Von männlichen Körperteilen

Andere schwenken Fah­nen, ich kor­rigiere Fah­nen – und bin dabei auf ein Wort gestoßen, das auch in der Fußball­welt auf­taucht: Das Kör­perteil. So lesen wir in der taz über den Freis­toß:

Wenn dann noch Cris­tiano Ronal­do den Ball tritt, ist es egal, welch­es Kör­perteil getrof­fen wird, es ist ab.

Und die Schweiz­er Tageswoche meldet:

Und so ist den Ronal­do-Beobachtern und -Bewun­der­ern auch nicht ent­gan­gen, dass sich der Mann von Cham­pi­ons-League-Sieger Real Madrid immer wieder mal an das linke Knie fasst. Es ist – zumin­d­est bei den Anhängern der por­tugiesis­chen National­mannschaft – das meist­beachtete Kör­perteil des Aus­nah­me­fuss­ballers.

Die Augs­burg­er All­ge­meine hinge­gen hat einen Mannschaft­sarzt gefragt

Was sind die häu­fig­sten Ver­let­zun­gen in einem Fußballer­leben, welch­er Kör­perteil ist am anfäl­lig­sten?

und stürzt uns damit in eine gram­ma­tis­che Krise: Während Kör­perteile in fast allen Medi­en­bericht­en ein neu­trales Genus (das) tra­gen, erkundigt man sich hier nach einem masku­li­nen Kör­perteil (der). So war’s auch in meinem Manuskript, wo ich das geschrieben und jet­zt in den Fah­nen der gefun­den habe.

Was wür­den Sie spon­tan sagen? Neu­trum? Maskulinum? Oder klingt bei­des gut? Ein Blick in den Duden (und ins ältere DWB oder den aktuellen Leipziger Wortschatz) stützt die der-Frak­tion, dort ist das Wort ein­deutig als Maskulinum ein­ge­ord­net. Ein Blick in die sprach­liche Wirk­lichkeit ver­rät hinge­gen, dass es so ein­fach nicht ist.

Ich habe ein­mal alle Vorkom­men des Lem­mas1 Kör­perteil in der ZEIT analysiert. Die Zahlen sind klein, zeigen aber, dass dort das Kör­perteil auf dem Vor­marsch ist:2

2014-06-19-Körperteil

n=164

Der kleine Unterschied

Und woher kommt die der-das-Ver­wirrung nun? Das Kör­perteil hat sie von seinem Kopf (Ja, so heißt das in der Lin­guis­tik wirk­lich!) Teil ererbt, ein Wort, dass sich bekan­nter­maßen schon seit Ewigkeit­en mit sein­er Genusunein­deutigkeit herum­plagt. Aus dem DWB:

theil, teil, m. n. […] und zwar daʒ teil vorzugsweise im sinne von pars (stück eines ganzen), der teil im sinne von por­tio (antheil, zugeth­eiltes); doch ist diese schei­dung schon fürs ahd.3 nicht durchzuführen […], noch weniger fürs nhd.4 , zumal ausz­er dem nom­i­na­tiv und accusativ sing. das geschlecht nicht unter­schieden wer­den kann

Das Genus macht hier also einen kleinen Bedeu­tung­sun­ter­schied – über den man sich tre­f­flich stre­it­en kann. Das Duden-Bedeu­tungswörter­buch ver­sucht den Unter­schied fol­gen­der­maßen zu fassen:

 1. der, auch: das; -[e]s, -e: Glied oder Abschnitt eines Ganzen: […] Anteil, Auss­chnitt, Auszug, Bestandteil, […]. Dazu: Bevölkerung­steil, Eltern­teil, Erbteil, Großteil, Haupt­teil, Kör­perteil, […] Stadt­teil.

2. das; -[e]s, -e: einzelnes [kleines] Stück, das zwar auch zu einem Ganzen gehört, dem aber eine gewisse Selb­st­ständigkeit zukommt. […] Ele­ment. Dazu: Bauteil, Einzel­teil, Ersatzteil, […].

Nach dieser Logik ist also ein Kör­perteil Glied eines Ganzen (Kör­pers), aber »ohne eine gewisse Selb­ständigkeit«. Das trifft sich­er insofern zu, als es sich nicht dauer­haft ohne total­en Funk­tionsver­lust ablösen lässt. In Sprachen, die gram­ma­tisch zwis­chen »veräußer­lichem« und »unveräußer­lichem« Besitz unter­schei­den, sind Kör­perteile stets unveräußer­lich. Und wenn wir Sätze äußern wie mein Kopf ist der wichtig­ste Teil meines Kör­pers, dann geht ein Neu­trum nicht. (Oder?)

Ander­er­seits sind Kör­perteile schon irgend­wie eigen­ständig: Viele von ihnen tra­gen eigene Beze­ich­nun­gen (Hand, Fuß, Kopf) und besitzen eine eigene, charak­ter­is­tis­che Form. Selb­st die Vorstel­lung, dass ein Men­sch aus ihnen »zusam­menge­set­zt« ist, kommt mir nicht ganz abwegig vor.

Hinzu kommt, dass man hier (im Gegen­satz zu anderen Nach­schlagew­erken) erkan­nt hat, dass auch die erste Bedeu­tung neu­trales Genus haben kann.

Nun weisen wir Genus in unein­deuti­gen Fällen aber nicht nach klar im Wörter­buch definierten Regeln zu, son­dern nach Mustern, die unser Gehirn erken­nt. Dem Kör­perteil dienen vielle­icht Par­al­le­len, die wir unbe­wusst zu anderen, neutrale(re)n Teil-Kom­posi­ta ziehen, zum Vor­bild – aber ob und wie die sich in den let­zten Jahrzehn­ten verän­dert haben, kann ich nach eini­gen ober­fläch­lichen Recherchen nicht beurteilen. Vielle­icht hat ja jemand Ideen?

Die Grammatik hilft

Die Frage, warum wir uns solche Genuswech­sel über­haupt erlauben, ist auf ein­er anderen Ebene etwas leichter zu beant­woren. Dem Über­gang zwis­chen Maskulinum und Neu­trum ebnet die deutsche Gram­matik wun­der­bar den Weg: Wie hieß es eben bei den Grimms?

zumal ausz­er dem nom­i­na­tiv und accusativ sing. das geschlecht nicht unter­schieden wer­den kann

Das nen­nt man in der Lin­guis­tik »Synkretismus«, und hier kann man’s sehen:

N M
Nom­i­na­tiv Sg. das Teil ist gelb der Teil ist gelb
Gen­i­tiv Sg. die Farbe des Teils die Farbe des Teils
Dativ Sg. mit dem Teil mit dem Teil
Akkusativ Sg. gib mir das Teil gib mir den Teil

Nur an zwei von acht möglichen Stellen gibt es also eine Unter­schei­dung zwis­chen Neu­trum und Maskulinum. Gele­gentlich find­et man bei den unein­deuti­gen Fällen im Kon­text noch Pronomen, wie mit dem Teil wurde gehan­delt, weil es/er5

In ganz vie­len Ver­wen­dungskon­tex­ten ist das Genus von Teil also nicht klar spez­i­fiziert, es kann Neu­trum oder Maskulinum sein. Wenn es dazu auch noch bei­des gibt, ist es kein Wun­der, dass es zu Übergän­gen kommt. Dazu lässt die For­mulierung im DWB auch noch ver­muten, dass wir diese Unklarheit schon sehr lange mit uns herum­schlep­pen, unsere Daten­ba­sis also immer wack­lig war.

Warum ausgerechnet jetzt?

Das ist mir eben­falls ein Rät­sel und ich habe in meinen Dat­en bish­er keinen Anhalt­spunkt dafür gefun­den. Nicht alle Teil-Kom­posi­ta schwanken. Manche haben den Genuswan­del schon viel früher vol­l­zo­gen — so ist aus dem männlichen ein säch­lich­es Geschlecht­steil gewor­den:

Und es gibt Fälle, in denen das Neu­trum zugun­sten des Maskulinums zurück­ge­ht, wie beim auch ins­ge­samt sel­tener wer­den­den Erbteil:

Wer hier Puz­zleteile beitra­gen kann: Nur zu, ich bin ges­pan­nt!

  1. Damit ist in der Kor­puslin­guis­tik das Wort in all seinen Flex­ions­for­men gemeint, also auch Kör­perteils, Kör­perteilen, etc. []
  2. Aus­gew­ertet wur­den alle Tre­f­fer, bei denen sich das Genus ein­deutig bes­tim­men ließ. Eine vere­in­fachte Suche im Deutschen Ref­eren­zko­r­pus (“der ODER den Kör­perteil” vs. “das Kör­perteil”) lieferte für die let­zten bei­den Zeiträume (vorher gibt es keine durch­such­baren Texte) fast iden­tis­che Ver­hält­nisse: 1993–2002 sind es 11 Neu­tra zu 24 Maskuli­na, 2003–2013 hinge­gen 40 Neu­tra zu 27 Maskuli­na. []
  3. Althochdeutsche, ca. 500/750‑1050 gesprochen. []
  4. Neuhochdeutsche, seit ca. 1650 gesprochen. []
  5. In der Mehrzahl unter­schei­den sich die bei­den Gen­era ja sowieso nicht voneinan­der (und auch nicht von den Fem­i­ni­na), da ist es immer die Teile etc. []

9 Gedanken zu „Von männlichen Körperteilen

  1. Detlef Guertler

    Mein Tipp: Die Ver­säch­lichung resul­tiert aus der häu­figeren Ver­wen­dung von Teil für das Ding an sich, wie in “Gib her das Teil”. Da Ding bzw. Gerät säch­lich sind, gilt das auch für das Teil.

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  3. Pompeius

    Wenn ich spekulieren soll, würde ich tip­pen dass für das Geschlecht­steil eine gewisse Eigen­ständigkeit eher angenom­men wird als für andere Kör­perteile. Ange­blich kann man damit sog­ar denken.

    Für den Erbteil würde ich tip­pen, dass in Hochsprache gern auf ungewöhn­lichere For­men zurück­ge­grif­f­en wird und sei es als Hyper­ko­r­rek­tur.

  4. Ospero

    Ich denke, kaum jemand würde “das Anteil” oder “das Bestandteil” sagen. Es scheint also davon abzuhän­gen, wie “Teil” wahrgenom­men wird — als eigen­ständi­ger Begriff, wie im ersten Kom­men­tar angegeben, oder als Verkürzung der obi­gen Begriffe.

    Ich für meinen Teil (ha!) empfinde “Kör­perteil” zwar eher als Maskulinum, aber das Neu­trum löst in meinem Kopf keine Alar­m­glock­en aus. Fühlt sich bei­des okay an.

  5. Hermsen

    Ist nicht vielmehr bere­its seit einiger Zeit ein Sprach­wan­del im Gange, der sich durch (bewusste oder unbe­wusste) gezielte Umdeu­tung solch­er gram­matikalis­chen Ein­ladun­gen hin­reißen lässt? Ger­ade die Tat­sache, dass sowohl “der” als auch “das” Teil bedeu­tungstra­gend sind, zeugt doch zumin­d­est davon, dass (wenig­stens hier) keine non­sens-Umdeu­tung, son­dern vielmehr eine beina­he humoris­tis­che Sin­nver­schiebung stattge­fun­den hat.
    Ger­ade am Beispiel des Fußballer-Beins geht die oben gezeigte Entwick­lung des ver­wen­de­ten Genus ein­her mit der steigen­den Verehrung der Vir­tu­osität einzel­ner Fußballer (selb­st zu Zeit­en Maradon­nas wurde nicht der­art auss­chließlich über eine Per­sön­lichkeit berichtet, wie es später ab Lothar Matthäus bis hin zu Zidane, den Ronal­dos und -inhos etc. der Fall war). So kön­nte das Bein eines beg­nade­ten Fußballers vielle­icht nicht mehr als kon­trol­liert­eR und unselb­ständi­geR, son­dern vielmehr als ein­gen­ständi­geS und vir­tu­os­eS sowie unab­hängig vom Besitzer allen anderen über­legeneS Teil dargestellt wer­den, um die Beson­der­heit dessen Fähigkeit­en zu unter­stre­ichen.
    Beim Geschlecht­steil (Dativ sei Dank) liegt die Analo­gie auf der Hand.

  6. Daniel

    Es gibt ja einige Wörter mit schwank­en­dem Geschlecht wie Joghurt, Rhabar­ber oder Tun­nel; von dem her ist das nicht so ungewöhn­lich.

    Vielle­icht haben eine Änderung der Kör­per­wahrnehmung und der medi­zinis­che Fortschritt dazu beige­tra­gen, dass die Kör­perteile als zunehmend reparier­bare und aus­tauschbare Teile eine stärkere physis­che Präsenz bekom­men und nicht mehr ein­fach nur “Anteil, Auss­chnitt, Auszug, Bestandteil” sind, son­dern “eine gewisse Selb­st­ständigkeit” erhal­ten, wie es der Duden schreibt.

  7. Kristin Kopf Beitragsautor

    @Detlef Guertler: Hmmm, möglich … wobei das Reg­is­ter ja ein ganz anderes ist, und die Seman­tik auch die vom los­gelösten Teil.

    @Hermsen: Zwar eine inter­es­sante These, aber das Wort “Kör­perteil” dürfte im Nicht-Fußball-Kon­text viel öfter vorkom­men, ich kann mir also nicht vorstellen, dass der da einen Ein­fluss gehabt hat.

    @Daniel: Ja, die gibt es — sie unter­schei­den sich aber von Teil insofern, als dass sie frei vari­ieren. Je nach Herkun­ft o.ä. nutzt man das eine oder das andere Genus. Bei Teil gibt es hinge­gen im Wortschatz einer/es Sprecherin/s bei­de For­men, mit ver­schiede­nen Gen­era, und wir nehmen einen seman­tis­chen Unter­schied wahr.
    Prinzip­iell wollte ich das Phänomen auch nicht als völ­lig ungewöhn­lich darstellen, das ist es wirk­lich nicht.

  8. Pingback: Die Niederlande gewinnt? | Beate Schlachter

  9. Berta Brahmer

    Der (!) Teil unser­er Sprache, der das (!) hier beschriebene Kör­perteil dem gle­ichen Geschlecht wie dem Teil zuord­nen könnnte, wird ger­ade erst geschrieben.
    Da Chris­tiano Ronal­do ger­ade mal nicht so gut im Ball­treten ist, ist das Prob­lem prak­tisch jedoch etwas in den Hin­ter­grund ger­at­en, so daß die Selb­ständigkeit seines Kör­perteiles Knie von der seini­gen, als selb­ständi­ger Teil der Mannschaft, nicht unbe­d­ingt bei jedem Schuß zu erwä­gen ist.
    Jeden­falls ist sowohl der Teil als auch das Teil ein Ergeb­nis des gle­ichen Vor­ganges: Des Teilens, was nun wieder nach Abteilen, Aufteilen, Verteilen und AnTeilen (?) unter­sucht wer­den kön­nte.

    Lustig ist die Frage nach den Teilen (Plur­al liebt sich wieder inniglich zusam­men) alle­male, gle­ich, um welchen Kör­p­er oder welche Teile es sich dreht.

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