Kandidaten für den Anglizismus des Jahres 2013: Selfie

Selfie, das digitale Selbstportrait, das sich in den letzten Jahren aufgrund der technischen Verfügbarkeit von Smartphones und sozialen Netzwerken als Verbreitungskanäle zu einem Massenphänomen entwickelt hat — kulturell und linguistisch ist das mal wirklich voll 2013.

Die Würdigung des Phänomens sollte deshalb auch nicht lange auf sich warten lassen. Nachdem die Oxford Dictionaries Selfie in England zum Wort des Jahres gekührt haben (was auch in Deutschland einiges an Presse-Echo nach sich zog), stand es bei der American Dialect Society vor der Wahl zum Word of the Year gleich mehrfach auf der Shortlist. Außerdem wurde Selfie zum niederländischen Woord van het Jaar gewählt. Und Juryvorstand Anatol war sich in einem AdJ-Interview mit detektor.fm sicher, dass Selfie auch bei uns eine große Rolle spielen würde. Voilà.

Selfie wird häufig definiert als Selbstportrait, das man mit dem Smartphone aufnimmt und anschließend in sozialen Netzwerken teilt. Selfies sind aber mehr als klassische malerische oder fotografische Selbstportraits — sie transportieren immer auch eine weitergehende Botschaft. Die Inszenierung des Ichs, des Wirs, des Egos, der Individualität — Kritikerinnen gehen sogar noch weiter und diskutieren es im Licht eines modernen, digitalen Narzissmus. Die kulturelle Relevanz des Selfies rief im Laufe des Jahres 2013 auch Feuilleton und Kulturredaktionen auf den Plan. So suchte die FAZ im August unter „Ich knipse, also bin ich“ nach der tiefenpsychologischen Aussagekraft des Selfies. In kulturhistorischen Blogs wurde diskutiert, ob die Werke Albrecht Dürers, Meister des Selbstportraits, auch als Selfies durchgehen (Ergebnis: nicht abwegig). Selfies im digitalen Stil sind demnach lediglich Ausdruck einer neuen Form der Selbstpräsentation, unter Zurhilfenahme technischer Möglichkeiten, nicht notwendigerweise Ausdruck einer zunehmend egozentrischeren Gesellschaft.

Vielmehr haben wir irgendwie ein Kontinuum von Selbstportrait zu Selfie, denn letztendlich ist jedes Selbstportrait ein Selfie und jedes Selfie ein Selbstportrait (mal ein bisschen weniger und mal ein bisschen mehr vom einen oder dem anderen). Und wie blöd klänge es denn, wenn jemand sagen würde: „Kannst mal n Foto von mir machen? Ich brauche ein neues Profilbild bei $sozialesNetzwerk“.

Die Botschaften reichen von ich bin cool, ich bin müde, ich bin spontan, ich mit meinem Hund, ich mit meinem neuen Oberteil, ich mit meinem blauen Augeich vor der Basilika|dem weißen Haus|dem Kilimandscharo, ich hab dasunddasundX angestellt oder ich durch den Spiegel (voll meta!). Es ist eine Mischung aus das bin ich und XY was here, dem „How are you feeling?“-Generator bei Facebook und dem ich hab euch was mitzuteilenSelfies werden auch zu gänzlich unegoistischen Protest– und Sympathiebekundungen eingesetzt (krakelige Botschaft auf weißem Zettel, oft mit entsprechender Gestik und Mimik), wie jüngst unter #ProtestSelfie im Zusammenhang mit #NotAMartyr, dem Protest gegen die politische Ausschlachtung des Tods eines Syrischen Jugendlichen. Was Fotos auf dem Kontinuum von Selbstportraits und Selfies in ihren bunten Erscheinungsformen eint, ist die Dokumentation einer selbstreferenziellen Momentaufnahme — und das ist so alt, wie die Fotograf-, hm, die Malerei-, hm, wie die Idee von der Dokumentation der selbstreferenziellen Momentaufnahme. Form, Verbreitung, Benennung und Masse sind neu.

Die gesellschaftliche Relevanz der Selfies ist offensichtlich:

Ich schweife ab.

Das Wort Selfie ist eine Verkürzung von self portrait. In der Linguistik klassifiziert man solche Bildungen als Hypokoristika, womit Kurzwörter bzw. Kosenamen bezeichnet werden; als Unterklasse der Verkleinerungsformen (Diminutiva). Anders als „normale“ Diminutive, wie sie etwa mit –chen gebildet werden und aus größerem etwas kleineres machen, werden Hypokoristika überwiegend mit Eigennamen in Verbindung gebracht. Im Fall von Selfie allerdings kann die Bildung ziemlich zielsicher auf ein sehr produktives Muster vor allem im Australischen Englisch zurückgeführt werden, wo zweisilbige Kurzwörtern wie Selfie meist auf –ie/-o so systematisch und charakteristisch für die Varietät sind, dass sich Hypokoristika deutlich von reinen Kosenamen oder Verniedlichungsformen abgrenzen lassen: arvo (‚afternoon‘), sickie (‚sick day‘), maccas (‚McDonald’s‘), pressie (‚present‘), chalkie (,teacher‘) oder journo (‚journalist‘), um nur ein paar Beispiele zu nennen, ergänzen die Anwendungsbereiche jenseits von Johnno (‚John‘) oder suz (‚Susanne‘).

So war der Ursprung von selfie anscheinend auch schnell ausgemacht: die Oxford Dictionaries, die sich ja traditionell mit Erstbelegen auskennen, geben (offenbar mit Hilfe eines Mitglieds der ADS-Mailingliste) den Erstbeleg 2002 in einem Onlineforum des Senders ABC, in dem Nutzer „Hopey“ (Nathan Hope, surprise!) das Ergebnis seiner nächtlichen Sauftour mit einem unscharfen Selbstportrait in die Welt trug. Daraus wurde Hope im Pressehype um Selfie im letzten November schnell zum linguistischen Schöpfer des Selfie (und, je nach journalistischer Glanzleistung, Ausdruck nicht von Konzept trennen zu können, sogar zu seinem kulturellem Erfinder! Ergo I: Ausdruck ≠ Konzept).

Als linguistische Ausdrucksform ist Selfie so neu, dass es weder im OED, noch in einem Korpus verzeichnet ist.1 Das ist einerseits erstaunlich, zeigt aber auch deutlich, wie 2013 das Phänomen wirklich ist. Im GloWbE-Korpus, das aus Webdaten von 20 Varietäten des Englischen zusammengesetzt ist, finden sich immerhin 205 Belege für selfie|selfies|selfy, von denen 152 im Australischen Englisch vorkommen:

selfie_glowbe

selfie im Corpus of Global Web-based English (GloWbE) http://corpus2.byu.edu/glowbe/

Für GloWbE wurden die Daten 2012–2013 gesammelt und aufbereitet, allerdings ist aus den Metadaten schwer zu erkennen, ob auch Texte aus 2013 vorhanden sind; die Quellen, die sich aufgrund der URL zuordnen lassen, stammen vermutlich fast alle von 2012.2 Man sieht aber: der sicherlich immer schon globale Trend zum Selfie war zumindest linguistisch in Australien deutlich früher Mainstream, als anderswo. Ich bin entzückt — ein Australismus! (Wobei der kulturelle Trend unzweifelhaft ein globalisiertes, geografisch nicht eingrenzbares Phänomen ist.)

Und auch bei der linguistischen Verzückung über Selfie mahnte Ben Zimmer die Journalistinnen dann auch (vergeblich, offenbar) zur Vorsicht — die Tatsache, dass wir etwas irgendwo zuerst belegt sehen, heißt keinesfalls, dass wir die Schöpferin gefunden haben. Vielmehr ist die Verschriftlichung quasi die Zeugin eines bereits gesprochensprachlich etablierten Gebrauchs im weiteren Umfeld des Erstbelegs — was Hopey bestätigt (Ergo II: Erstbeleg ≠ Urheberin):

It was not a word I coined. It was something that was just common slang at the time, used to describe a picture of yourself.

(‚Ich habe das Wort nicht erfunden. Es war etwas, was damals einfach eine gebräuchliche Bezeichnung für ein Bild von sich selbst.‘).

Wenn also bereits das Feuilleton und die Kulturkritik sich dem Selfie annimmt, jede von uns bestimmt schon mal eins gemacht hat (es geht ja nicht ums ob, sondern ums wie und ums wie oft), wir aber vor Mitte 2013 kaum Belege finden, muss es ja total 2013 sein. Suchanfragestatistiken belegen dies. Auch die Jury für das englische Wort des Jahres vermeldet, dass die Frequenz von Selfie in ihrem Korpus im Jahr 2013 um 17.000% (sic) zugenommen hat. (Wobei Selfie, im Gegensatz zu Thigh Gap, als Konzept schon sehr lange besteht und nicht erst 2013 oder kurz davor quasi aus dem Nichts entstanden ist.)

Es fallen linguistisch fürs Deutsche (wie aber auch in anderen Sprachen) zwei Dinge auf: Selfie ist in den Sprachgebrauch integriert. Soll heißen: es bildet produktiv Komposita (Selfie-Kanal Instagramm, Selfie-Hype oder Selfie-Protest) und Ableitungen (Shelfie ‚Bild meines Buchregals‘ oder Legsie ‚Beine vor einem irgendwie relevanten Hintergrund‘ oder Belfie ‚Bild vom verlängerten Teil des Rückens‘). Es wird auch überwiegend nicht (mehr) in einer Metaverwendung oder als Hashtag gebraucht — das unterscheidet es von Ableitungen wie Legsie oder Belfie – man hat wirklich eine Bezeichnung für einen kulturellen Trend.

Fazit

Heiß bleibt heiß.

Selfie können wir dementsprechend und unzweifelhaft und hiermit offiziell zum Weltwort des Jahres 2013 erklären (die Prophezeiung äußerte ich bereits im BS51/2013). Für unsere Wahl hat es auch das gewisse Etwas, die kulturelle Bedeutung, die Verbreitung im Sprachgebrauch, den Frequenzzuwachs für 2013, die linguistische Verzückung bei self portrait > selfie, die Produktivität bei der Bildung von Ableitungen und Komposita, und natürlich die Benennung eines Konzepts, was schon alt ist, aber bisher keinen eigenen Begriff hatte. Alles halt.

Aber — es fehlt ein wenig der Beitrag spezifisch fürs Deutsche, wie Anatol im detektor.fm-Interview schon festgestellt hat. Selfie ist kulturell und linguistisch ein Phänomen, was wir mit der ganzen Welt teilen dürfen (ob wir Phänomen und/oder Ausprägung im Einzelfall nun lustig finden wollen oder nicht), was es aber linguistisch deutlich von seinen Mitkonkurrentinnen in diesem Jahr abgrenzt. Wir haben bei Selfie keine nennenswerte Bedeutungserweiterung oder –verengung als in anderen Sprachen, keine systematisch unterschiedliche Produktivität und auch keine offensichtliche Bedeutungsverschiebung, die sich durch die Verwendung in der deutschen Sprachgemeinschaft ergeben hätte. Aber soweit mich meine Interpretationskünste der Nominierungskriterien tragen, spielt das keine Rolle.

  1. Nada in COCA, COW-DE, COW-UK, DeReKo. Twitter & Google ≠ Korpus. []
  2. Die Quellen, die 2013 in der URL tragen, beziehen sich meist auf Dinge wie Eventplaner oder Onlinekurskataloge; vermutlich also zukünftig. []

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