Sprachbrocken: Der Verein Deutsche Sprache gegen sich selbst

Von Anatol Stefanowitsch

Wenn es etwas gibt, das der Vere­in Deutsche Sprache noch mehr has­st als die (einge­bildete) Schwemme englis­ch­er Lehn­wörter im Deutschen, dann ist das der ver­meintliche Grund für diese Schwemme: die geopoli­tis­che Vorherrschaft der USA. Von ihrer Amerikafeindlichkeit getrieben haben die Sprach­nör­gler aus Dort­mund den Anti-US-Geheim­di­en­ste-Slo­gan „Yes, we scan“ zur Schlagzeile des Jahres gekürt, und von ihrem Wun­sch nach medi­aler Aufmerk­samkeit hin­geris­sen haben sie ihn der BILD zugeschrieben, die ihn am 10. Juni 2013 als Schlagzeile ver­wen­det hatte.

Dumm nur dass der Slo­gan schon Tage vorher in Form eines Plakats des Blogs Nerd­core im Inter­net kur­sierte, und dass dessen Betreiber von der Preisver­lei­hung gar nicht amüsiert war und das solange öffentlich kund­tat, bis der BILD nichts anderes übrig blieb, als die Ehrung abzulehnen – zumin­d­est, was eben das erst­platzierte „Yes, we scan“ betraf. Völ­lig verzicht­en wollte man auf die Ehrung aber nicht, und ver­lieh sich kurz­er­hand den Sieg auf­grund des zweit­en Platzes:

Den Titel „Schlagzeile des Jahres“ hat BILD (natür­lich) trotz­dem gewon­nen. Denn auch Platz 2 im Wet­tbe­werb (über das Cham­pi­ons-League-Finale Bay­ern gegen Dort­mund) stammt von uns und heißt passender­weise: „Wir gegen uns“.

Dumm nur, dass diese Schlagzeile auch nicht von BILD-Redak­teuren erdacht wurde. Zunächst wurde sie schon am 2.5.2013 vom Berlin­er Kuri­er ver­wen­detdie BILD brachte sie erst am 24.5.2013. Außer­dem fand sich beim Googeln rel­a­tiv schnell eine Ausstel­lung im Haus der Geschichte aus dem Jahre 2010, deren Titel „Wir gegen uns. Sport im geteil­ten Deutsch­land” lautete. Per Twit­ter auf diese Tat­sache hingewiesen kon­terte BILD-Chef Kai Diek­mann aber mit ein­er BILD-Schlagzeile von 1990, die sich auf ein deutsch-deutsches Län­der­spiel bezog und vielle­icht sog­ar umgekehrt den Ausstel­lungs­mach­ern als Inspi­ra­tion gedi­ent haben könnte.

Aber wie gesagt, von BILD-Redak­teuren erdacht ist die prämierte Schlagzeile trotz­dem nicht, und ger­ade beim Vere­in Deutsche Sprache hätte man das wis­sen müssen. Sie stammt näm­lich von keinem gerin­geren als dem großen deutschen Dichter Friedrich Got­tlieb Klop­stock. Und den schätzt man beim VDS so sehr, dass man ihn auf der eige­nen Web­seite mit fol­gen­dem Sinnspruch zitiert:

Verken­nt denn euer Vater­land, undeutsche Deutsche! Ste­ht und gafft mit blöder Bewun­derung großem Auge das Aus­land an! Dem Frem­den, den ihr vorzieht, kam’s nie ein, den Frem­den vorzuziehen. Er haßt die Empfind­ung dieser Kriech­sucht, ver­achtet euch!

Ach, hät­ten die Sprach­schützer ihre Kriech­sucht gegenüber der BILD doch genau­so im Griff gehabt, wie die gegenüber dem amerikanis­chen Feind!

Und bevor jet­zt die Süd­deutsche Zeitung auf die Idee kommt, sich auf­grund der drittplatzierten Schlagzeile „Vere­inigte Stasi von Ameri­ka“, die sie am 11.7.2013 ver­wen­det hat, den Sieg zuzuschreiben: Dieser Slo­gan stammt nicht von der SZ, son­dern von Aktivis­ten, die ihn an die US-Botschaft in Berlin pro­jizierten. Darüber berichtete mit entsprechen­der Schlagzeile die Thüringer All­ge­meine schon zwei Tage vor der SZ und das Piraten­blog „Kom­pass“ sog­ar eine Woche früher.

Im Prinzip ist das ja alles egal, aber es zeigt doch eins ganz klar: Der Vere­in Deutsche Sprache ver­mutet sprach­liche Kreativ­ität sys­tem­a­tisch bei den Falschen. Deshalb has­st man dort die Lehn­wörter, die aus ein­er der lebendig­sten Sprachen der Welt ins Deutsche kom­men, und deshalb wählt man dort Sätze zu Schlagzeilen, die aus dem Inter­net und von gefüh­li­gen Poet­en der deutschen Roman­tik stammen.

14 Gedanken zu „Sprachbrocken: Der Verein Deutsche Sprache gegen sich selbst

  1. KL

    Ohne für BILD oder gar für Amerikafeindlichkeit reden zu wollen, möchte ich zu bedenken geben, dass ja nicht der beste Orig­i­nal­spruch, son­dern eben die beste Schlagzeile gekürt wer­den sollte. Wenn also die BILD (wissentlich oder unwissentlich) ein Klop­stock-Zitat als Über­schrift wählt, macht sie es dadurch erst zur Schlagzeile. Hernn Klop­stock gebührt vielle­icht die Erfind­ung des Spruch­es (wobei das noch nicht erwiesen ist), aber er ver­wen­dete ihn ja nicht als Schlagzeile. Deshalb bin ich der Mei­n­ung, dass the­o­retisch auch ein geklauter Spruch die beste Schlagzeile des Jahres sein könnte.
    (The­o­retisch ist allerd­ings hier ein wichtiges Wort. Der Kri­tik an der Auswahl stimme ich anson­sten zu.)

    Antworten
  2. ben_

    Ich muss seit­dem ich das gestern bei Nerd­core gele­sen haben regelmäßig wieder vor mich hin­kich­ern, wenn ich das lese. Nicht nur erin­nert es mich irgend­wie an diese Karikatur aus dem Geschichts­buch denken. Auch ist es ger­adzu mon­typythonesque, dass der Vere­in “Deutsche” Sprache einen Slogn kührt, der deutsches Wort enthält. Das bedarf schon ganz beson­dere gedanklich­er Beweglichkeit.

    Antworten
  3. janwo

    > Der Vere­in Deutsche Sprache vermutet
    > sprach­liche Kreativ­ität sys­tem­a­tisch bei
    > den Falschen. 

    Die “Sprach­schützer” haben halt _Angst_ (übri­gens ein Ger­man­is­mus im Englis­chen; wie das wohl kommt?) vor sprach­lich­er Kreativ­ität. Und Angst hat man immer vor dem, was man nicht versteht.

    Antworten
  4. Erbloggtes

    Klop­stock!” — Ich erin­nerte mich sogle­ich der her­rlichen Ode, die ihr in Gedanken lag…

    Über­schätzung der Aus­län­der” heißt die betr­e­f­fende Ode (aus: Oden, 1839, S. 255f.), und der VDS hat das “Zitat” ver­mut­lich in ein­er Inter­net­daten­bank wie aphorismen.de recher­chiert, wo es sich eben­so find­et wie beim VDS, obwohl da willkür­liche Aus­las­sun­gen vorgenom­men wur­den, etwa die schöne Strophe:

    Wir spot­ten eures Kampfes nicht;
    Das ist des Mitlei­ds Sprache nicht.
    Unglück­liche sind uns heilig! Traut uns,
    Wir spot­ten nicht.”

    Auch unter Nazis ist das “Zitat” des VDS sehr beliebt, man müsste das mal genau recher­chieren, in welchen Aus­gaben des Nazi-Geschichts­buchs “Die Epochen der deutschen Geschichte” von Johannes Haller der Spruch genau so ver­wen­det wird und Ein­gang in die deutsche “Volk­skul­tur” gefun­den hat.

    Sehr markant finde ich Klop­stocks Wen­dung “undeutsche Deutsche” (oder im Orig­i­nal: “Undeutsche Deutsche!”), mit der er jene meint, die nicht anti­aus­ländisch sind, und sie schließlich als “unglück­lich Und heilig” (wie man damals wohl poli­tisch kor­rek­te Gut­men­schen nan­nte) bemitlei­det (oder doch verspottet?).

    Es hat sich doch wenig geän­dert in den let­zten 230 Jahren.

    Antworten
  5. Pingback: The Scum of the Earth, I believe | anmut und demut

  6. Daniel

    Ach, hät­ten die Sprach­schützer ihre Kriech­sucht gegenüber der BILD doch genau­so im Griff gehabt, wie die gegenüber dem amerikanis­chen Feind!”

    Hm, stützt sich die Kriech­sucht gegenüber der BILD nur auf diesen ver­liehenen Dop­pelsieg oder ist das ein wiederkehren­des Schema? Ist natür­lich satirisch gemeint, da darf man etwas übertreiben.

    Aber was ist mit Kriech­sucht “gegenüber dem amerikanis­chen Feind” gemeint?

    ben und gnad­drig haben völ­lig zu recht bemerkt, dass in “Yes, we scan” wenig Deutsches ist. Ich denke, das zeigt sehr schön, dass der VDS nichts gegen Englisch hat, son­dern gegen die Unter­wan­derung des Deutschen durch das Englische.

    Der VDS war bei der Recherche schlampig, wofür man ihm mit dem Klop­stock auf die Fin­ger klopfen kann. Aber zuviel Aufhebens ver­di­ent die Sache auch nicht. Wer von uns war denn nicht auch schon schlampig?

    Antworten
    1. Anatol Stefanowitsch Beitragsautor

      Der VDS war bei der Recherche schlampig, wofür man ihm mit dem Klop­stock auf die Fin­ger klopfen kann. Aber zuviel Aufhebens ver­di­ent die Sache auch nicht. Wer von uns war denn nicht auch schon schlampig?

      So in der Art? „Die Schlagzeile des Jahres ist neben unser­er Deutschtümelei und Anglizis­men­jagd als altern­der Sprach­nör­glervere­in in mühevoll­ster Kleinar­beit ent­standen und sie enthält fra­g­los Fehler. Und über jeden einzel­nen dieser Fehler sind wir selb­st am unglück­lich­sten. Es wurde allerd­ings zu keinem Zeit­punkt bewusst getäuscht oder bewusst die Urhe­ber­schaft nicht ken­ntlich gemacht. Eigentlich war das eine Patch­workar­beit, die sich am Ende auf min­destens 80 Daten­träger verteilt hat. Sollte sich jemand hier­durch oder durch unangemessenes Ein­schme­icheln bei der Bild-Zeitung oder ver­säumte Recherche der ein­fach­sten Tat­sachen bei ins­ge­samt 3 Schlagzeilen in 1 Presseerk­lärung ver­let­zt fühlen, so tut uns das aufrichtig leid.“

      Antworten
  7. Don Bartolo

    Klop­stock wird aber i.A. als Vor­re­it­er des Sturm und Drang gese­hen; ein Vertreter der Roman­tik ist er jeden­falls nicht.

    Antworten
  8. Klaus Müller

    Ein Vere­in für Deutsche Sprache, der einen kom­plett englis­chsprachi­gen Text zur deutschen Über­schrift des Jahres erk­lärt, führt sich selb­st ad absur­dum und sollte sich auflösen.

    Antworten
  9. grins

    Es ist schon ein paar Jahre her, in der Zeit als man noch nicht mit Googlemaps sich den gewün­scht­en Auss­chnitt eines Stadt­plans des Zielortes aus­druck­te, wenn man mit dem ÖPNV unter­wegs war. Ich stieg in Mannheim aus dem Zug und brauchte einen Stadt­plan. Also habe ich einen im Bahn­hof­skiosk gekauft. Im Bahn­hof­skiosk erwarb ein Herr vor mir in der Schlange die aktuelle Aus­gabe des Fach­blattes für beson­ders deutschen Auto­erotik­er: die Nation­alzeitung. Meine Fußstrecke war eine andere als seine. Aber ich traf ihn wieder: hin­ter einem Stand des „Vere­in für Deutsche Sprache“ in der Fußgänger­zone. Seit diesem Erleb­nis mag ich Adornos Satz „Fremd­wörter sind die Juden der Sprache“ noch mehr.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar zu gnaddrig Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.