Das neue längste Wort des Deutschen

Da die „Abschaffung“ des längsten deutschen Wortes sehr viel mehr Aufsehen erregt hat, als ich es mir hätte vorstellen können – Glückwunsch an die dpa, übrigens, die als einzige das Potenzial dieser Meldung erkannt hat – hatte ich gestern viele Anfragen, was denn nun das neue längste Wort des Deutschen sei. Ich ignoriere einmal, dass Grund­stücks­ver­kehrs­ge­neh­mi­gungs­zu­stän­dig­keits­über­tra­gungs­ver­ord­nung und Rind­fleisch­eti­ket­tie­rungs­über­wa­chungs­auf­ga­ben­über­tra­gungs­ge­setz ja nach wie vor Wörter des Deutschen sind, auch wenn die Gesetze, auf die sie sich beziehen, nicht mehr existieren (eine für mich recht einleuchtende Tatsache, die aber kaum eine/r der Anfragenden teilen mochte (David Charter von der Times erwähnt es in seinem Artikel immerhin). Aber lassen wir die beiden Wörter außen vor, so haben meine (aufgrund der unerwarteten Anfragen eher hastig durchgeführten) Recherchen Folgendes ergeben.

Die Duden-Redaktion, die ursprünglich in ihrer Textsammlung die Wörter Grund­stücks­ver­kehrs­ge­neh­mi­gungs­zu­stän­dig­keits­über­tra­gungs­ver­ord­nung und Rind­fleisch­eti­ket­tie­rungs­über­wa­chungs­auf­ga­ben­über­tra­gungs­ge­setz als längstes und zweitlängstes Wort identifiziert hat, nennt an dritter Stelle das Wort Ver­kehrs­infra­struk­tur­fi­nan­zierungs­ge­sell­schaft, aber da die Befugnisse dieser Gesellschaft im sieben Buchstaben längeren Ver­kehrs­infra­struk­tur­fi­nan­zierungs­ge­sell­schafts­ge­setz geregelt sind, gehört das Wort bestenfalls an die vierte Stelle. Tatsächlich wird aber auch das Ver­kehrs­infra­struk­tur­fi­nan­zierungs­ge­sell­schafts­ge­setz noch durch die Ver­mö­gens­zu­ord­nungs­zu­stän­dig­keits­über­tra­gungs­ver­ord­nung geschlagen. Mit 56 Buchstaben ist dieses Wort im Moment der aussichtsreichste Kandidat für das längste nicht obsolete Wort des Deutschen, das ausschließlich mit Buchstaben geschrieben wird (dazu gleich mehr).

Das längste tatsächlich im Duden verzeichnete Wort ist mit 36 Buchstaben Kraft­fahr­zeug-Haft­pflicht­ver­siche­rung. Allerdings wird das nicht nur mit Buchstaben, sondern auch mit einem Bindestrich in der Mitte geschrieben, sodass Purist/innen der orthografischen Wortlängenmessung es möglicherweise nicht gelten lassen würden. Im LIMAS-Korpus (einer etwas veralteten aber immer noch gerne genutzten Textsammlung) gibt es immerhin vier bindestrichlose, nur einen Buchstaben kürzere Wörter: Elek­tri­zi­täts­ver­sor­gungs­unter­neh­men, Ge­schlechts­chro­mo­so­men­kon­stel­la­tion, Kran­ken­ver­sicher­ungs­än­der­ungs­ge­setz und Spar­ten­be­triebs­füh­rungs­ge­sell­schaft.

Es gibt aus sprachwissenschaftlicher Sicht aber keinen Grund, Bindestrich-Wörter aus dem Wettbewerb auszuschließen. Kraft­fahr­zeug-Haft­pflicht­ver­siche­rung ist nach allen sprachwissenschaftlichen Kriterien ein Wort, und wenn wir schon eine orthografische Definition für Wortlänge zugrunde legen, dann können wir es nicht ausschließen, nur, weil es (eher zufällig) nicht Kraft­fahr­zeug­haft­pflicht­ver­siche­rung geschrieben wird (was die Prinzipien der deutschen Rechtschreibung ja zulassen würden). Lassen wir auch Wörter gelten, die mit Bindestrich(en) geschrieben werden, dann liefert das LIMAS-Korpus zwei weitere Treffer mit 36 Buchstaben oder mehr (ohne die Bindestriche selbst mitzuzählen), nämlich Gly­ce­rinal­de­hyd-3-phos­phat-De­hydro­ge­nase, und Ver­suchs-Tho­ri­um-Hoch­tem­pe­ra­tur­reak­tor. Dicht unterhalb dieser Länge finden sich außerdem Durch­strah­lungs-Elek­tro­nen­mi­kro­skop, Er­schließ­ungs­recht-Kos­ten­be­teili­gung, Schräg­len­ker-Dop­pel­ge­lenk­hin­ter­achse, Stan­dard-Schul­kost-Zu­sam­men­stel­lung­en, Trans­mis­sions-Elekt­ro­nen-Mikro­sko­pie, Ven­ti­la­tion-Per­fu­sion-Ver­hält­nis, Vakuum-Mit­tel­fre­quenz-In­duk­tions­ofen und Vor­wärts-wie-rück­wärts-zu-le­sen-Me­tho­de.

Unter einer Wortlängenmessung, die Bindestrichwörter mitzählt, hätte dann übrigens weder der Grund­stücks­ver­kehrs­ge­neh­mi­gungs­zu­stän­dig­keits­über­tra­gungs­ver­ord­nung mit ihren 68 Buchstaben, noch dem nur 64 Buchstaben langen Rind­fleisch­eti­ket­tie­rungs­über­wa­chungs­auf­ga­ben­über­tra­gungs­ge­setz je der Titel „längstes Wort des Deutschen“ gebührt. Der wäre dann nämlich nach meinem aktuellen Kenntnisstand der EG-Ver­brauch­er­schutz­durch­setzungs­gesetz-Er­mäch­ti­gungs­über­tragungs­ver­ord­nung mit beeindruckenden 73 Buchstaben vorbehalten.1

[Nachtrag: Was ich die ganze Zeit schon sagen wollte: Zahlwörter müssen unbedingt ausgeschlossen werden, sonst haben andere Wörter keine Chance. Denn die werden schnell extrem lang und können auch nicht als kreative Spontanbildungen abgetan werden. Im Moment, wo ich diese Zeilen schreibe, beträgt der Schuldenstand der Bundesrepublik Deutschland z.B. zwei­billionen­einhundert­fünf­und­zwanzig­milliarden­ein­hundert­fünf­und­zwanzig­millionen­einhundert­acht­tausend­zwei­hundert­zwei­und­dreißig Euro. Das sind 127 Buchstaben (und die Schulden steigen stetig weiter).]

  1. Dank an @buzerde für den Hinweis []

22 Kommentare

  • Nio hat Folgendes geschrieben:

    Also wenn wir schon chemische Strukturen einbeziehen dürfen, nehme ich die "Gly­ce­rinal­de­hyd-3-phos­phat-De­hydro­ge­nase" und erhöhe um Titin, welches als größtes, bekanntes Protein aus 30.000 Aminosäuren bestehend mit seinem systematischen Namen ca. 190.000 Buchstaben aneinander bindet und sich damit als das längste Wort in jeder Sprache behauptet. Vorausgesetzt man erkennt auch einen solchen Namen als Wort an. 😉

    PS: Alle Infos aus der Wikipedia.

  • Johannes hat Folgendes geschrieben:

    In der Tat hat die Glycerinaldehyd-3-phosphat-Dehydrogenase keine Chance gegen Titin. Man höre und staune:

  • SC hat Folgendes geschrieben:

    Nicht unerwähnt bleiben sollte die Heizölrückstoßabdämpfung. Dieses Isogramm, in dem kein Buchstabe des Alphabets wiederholt wird, insofern man Sonderzeichen (Umlaute und Eszett) als valide Zeichen wertet, kommt immerhin auf stolze 24 Buchstaben. Es ist allerdings ein reines Fantasiewort.
    Quelle: wiki-Artikel zu Isogramm

  • Segantini hat Folgendes geschrieben:

    Nicht zu vergessen der bekannte Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitän, der durch die Rechtschreibreform sogar noch einen Buchstaben hinzugewonnen hat auf jetzt 42. Ob er für seine Tätigkeit wohl ein Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitänspatent braucht?

  • flux hat Folgendes geschrieben:

    Auch interessant das Kormoranvergrämungsabschussgesetz (33 Buchstaben)
    Gelesen in einem Anglermagazin — aus Verzweiflung — während einer langweiligen (nicht Donau-) sonder Maindampfschifffahrt

  • Holger hat Folgendes geschrieben:

    Ein paar Gedanken aus Australien 😉
    http://charuzu.wordpress.com/2013/06/06/long-german-words/

  • Ivan Panchenko hat Folgendes geschrieben:

    "zweibillioneneinhundertfünfundzwanzigmilliardeneinhundertfünfundzwanzigmillioneneinhundertachttausendzweihundertzweiunddreißig"

    Das müsste eigentlich "zwei Billionen einhundertfünfundzwanzig Milliarden einhundertfünfundzwanzig Millionen einhundertachttausendzweihundertzweiunddreißig" geschrieben werden, zieht man also die Orthografie als Kriterium in Betracht, fällt diese Wortverbindung weg.

    Allerdings wurden mehrfach Nomenklaturen entwickelt, denen in Wortlänge keine Grenzen gesetzt sind. Nach Noll ist die 1 000. Potenz einer Million etwa eine "Milliatillion", die 1 000 000. eine "Milliamilliatillion" und so weiter.

    Die Korrektheit des Titin-Wortes darf übrigens angezweifelt werden, dennoch lassen sich in der Natur durchaus Stoffe finden, die selbst dieses Wort übertreffen. Ausführlicher:

    http://de.wiktionary.org/wiki/Benutzer:IvanP/Rekorde#L.C3.A4ngste_chemische_Bezeichnung

    http://de.googologie.wikia.com/wiki/Multillisystem

  • Robert Lautenschläger hat Folgendes geschrieben:

    Um bei der Wissenschaft zu bleiben, die englische Abkürzung HPLC (High Pressure Liquid Chromatographie) kommt im Deutschen auf lockere 36 Buchstaben, nämlich als Hochdruckflüssigkeitschromatographie! Im Kreuzworträtzel wäre sie sogar 37 Buchstaben lang, wegen ü = ue.

  • Detlev Glasmeyer hat Folgendes geschrieben:

    Habe ich jetzt in einem polizeilichen Fahndungsaufruf in der Beschreibung der Tätermasche gelesen:
    Diebstahlssicherungsausgangsalarmauslösungsverhinderungsautomatik / 65 Buchstaben

  • Rainer Landrock hat Folgendes geschrieben:

    Es gibt schon wieder Nachwuchs in der Familie der längsten Worte — ganz aktuell und höchst offiziell:

    Mindestlohndokumentationspflichteneinschränkungsverordnung

  • Felix Bender hat Folgendes geschrieben:

    Die Sammlung der langen Wörter ist interessant, aber die Frage ist: Geht es nicht immer NOCH länger?

    Nehmen wir das Wort aus dem Kommentar vom 2. Februar 2015: "Mindestlohndokumentationspflichteneinschränkungsverordnung".
    Was spricht dagegen, dieses Wort zu verlängern zu: "Mindestlohndokumentationspflichteneinschränkungsverordnungsänderung" oder gar "Mindestlohndokumentationspflichteneinschränkungsverordnungsänderungsantrag" oder "Mindestlohndokumentationspflichteneinschränkungsverordnungsänderungsantragsstellerinnen" und so weiter und so fort.

    Kann es also überhaupt DAS längste deutsche Wort geben?

  • Susanne Flach hat Folgendes geschrieben:

    @Felix: nein, theoretisch natürlich nicht. Das liegt am Wortbildungsprozess Komposition. Siehe auch hier.

  • Frellesen Alexander hat Folgendes geschrieben:

    Dürfen Wörter eigentlich doppelt verwendet werden:
    Bsp.: Antragsstellerinenantragssteller, um auf das Beispiel von Felix Bender einzugehen?

  • Rene hat Folgendes geschrieben:

    Wie wärs mit:
    Rastertransmissionselektronenmikroskop

  • Julian Reber hat Folgendes geschrieben:

    Das längste deutsche Wort gibt es zwar nicht (siehe Beitrag vom 22.2.15) aber es gibt das längste deutsche Wort in dem sich kein Buchstabe wiederholt:
    Heizölrückstoßamdämpfung,
    25 Buchstaben, keiner wiederholt sich
    LOL

  • Julian Reber hat Folgendes geschrieben:

    Hey sorry, hab nen Fehler gemacht: natürlich heißt es
    Heizölrückstoßa B dämpfung…

  • Daniel hat Folgendes geschrieben:

    Das Gesetz zur Steigerung der Attraktivität des Dienstes in der Bundeswehr, kurz Bundeswehr-Attraktivitätssteigerungsgesetz (BwAttraktStG), nichtamtliche Kurzform Bundeswehrattraktivitätssteigerungsgesetz ist ebenfalls mit 41 Buchstaben gut dabei. Das ist auch nicht erfunden sondern Anfang diesen Jahres vom Bundestag beschlossen worden.

  • […] Deutschlands hat ausgedient [5] Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz [6] Bremer Sprachlog [7] Verkehrsinfrastrukturfinanzierungsgesellschaftsgesetz – VIFGG [8] […]

  • Ulrich hat Folgendes geschrieben:

    Wenn auch reichlich spät kann ich auch noch einen Beitrag liefern. In den 1980er Jahren habe ich eine Vorlesung "Sicherheit schneller Reaktoren" an der Uni Karlsruhe gehört, die ein Angestellter des damaligen Kernforschungszentrums gehalten hat. Das längste Wort, das ich mitgeschrieben habe und das in Unterlagen des KFZ auch so abgedruckt wurde, war Kernkraftwerkkühlmittelkreislaufpumpenversagen, das immerhin 46 Buchstaben hat. Davor war das längste Wort, das ich in realer Verwendung kannte, der Landesjugendwohlfahrtausschuss mit "nur" 30 Buchstaben.

    Den nicht mehr real existierenden Donaudampfschiffahrtsgesellschaftskapitän haben wir schon in unserer Jugend spielerisch verlängert zu Formen wie Donaudampfschiffahrtsgesellschaftskapitänsmützenabzeichen u.a.

    Zur Debatte, ob Wörter für untergegangene Sachverhalte noch gelten: Der Duden enthält Zehntausende Wörter für untergegangene Sachverhalte, etwa Kaiser, Ritter, Dinosaurier, Urknall oder Wikinger. Ich habe noch nie gehört, dass diese Wörter irgendwie ungültig seien, etwa beim Scrabblespielen oder so. Schließlich spricht man auch weiter über Dinge, die es heute nicht mehr gibt, man studiert sie (Geschichte), dreht Filme darüber, druckt Bücher dazu.

    Zur Debatte "was gilt als längstes Wort": Natürlich kann man Wörter selbst erfinden, um eine hohe Länge zu erreichen, interessant sind aber doch nur Wörter, die tatsächlich verwendet wurden, und zwar in der Absicht, einen realen Sachverhalt zu beschreiben, nicht aus "Metagründen". Besser noch hat das Wort eine gewisse Verwendung in einer größeren Behörde oder Organisation.

    Wissenschaftliche systemische Benennengen und Nomenklaturnamen, wie sie etwa in der Chemie vorkommen, oder eben Zahlwörter, sind m.E. wieder eine eigene Kategorie. Ob man sie gelten lässt oder nicht ist natürlich auch etwas willkürlich.

  • Franz Heinrich hat Folgendes geschrieben:

    Haustürschlossmacherhandbuchschreiberhonorarübergabestellenleiteruniformkopfglanzlackdosenbeschriftungsmaschieneningeniurausbildungsjahr

  • Pat Souders hat Folgendes geschrieben:

    Ich fand in meine German-English woerterbuch das folgende: Ausserordentlichhochgeschwindigkeitelectronenentwickelnschwerarbeitsbeigollitron.
    Ich bin Amerikaner und weis nichts viel von Deutsche grammatik, so entschuldige mein fehlern.
    Das wort war handgeschrieben auf ein kleines stuck papier, ohne datum, oder von wo es kam. Ich weis auch nichts was es bedeutet.

  • Konrad Dietmann hat Folgendes geschrieben:

    Sehr geehrtes Gremium !
    Mit Interesse verfolge ich immer wieder veröffentliche Launen der deutschen Sprache.Gestern habe ich mir ein Gerät zum "Köpfen" eines Eis gekauft. Darauf stand tatsächlich:
    "Eierschalensollbruchstellenverursacher".
    Ein Bild kann ich gerne dazu schicken.
    Mit freundlichem Gruß!
    Konrad Dietmann

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