Eine Aktion zum Canceln

Von Anatol Stefanowitsch

In den let­zten Tagen habe ich her­aus­ge­fun­den, dass es mit dem Bloggen bei mir so ähn­lich ist, wie mit dem Joggen — wenn man ein- oder zweimal die Zeit dazu nicht find­et, wird es schw­er, sich wieder aufzu­raf­fen. Aber jet­zt nehme ich die Aktion Lebendi­ges Deutsch, da sie schon nicht zur Lebendigkeit der deutschen Sprache beiträgt, zum Anlass, wenig­stens das Bre­mer Sprach­blog vor der dro­hen­den Leichen­starre zu bewahren.

Gesucht war eine Alter­na­tive für das Wort can­celn. Ich hat­te den Aktionären sein­erzeit einen Blick ins Wörter­buch emp­fohlen, weil ich sie vor einem Fehler bewahren wollte, den sie gerne und häu­fig bege­hen — ein seman­tisch vielschichtiges und viel­seit­ig ver­wend­bares Lehn­wort durch ein eher eindi­men­sion­ales deutsches Wort zu erset­zen. Das LEO-Wörter­buch, das ich, allzeit hil­fs­bere­it, ver­linkt hat­te, nen­nt für das englis­che can­cel siebe­nundzwanzig deutsche Entsprechun­gen, von denen gut die Hälfte auch im Bedeu­tung­sum­fang des Lehn­worts can­celn enthal­ten sind: abbestellen, abblasen, abbrechen, absagen, annul­lieren, etw. aufheben, etw. auflösen, etw. aus­gle­ichen, aushe­beln, ausstre­ichen, beheben, durch­stre­ichen, entwerten, entziehen, heben, kündi­gen, kürzen, löschen, stornieren, etw. stre­ichen, tilgen, weg­nehmen, wider­rufen, zurück­nehmen, zurückziehen, rück­gängig machen, und ungültig machen. Das hat die Aktionäre nicht daran gehin­dert, rel­a­tiv beliebig eine dieser Bedeu­tungss­chat­tierun­gen herauszugreifen:

Can­celn“ kön­nte ein­fach „absagen“ heißen — so auch die häu­fig­ste Antwort auf das Such­wort des Monats April.

Kön­nte ein­fach? „Ich möchte mein Nutzerkon­to can­celn“ kön­nte also ein­fach „Ich möchte mein Nutzerkon­to absagen“ heißen? Statt „Ich möchte meinen Kom­men­tar can­celn“ kön­nte ich ein­fach „Ich möchte meinen Kom­men­tar absagen“ schreiben? Statt „Wie kann ich einen laufend­en Spe­icher­vor­gang can­celn“ kann ich ein­fach fra­gen „Wie kann ich einen laufend­en Spe­icher­vor­gang absagen“? Anstelle von „Dann can­cele ich Ihre Bestel­lung“ kön­nte die Mitar­bei­t­erin eines Call-Cen­ters mir auch mit­teilen „Dann sage ich Ihre Bestel­lung ab“? Gut, eine gewisse Lebendigkeit würde dieser mutwillig grobe Umgang mit dem Wort absagen wohl in die deutsche Sprache hinein­brin­gen, aber sich­er nicht so, wie die Aktionäre sich das eigentlich vorgestellt hatten.

Wenn die Aktionäre nicht ger­ade damit beschäftigt sind, ihr fehlen­des Sprachge­fühl unter Beweis zu stellen, machen sie ja gerne Vorschläge, die kein­er braucht. So auch dieses Mal:

Das Ange­bot des Monats: „Mäd­chen­tag“ — wäre das nicht ein nahe liegen­des und hüb­sches Wort für eine nüt­zliche Ein­rich­tung, die wir modisch „Girl’s day“ nen­nen?, fragt die Aktion „Lebendi­ges Deutsch“.

Mäd­chen­tag — genial. Passt zum Mut­tertag und sug­geriert, dass die vier alten Her­ren tat­säch­lich ein­mal im Wörter­buch nachgeschaut haben, was die Wörter girl und day wohl heißen mögen. Sie hät­ten sich natür­lich auch ein­fach die Web­seite des Girls’ Day (ja, der Apos­troph ist den Aktionären ver­rutscht, der gehört ans Ende des Wortes) anse­hen kön­nen. Dort hät­ten sie, direkt im Logo der Ver­anstal­tung, deren offiziellen und sehr tre­f­fend­en deutschen Namen gefun­den: Mädchen-Zukunftstag.

Diesen Monat bit­ten die vier lebendi­gen Deutschen nicht ein­fach um eine Ein­deutschung — nein, die Vorschläge sollen auch noch witzig sein:

Such­wort im Mai: Dies­mal bit­tet die Aktion um Vorschläge, ob man sich für die über­all plakatierte Reden­sart „to go“ (vor allem bei „Cof­fee to go“) etwas Prak­tis­ches ein­fall­en lassen kann, ide­al­er­weise witziger als „zum Mitnehmen“.

Etwas Witz, das wäre doch eine erhol­same Abwech­slung zur unfrei­willi­gen Komik der Aktionäre. Ich würde ja gle­ich im Wörter­buch nach­schla­gen, aber ich gehe jet­zt in den Bürg­er­park und laufe zehn Kilometer.

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Über Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch ist Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der Freien Universität Berlin. Er beschäftigt sich derzeit mit diskriminierender Sprache, Sprachpolitik und dem politischen Gebrauch und Missbrauch von Sprache. Sein aktuelles Buch „Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ ist 2018 im Dudenverlag erschienen.

20 Gedanken zu „Eine Aktion zum Canceln

  1. Sabine

    Ich habe der Aktion Deutsche Sprache vorgeschla­gen, “to go” doch durch “a porter” zu erset­zen. Ist ungle­ich ele­gan­ter. Im übri­gen bestelle ich mir in solchen Etab­lisse­ments immer einen großen, mit­tleren oder kleinen Cap­puc­ci­no. Es gibt eben gute und schlechte Lehnsprachen.

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  2. Stefan

    Also ich würde ja für “Cof­fee To Go” “Kaf­fee Kon Go” vorschla­gen. Witzigkeit ein­deutig gegeben ;-).

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  3. Frank Oswalt

    Wenn man dem all­ge­meinen Vorge­hen der Aktion Lebendi­ges Deutsch fol­gt, gibt es ja (neben der Totalver­weigerung) vier Möglichkeit­en: 1) eine schlechte Über­set­zung, die aber deut­lich schlim­mer klin­gen muss, als das Orig­i­nal (wie sein­erzeit bei “Nach­steller” für “Stalk­er”) — z.B. “Kaf­fee zum Gehen”; 2) ein schein­bar ver­wandter, aber tat­säch­lich völ­lig zusam­men­hangslos­er Begriff (wie sein­erzeit bei “Blaue Stunde” für “Hap­py Hour”) — z.B. “Kaf­fee zu Fuß”; 3.) ein Aus­druck, der sich über das Beze­ich­nete lustig macht und kul­turkri­tis­che Anklänge hat — z.B. “Kaffe für Wichtigtuer”; oder 4.) die Wieder­ent­deck­ung des Offen­sichtlichen — z.B. “Kaf­fee außer Haus”.

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  4. Andreas H.

    Ein Kaf­fee für über die Straße” oder “Geh-Kaf­fee” als Gegen­stück zu “Steh-Café”. Witzig genug?

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  5. DrNI

    @Frank Oswalt: Blaue Stunde für Hap­py Hour? Das ist ja gruselig. Die blaue Stunde ist doch die Zeit nach Son­nenun­ter­gang, wenn es noch hell ist und alles in einem mehr oder min­der tiefen Blau versinkt, das dann die Fotografen schätzen.

    Was “can­celn” ange­ht, so ist der Sache an sich nicht viel hinzuzufü­gen. Außer vielle­icht, daß die Sprach­pozilei in Wirk­lichkeit keine Ahnung davon hat. Denn was über­set­zt wird sind ja nicht wirk­lich Wörter. Genauer: Eine Lesart eines Wortes in Sprache A (das Englisch trifft mit “word sense” bess­er!) wird über­set­zt in die Lesart eines Wortes in Sprache B. Seit man in der Schule den Unter­schied zwis­chen “bank” und “bench” sowie “sky” und “Heav­en” gel­ernt hat, weiß man das eigentlich irgend­wie. Umgekehrt geht das übri­gens auch, mit den deutschen Wörtern “Orgel” und “Organ”, die im Englis­chen bei­de “organ” werden.

    Es ist natür­lich schade, wenn den Vertretern der Stiftung Deutsche Sprache solche Grund(er)kenntnisse der Sprach­wis­senschaft fehlen.

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  6. Frank Oswalt

    @DrNI: Blaue Stunde und Hap­py Hour hat Ste­fanow­itsch sein­erzeit hier besprochen. Ja, und die Grund­ken­nt­nisse sind wohl nicht das einzige, was der Aktion Lebendi­ges Deutsch fehlt — auch den gesun­den Men­schen­ver­stand haben sie nicht mit Löf­feln gefressen.

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  7. Danny

    Der Betreiber des Cafés vor meinem Haus hat immer wieder schöne Ideen, wie er seinen Kun­den den Kaf­fee zum Mit­nehmen schmack­haft machen kann: “Kaf­fee zum Gehen — Ein Euro zehn” oder “Kaf­fee — flink und schnell”.

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  8. NvonX

    Ich schlage vor:„Kaffee, den man nicht im Lokal trinkt, son­dern den man in einem Papp­bech­er in die Hand gedrückt bekommt, so dass man Ihn mit­nehmen kann, wohin man will” — oder: „Kaf­fee den man bezahlt, bevor man ihn trinkt, damit man nicht gezwun­gen ist, ihn dort zu verkösti­gen, wo er erwor­ben wurde”. Bei­de etwas länger als das amerikanis­che Orig­i­nal, aber das kann ja mal vorkom­men, wenn man auf Teufel komm raus ver­sucht, Reden­sarten zu adaptieren.

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  9. Thomas Müller

    to go” ist aber auch wirk­lich der Unter­gang des Abend­lan­des. Im Frank­furter Haupt­bahn­hof hängt groß ein Wer­be­plakat von Burg­er King mit dem Schriftzug “to go”. Das muß man sich mal vorstellen! Jet­zt gibt es sog­ar schon Fast Food zum Mitnehmen!

    Ver­dammte Amerikan­er, die machen alles kaputt. Erst unsere Sprache, jet­zt auch noch unsere Esskultur.

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  10. DrNI

    Anstatt “to go” würde ich übri­gens “to take” empfehlen. Ist zwar auch Englisch, wird aber wenig­stens von englis­chen Mut­ter­sprach­lern verstanden. 😉

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  11. DrNI

    Ah, die son­ntägliche Dus­seligkeit. Mit meinem let­zten Kom­men­tar wollte ich mich eigentlich auf Thomas Müller beziehen und noch fol­gen­des schreiben: “Cof­fee to go” gehört genau­so wie “Beam­er” oder “Handy” zu den lusti­gen englis­chen Aus­drück­en, die es im Englis­chen gar nicht gibt. Ich möchte nicht darüber absick­en oder sprach­block­warten, aber irgend­wie komisch bis inter­es­sant ist dieses Phänomen allemal!

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  12. buetal

    Ist ja eigentlich schon komisch, dass es bei McDonald’s an der Kasse immer noch “hier essen oder mit­nehmen?” heisst. Sind das die wirk­lichen Sprachhüter??

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  13. Thomas H

    @buetal: ich sag nur “Finan­zamt”, also “Mehrw­ert­s­teuer”.

    Mich hat das auch immer gewun­dert. Aber die Sache ist ein­fach so: 

    Lebens­mit­tel to go: 7% (wie damals bei 14% nichtre­duziert­er Mwst.)

    Essen zum Daessen (er ist hier…): 19% und steigend.

    Spielzeug etc.: 19%. 

    Also, wenn man Essen zum Mit­nehmen ein­fach *nicht* mit­nimmt, macht der­jenige eine unver­di­ente Mehrein­nahme, oder? 

    Ich bezahle 5 Euro (faul und immer noch zu warm hier).

    Davon wer­den 35 Cent Mwst. abgeführt. 

    Ich gehe nicht raus (weil zu heiß…). 

    Also bleiben 60 Cent mehr bei McDo oder so in der Kasse, oder? 

    Der Brut­to­preis bleibt ja der gle­iche. Wobei ich mich frage, ob das jed­er Fast­food­verkauf so genau nimmt bzw. ob die Steuer­fan­der immer mal wieder Kon­trollbe­suche machen…

    Stimmt das? Gibt’s hier BWLer, die hier aushelfen möchten?

    PPS Umgekehrt natür­lich auch: Daessen predi­gen, Mit­nehmen-Essen tun.

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  14. dr_murkes

    @DrNI

    For here or to go?” fragt in Ameri­ka der Verkäufer am Kaf­fee­tre­sen. Und im Deli und im Chi­naim­biß. Es wird also dur­chaus von Mut­ter­sprach­lern gebraucht und ver­standen. Der Fall liegt anders als beim “handy.” “To take” ist Quatsch, denn natür­lich nehme ich den Kaf­fee. Hab ja schließlich dafür bezahlt.

    Übri­gens kön­nte man doch die Beze­ich­nung beibehal­ten, um anzuzeigen, daß es sich um die aus Ameri­ka importierte Marotte han­delt, Kaf­fee aus Papp­bech­ern zu schlür­fen. “Kaf­fee to go” beze­ich­net nicht nur ein den trans­portablen Pott Kaf­fee, son­dern ein Kul­tur­phänomen. Wann übernehmen wir das Wort “trav­el latte”?

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  15. Kelkin

    Selt­samer­weise ver­hal­ten sich Sprach­wis­senschaftler in ihrer Kri­tik an ‘Sprach­hütern’ in sprach­lichen Din­gen wer­tend: Die Ver­suche, gegen unnötige Anglizis­men und Pseudoan­glizis­men etwas zu tun, sind ja selb­st ein lin­guisi­tisch (und sozi­ol­o­gisch) wis­senschaftlich beobacht­bares Phänomen und somit Gegen­stand der Sprach­wis­senschaft. Daß die Aktion Lebendi­ges Deutsch dabei unwis­senschaftlich vorge­ht, ist kein Wun­der: Sie wen­det sich mit ihren Aufrufen an Laien. Wenn sich ein Sprach­wis­senschaftler als Pri­vat­per­son sprachgestal­tend auftreten will, ist ihm auch dies ges­tat­tet. Eco schrieb sog­ar Romane.

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  16. P.Frasa

    Sie sind insofern kein wirk­lich­es lin­guis­tis­ches Phänomen, als sie die Ein­stel­lung ein­er kleinen Min­der­heit darstellen, die meint, sie müsse das Sprach­sys­tem aller kün­stlich reg­ulieren. Zwar kön­nen Min­der­heit­en rich­tungsweisend sein, was die Entwick­lung der Sprache bet­rifft, aber dies geschieht sel­ten auf dem nor­ma­tiv­en Weg, son­dern viel eher über Pres­tige. Und das Englis­che als Sprache hat in der Gesamt­bevölkerung ein grösseres Pres­tige als die Aktion Lebendi­ges Deutsch.

    Sollte die Aktion Lebendi­ges Deutsch tat­säch­lich ein­mal in der Lage sein, die Deutsche Sprache nach ihren Wün­schen umzugestal­ten, kann man in 50–100 Jahren nochmal drüber reden und es als lin­guis­tis­ches Phänomen analysieren.

    Die Kri­tik gegenüber “Sprach­hütern” ist nicht so zu ver­ste­hen, als hätte man Angst davor, durch sie würde die Sprache degener­ieren — genau das wäre ja Unsinn. Vielmehr ist diese Kri­tik genau dieselbe wie die von Evo­lu­tion­s­the­o­retik­ern den Kreation­is­ten gegenüber (oder die von Sta­tis­tik­ern schlecht recher­chierten Forschungsergeb­nis­sen in Bil­ligzeitun­gen gegenüber, übri­gens auch etwas wirk­lich Lästiges): Sie ver­mit­teln der Öffentlichkeit ein falsches Bild von der Sprachwis­senschaft, bzw. vom Funk­tion­ieren der Sprache (also Metawis­sen) ins­beson­dere dann, wenn in gewis­sen Schulen sog­ar Bas­t­ian Sick im Deutschunter­richt bemüht wird.

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