genuin deutsches Denken oder Handeln bezeichnen können. Dann würde sich aber die Frage stellen, wie die FDP liberal (von lat. liberalis) sein kann. Hm, wenn ich so darüber nachdenke – vielleicht hat Westerwelle ja mit seiner Theorie doch recht.

  1. Kaczmarek, Michael (2009) Westerwelle: EU-Reformen sind kein deutsches Diktat, euractiv.de, 24.5.2013 [Link] []
  2. Im Duden steht es derzeit übrigens nicht. []

7 Kommentare

  • Martin B hat Folgendes geschrieben:

    Sehr unterhaltsam 😀

  • tungl hat Folgendes geschrieben:

    Im Englischen existierte bis ins 20. Jh. das Wort "racism" nicht — woran man natürlich ablesen kann, wie egalitär das Empire bis zu diesem Zeitpunkt war. /sarcasm

  • Cuneiform hat Folgendes geschrieben:

    Das Wort Austerität ist in Deutschland relativ ungebräuchlich, selbst die angegebenen Fundstellen beziehen sich (a) nicht auf Staatshaushalte oder (b) anscheinend auf das Ausland und sind allesamt recht alt. In sofern hat der Außenminister recht. Wenn schon ein paar einzelne Verwendungen die Zugehörigkeit eines Wortes zu einer Sprache begründen sollten, dann wären auch die Wörter ostrakieren, donquijotesk und Pentekontaetie deutsch.

    Außerdem wird die Schlussfolgerung "Deutschland kann für die europäische Austeritätspolitik also nicht verantwortlich sein, weil das Deutsche kein Wort für „Austerität“ habe." Westerwelle fälschlich unterstellt. Aus dem Zitat oben im Artikel geht höchstens hervor, dass Westerwelle meint, dass die Abwesenheit des Wortes belegt, dass die Deutschen Austerität nicht dogmatisch verfolgen.

  • Die Fundstellen sind „recht alt“, weil ich (wie ich auch deutlich sage) jeweils die ersten Belege für die betreffende Verwendung angeführt habe. Es findet sich natürlich durchgängig bis heute. Was die Gebräuchlichkeit angeht, so ist Austerität nicht weniger gebräuchlich als Kartoffelpüree.

  • Cuneiform hat Folgendes geschrieben:

    Das Google-Ding muss falsche Daten liefern. Wenn "Austerität" wirklich so häufig wäre hätte ich es bereits vor der noch anhaltenden europäischen Staatsschuldenkrise einmal gelesen.

    Selbst im Englischen ist mir die Form "austere" öfter begegnet und nicht die substantivierte.

    Wenn man mit der Googlesuche nach "Austerität" sucht, finden sich auch einige Artikel zum aktuellen Geschehen in denen erklärt bzw. definiert wird, was Austerität sei — also finden auch Menschen außer mir, dass das Wort nicht geläufig ist.

    Dann gibt es noch diese Aussage unserer Bundeskanzlerin:
    "Ich habe im Verlauf der letzten fünf Jahre zwei Worte kennengelernt, die ich vorher nie benutzt hatte. Das erste war „Realwirtschaft“, als es um die Finanzkrise ging. Und das zweite war „Austerität“. Bis dahin hieß das „Haushaltskonsolidierung“, „solides Wirtschaften“ oder „keine Schulden machen“. Jetzt heißt das „Austerität“, was sich ja schon als Wort so anhört, als ob ein Feind auf uns zukäme."

    Selbst die Bundeskanzlerin kannte das Wort nicht, daher kann man getrost "ist unüblich" prädizieren.

    Der zweite Teil der Aussage von Merkel ist allerdings viel wichtiger — das wollte ich schon schreiben bevor ich auf das Zitat gestoßen bin: Für das Deutsche ist das Wort Austerität, auf Finanzen bezogen, überflüssig, da man ja schon "sparen" und "haushalten" sagen kann.

    Quelle für Merkel-Zitat:
    http://www.bundesregierung.de/Content/DE/Rede/2013/04/2013–04-25-merkel-sparkassentag.html

  • Dass Frau Merkel das Wort nicht kennt, ist nicht weiter überraschend: Sie hat keine Ahnung von Ökonomie und Finanzen.

  • Dierk hat Folgendes geschrieben:

    'ist unüblich' in welchem Zusammenhang? Wollen Sie, Cuneiform, mitteilen, dass 'Austerität' nicht von der schwäbischen Hausfrau beim Kochen von Kartoffeln für Püree verwandt wird? Geschenkt, natürlich wird es in der Küche oder am Esstisch eher selten zu finden sein. Immerhin handelt es sich um ein Fachwort aus Ökonomie und Politik.

    Lassen wir mal außen vor, dass die Frage nach der Verwendungshäufigkeit das Thema des Artikels eh nur ein wenig streift, gibt es viele Wörter, die im beschriebenen Sinne unüblich, nichtsdestotrotz aber vorhanden sind und verwendet werden, z.B. 'Synekdoche' oder 'Einbrenne'.

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