Schlagwort-Archive: Sprachstruktur

Kaum zu glauben

Gestern habe ich in meinem Beitrag zum Wort empfind­lich Fol­gen­des geschrieben:

wenn ein bes­timmter Verb­stamm (oder auch Sub­stan­tivs­tamm) nicht bere­its mit dem Suf­fix -lich in der Sprache existiert, kön­nen wir das entsprechende Wort nicht ein­fach erfind­en: vorstell-lich oder glaublich gibt es eben­sowenig wie esslich/verschlinglich oder spür­lich, obwohl wir die bedeu­tungsver­wandten Wörter unglaublich, köstlich und eben empfind­lich haben. Das Suf­fix -lich ist sprachgeschichtlich sehr alt und nicht länger pro­duk­tiv.

Das war natür­lich eine sehr absolute Aus­sage über einen Phänomen­bere­ich, in dem es nichts Absolutes gibt. Weit­er­lesen

Sprachliche Empfindlichkeiten

Let­zte Woche wies mich Sprach­blogleser „Jim“ per E-Mail auf einen Beitrag im Blog der Berlin­er Recht­san­walt­skan­zlei Hoenig hin, in dem sich der Autor über die Logik des Wortes empfind­lich Gedanken macht. Ich zitiere den Beitrag hier in ganz­er Länge (da der Autor des Zitats Recht­san­walt ist, weise ich vor­sor­glich darauf hin, dass ich mich zur Recht­fer­ti­gung dieses Vol­lz­i­tates auf §51 des Urhe­berge­set­zes, ins­beson­dere auf Satz 2, Nr. 1 berufe):

Aus einem Haft­be­fehl:

Der Beschuldigte hat im Falle sein­er Verurteilung mit ein­er empfind­lichen Frei­heitsstrafe zu rech­nen, die nicht mehr zur Bewährung aus­ge­set­zt wer­den kann.

Das ist Quatsch. Sprach­lich jeden­falls. Denn nicht die Frei­heitsstrafe ist empfind­lich, son­dern allen­falls der Beschuldigte.

Jim stellt dazu fol­gende Über­legun­gen an: Weit­er­lesen

Wir sind wir

In einem Kom­men­tar zu meinem let­zten Beitrag wies Robert Jäger (#16) auf das indone­sis­che Pronomen kami hin und definierte dessen Bedeu­tung als „wir excl. des Sprech­ers“. Das war eigentlich nur ein Flüchtigkeits­fehler — das Pronomen sig­nal­isiert, wie mipela im Tok Pisin, den Auss­chluss des Hör­ers, nicht des Sprech­ers –, aber dieser Fehler hat eine inter­es­sante Diskus­sion darüber aus­gelöst, ob es tat­säch­lich eine Ver­wen­dung der ersten Per­son Plur­al geben kön­nte, die den Sprech­er auss­chließt. Weit­er­lesen

Pluralis avaritiae

Vor dem Landgericht Hildeshiem wurde heute der trau­rige Fall von drei Lot­tospiel­ern ver­han­delt, die jahre­lang gemein­sam in ein­er Tippge­mein­schaft waren. In ein­er Son­derziehung hat­ten sie dann im let­zten Jahr 1,7 Mil­lio­nen Euro gewon­nen. Statt den Gewinn zu teilen, behaupteten dann aber zwei der Spiel­er, der dritte habe just an diesem Spiel nicht teilgenom­men.

Der dritte, der zu dem Zeit­punkt der Ziehung im Urlaub war, verk­lagte seine bei­den Mit­spiel­er daraufhin. Er habe den Kol­le­gen seinen Anteil an den Kosten für das Tipp­spiel vor seinem Urlaub gegeben und müsse deshalb auch am Gewinn beteiligt wer­den.

Wie ich vorhin im Radio gehört habe, führte er als Beweis für seine Sichtweise unter anderem an, dass ihn ein­er der Angeklagten im Urlaub angerufen habe und fol­gen­den Satz gesagt habe: „Wir haben gewon­nen, Sechser mit Zusatz­zahl“.

Und hier wird der Fall lin­guis­tisch inter­es­sant. Für den Kläger ist das Tele­fonge­spräch ein klar­er Hin­weis darauf, dass er mit den bei­den anderen am Spiel beteiligt gewe­sen sei. Weit­er­lesen