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Wickie und der starke William

Vor zwei Wochen sorgte ein Artikel im Forschungs­magazin APOLLON der Uni­ver­sität Oslo für kollek­tives Aufhorchen inner­halb der Sprach­wis­senschaft. Der nor­wegis­che Lin­guist Jan Ter­je Faar­lund von der Uni­ver­sität Oslo und sein amerikanis­ch­er Kol­lege Joseph Emonds von der Palacký-Uni­ver­sität in Olo­mouc (Tschechien) behaupten, dass Englisch auf­grund der „fun­da­men­tal“ ähn­lichen Struk­tur von Englisch und Nor­wegisch eigentlich eine skan­di­navis­che Sprache sei. Damit stellen sie die bish­erige Klas­si­fizierung des Englis­chen als west­ger­man­is­che Sprache mit Friesisch und Nieder­ländisch als eng­ste „Ver­wandte“ in Frage.

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Du, Sie, Müller’s Vieh

Nebe­nan im Sprachlog hat Ana­tol unter dem Ver­dacht der Inhalt­sleere die Frage gestellt, was seine LeserIn­nen so in welchem Kom­mu­nika­tion­skanal siezen. Das hat mich drin­gendst daran erin­nert, dass ich seit Jahr und Tag mal was zum ‘Siezen im Englis­chen’ schreiben wollte.

Das kommt so: Mit zunehmender Dauer tendiert die Wahrschein­lichkeit gegen 1, dass jemand in ein­er Diskus­sion zur Anrede im Englis­chen behauptet, dass im Englis­chen “streng genom­men” nur gesiezt wird: Das “You” ist kein “Du”, son­dern ein “Sie”, Die Du-Form … ist schon seit 200 Jahren aus dem Wortschatz ver­schwun­den oder Das Englis­che “you” bedeutet nicht “Du”, son­dern entspricht eher ein­er Anre­de­form, die der alt­deutschen Form “Ihr” näherkommt, einem Plur­al, der Respekt bezeugt.

Obwohl sprach­his­torisch nicht völ­lig daneben, ist die Begrün­dung um und bei immer die Gle­iche: Zu grauer Vorzeit gab es thou für die 2. Per­son Sin­gu­lar und you für die 2. Per­son Plur­al. Erstere (thou.2SG) sei dabei ver­loren gegan­gen und nur you.2PL ist übrig geblieben. Ergo: Im Englis­chen wird eigentlich gesiezt.

Das ist aber gle­ich ein dreifach­er Trugschluss. Der erste Trugschluss, an dessen heißen Punk­ten ich mir gar nicht die Fin­ger ver­bren­nen will, ist der, dass die Anre­destrate­gien in bei­den Sprachen irgend­wie eins-zu-eins aufeinan­der über­trag­bar wären. Der Trugschluss beschreibt die Vorstel­lung, dem deutschen Siezen im Englis­chen eine Entsprechung gegenüber­stellen zu kön­nen. Dass das Unsinn ist, kann jed­er bestäti­gen, der bei­de Sprachen auch prag­ma­tisch ganz gut beherrscht und einem Mono­lin­gualen die Anre­dekon­ven­tio­nen der jew­eils anderen Sprache erk­lären möchte. Natür­lich kön­nte man argu­men­tieren, dass man an der Ver­wen­dung von Vor­na­men oder Nach­na­men eine gewisse Duzen-Siezen-Äquiv­alenz erken­nen kann. Das Prob­lem ist aber deut­lich zu vielschichtig und ich möchte mich hier nicht im Dic­kicht ver­hed­dern, das ver­sucht, ein zwei­di­men­sion­ales mor­phosyn­tak­tis­ches Par­a­dig­ma ein­deutig auf ein min­destens vierdi­men­sion­ales Sys­tem von Dis­tanz, Respekt, Kon­text und soziokul­turellen Nor­men anzuwen­den. Darum soll’s mir hier nicht gehen.

Der zweite Trugschluss ist mor­phosyn­tak­tis­ch­er Natur. Richtig ist zunächst, dass for­mal nicht zwis­chen you.2SG+V und you.2PL+V unter­schieden wer­den kann. Das ist jet­zt natür­lich wenig erstaunlich, denn die einzige Präsensver­balflex­ion des Englis­chen find­et sich in der 3. Per­son Sin­gu­lar Indika­tiv (zumin­d­est in der Stan­dard­va­ri­etät und mit Aus­nahme von {BE}).

Dieser Trugschluss sug­geriert aber, dass im Englis­chen die Zeile ‘2SG’ leer ist, was natür­lich nicht stim­men kann (mehr dazu später). Wenn wir jet­zt mal die sozi­olin­guis­tis­che Siezen-Duzen-Unter­schei­dung weglassen, gibt es auch im Englis­chen die seman­tis­che Unter­schei­dung you ‘du’ und you ‘ihr’ — you ist da im Ver­gle­ich zum Deutschen ambig; aber immer­hin.

1SG I am ich bin
2SG you are du bist
3SG he/she/it is er/sie/es ist
1PL we are wir sind
2PL you are ihr seid
3PL they are sie sind

(Wenn wir’s also wirk­lich streng nehmen wür­den, ist Siezen schon allein deshalb Unfug, weil you.PL natür­lich ‘ihr’ entspricht. Aber sind wir mal nicht so.)

Was ver­loren gegan­gen ist, ist die gram­ma­tis­che Unter­schei­dung von 2SG und 2PL, nicht eine 2SG-Form an sich. Die fol­gende Darstel­lung der his­torischen Entwick­lung ist stark vere­in­facht, nichtzulet­zt, weil nur die Nom­i­na­tiv-For­men angegeben sind und hier noch der Dual aus dem Altenglis­chen aus­geklam­mert ist (Smith 1999: 77, 113, 146):

AE ME FNE ModE ModE (dialektal/
kon­textuell)
2SG.NOM þu thou thou you you/thou (arch.)
2PL.NOM ge ye ye/you you yous(e)/yiz/yez

An dieser kurzen Über­sicht ist rel­a­tiv klar erkennbar, dass you [ju:] die ‘Weit­er­en­twick­lung’ des 2PL-Pronomens ist und der Bruch beim 2SG-Pronomen im Früh­neuenglis­chen (FNE) liegt. Die Erk­lärung geht so: <g> wurde im Altenglis­chen (AE) prä­vokalisch [j] aus­ge­sprochen und <þ> als [ð], wie im heuti­gen they. Aber es bedeutet eben nicht, dass die 2SG-Form an sich ver­schwun­den ist — die ältere Form thou wurde nach ein­er ziem­lich kom­plex­en Vari­a­tion im thou/you-Kos­mos von you ver­drängt, welche dabei vom Plur­al-Kon­text auf den Sin­gu­lar-Kon­text aus­geweit­et wurde und die Funk­tion you.2SG ‘du’ über­nahm. Die Gründe dafür find­en sich vor allem im stilis­tis­chen und sozio­prag­ma­tis­chen Bere­ich (Busse 2002). Die ganze Geschichte ist in Wahrheit z.B. in Verbindung mit dem vor­ange­gan­genen Kasus­ab­bau sehr viel kom­plex­er, aber für den Moment soll das reichen.

Hier kön­nen wir ein Konzept aus der Sozilin­guis­tik ins Spiel brin­gen, die soge­nan­nte T-/V-Unter­schei­dung (Brown & Gilman 1960). Anders aus­ge­drückt: thou hat früher nicht nur eine Numerusun­ter­schei­dung ermöglicht (2SG), son­dern auch als T-Pronomen fungiert (von lat. tu ‘du’), you/ye dage­gen als V-Pronomen (von lat. vos ‘ihr/Sie’). So gab es ein Hon­ori­fikum, mit dem man auch nur eine Per­son ansprechen kon­nte, also zusät­zlich zu du/ihr auch eine entsprechende du/Sie-Unter­schei­dung tre­f­fen kon­nte — die soge­nan­nte T-/V-Unter­schei­dung. Diese Unter­schei­dung existiert im heuti­gen Englisch aber nicht mehr — und you erfüllt als you.2SG die Funk­tion ‘eine mir gegenüber­ste­hende Per­son’ und als you.2PLzwei oder mehrere mir gegenüber­ste­hende Per­so­n­en’.

Wenn jet­zt also jemand sagt, im englis­chsprachi­gen Raum wird “eigentlich” gesi­et­zt, der sagt damit ja, dass die Kat­e­gorie 2SG ungenutzt dastünde (s.o.). Dass das nicht richtig ist, zeigt sich erstens in der Numerusun­ter­schei­dung der Reflex­ivpronom­i­na, wo your­self.2SG und your­selves.2PL klar die Exis­tenz der Numeruskat­e­gorie bele­gen. Zweit­ens tritt you.2PL dialek­tal, kon­textab­hängig und umgangssprach­lich als yous(e)/yez/yiz.2PL auf und ermöglicht so eine Dis­am­bigu­ierung von you.SG und you.PL. Wenig über­raschend find­en sich alle Belege für yous(e), youz(e), yiz, oder yez im BNC dementsprechend in den Gen­res der gesproch­enen Sprache wie ‘Fic­tion’, ‘Oral His­to­ry’, ‘Inter­view’ oder ‘Con­ver­sa­tion’.

Iro­nis­cher­weise ist eine mögliche Erk­lärung für das Ver­schwinden des thou.2SG aus dem Pronom­i­nal­par­a­dig­ma der Stan­dard­sprache, dass man zu Shake­spear­es Zeit­en you.2PL (damals V-Form) in ein­er Höflichkeitsspi­rale auch für Anre­den nutzte, für die man bis dahin die T-Form thou nutzte. Die Ironie dabei ist, dass thou jet­zt archaisch ist und abge­se­hen von weni­gen Dialek­tver­wen­dun­gen heute auf religiöse und erzkon­ser­v­a­tive Kon­texte beschränkt ist: Thou, my Lord! ‘Du, mein Gott’, also gewis­ser­maßen jet­zt eine höhere For­mal­ität aufweisen. Der Prozess in der Stan­dard­sprache war aber um 1700 abgeschlossen, you der unmarkierte Fall für die all­ge­meine Anrede und die syn­tak­tis­che V-/T-Unter­schei­dung somit wegge­fall­en (Busse 2002: 3, OED).

Der dritte Trugschluss ist deshalb ety­mol­o­gisch. Nur weil etwas irgend­wann (hier: so vor, hm, 300–400 Jahren) mal so und so war, heißt das nicht, dass es noch so ist bzw. dass es noch so sein sollte. Heute wird gibt es im Englis­chen keine gram­ma­tis­che V-/T-Unter­schei­dung. Selb­st die dialek­tale Ver­wen­dung von thou ist auf einen sehr inti­men-famil­iären Kon­text beschränkt. Wenn, dann wer­den Dis­tanz, Respekt oder son­stige Hier­ar­chie­un­gle­ich­heit­en auf andere Weise aus­ge­drückt. Aber gesiezt wird hier bes­timmt nie­mand.

(Genau­so däm­lich ist es umgekehrt zu behaupten, im Englis­chen gäbe es kein Sie. Soll­ten Sie das aus meinen Zeilen lesen oder gele­sen haben, gehen Sie zurück zu Trugschluss 1 und 2.)

Ach so ja: Die Großschrei­bung der Anrede Sie im Deutschen ist irgend­wie auch nur eine schrift­sprach­liche Kon­ven­tion, die zum Beispiel das strafrechtlich­es Beziehungs­ge­flecht bei ich wurde von Ihnen/ihnen kranken­haus­reif geschla­gen dis­am­bigu­iert. Hände hoch, wer beim siezen an eine abwe­sende dritte Per­son im Plur­al denkt? Mor­phosyn­tak­tisch nutzen wir im Deutschen für die Höflichkeit­sanrede die 3.PL, was sprachty­pol­o­gisch übri­gens sehr ungewöhn­lich ist (Helm­brecht 2005, 2011). Denkense mal drüber nach, bevor Sie behaupten, im Englis­chen wird gesiezt: What did They do yes­ter­day? und Ihren gegenüber meinen.

Wie würde das denn klin­gen, wenn Sie eine Duzbekan­ntschaft auf Englisch mal übel beschimpfen möcht­en?

Fuck thou?

PS: Also, Ana­tol, wie du siehst, sieze ich im Blog. Es lässt sich im Zweifels­fall leichter belei­di­gen.


Brown, Roger & Albert Gilman. 1960. The pro­nouns of sol­i­dar­i­ty and pow­er. In: Sebeok, Thomas [ed]. Style in Lan­guage. MIT Press: 253–276.

Busse, Ulrich. 2002. Lin­guis­tic vari­a­tion in the Shake­speare cor­pus — mor­pho-syn­tac­tic vari­abil­i­ty of sec­ond per­son pro­nouns. Ben­jamins.

Helm­brecht, Johannes. 2006. Typolo­gie und Dif­fu­sion von Höflichkeit­spronom­i­na in Europa. Folia Lin­guis­ti­ca 39(3–4): 417–452. [Link zu ein­er frei ver­füg­baren Ver­sion von 2005, Arbeitspa­piere des Sem­i­nars für Sprach­wis­senschaft der Uni­ver­sität Erfurt (18).]

Helm­brecht, Johannes. 2011. Polite­ness Dis­tinc­tions in Pro­nouns. In: Dry­er, Matthew S. & Mar­tin Haspel­math [eds]. The World Atlas of Lan­guage Struc­tures Online. Max Planck Dig­i­tal Library, chap­ter 45. [Link] (06. Mai 2012).

Smith, Jere­my J. 1999. Essen­tials of Ear­ly Eng­lish. Rout­ledge.

[Video] The History of English

So, heute ein Link­tipp. Die Open Uni­ver­si­ty in Großbri­tan­nien hat in zehn Kapiteln à 1′20″ in sehr humor­voller Weise die Geschichte des Englis­chen nachgeze­ich­net. Es wird mehr als 10 Minuten dauern, weil die kleinen Film­chen voll von Wort­spie­len und mit kleinen und großen Pointen gespickt sind — man kann es sich wirk­lich mehrfach mit höch­stem Amüse­ment anse­hen. (Eine gröbere Ken­nt­nis der Lin­guis­tik ist nicht notwendig.)

Viel Spaß!

(via linguisten.de@facebook)