Kandidatinnen für den Anglizismus des Jahres 2013: Cyber–

Schon im let­zten Jahr war mit -gate neben ein­er Rei­he von Wörtern auch ein Affix für den Anglizis­mus des Jahres nominiert, also ein Wort­bil­dungse­le­ment, das nicht (oder nicht vor­rangig) alleine ste­ht, son­dern an ein existieren­des Wort ange­fügt wird, um ein neues abzuleit­en. In diesem Jahr sind gle­ich drei Affixe auf der Short­list: das Suf­fix -gate als Wiedergänger, und erst­mals nominiert die Prä­fixe Fake– (von Susanne hier disku­tiert und Cyber–. Um let­zteres geht es in diesem Beitrag.

Als eigen­ständi­ger Wortkan­di­dat ist Cyber- zwar neu nominiert, aber das Prä­fix war schon 2011 qua­si als Beifahrer der Wörter Cyberwar/Cyberkrieg mit im Ren­nen. Damals kon­nte ich zeigen, dass diese Wörter, obwohl sie manchen vielle­icht zu alt erschienen, erst in den Jahren 2010–2011 einen Häu­figkeit­sanstieg erfuhren, der auf eine Ver­wen­dung außer­halb klein­er spezial­isiert­er Grup­pen hin­wies. Die Wörter waren also ern­sthafte Anwärter auf den Titel, schafften es am Ende aber wed­er in der Pub­likumsab­stim­mung noch in der Entschei­dung der Jury unter die Top 3.

Die Frage, ob das Prä­fix Cyber- neu genug ist, um im laufend­en Jahr eine Chance auf den Titel zu haben, lässt sich deut­lich schw­er­er beant­worten, denn im Falle eines Affix­es zählt ja für die Frage der Ver­bre­itung nicht so sehr das erste Auftreten eines Wortes oder die Gesamthäu­figkeit aller Wörter, in dem bzw. in denen es enthal­ten ist. Vielmehr ist entschei­dend, wie pro­duk­tiv das Affix zur Bil­dung von Wörtern einge­set­zt wird und wie sich diese Pro­duk­tiv­ität entwick­elt hat. Auf diese Frage werde ich mich konzen­tri­eren, aber natür­lich erst, nach­dem ich die Vorgeschichte des Prä­fix­es Cyber- im Englis­chen gek­lärt habe (wer an der nicht inter­essiert ist, kann den fol­gen­den Abschnitt über­sprin­gen).

Englische Vorgeschichte

Das Ele­ment Cyber– ist im Englis­chen erst­mals 1948 als Teil des Wortes Cyber­net­ics belegt im gle­ich­nami­gen Buch des Math­e­matik­ers Nor­bert Wiener belegt:1

We have decid­ed to call the entire field of con­trol and com­mu­ni­ca­tion the­o­ry, whether in the machine or in the ani­mal, by the name Cyber­net­ics.

Zu diesem Zeit­punkt kann man es aber nicht als Prä­fix betra­cht­en: Es ori­en­tiert sich am griechis­chen Wort kybernētēs („Steuer­mann“), das sein­er­seits vom Verb kyber­naō („steuern“) abgeleit­et ist. Cyber­net- ist in Cyber­net­ics also eher der Wort­stamm, an den die Suf­fixe –ic und -s ange­hängt sind.

Als Prä­fix ist Cyber– im Englis­chen erst später, näm­lich seit den den 1960er Jahren zu find­en, sowohl in reg­ulär gebilde­ten Sub­stan­tiv­en und Adjek­tiv­en, bei denen Prä­fix und Wort­stamm voll­ständig bleiben, als auch in soge­nan­nten Kof­fer­wörtern, bei denen nur Teile des Prä­fix­es und/oder Wort­stammes über­nom­men wer­den. Beispiele sind cyborg (1960), cyber­nate (1962), cyber­na­tion (1962), cyber­cul­tur­al (1963), cyber­cul­ture (1963), cyber­naut (1965), cyber­noc­ra­cy (1965), cyber­man (1966) und cyber kid (1966).

In all diesen Wörtern hat es die Bedeu­tung, die ihm Nor­bert Wiener 1948 gegeben hat: Es bezieht sich auf Steuerungssys­teme und eng ver­wandte Konzepte wie Robot­er und Men­sch-Robot­er-Hybride. Auch in dem 1975 von dem Infor­matik­er Fred­er­ick John Mur­ray Laver geprägten Wort cyber­land, das ja schon sehr nach dem gle­ich näher zu disku­tieren­den cyber­space klingt, hat es noch diese ursprüngliche Bedeu­tung:

When to indus­tri­al and com­mer­cial automa­tion we add the automa­tion of gov­ern­ment, men and women will fall out­side the con­trol loops, and we could become redun­dant ciphers in cyber­land.)

Die Bedeu­tung von Cyber– ver­schiebt sich dann spätestens seit den frühen 1970er Jahren weg von der Bedeu­tung „mit Steuerungssysteme/Robotern zusam­men­hän­gend“ hin zu ein­er all­ge­meineren Bedeu­tung „mit Com­put­ern zusam­men­hän­gend“. Die erste klare Ver­wen­dung dieser Art stammt von Kun­sthis­torik­er Adri­an Rogoz, der 1970 das Wort cyber­art für com­put­er­gener­ierte Kun­st ver­wen­det, und die Philosophin Flo­rence M. Het­zler prägt 1978 das Wort cyber­sphere als Ober­be­griff für mul­ti­me­di­ale Präsen­ta­tions­for­men ein­schließlich des Com­put­ers. Seit 1981 find­en sich die Wörter cyber­pho­bia und cyber­phobe als Beze­ich­nun­gen für die Angst vor Com­put­ern und die Men­schen, die von dieser Angst befall­en sind.

In den Werken des Sci­ence-Fic­tion-Autors William Gib­son ver­schiebt sich die Bedeu­tung des Prä­fix­es cyber- dann in dem Wort cyber­space weit­er, näm­lich weg vom Com­put­er und hin zu den simulierten, virtuellen Räu­men, die durch die Ver­wen­dung von Com­put­ern eröffnet wer­den. Die erste bekan­nte Ver­wen­dung des Wortes stammt aus Gib­sons Kurzgeschichte „Burn­ing Chrome“:

I knew every chip in Bobby’s sim­u­la­tor by heart; it looked like your worka­day Ono-Sendai VII, the ‘Cyber­space Sev­en’, but I’d rebuilt it so many times that you’d have had a hard time find­ing a square mil­lime­tre of fac­to­ry cir­cuit­ry in all that sil­i­con.

Mit dieser neuen Bedeu­tung hat das Prä­fix dann einen erstaunlichen Siegeszug ange­treten. Das Oxford Eng­lish Dic­tio­nary nen­nt die in schneller Folge entste­hen­den Wörter cyber­cu­bi­cle (1982), cyber­space (1982), cyber­punk (1983), cyber­friend (1986), cyberspa­tial (1988), cyber­cop (1989), cyber­porn (1989), cyber­se­cu­ri­ty (1989), cyber­crime (1991), cyber­life (1991), cyber­sex (1991), cyber­s­peak (1991), cyber­store (1991), cyber­world (1991), cybrar­i­an (1991), cyber (1992), cyber-romance (1992), cyber-thriller (1992), cyber­age (1992), cyberbabe (1992), cyber­crook (1992), cyber­fem­i­nism (1992), cybergeek (1992), cyber­law (1992), cyber­war (1992), cyber school (1993), cyber­cash (1993), cyber­chon­dri­ac (1993), cyber­com­mu­ni­ty (1993), cyber­crim­i­nal (1993), cyber­mall (1993), cyber­pet (1993), cyber­shop (1993), cyber­sighs (1993), cyber­slack­er (1993), cybersmut (1993), cyber­surf (1993), cyber­surfer (1993), cybert­er­ror­ist (1993), cybrary (1993), cyber-affair (1994), cyber-bul­ly (1994), cyber­café (1994), cyber­fem­i­nist (1994), cyber­hick (1994), cyber­jour­nal­ist (1994), cyber­lib­er­tar­i­an (1994), cyber­shop (1994), cyber­shop­per (1994), cyber­snob (1994), cyber­stalk­ing (1994), cyber­stalk­er (1994), cyber­surf­ing (1994), cybert­er­ror­ism (1994), cyber­war­fare (1994), cybrid (1994), cyber­squat­ter (1995), cyber-attack (1996), cyber­slack­ing (1996), cyber­squat­ting (1996), cyber­squat (1998), cyber-fran­chis­ing (1999) und cyber-lover (2007).

Entlehnung und Entwicklung im Deutschen

Im Deutschen gibt es zwei Vari­anten des Prä­fix­es: die ältere (auf Steuerungssys­teme bezo­gene) hat die eingedeutschte Form Kyber– und kommt im Prinzip nur in der Wort­fam­i­lie KYBERNETIK vor (also Kyber­netik, kyber­netisch, Kybernetiker/in, kybernistisch). Es gibt zwar vere­inzelte Ver­suche, Kyber– auch in der neueren Bedeu­tung zu ver­wen­den (z.B. in Kyberken­ner, Kyber­pho­bie, Kyber­punks), aber die machen nicht mehr als ein paar Dutzend im Deutschen Ref­eren­zko­r­pus aus (die Wort­fam­i­lie KYBERNETIK hat dage­gen mehr als 2500 Tre­f­fer).

Für die neue Bedeu­tung („auf virtuelle Räume bezo­gen“) wird dage­gen die Vari­ante Cyber– ver­wen­det, die über die Entlehnung des Wortes Cyber­space in die deutsche Sprache gelangt ist. Neben­bei bemerkt zeigt die erneute Entlehnung von Cyber- wieder ein­mal, dass Lehn­wörter (und Lehn-Affixe) keineswegs zu ein­er Ver­ar­mung des Wortschatzes führen, son­dern häu­fig zu ein­er Aus­d­if­feren­zierung und damit Bere­icherung: Im Englis­chen ist das Prä­fix Cyber– dop­peldeutig und kann sich entwed­er auf Steuerungssys­teme oder auf virtuelle Räume beziehen. Im Deutschen wer­den die bei­den Bedeu­tun­gen dage­gen klar unter­schieden, Cyber– bezieht sich nur auf let­ztere.

Nach sein­er Entlehnung ins Deutsche hat Cyber– eine weit­ere Bedeu­tungsen­twick­lung durch­laufen, allerd­ings nicht hin­sichtlich sein­er deno­ta­tiv­en Bedeu­tung (also dessen, was es beze­ich­net), son­dern hin­sichtlich sein­er kon­no­ta­tiv­en Bedeu­tung (also der Bew­er­tung des Beze­ich­neten). Das Prä­fix Cyber– scheint näm­lich ins­ge­samt über­wiegend neg­a­tiv kon­notiert: von den zehn häu­fig­sten Wörtern sind außer dem Ursprungswort Cyber­space nur zwei neu­tral (Cyber­sex, Cyber­welt), während sechs klar mit der Idee des Inter­net als Gefahr assozi­iert sind (Cyber­mob­bing, Cyberkrim­ineller, Cyber­at­tacke, Cyberan­griff, Cyberkrim­i­nal­ität und Cyberkrieg).

Inter­es­san­ter­weise war aber diese Kon­no­ta­tion nicht von Anfang an vorhan­den: Sieht man sich nur die Wörter an, die im Zeitraum 1990–1999 häu­figer waren als im Zeitraum 2004–2013, so fällt auf, dass die Liste durchgängig aus neu­tralen Wörtern beste­ht. Die zehn häu­fig­sten Wörter sind dabei Cyber­space, Cyber­cash, Cyber­punk, Cyber­sex, Cyber­welt, Cyber­café, Cyber­ware, Cyber­naut und Cyber­star; das erste ansatzweise neg­a­tive Wort ist Cyberver­wirrte auf Platz 64, die eizigen Wörter unter den Top 100, die das Inter­net als Gefahr darstellen, sind Cyber­pa­trol (Platz 69) und Cyber­polizei (Platz 84).

Ein völ­lig anderes Bild bietet die Liste der Wörter, die im Zeitraum 2004–2013 häu­figer waren als in den 1990er Jahren. Hier sind die häu­fig­sten zehn Wörter Cyber­mob­bing, Cyber­at­tacke, Cyberkrim­ineller, Cyberan­griff, Cyber­net­ics, Cyberkrim­i­nal­ität, Cyberkrieg, Cyber­cop, Cyber­war und Cyber­sicher­heit – das einzige neu­trale Wort ist also das Lehn­wort Cyber­net­ics mit der alten Bedeu­tung von Cyber- (die im Deutschen über­wiegend durch Kyber– aus­ge­drückt wird, während alle anderen Wörter sich auf das Inter­net als Ort von Angrif­f­en oder krim­inellen Aktiv­itäten beziehen. Der Rest der Liste sieht ähn­lich aus – auf den näch­sten zwanzig Plätzen find­en sich nur sechs neu­trale Wörter (Cybernar­i­um, Cyber­raum, Cyber­brille, Cyber­dream, Cyber­spoon, cyber­physikalisch), der Rest ist neg­a­tiv kon­notiert (Cyber­ab­wehrzen­trum, Cybers­pi­onage, Cyber­bul­ly­ing, Cyber­crime, Cybert­er­ror­is­mus, Cyber­gang­ster, Cyberkrieger, Cyber­waffe, Cybert­er­ror­ist, Cyber­groom­ing, Cyber­squat­ting, Cyber­ab­wehrzen­trums, Cybert­er­ror, und Cyber­ab­wehr).

Die Ver­schiebung von ein­er neu­tralen zu ein­er neg­a­tiv­en Kon­no­ta­tion zeigt sich auch, wenn man sich die Häu­figkeit­sen­twick­lung der zehn ins­ge­samt häu­fig­sten Wörter ansieht:

Die zehn häufigsten Wörter mit Cyber- von 1994-2013 in deutschen Zeitungen (Teilkorpus des Deutschen Referenzkorpus)

Die zehn häu­fig­sten Wörter mit Cyber- von 1994–2013 in deutschen Zeitun­gen (Teilko­r­pus des Deutschen Ref­eren­zko­r­pus)

Hier dominiert zunächst Cyber­space, mit weit­eren Häu­figkeitsspitzen für Cyber­punk und Cyber­cash, dann übern­immt Cyber­mob­bing und qua­si in seinem Schat­ten steigt die Häu­figkeit ander­er neg­a­tiv kon­notiert­er Wörter.

Wie sieht es nun mit der oben ange­sproch­enen Pro­duk­tiv­ität von Cyber– aus, also mit der Frage, wie inten­siv das Prä­fix tat­säch­lich zur Bil­dung neuer Wörter einge­set­zt wird? Um das zu bes­tim­men, reicht es natür­lich nicht, nachzuse­hen wie häu­fig das Prä­fix ins­ge­samt auftritt, denn eine hohe Häu­figkeit kön­nte im Extrem­fall ja sowohl an ein­er Vielzahl ver­schieden­er Wörter liegen, die je für sich genom­men sehr sel­ten sind, als auch an einem einzi­gen Wort, das sehr Häu­fig ist. Nur ersteres würde natür­lich auf eine hohe Pro­duk­tiv­ität hin­weisen. Man ermit­telt in der Mor­pholo­gie zur Bes­tim­mung der Pro­duk­tiv­ität deshalb nicht ein­fach die Gesamthäu­figkeit eines Affix­es (die soge­nan­nte Token­häu­figkeit), son­dern auch die Anzahl ver­schieden­er Wörter, in denen das Affix vorkommt (die soge­nan­nte Typen­häu­figkeit). Ein ein­fach­es Pro­duk­tiv­itäts­maß ist dann das Ver­hält­nis von Typen zu Token.

In der fol­gen­den Grafik sind sowohl die reine Token­häu­figkeit (in Blau) als auch das Typen-zu-Token-Ver­hält­nis (in Gelb) dargestellt, und zwar Jahresweise berech­net von 1994–2013 (außer­dem sind eine Rei­he weit­er­er Maßzahlen enthal­ten, auf die ich gle­ich einge­hen werde).

Produktivität des Präfixes Cyber–

Pro­duk­tiv­ität des Prä­fix­es Cyber–

Die Entwick­lung der Token­häu­figkeit scheint mir etwas mit der oben angedeuteten Bedeu­tungsen­twick­lung zu tun zu haben: Anfangs waren die neu­tralen Cyber-Wörter sehr häu­fig, dann wur­den diese durch andere Wörter erset­zt und ver­schwan­den langsam, dann kam eine neue Welle von Cyber-Wörtern mit neg­a­tiv­er Bedeu­tung. Über die Pro­duk­tiv­ität sagt das zunächst aber nichts. Die gelbe Lin­ie zeigt nun ein Prob­lem der Mes­sung per Typen-Token-Vehält­nis: diese Maßzahl reagiert sehr empfind­lich auf Schwankun­gen der Token­häu­figkeit und kann deshalb nur bed­ingt ver­wen­det wer­den, um Zeiträume mit stark unter­schiedlich­er Token­häu­figkeit miteinan­der zu ver­gle­ichen.

Das­selbe gilt für die in Grün dargestell­ten „Hapaxe“ – das sind Wörter, die in einem bes­timmten (Teil-)Korpus nur ein einziges Mal vorkom­men. Der Anteil von Hapax­en mit einem bes­timmten Prä­fix am Gesamtvorkom­men von Wörtern mit diesem Prä­fix wird eben­falls häu­fig als Pro­duk­tiv­itäts­maß ver­wen­det, ist aber eben­falls stark abhängig von der Token­häu­figkeit.

Bei­de Werte, Typen-Token-Ver­hält­nis und Hapax-Ver­hält­nis scheinen eher für eine abnehmende Pro­duk­tiv­ität in den let­zten zehn Jahren zu sprechen. Um ein Maß zu haben, das gegenüber der Token­häu­figkeit unempfind­lich ist, habe ich aber außer­dem für jedes Jahr die die Anzahl neuer Typen im Ver­hält­nis zur Gesamtzahl der in diesem Jahr ver­wen­de­ten Typen berech­net (in Orange dargestellt). Hier zeigt sich ein Anstieg ab 2005, aber ein erneuter Abfall ab 2011, auch hier scheint es also mit der Pro­duk­tiv­ität abwärts zu gehen.

Da es sich bei Cyber– aber um ein Lehn-Affix han­delt, muss ein wichtiger Aspekt bedacht wer­den: Es wer­den nicht nur neue Wörter mit dem Affix im Deutschen gebildet, son­dern es wer­den auch weit­er­hin Wörter mit diesem Affix aus dem Englis­chen entlehnt. Das eigentlich entschei­dende Maß für die Pro­duk­tiv­ität des Affix­es im Deutschen ist deshalb die Anzahl von Wörtern, die das Prä­fix Cyber- aber einen deutschen Wort­stamm haben – denn diese sind ja ein­deutig nicht entlehnt son­dern im Deutschen ent­standen. Die Anzahl von neuen Typen mit deutschem Stamm im Ver­hält­nis zu allen in einem bes­timmten Jahr ver­wen­de­ten Typen ist in Dunkel­rot dargestellt, und zeigt drei Spitzen: Eine 1999, eine 2004 und eine beson­ders deut­liche in 2013.

Fazit

Bei der Pro­duk­tiv­ität von Cyber- ergibt sich ein etwas gemis­cht­es Bild: Die reine Pro­duk­tiv­ität scheint in den let­zten Jahren ten­den­ziell abzunehmen. Die Pro­duk­tiv­ität mit deutschen Wort­stäm­men nimmt aber zu, was auf eine stärk­er wer­dende Inte­gra­tion des Affix­es in den deutschen Wortschatz hin­deutet. Cyber- ist somit ein beson­ders deut­lich­es Beispiel für einen aktuell beobacht­baren Trend, bei dem englis­che Lehn­wörter nicht ein­fach nur immer größeren Teil des deutschen Wortschatzes aus­machen, son­dern bei dem sie vor allem begin­nen, sich wie ein natür­lich gewach­sen­er Teil des Sprach­sys­tems zu ver­hal­ten.

Für die zunehmende Inte­gra­tion des Prä­fix­es Cyber- in die deutsche Sprache spricht auch die klare Bedeu­tungsverän­derung, die es erfahren hat. Wie oben dargestellt diente es zunächst nur dazu, neu­trale Wörter für Dinge zu find­en, die mit den (für die meis­ten Men­schen) neuen Tech­nolo­gien des Inter­net zu tun hat­ten. Dage­gen dient es in sein­er neuen Inkar­na­tion dazu, Wörter für bedrohliche Aspek­te des Inter­nets zu for­men.

Neben dem klaren Häu­figkeit­sanstieg von Wörtern mit Cyber– sind die zunehmende Inte­gra­tion sowie die Bedeu­tungsver­schiebung ein klar­er Hin­weis darauf, dass es sich bei dem Prä­fix trotz seines Alters um ein dynamis­ches und aktuelles sprach­lich­es Phänomen han­delt. Ich halte es deshalb für einen sehr viel stärk­eren Kan­di­dat­en, als es vielle­icht zunächst den Anschein hat­te.

  1. Der fol­gende Abschnitt übern­immt wesentliche Teilen aus meinem Beitrag Cyber­wörter von 2011. []

4 Gedanken zu „Kandidatinnen für den Anglizismus des Jahres 2013: Cyber–

  1. hext

    -> “Die Bedeu­tung von Cyber– ver­schiebt sich dann spätestens seit den frühen 1970er Jahren weg von der Bedeu­tung „mit Steuerungssysteme/Robotern zusam­men­hän­gend“ hin zu ein­er all­ge­meineren Bedeu­tung „mit Com­put­ern zusam­men­hän­gend“.

    Das hat vielle­icht damit zu tun, dass ein­er der ersten Hochleis­tungsrech­n­er (nach dama­li­gen Maßstäben), hergestellt von der Fir­ma CDC, den Namen “Cyber” führte. Wer damals im sci­en­tif­ic com­put­ing mit main­frames zu tun hat­te, kan­nte diesen Namen.

  2. Detlef Borchers

    Schöne Darstel­lung, mit Schwächen in der deutschen Adap­tion. Man denke nur an das wun­der­bar dop­peldeutige Wort Rotzky­bel der 68er = Rote Zelle Kyber­netik und Elek­trotech­nik in Berlin (die auf Basis des Intel 4040 einen Volkscom­put­er entwick­elte, ziem­lich genau vor 40 Jahren).

  3. Martin Kliehm

    In mein­er Wahrnehmung ist “Cyber” ein ziem­lich antiquiert­er Begriff. In den ersten Jahren des deutschen Inter­nets Mitte der 1990er Jahre ver­wen­de­ten viele Insid­er und Tech­nolo­gie-Mag­a­zine den coolen Begriff “Cyber­space” in Anlehnung an die Romane von William Gib­son.

    Heute ver­wen­den ihn nur noch Politiker*innen, die noch nicht mit­bekom­men haben, dass “Cyber” vor 20 Jahren mal cool war. Natür­lich ist das ein Zeichen dafür, dass ein Szenebe­griff von den Ear­ly Adoptern jet­zt nicht nur in der Mitte der Gesellschaft, son­dern sog­ar bei den Techno­phoben angekom­men ist. Es ist aber auch ein Anze­ichen, dass diese poli­tis­che Gruppe heute die Deu­tung­shoheit besitzt. 🙁

    BTW: Gestern habe ich auf der Rück­bank eines Busses gele­sen “Wer hier sitzt ist dumm ^^”, kom­men­tiert mit “LOL” und “:-)” und noch ein paar Sätzen. Das war das erste Mal, dass ich außer­halb von elek­tro­n­is­chen Medi­en in handgeschriebe­nen Edding-Tags fort­geschrit­tene Emoti­cons wie ^^ gese­hen habe! Lei­der war mein Akku leer, son­st hätte ich es fotografiert.

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