Orthografische Fieberphantasien

Von Anatol Stefanowitsch

Alarmierende Neuigkeit­en aus der Welt der deutschen Rechtschrei­bung erre­ichen uns dieser Tage: Rechtschreibre­form bringt wenig Nutzen (Pressemel­dung, z.B. bei die news), Schüler machen dop­pelt soviele Fehler (Börsenblatt.net) und, mit der typ­is­chen Gewis­sheit der Igno­ranz: Wegen Rechtschreibre­form machen Schüler mehr Fehler (Bild.de). Aus­lös­er dieser Hor­rormel­dun­gen ist eine Studie, über die ihr Autor, Uwe Grund, am Woch­enende auf der Jahresta­gung der „Forschungs­gruppe Deutsche Sprache“ berichtet hat.

Diese Studie hat mich natür­lich inter­essiert, also habe ich sie mir genauer ange­se­hen (der Vor­trag­s­text ste­ht hier zum Herun­ter­laden bere­it). Und was ich da lesen musste, hat mich ehrlich entsetzt.

Der Autor umreißt seine Ziele klar und knapp:

In meinem auf Ein­ladung der Forschungs­gruppe Deutsche Sprache gehal­te­nen Vor­trag werde ich mich in der gebote­nen Kürze mit ein­er Bestand­sauf­nahme zur orthographis­chen Sit­u­a­tion in der Schule befassen. … Ich werde anhand einiger Dia­gramme und Tabellen Sit­u­a­tions­bilder zum Deutschunter­richt vor und nach dem Stich­jahr 1996/98 vor­legen (Grund 2008, S. 1).

Und das tut er dann auch: Er errech­net zunächst Fehlerquoten in Schülerdik­tat­en aus den Jahren 2004–2006, also acht Jahre nach dem von ihm gewählten Stich­jahr. Das ist ein vernün­ftiger Zeitraum, da man so sich­er sein kann, dass die Lehrer aus­re­ichend Zeit hat­ten, sich mit den neuen Regeln ver­traut zu machen und dass die Schüler tat­säch­lich von Anfang an nach den neuen Regeln unter­richtet wor­den sind.

Diese Fehlerquoten ver­gle­icht er dann mit Dat­en, die vor der Rechtschreibre­form erhoben wur­den. Und dieser Ver­gle­ich fällt drastisch aus. Hier zum Beispieil die Verän­derung der durch­schnit­tlichen Fehlerquoten in vier Ver­gle­ichs­dik­tat­en (Grund 2008, S. 3):

Veränderung der durchschnittlichen Fehlerquoten in vier Vergleichsdiktaten (Grund 2008, S. 3)

Verän­derung der durch­schnit­tlichen Fehlerquoten in vier Ver­gle­ichs­dik­tat­en (Grund 2008, S. 3)

Schock­ierend.

Nein, es ist nicht die Ver­dop­pelung der Fehlerquote, die mich hier schock­iert. Es ist Grunds Vorge­hensweise. Sehen Sie noch ein­mal genau hin: seine Ver­gle­ichs­dat­en stam­men aus den Jahren 1970–1972. Der Ver­gle­ich­szeitraum liegt also, wie Grund ankündigt, vor der Rechtschreibre­form — 26 Jahre davor, um genau zu sein.

Mit anderen Worten, zwis­chen den bei­den „Sit­u­a­tions­bildern“ liegen 34 Jahre. Vierund­dreißig Jahre. Vierund­dreißig Jahre, in denen sich Deutsch­land völ­lig verän­dert hat — die Wiedervere­ini­gung, die Glob­al­isierung der Wirtschaft, Poli­tik und Kul­tur, der Wan­del von einem rel­a­tiv abgeschot­teten Fleckchen am Rande der west­lichen Welt zu einem Ein­wan­derungs­land im Zen­trum Europas sind nur drei rel­a­tiv drastis­che Entwick­lun­gen, die einem spon­tan ein­fall­en (und nur, um keine Missver­ständ­nisse aufkom­men zu lassen: ich begrüße alle drei).

Vierund­dreißig Jahre, in denen sich aber vor allem auch die Inhalte, Schw­er­punk­te und Ziele des Deutschunter­richts völ­lig verän­dert haben. Genau in die siebziger Jahre fällt eine Entwick­lung weg von einem an vorgegebe­nen Regeln und Darstel­lungs­for­men ori­en­tierten Schrei­bun­ter­richt hin zu einem kom­mu­nika­tiv­en, auf kreative Sprachver­wen­dung aus­gerichteten. Die Deutsch­di­dak­tik­er Jür­gen Bau­r­mann und Otto Lud­wig haben die neue Philoso­phie des Deutschunter­richts ein­mal präg­nant wie fol­gt zusammengefasst:

Ziel des Schrei­bun­ter­richts ist dann nicht mehr die Einübung einiger Auf­satz­for­men, son­dern die möglichst viel­seit­ige Entwick­lung, Aus­bil­dung und Ent­fal­tung der Schreibpo­ten­tiale junger Men­schen, nicht die Erfül­lung vorgegeben­er Nor­men, son­dern die Etablierung eines Ver­mö­gens (Baurmann/Ludwig 1996).

Man muss auch diesem Wan­del nicht unkri­tisch gegenüber­ste­hen, aber auf jeden Fall stellt er einen drastis­cheren Ein­schnitt in die schrift­sprach­liche Aus­bil­dung von Schülern dar als die paar Anpas­sun­gen der Rechtschrei­bung, die seit Jahren als „Reform“ gelobt und getadelt werden.

Es gibt deshalb keinen Grund anzunehmen, dass die Unter­schiede bei den Fehlerquoten in Schülerdik­tat­en von damals und heute irgen­det­was mit der Rechtschreibre­form zu tun haben. Genau­sogut kön­nte man die Unter­schiede auf die Ölkrise 1973, den Boykott der Olymp­is­chen Spiele in Moskau 1980, den Gewinn der Fußball­welt­meis­ter­schaft 1990 oder Roman Her­zogs „Ruck“-Rede 1997 zurück­führen. Die Studie, die Grund vor­legt, ist so nichtssagend, dass ihre medi­ale Ver­bre­itung im Rah­men der Anti-Reform-Pro­pa­gan­da der „Forschungs­gruppe“ an Böswilligkeit grenzt.

Ich betreibe ungern Kol­le­gen­schelte (und wenn ich das richtig sehe, ist Grund eine Art Kol­lege — er hat 1972 zum The­ma „Stu­di­en zur Sprachgestal­tung in Theodor Got­tlieb von Hip­pels Roman Lebenslaeufe nach auf­steigen­der Lin­ie“ pro­moviert). Aber ich muss es so deut­lich sagen: Wenn ein Stu­dent mir diese Studie als Hausar­beit in einem Ein­führungssem­i­nar vor­legen würde, ich würde sie ihm (bildlich gesprochen, natür­lich) rechts und links um die Ohren hauen.

Ob die neue Rechtschrei­bung aus der Sicht des Lern­ers eine Verbesserung darstellt, ist eine ern­stzunehmende sprach­wis­senschaftliche Fragestel­lung. Wenn mir jemand saubere Argu­mente gegen die neue und für die alte Rechtschrei­bung liefern kön­nte, würde ich mich den Refor­mgeg­n­ern sofort anschließen.

Aber wer sich dieser Fragestel­lung auf eine der­art schlampige und unge­naue Art nähert, bringt damit sowohl ern­sthafte Refor­mgeg­n­er als auch sprach­wis­senschaftliche Meth­o­d­en in Verruf.

Ist das dem Autor der Studie nicht klar? Ich weiß es nicht, aber er liefert einen kleinen Hin­weis darauf, dass ihm die schw­eren Män­gel seines Vorge­hens bewusst sind. Gle­ich nach­dem er das Ziel seines Vor­trags for­muliert, fügt er fol­gende Ein­schränkung hinzu:

Vor­ab möchte ich beto­nen, daß ich quel­lenkri­tis­che und method­ol­o­gis­che Über­legun­gen schon aus Zeit­grün­den nicht anstellen werde. Dies bet­rifft u.a. die Erhe­bung der Dat­en und die Klas­si­fika­tion der Fehler, die ja eigentlich nur Teil ein­er Klas­si­fika­tion der Leis­tun­gen von Schülern sein sollte, nicht vor­rangig der von Fehlleis­tun­gen (Grund 2008, S. 1).

Method­ol­o­gis­che Über­legun­gen sind aber das A und O der Wis­senschaft. Wer da schon ver­sagt, der kann sich den Rest sparen.

BAURMANN, Jür­gen und Otto LUDWIG (1996) Schreiben: Texte und For­mulierun­gen über­ar­beit­en. Basis­ar­tikel. Prax­is Deutsch 23, 13–21.

GRUND, Uwe (2008) Ver­gle­ichende Stu­di­en zu Rechtschreibleis­tun­gen in Schüler­tex­ten vor und nach der Rechtschreibre­form. Erste Ergeb­nisse und Desider­ate der Forschung. Vor­trag auf der Jahresta­gung der Forschungs­gruppe Deutsche Sprache, Stuttgart. [PDF, 60KB]

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Über Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch ist Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der Freien Universität Berlin. Er beschäftigt sich derzeit mit diskriminierender Sprache, Sprachpolitik und dem politischen Gebrauch und Missbrauch von Sprache. Sein aktuelles Buch „Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ ist 2018 im Dudenverlag erschienen.

69 Gedanken zu „Orthografische Fieberphantasien

  1. Tobias Bluhme

    Es ist natür­lich Unsinn, die genan­nten Ergeb­nisse “auf die Ölkrise 1973, den Boykott der Olymp­is­chen Spiele in Moskau 1980, den Gewinn der Fußball­welt­meis­ter­schaft 1990 oder Roman Her­zogs „Ruck“-Rede 1997” zurück­zuführen. Diese Ereignisse kön­nen keinen Ein­fluß gehabt haben, da sie lange vor der Ein­schu­lung der in der Unter­suchung ein­be­zo­ge­nen Schüler passiert sind. Es han­delt sich also um reine Polemik und Effek­thascherei. Wie immer in der Geis­teswis­senschaft sollte die nahe­liegende Erk­lärung als am wahrschein­lich­sten ange­se­hen wer­den. Und da die Urhe­ber der Rechtschreibre­form eine drastis­che Abnahme der Fehlerzahlen ohne zusät­zlichen Unter­richt ver­sprochen hat­ten und dieses Ver­sprechen wohl nur durch eine Verän­derung der Orthogra­phie hätte erre­icht wer­den kön­nen, ist die einzige logis­che Erk­lärung für die Ergeb­nisse der Studie ein Man­gel der “neuen” Orthographie.

    Übri­gens ist es nicht Her­rn Dr. Grund anzu­las­ten, daß Dat­en “aus den Jahren 1970–1972” herange­zo­gen wer­den mußten. Die Urhe­ber der Reform, die Reformkom­mis­sion und die Kul­tus­min­is­ter haben es ja lei­der ver­säumt, eine ver­gle­ichende Studie durch rechtzeit­ige Erhe­bung von Ver­gle­ichs­dat­en (bspw. zu Anfang der 1990er Jahre) vorzu­bere­it­en. Oder haben sie das vielle­icht gar nicht “vergessen”?

    Wenn Sie also “bess­er” geeignetes Daten­ma­te­r­i­al vorzuweisen haben: Gerne!

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  2. Christian

    Her­rn Bluhme ist zuzus­tim­men. Auch wenn ich die son­sti­gen Beiträge in diesem Blog sehr schätze, scheint mir Herr Ste­fanow­itsch hier daneben­zuliegen. Es sei denn, er kann einen Beleg dafür anführen, dass durch Ein­wan­derung und Glob­al­isierung auch in anderen Staat­en der Welt die Rechtschreibkom­pe­tenz in der jew­eili­gen Lan­dessprache so drama­tisch gesunken ist wie in Deutsch­land. Das scheint aber noch nicht bewiesen wor­den zu sein.

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  3. David Konietzko

    »Die Studie, die Grund vor­legt, ist so nichtssagend, […].«

    Das ist sie nicht, denn die Fehlerver­mehrung ist an sich schon ein inter­es­santes Ergeb­nis, das einen Hand­lungs­be­darf aufzeigt. Daß der Anstieg nicht nur auf die Reform zurück­zuführen sein muß, ist natür­lich richtig. Deshalb schreibt Grund auch auf Seite 5 der PDF-Datei:

    »Wir müssen natür­lich damit rech­nen, daß sich seit den 1970er und 1980er Jahren auch schon vor

    der Ein­führung der neuen Regeln die Rechtschreibleis­tun­gen verän­dert haben.«

    Entsprechend wies Theodor Ick­ler (Sprach­wis­senschaftler und Mit­glied des Beirates der FDS) am 27.7. in einem Inter­view mit dem Deutsch­land­funk darauf hin, daß er »also nicht sagen möchte, daß diese Fehler auss­chließlich reformbe­d­ingt sind«.

    Und auch der FDS-Vor­sitzende Rein­hard Markn­er schreibt: »Die Reform kann für diese Entwick­lung nicht allein ver­ant­wortlich gemacht wer­den, […].« (http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=599#7079)

    Es ist nicht so, daß Grund keine Dat­en aus der Zeit kurz vor der Reform berück­sichtigt hätte. Auf den Seit­en 5 und 6 ver­gle­icht er Rechtschreibleis­tun­gen von 1990/91 mit solchen von 2001.

    In jedem Fall ist Grunds Studie blam­a­bel für die Rechtschreibre­former, die eine extreme Fehlerver­min­derung infolge der Reform ver­sprachen. (KMK-Präsi­dent Wern­st­edt schwadronierte ein­mal in einem Rund­funk-Inter­view: »Durch die Rechtschreibre­form sind wir 90 Prozent unser­er Rechtschreibfehler los.«)

    »Wenn mir jemand saubere Argu­mente gegen die neue und für die alte Rechtschrei­bung liefern kön­nte, würde ich mich den Refor­mgeg­n­ern sofort anschließen.«

    Wer sich eine Mei­n­ung bilden möchte, sollte nicht darauf warten, daß ihm die Argu­mente ›geliefert‹ wer­den, son­dern muß sich schon selb­st um die entsprechen­den Büch­er und Auf­sätze bemühen (die teil­weise kosten­los im Inter­net ver­füg­bar sind). Wer diese gründlich durchgear­beit­et hat, wird die Reform nicht als »die paar Anpas­sun­gen« beze­ich­nen (Anpas­sun­gen woran eigentlich?).

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  4. Jan-Martin Wagner

    Schade, Herr Ste­fanow­itsch: Sie zitieren nur einen kleinen Auss­chnitt der Studie; es find­en sich darin außer­dem noch Ver­gle­ichs­dat­en aus den Jahren 1990/91 und 2001. Dies wird von Her­rn Grund aus­drück­lich her­vorge­hoben, auch weist er auf die Prob­lematik des Erfas­sungszeitraums expliz­it hin:

    Die Unter­suchun­gen im Pro­jekt NRW-Kids sind auch insofern von beson­derem Inter­esse, als es sich um Ver­gle­ich­szahlen von 1990/91 und 2001 han­delt. Die Proban­den sind Viertk­läßler, im Zeit­punkt der Daten­er­he­bung also auss­chließlich nach den neuen Regeln unter­richtet. Der zum Ver­gle­ich dienende Erhe­bungszeit­punkt von 1990/91 liegt recht nahe dem Jahr der Ein­führung der Reform. Wir müssen natür­lich damit rech­nen, daß sich seit den 1970er und 1980er Jahren auch schon vor der Ein­führung der neuen Regeln die Rechtschreibleis­tun­gen verän­dert haben. Das müßte im einzel­nen an geeigneten Kor­po­ra unter­sucht wer­den.” (Seite 5)

    Nicht umson­st enthält der Vor­trag im Titel den Zusatz: “… und Desider­ate der Forschung”.

    Außer­dem sollte man sich in Erin­nerung rufen, zu welchem Zweck die Reform einge­führt wor­den war: Die Anzahl der Fehler sollte reduziert wer­den. Für den zu erwartenden Rück­gang der Fehlerzahlen wur­den damals Werte zwis­chen 40 und 70 Prozent genan­nt. Geset­zt den Fall, dies sei wirk­lich erre­icht wor­den, wäre eine Erk­lärung der beobachteten Fehlerzu­nahme nur möglich, wenn sich andere Ein­flüsse beson­ders stark aus­gewirkt hät­ten. Das ist aber alles andere als plau­si­bel, daher wäre es gut zu begrün­den, wollte man die vor­liegen­den Unter­suchun­gen als “nichtssagend” zurück­weisen und sie dem Autor bildlich “rechts und links um die Ohren hauen”.

    Zwar führen Sie das Zitat von Bau­r­mann und Lud­wig an, und es stellt in der Tat die Hin­wen­dung des Unter­richts zur Förderung der Eige­nak­tiv­ität einen erhe­blichen Wan­del dar. Ander­er­seits hat sich in all der Zeit jedoch nichts an der kul­tus­min­is­teriellen Vor­gabe geän­dert, die den Duden zum alleini­gen Maßstab bei der schulis­chen Fehlerko­rek­tur und ‑beno­tung gemacht hat. Bis zur Rechtschreibre­form gab es nur min­i­male Verän­derun­gen im Duden, daher kann man von einem sta­bilen Ver­gle­ichs­maßstab aus­ge­hen. Dies ist ein wichtiges Argu­ment, weshalb die Dat­en von 1970 dur­chaus zu Ver­gle­ich­szweck­en herange­zo­gen wer­den können.

    Über das The­ma “Sauberkeit der Meth­ode” soll­ten Sie also vielle­icht sel­ber noch mal nach­denken, Herr Stefanowitsch.

    Fre­undlichen Gruß

    Jan-Mar­tin Wagner

    (Forschungs­gruppe Deutsche Sprache)

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  5. Simone

    Es scheint mir eine all­ge­meine Ten­denz zu geben, bei Unter­suchun­gen die soziokul­turellen Aspek­te zu ver­nach­läs­si­gen. Unsere Son­ntagszeitung druckt jew­eils im Wis­chen­schaft­steil die Resul­tate von sog. wis­senschaftlichen Unter­suchun­gen ab. So hat beispiel­sweise jemand bewiesen, dass dicke (amerikanis­che) Kinder weniger gebildet sind als schlanke. Das Ergeb­nis der Studie stimmt zweifel­sohne, doch der Rückschluss, dass die Kinder weniger gebildet seien, weil sie dick sind, der ist falsch. Es han­delt sich ganz ein­fach um zwei Fak­toren die durch den sel­ben soziokul­turellen Aspekt (Armut) bee­in­flusst werden.

    Herr Grund macht m.E. den sel­ben Fehler. Natür­lich ist die Orthogra­phie in den let­zten 30 Jahren schlechter gewor­den, dies hab aber demographis­che, soziokul­turelle und bil­dungspoli­tis­che Gründe. Diese Fak­toren soll­ten betra­chtet wer­den, bevor man eine Studie begin­nt. Wenn keine besseren Dat­en ver­füg­bar sind, sollte man die Studie nicht durch­führen, um Fehlschlüsse zu vermeiden.

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  6. David Konietzko

    Simone in Nr. 5: »[D]ies hab« (sic) »aber demographis­che, soziokul­turelle und bil­dungspoli­tis­che Gründe.«

    Diese spie­len sich­er eine Rolle, aber woher wollen Sie wis­sen, daß die Reform nicht auch einen (möglicher­weise erhe­blichen) Ein­fluß hat?

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  7. Abwarten

    Bis sich eine Rechtschreibre­form soweit durch­set­zt dass sie all­ge­mein ver­bre­it­et ist, verge­hen 2 Jahrzehnte oder mehr (lei­der keine Quelle mehr erin­ner­lich, es sollen Erfahrungswerte aus früheren deutschen Refor­men sein). 

    Die Schüler dürften nach nur 8 Jahren noch von soviel unre­formiertem Textgut umgeben sein, dass sie es schw­er­er haben beim Ler­nen die Ein­deutigkeit des Richti­gen zu verinnerlichen.

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  8. Anatol Stefanowitsch

    Ich freue mich, dass soviele Mit­glieder und Fre­unde der Forschungs­gruppe Deutsche Sprache hier mit­disku­tieren. Bevor ich auf die Kom­mentare einzeln einge­he, eine Vorbe­merkung. Ich bin in meinem Urteil hier aus zwei Grün­den so kat­e­gorisch: Erstens hat die FDS die Behaup­tun­gen des Autors in den öffentlichen Diskurs einge­bracht und muss sich diesem nun auch stellen (wenn ich ein Kon­feren­zteil­nehmer gewe­sen wäre und man nur unter Wis­senschaftlern die Ergeb­nisse der Studie disku­tiert hätte, wäre meine Kri­tik vielle­icht „kon­struk­tiv­er“ aus­ge­fall­en). Zweit­ens hat die FDS die Behaup­tun­gen des Autors dieser Studie an die Presse weit­ergegeben, um ihren Zie­len einen wis­senschaftlichen Anstrich zu ver­lei­hen. Dieser wis­senschaftliche Anstrich ist durch diese Studie aber in kein­er Weise gerecht­fer­tigt. Damit wird vor­getäuschte Wis­senschaftlichkeit zu einem Pro­pa­gandain­stru­ment und das darf nicht sein — Wis­senschaftler dür­fen unter­schiedlich­er Mei­n­ung sein und sie dür­fen sich irren, aber sie dür­fen keine Pseudowis­senschaft betreiben.

    Ob die neue oder die alte Rechtschrei­bung „bess­er“ ist, ist mir übri­gens her­zlich egal. Aus sprach­wis­senschaftlich­er Sicht sind bei­de (wie auch die meis­ten anderen Orthografien der Welt) ein katas­trophales Mis­chmasch aus Prinzip­i­en — his­torisch gewach­sen und ihren Zweck erfül­lend, aber nichts, was meine sprachlo­gis­che Lei­den­schaft weck­en kann.

    Nun zu den einzel­nen Kommentaren.

    Tobias Bluhme (#1),

    Wie immer in der Geis­teswis­senschaft sollte die nahe­liegende Erk­lärung als am wahrschein­lich­sten ange­se­hen werden.

    Das ist kein Prinzip, dem irgen­dein Geistes‑, Sozial- oder Natur­wis­senschaftler fol­gt. Ob eine Erk­lärung „nahe­liegend“ ist, spielt keine Rolle. Man muss zeigen, dass sie richtig ist (um genau zu sein, man muss zeigen, dass sie sich in ein­er sauberen, auf Fal­si­fika­tion aus­gelegten Studie nicht fal­si­fizieren lässt).

    Und da die Urhe­ber der Rechtschreibre­form eine drastis­che Abnahme der Fehlerzahlen ohne zusät­zlichen Unter­richt ver­sprochen hat­ten und dieses Ver­sprechen wohl nur durch eine Verän­derung der Orthogra­phie hätte erre­icht wer­den kön­nen, ist die einzige logis­che Erk­lärung für die Ergeb­nisse der Studie ein Man­gel der “neuen” Orthographie.

    Die Reformer haben eine Abnahme der Fehler ver­sprochen, diese ist nicht einge­treten, also sind Män­gel der neuen Rechtschrei­bung die einzige Erk­lärung für die Zunahme der Fehler? Kön­nen Sie mir die Logik hin­ter dieser Aus­sage erklären?

    Chris­t­ian (#2),

    Es sei denn, er kann einen Beleg dafür anführen, dass durch Ein­wan­derung und Glob­al­isierung auch in anderen Staat­en der Welt die Rechtschreibkom­pe­tenz in der jew­eili­gen Lan­dessprache so drama­tisch gesunken ist wie in Deutsch­land. Das scheint aber noch nicht bewiesen wor­den zu sein.

    Nein, den Beleg muss ich nicht liefern. Die FDS ist es, die Behaup­tun­gen auf­stellt, deshalb ist es auch die FDS, die die Beweise liefern muss. Ich stimme Ihnen aber zu, dass es sehr inter­es­sant wäre, solche Ver­gle­ichs­dat­en zu haben. In der Tat kön­nten Sie dabei helfen, den Effekt der Rechtschreibre­form von anderen Ein­flussfak­toren zu isolieren.

    David Koniezko (#3),

    Deshalb schreibt Grund auch auf Seite 5 der PDF-Datei: „Wir müssen natür­lich damit rech­nen, daß sich seit den 1970er und 1980er Jahren auch schon vor der Ein­führung der neuen Regeln die Rechtschreibleis­tun­gen verän­dert haben.“

    Das ist richtig. Nur hätte er dann kon­se­quenter­weise an dieser Stelle seine Studie abbrechen müssen, denn er gibt damit ja zu, dass seine Dat­en in Bezug auf seine Fragestel­lung nicht inter­pretier­bar sind.

    Entsprechend wies Theodor Ick­ler (Sprach­wis­senschaftler und Mit­glied des Beirates der FDS) am 27.7. in einem Inter­view mit dem Deutsch­land­funk darauf hin, daß er „also nicht sagen möchte, daß diese Fehler auss­chließlich reformbe­d­ingt sind“.

    Der Kol­lege Ick­ler, dessen Aus­sagen ich — egal, ob ich ihm zus­timme oder nicht — dur­chaus häu­fig etwas abgewin­nen kann, geht mit dieser Aus­sage lei­der nicht weit genug: er kann nicht nur nicht sagen, dass die Fehler „auss­chließlich“ reformbe­d­ingt sind, er kann gar nicht sagen, ob die Fehler reformbe­d­ingt sind. Die Studie gibt es schlicht nicht her, den Unter­schied zwis­chen den bei­den Erhe­bungszeit­punk­ten auf irgen­deinen bes­timmten Ein­flussfak­tor zurückzuführen.

    Es ist nicht so, daß Grund keine Dat­en aus der Zeit kurz vor der Reform berück­sichtigt hätte. Auf den Seit­en 5 und 6 ver­gle­icht er Rechtschreibleis­tun­gen von 1990/91 mit solchen von 2001.

    Ich wollte dem Autor ers­paren, auch noch auf diesen Fehler hinzweisen, aber sehen wir uns diesen Ver­gle­ich doch ein­mal genauer an. Die Grafik, auf die Sie hier hin­weisen, ist folgende:

    Was fällt hier auf? Der Autor ver­gle­icht die „Alten Bun­deslän­der“ 1990/91 mit „Nor­drhein-West­falen“ 2001. Er vari­iert also zwei Vari­ablen gle­ichzeit­ig, näm­lich Region und Zeit­punkt. Damit kann er nicht mehr behaupten, der Unter­schied sei auf den Zeit­punkt zurück­zuführen. Das ist ein so grundle­gen­der method­is­ch­er Fehler, dass ich ihn meinen Studieren­den nicht um die Ohren hauen müsste, weil sie ihn näm­lich nie machen würden.

    In jedem Fall ist Grunds Studie blam­a­bel für die Rechtschreibre­former, die eine extreme Fehlerver­min­derung infolge der Reform ver­sprachen. (KMK-Präsi­dent Wern­st­edt schwadronierte ein­mal in einem Rund­funk-Inter­view: »Durch die Rechtschreibre­form sind wir 90 Prozent unser­er Rechtschreibfehler los.«)

    Nein, denn die Studie wider­legt nicht, dass eine solche Reduk­tion stattge­fun­den hat. Um das wirk­lich zu wider­legen, müsste die Studie zeigen, dass die Fehlerquote auch nach ein­er Bere­ini­gung von anderen Ein­flussfak­toren angestiegen ist. Da die Studie aber andere Ein­flussfak­toren über­haupt nicht berück­sichtigt, kann sie das natür­lich nicht.

    Wenn mir jemand saubere Argu­mente gegen die neue und für die alte Rechtschrei­bung liefern kön­nte, würde ich mich den Refor­mgeg­n­ern sofort anschließen.“

    Wer sich eine Mei­n­ung bilden möchte, sollte nicht darauf warten, daß ihm die Argu­mente ›geliefert‹ wer­den, son­dern muß sich schon selb­st um die entsprechen­den Büch­er und Auf­sätze bemühen (die teil­weise kosten­los im Inter­net ver­füg­bar sind).

    Herr Koni­et­zko, Sie wis­sen, dass ich Ihre Ansicht­en zur Logik der neuen und alten Rechtschrei­bung schätze (auch, wenn ich sie nicht teile), aber Ihre Ansicht­en zur Logik der Forschung kann ich nicht gutheißen: Die „Forschungs­gruppe Deutsche Sprache“ ist es, die hier Behaup­tun­gen in die Welt set­zt, also trägt sie auch die Beweis­last. So funk­tion­iert das nun ein­mal, und das ist ja auch gut so.

    Jan-Mar­tin Wag­n­er (#4),

    Außer­dem sollte man sich in Erin­nerung rufen, zu welchem Zweck die Reform einge­führt wor­den war: Die Anzahl der Fehler sollte reduziert wer­den. Für den zu erwartenden Rück­gang der Fehlerzahlen wur­den damals Werte zwis­chen 40 und 70 Prozent genan­nt. Geset­zt den Fall, dies sei wirk­lich erre­icht wor­den, wäre eine Erk­lärung der beobachteten Fehlerzu­nahme nur möglich, wenn sich andere Ein­flüsse beson­ders stark aus­gewirkt hät­ten. Das ist aber alles andere als plau­si­bel, daher wäre es gut zu begrün­den, wollte man die vor­liegen­den Unter­suchun­gen als “nichtssagend” zurück­weisen und sie dem Autor bildlich “rechts und links um die Ohren hauen”.

    Alles andere als plau­si­bel“? Der Autor ver­gle­icht hier Dat­en, die mehr als dreißig Jahre auseinan­der liegen. Ich habe drei Großereignisse genan­nt, die dazwis­chen lagen. Woher nehmen Sie die Sicher­heit, dass diese und andere Ein­flüsse sich nicht „beson­ders stark aus­gewirkt“ haben? Plau­si­bil­ität ist nun ein­mal kein Argu­ment — ich finde zum Beispiel wed­er Ihre Mei­n­ung, noch die des Autors der Studie „plau­si­bel“.

    Ander­er­seits hat sich in all der Zeit jedoch nichts an der kul­tus­min­is­teriellen Vor­gabe geän­dert, die den Duden zum alleini­gen Maßstab bei der schulis­chen Fehlerko­rek­tur und ‑beno­tung gemacht hat.

    Nein, aber die Inhalte des Deutschunter­richts und die Schw­er­punk­te, die dort geset­zt wer­den, haben sich radikal verän­dert. Sie kön­nen die Schüler aus den zwei Zeiträu­men deshalb nicht direkt miteinan­der vergleichen.

    Über das The­ma “Sauberkeit der Meth­ode” soll­ten Sie also vielle­icht sel­ber noch mal nach­denken, Herr Stefanowitsch.

    Ich erwarte mit Span­nung Ihre Begrün­dung für diesen Ratschlag.

    Simone (#5),

    ich kann Ihnen da nur zus­tim­men. In der PISA-Debat­te hat man den sel­ben Fehler gemacht, obwohl wis­senschaftliche Stu­di­en vor­liegen, die die Ergeb­nisse der Studie nach soziokul­turellen Fak­toren bere­inigt haben.

    David Koni­et­zko (#6),

    Simone in Nr. 5: „[D]ies hab“ (sic) „aber demographis­che, soziokul­turelle und bil­dungspoli­tis­che Gründe.“

    Diese spie­len sich­er eine Rolle, aber woher wollen Sie wis­sen, daß die Reform nicht auch einen (möglicher­weise erhe­blichen) Ein­fluß hat?

    Woher wollen Sie es wis­sen? Simone trägt hier nicht die Beweis­last — der Autor der Studie trägt sie.

    Abwarten (#7),

    das ist ein gutes Argu­ment. Trotz­dem wäre eine sauber gear­beit­ete Studie zu diesem The­ma auch zum jet­zi­gen Zeit­punkt schon interessant!

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  9. David Konietzko

    »Aus sprach­wis­senschaftlich­er Sicht sind bei­de (wie auch die meis­ten anderen Orthografien der Welt) ein katas­trophales Mis­chmasch aus Prinzip­i­en — his­torisch gewach­sen und ihren Zweck erfül­lend, aber nichts, was meine sprachlo­gis­che Lei­den­schaft weck­en kann.«

    Mit »his­torisch gewach­sen« ist nur die nichtre­formierte Rechtschrei­bung gemeint, oder?

    Daß Sie auf ›Sprachlogik‹ aus sind, wun­dert mich. Dann dürften Sie eigentlich keine Freude an natür­lichen Sprachen haben. Am 12. Juni 2007 äußerten Sie sich im Beitrag Rich-List-Lin­guis­tik wie folgt:

    »Natür­lich hat jede Sprache all­ge­meine Geset­zmäßigkeit­en, die Bere­iche wie Wort­stel­lung, Kasus, Tem­pus und Aspekt, usw. regeln (obwohl es auch da Aus­nah­men zur Genüge gibt). Aber der größere Teil ein­er Sprache beste­ht aus Wörtern, Redewen­dun­gen und halbpro­duk­tiv­en Satz­bil­dungsmustern, die sich so ver­hal­ten, wie sie es eben tun, ohne dass es dafür eine beson­ders ein­leuch­t­ende Erk­lärung gäbe (mod­erne Gram­matik­the­o­rien haben das übri­gens erkan­nt und ver­suchen, dem gerecht zu wer­den).« (siehe http://www.iaas.uni-bremen.de/sprachblog/2007/06/12/rich-list-linguistik/)

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  10. Jan-Martin Wagner

    Ana­tol Ste­fanow­itsch (#8)

    »Der Autor ver­gle­icht die „Alten Bun­deslän­der“ 1990/91 mit „Nor­drhein-West­falen“ 2001. Er vari­iert also zwei Vari­ablen gle­ichzeit­ig, näm­lich Region und Zeit­punkt. Damit kann er nicht mehr behaupten, der Unter­schied sei auf den Zeit­punkt zurückzuführen.>Die „Forschungs­gruppe Deutsche Sprache“ ist es, die hier Behaup­tun­gen in die Welt set­zt, also trägt sie auch die Beweislast.>Der Autor ver­gle­icht hier Dat­en, die mehr als dreißig Jahre auseinan­der liegen. Ich habe drei Großereignisse genan­nt, die dazwis­chen lagen.>[D]ie Inhalte des Deutschunter­richts und die Schw­er­punk­te, die dort geset­zt wer­den, haben sich radikal verändert.

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  11. Lukas Platte

    Herr Ste­fanow­itsch über­sieht eine Kleinigkeit. Die Unter­suchung von Her­rn Grund untern­immt in erster Lin­ie nicht den Nach­weis ein­er Erhöhung der Fehlerquote infolge der Reform im all­ge­meinen, son­dern den ein­er über­pro­por­tionalen Erhöhung in den von der Reform erfaßten Bere­ichen der Orthogra­phie (z.B. GKS, s‑Schreibung) im beson­deren. Diese Wahrnehmung kor­re­spondiert prob­lem­los mit dem Ergeb­nis ein­er jüngst veröf­fentlicht­en, von der GfdS (nicht der FDS) in Auf­trag gegebe­nen Allens­bach-Unter­suchung, derzu­folge die Rechtschreibleis­tung bei reform­neu­tralen Schrei­bun­gen wie “Rhyth­mus” und “Lebens­stan­dard” über die ver­gan­genen Jahrzehnte gle­ich geblieben (wenn nicht sog­ar ein bißchen bess­er gewor­den) ist. 

    Gewiß, Allens­bach hat nicht nur Schüler getestet. Wirk­lich begrün­dungs- und diskus­sions­bedürftig wäre jedoch die These gewe­sen, daß sich die Rechtschreib­sicher­heit bei Schülern — mutatis mutan­dis — anders entwick­elt als bei Erwach­se­nen. Deren Verun­sicherung ist jedoch man­i­fest; sie wird täglich in der Zeitung doku­men­tiert. Das kann auch Her­rn Ste­fanow­itsch nicht ganz ver­bor­gen geblieben sein. Insofern hat Herr Grund nur demon­stri­ert, was ohne­hin zu ver­muten war. So what?

    Das etwas exaltierte Wis­senschaftlichkeitspathos von Her­rn Ste­fanow­itsch erin­nert mich ein wenig an die sehr frucht­losen Diskus­sio­nen mit — in einem spez­i­fis­chen Sinne — linksori­en­tierten His­torik­ern in den 80er Jahren, die, sobald man sich despek­tier­lich über die Sow­je­tu­nion äußerte, ähn­liche Ver­hal­tens- und Argu­men­ta­tion­s­muster an den Tag legten. Das reichte von der bedauernd-achselzuck­end vor­ge­tra­ge­nen Bemerkung, zu dem The­ma seien lei­der keine fal­si­fizier­baren Aus­sagen möglich, weil die Quellen nicht zugänglich seien, bis hin zu dem aggres­siv­en Duk­tus des Hausar­beit­en-um-die-Ohren schla­gen-Wol­lens, wenn man ihnen mit Fak­ten kam, die jedem unvor­ein­genomme­nen Men­schen in die Augen sprangen. (Die Kol­le­gen sind nach 1989 übri­gens sehr leise geworden.)

    Ein solch­es Ver­hal­ten nenne ich den Mißbrauch des wis­senschaftlichen Ethos als Hil­f­s­mit­tel zum Zweck der Fik­tion­al­isierung der Real­ität. Dem Muster fol­gt auch die von Her­rn Ste­fanow­itsch vorgenommene Beweis­las­tumkehr, die dem Wider­sach­er nur die Wahl läßt zwis­chen der Kapit­u­la­tion und jen­er para­noiden Sys­tem­a­tisierung, die der Umkehrer selb­st leis­ten müßte, wenn er denn über­haupt ern­sthaft argu­men­tieren wollte (weshalb er sich lieber auf Andeu­tun­gen und Insin­u­a­tio­nen beschränkt). 

    Es läßt sich nun ein­mal nicht über Dat­en argu­men­tieren und disku­tieren, die nicht ver­füg­bar sind, son­dern nur über solche, die vor­liegen. Nichts anderes hat Herr Grund getan. Wer ihm wider­sprechen will, muß zeigen, daß er von falschen Dat­en aus­ge­ht, daß er seine Dat­en falsch inter­pretiert oder daß er Dat­en überse­hen hat, die seinen Befund in Frage stellen. So ein­fach ist das manch­mal mit der Wis­senschaftlichkeit. Auch Herr Ste­fanow­itsch wird eines — hof­fentlich nicht allzu fer­nen — Tages etwas beschei­den­er sein.

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  12. chodo

    Sich unbe­grün­de­tem Alarmis­mus ver­weigern und zeigen, dass die Studie schlicht nichts aus­sagt ist wirk­lich nichts ver­dammenswertes. Das mit irgendwelchen His­torik­ern in den 80ern ver­gle­ichen zu wollen, ist absoluter Quatsch. Es ist nun ein­mal so, dass die Beweis­last bei Grund liegt, immer­hin will er hier ja auch eine These beweisen.

    @ Plat­te: Man nehme Dat­en, die nichts zeigen und erstelle eine Studie, die nichts beweist. Vielle­icht gibt es keine besseren Dat­en, meinetwe­gen. Aber unzure­ichende Dat­en machen auch dann keine gute Studie, wenn sie die besten sind, die es gibt. So ein­fach ist das manch­mal mit der Wissenschaftlichkeit.

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  13. Frank Oswalt

    @Lukas Plat­te (#11): “Exaltiertes Wis­senschaftlichkeitspathos” LOL “linksori­en­tierten His­torik­ern”? ROFL. “Fik­tion­al­isierung der Real­ität”? LMAO. Ich habe sel­ten soviel unfrei­willige Komik auf einem Haufen gese­hen, wie in Ihrem Kom­men­tar. “Wer [Grund] wider­sprechen will, muß zeigen, daß er von falschen Dat­en aus­ge­ht, daß er seine Dat­en falsch inter­pretiert oder daß er Dat­en überse­hen hat, die seinen Befund in Frage stellen. So ein­fach ist das manch­mal mit der Wis­senschaftlichkeit.” Richtig. Und genau das hat Ste­fanow­itsch in seinem Beitrag getan. Aber das wür­den Sie offen­sichtlich nicht ein­mal erken­nen, wenn man es Ihnen auf­malen würde. Also, husch, husch, zurück in den FDS-Sandkasten.

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  14. Chat Atkins

    Mir scheint ein Prob­lem der Debat­te hier in der selb­st­gewis­sen Rück­führung der steigen­den Fehlerzahl auss­chließlich auf die Rechtschreibre­form zu liegen. Nach dem Mot­to: “Vor dem Bau der Auto­bah­nen war Deutsch­land ein blühen­des Land, danach lag es in Schutt und Asche. Da kann mal sehen, wie schädlich Auto­bah­nen sind!” Ich will hier die Rechtschreibre­form keineswegs ent­las­ten, sie ist ein Pro­dukt von ‘Kul­tur­poli­tik’, eines Fabel­we­sens also — und fol­glich schlecht. Trotz­dem stellt die Studie schlicht doch nur fest, dass die Fehlerquote von Schüler­tex­ten mit Beginn des neuen Jahrtausends angestiegen ist, wobei in der Erhe­bung method­is­che Fehler vorgekom­men sein mögen. Woher das Ergeb­nis aber rührte, das bleibt neb­ulös, der ‘Dämon’ des Geschehens bleibt unbe­nan­nt. Es kön­nte ja auch an ein­er höheren ‘Fehler­tol­er­anz’ in Sachen Orthogra­phie gele­gen haben, in der Päd­a­gogik sowohl wie in der Gesellschaft. Die ich keines­falls beschöni­gen will, weil ich eine verbindliche Orthogra­phie u.a. für notwendig halte, um ganz basale Schreibziele zu erre­ichen, vor allem also, um über­haupt Leser oder ‘Ver­ständ­nis’ zu find­en. So prag­ma­tisch soll­ten wir solche Fra­gen disku­tieren, nicht ide­ol­o­gisch hochgeschäumt, um irgendwelche heilig­sten Güter zu vertei­di­gen, allen voran die ‘deutsche Kultur’ …

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  15. Jan-Martin Wagner

    Der Rat für Rechtschrei­bung rät – rat­en Sie mit!

    4) Das 19. Jahrhun­dert schrieb gross: Jed­er, die Bei­den, vor Allem, Nichts. Kennze­ichen der mod­er­nen Rechtschrei­bung ist der kleine Buch­stabe. Der Rat für Rechtschrei­bung will, dass wir uns die klo­bi­gen Zylin­der des 19. Jahrhun­derts wieder auf­set­zen, allerd­ings nur einige. Welche? Da muss man rat­en: am besten, auf das Fre­undlich­ste / fre­undlich­ste, nicht im Ger­ing­sten, nicht im Min­desten / min­desten, im All­ge­meinen, bei Weit­em / weit­em, des Weit­eren, vor allem, zum einen, zum Ersten, ein paar Mal / paar­mal, jedes Mal, dieser, Let­zter­er, die bei­den, die Ersten.

    (http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=591)

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  16. B.Eversberg

    Wie kann man denn endlich zu Objek­tiv­ität und Prag­ma­tismus gelan­gen — doch sich­er nicht durch wech­sel­seit­ige Beschimp­fun­gen. Anscheinend gilt es erst ein­mal klar die Tat­sachen her­ausar­beit­en, über die man sich dann eine Mei­n­ung zu bilden und einen Kon­sens zu find­en hätte: ob irgendwelche weit­eren Aktiv­itäten nötig sein kön­nten oder nicht, und wenn ja, welche. Wer kann hier die ersten Schritte vorschla­gen, wer damit begin­nen? Oder wird kein Hand­lungs­be­darf gese­hen? Ist es dafür noch zu früh, gibt es weit drin­gen­dere Prob­leme? So wie hier die Diskus­sion läuft, kommt dabei weniger als nichts raus.

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  17. Ulrich Renner

    @Chat Atkins: Die steigende Fehlerzahl führt nie­mand, auch Grund nicht, auss­chließlich auf die Reform zurück. Aber der offen­bar kon­tinuier­liche Anstieg ist durch die Reform in kein­er Weise gebrochen wor­den, anders als von den Reformern den ahnungslosen Min­is­tern und von diesen wiederum der wider­streben­den Bevölkerung ver­heißen. — Warum übri­gens sollte die deutsche Kul­tur kein vertei­di­genswertes Gut sein? Haben Sie eher ein Faible für die Barbarei?

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  18. Jens Elstner

    Hal­lo Allerseits,

    ich hoffe dass kein­er der Grund-“Befürwortern” Math­e­matik bzw. Sta­tis­tik unter­richtet oder doziert. Denn die Ahnungslosigkeit ste­ht den betrof­fe­nen in jed­er einzel­nen ihrer Zeilen ins “Gesicht” geschrieben. Jet­zt weiß ich warum die Kul­tus­min­is­ter mehr als 10 Jahre für eine Rechtschreibre­form gebraucht haben, bei solch ein­er Art von “Diskus­sion” (ist ja fast wie im Sand­kas­ten nur mit schöneren Worten). :o)

    Na ja … die sta­tis­tis­che Bewe­is­führung bei Her­rn Grund ist jeden­falls fak­tisch falsch. Egal um welche Art von Aus­sagen es sich dabei handelt.

    Einen schö­nen Tag noch. Tschüss.

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  19. Jens Elstner

    Ach übri­gends, das Rote etwas mit der Klam­mer dahin­ter sollte mal ein lachen­der Smi­ley werden.

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  20. Walter Lachenmann

    Die Lei­den­schaftlichkeit, mit der Herr Ste­fanow­itsch die Arbeit des Her­rn Grund, den er nicht ohne Her­ablas­sung als »eine Art Kol­le­gen« beze­ich­net, in »Grund« (und Boden) ver­dammt, ist schon erstaunlich und läßt ver­muten, daß wed­er Meth­ode noch Qual­ität noch Ergeb­nis dieser Unter­suchung seinen Zorn so ent­facht haben, denn über all dies kön­nte man ja in vernün­ftiger Argu­men­ta­tion und in aller Ruhe disku­tieren, ohne was auch immer wem auch immer »um die Ohren zu schla­gen«. Ich ver­mute ein­mal, völ­lig unwis­senschaftlich, daß es sich hier um einen bei Wis­senschaftlern oft beobachteten Tick der interkol­le­gialen Gehäs­sigkeit han­delt, der ins­beson­dere dann gerne auftritt, wenn sich jemand auf die Füße getreten fühlt, etwa weil da jemand ver­meintlich in dessen Revieren unter­wegs war. Lehrmei­n­un­gen, die einan­der sehr nahe kom­men, stre­it­en sich da oft lei­den­schaftlich­er als völ­lig ent­ge­genge­set­zte – und behin­dern so die unvor­ein­genommene bessere gemein­same Erken­nt­nis, was nicht unbe­d­ingt zu wis­senschaftlich opti­malen Ergeb­nis­sen führen kann. 

    Die wis­senschaftliche Leis­tungs­fähigkeit Her­rn Ste­fanow­itschs in Frage zu stellen, maße ich mir wirk­lich nicht an, aber seine ganz ein­fache Wahrnehmungs­fähigkeit schon, wenn er schreibt:

    Wenn mir jemand saubere Argu­mente gegen die neue und für die alte Rechtschrei­bung liefern kön­nte, würde ich mich den Refor­mgeg­n­ern sofort anschließen.

    Der Wis­sens­durst des Her­rn Ste­fanow­itsch in dieser Angele­gen­heit ist wohl wenig aus­geprägt, denn für die reformkri­tis­chen Arbeit­en, die schon Jahre vor der Reform und bis heute jed­er­mann und einem »Art Kol­le­gen« wie Her­rn St. erst recht leicht zugänglich waren und sind, scheint er sich nicht in Wirk­lichkeit zu inter­essieren, da man­gelt es an sauberen Argu­menten nun wirk­lich nicht. Und offen­bar liest Herr Ste­fanow­itsch in jüng­ster Zeit auch keine Zeitun­gen, keine Büch­er, keine All­t­agspost. In allen diesen Bere­ichen, das kann ihm von der Gemüse­frau bis zum (in dieser Frage nicht vor­be­lasteten) Akademik­er jed­er bestäti­gen, der aufmerk­sam liest, was seit der Reform gedruckt und geschrieben wird. Da sind Fehler bis zu grotesken Absur­ditäten zu beobacht­en, die es vorher nie gegeben und über die man sich kugelig gelacht hätte (heute gel­ten sie als Nach­weis von Moder­nität: so fir­miert eine Pri­vatk­linik in München auf ihrem ele­gan­ten Mess­ingschild »Bild ges­teuerte Diagnostik«). 

    Muß ich denn, wenn es hagelt wie soeben hier auf dem Lande, eine mete­o­rol­o­gisch-wis­senschafltiche Unter­suchung erar­beit­en, die allen ste­fanow­itschschen Kri­te­rien stand­hält, um davon überzeugt zu sein, daß es wirk­lich hagelt?

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  21. David Konietzko

    Chat Atkins in Nr. 15:

    »Mir scheint ein Prob­lem der Debat­te hier in der selb­st­gewis­sen Rück­führung der steigen­den Fehlerzahl auss­chließlich auf die Rechtschreibre­form zu liegen.« (Her­vorhe­bung von mir)

    Meines Wis­sens hat nie­mand behauptet, die Fehlerver­mehrung sei auss­chließlich auf die Rechtschreibre­form zurück­zuführen. Der FDS-Vor­sitzende hat es sog­ar aus­drück­lich bestrit­ten: »Die Reform kann für diese Entwick­lung nicht allein ver­ant­wortlich gemacht werden […].«

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  22. Fabian

    Als 17-jähriger, der Deutsch nur nach neuer Rechtschrei­bung gel­ernt hat, kann ich nicht nachvol­lziehen, wie die neue Rechtschrei­bung mehr Fehler verur­sachen kön­nen soll. Rechtschrei­bung ist nie abso­lut logisch, es ist immer eine mehr oder weniger willkür­liche Regelung, wie Sprache (also Ton) in Schrift (also Bild) umge­set­zt wer­den zu habe.

    Ich kann mir dur­chaus vorstellen, dass Leute mit der Umstel­lung von alter auf neue Rechtschrei­bung Mühe haben, aber das ist kein Prob­lem das heutige Schüler bet­rifft. Für mich ist die alte Rechtschrei­bung genau so ver­wirrend und schein­bar unl­o­gisch wie für manche von Ihnen wohl die neue.

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  23. Andreas Ammann

    Ja klar, die FDS war nur Ver­anstal­ter, und rein zufäl­lig ste­ht Grunds These dann auch völ­lig unre­flek­tiert in der Bild. Kom­men­tar dazu (nicht von mir) unter

    http://www.bildblog.de/3123/bild-schreibt-rechtschreibreform-wieder-mit-schl/

    Die “Forschungs­gruppe Deutsche Sprache”, arbeit­et, ihrer eige­nen Web­site nach zu urteilen, einzig und allein das The­ma Orthogra­phie ab. Wie würde man eine “Forschungs­gruppe Deutsches Eishock­ey” ein­schätzen, die sich nur mit Trikot­far­ben beschäftigte? Der “Vere­in deutsche Sprache” set­zt auf einen ähn­lichen Etiket­ten­schwindel: Hier geht es (fast) nur um die Lexik.

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  24. Maria

    Herr Ste­fanow­itsch: “Wenn mir jemand saubere Argu­mente gegen die neue und für die alte Rechtschrei­bung liefern kön­nte, würde ich mich den Refor­mgeg­n­ern sofort anschließen.”

    Ken­nen Sie denn über­haupt ein Argu­ment für die “neue Rechtschrei­bung”, außer daß sie für Schüler und Beamte vorgeschrieben ist? Schließlich tun Sie ja so, als nutzten Sie sie (natür­lich, wie alle, sehr inkonsequent).

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  25. David Konietzko

    Herr Ammann schreibt in Nr. 27: »Wie würde man eine ›Forschungs­gruppe Deutsches Eishock­ey‹ ein­schätzen, die sich nur mit Trikot­far­ben beschäftigte?«

    Trikot­far­ben sind nur ein unwichtiger Nebe­naspekt des Eishock­ey-Spiels. Hin­ter Her­rn Ammanns Ver­gle­ich scheint also die Vorstel­lung zu steck­en, Rechtschrei­bung sei ein ganz ober­fläch­lich­er Aspekt der Sprache, gewis­ser­maßen ihr ›äußeres Kleid‹, und somit für Sprach­wis­senschaftler nicht erforschenswert. Eine ganz gegen­sät­zliche Ansicht ver­tritt z.B. Peter Eisenberg:

    The approach out­lined here pre­sup­pos­es that the graphemic part of a gram­mar is to be con­sid­ered as an inte­gral part of the over­all lan­guage sys­tem, and that it has to be inves­ti­gat­ed by the same lin­guis­tic meth­ods as the oth­er sub­sys­tems. Sup­port is giv­en for this the­sis by an exam­i­na­tion of the rela­tion between mor­phol­o­gy and graphemics in Ger­man. It is argued that there is a close mutu­al depen­den­cy between the mor­phol­o­gy and the writ­ing system.

    […]

    There is some agree­ment among lin­guists work­ing on prob­lems of writ­ing sys­tems, that these sys­tems have to be con­sid­ered as prop­er sub­sys­tems of lan­guage sys­tems and that it should be desir­able, there­fore, and pos­si­ble, to treat the graphemic part of a gram­mar as one of its com­po­nents in the usu­al sense, i.e., to ful­ly inte­grate it into an over­all gram­mar of the lan­guage under descrip­tion.’ (Peter Eisen­berg: Writ­ing sys­tem and mor­phol­o­gy. Some ortho­graph­ic reg­u­lar­i­ties of Ger­man. In: Flo­ri­an Coul­mas, Kon­rad Ehlich [Hrsg.] [1983]: Writ­ing in Focus. Berlin, New York, Ams­ter­dam. Trends in Lin­guis­tics 24. S. 63)

    Das muß man nicht richtig find­en. Das Zitat zeigt jedoch, daß die geschriebene Sprache nicht leicht­fer­tig als sekundär abge­tan wer­den sollte. Kaum leug­nen läßt sich jeden­falls, daß das graphe­ma­tis­che Sys­tem des Deutschen in vielfältiger Weise Bezug nimmt auf Seg­men­tal- und Sil­ben­phonolo­gie, Mor­pholo­gie und Syn­tax und daher viel mehr mit dem deutschen Sprach­sys­tem zu tun hat (wenn es nicht sog­ar – wie Eisen­berg meint – dessen Bestandteil ist) als Trikot­far­ben mit dem Eishock­ey-Spiel. Her­rn Ammanns Ver­gle­ich hinkt stark.

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  26. ACWerner

    Ich habe die bish­erige Rechtschrei­bung in der Schule gel­ernt. Sie ist mir ver­traut und ermöglicht es mir, kom­plexe Gedanken schriftlich logisch auszu­drück­en. Deshalb werde ich diese Art und Weise zu schreiben auch beibehal­ten. Herr Jan-Mar­tin Wag­n­er: Möglicher­weise kann man fest­stellen, daß in den 1960er und 1970er Jahren die Fehlerquote in der Orthogra­phie geringer aus­ge­fall­en ist. Ich kenne hierzu keine Sta­tis­tiken, bin auch nicht vom Fach. Offen­bar ist der Haupt­grund der Ein­führung der neuen Rechtschrei­bung, wie Sie schreiben, der fol­gende: “Die Anzahl der Fehler sollte reduziert wer­den. Für den zu erwartenden Rück­gang der Fehlerzahlen wur­den damals Werte zwis­chen 40 und 70 Prozent genan­nt.” Anstatt zum Beispiel Kindern in Nor­drhein-West­falen (oder — nach Grund — “NRW-Kids”) weit­er­hin eine vernün­ftige Rechtschrei­bung zu ver­mit­teln und ern­sthaft zu erforschen, worin denn die Gründe zu suchen sind, daß die Fehlerquote angestiegen ist, wird diese Rechtschrei­bung ein­fach über Bord gekippt und fahrläs­sig sim­pli­fiziert. Ist das tat­säch­lich der Haupt­grund gewe­sen, Herr Wag­n­er? Fehlerquote reduzieren? Wem dem so sein sollte, und sich mit diesem Argu­ment in den jew­eili­gen Gremien wie KMK eine Mehrheit find­en ließ, dann ist noch erbärm­lich­er, als ich bis­lang angenom­men habe. Für mich bedeutet die neue Rechtschrei­bung die Zer­störung ein­er über Gen­er­a­tio­nen gewach­se­nen schriftlichen Übereinkun­ft. Wenn ich gezwun­gen bin, “Stän­gel” zu lesen, und eine halt­los kon­stru­ierte Begrün­dung dazu geliefert wird, geht es mir nicht gut. Das meine ich so. Wenn der Duden “mehrmals” und “mehrfach” syn­o­mym ausweist, obgle­ich es sich hier um zwei völ­lig in der Bedeu­tung zu unter­schei­dende Wörter han­delt, ist er für mich nicht maßgebend. Offenkundi­ger Unsinn kann kein Maßstab sein. Zuguter­let­zt: Ich las kür­zlich den Satz: “So kön­nen die Kristalle gle­ich­mäßig wach­sen ohne zusam­men zu back­en.” Und soet­was wird an den Schulen gelehrt.

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  27. Chat Atkins

    @ 18: Zur Frage: Kul­turelle Phänomene sind in der Regel — siehe, ‘Barock’, ‘Gotik’, ‘Expres­sion­is­mus’, ‘Aufk­lärung’, ‘Roman­tik’ — gren­züber­schre­i­t­end. Eine nationale Engführung (‘deutsche Kul­tur’) führt durch Selb­st­beschränkung daher zu weniger Kul­tur. Was ich wiederum ablehne. Eine ‘deutsche Kul­tur’ — was immer das auch für ein Fabel­we­sen sein soll! — würde let­ztlich erneut zu Wag­n­er mit Her­manns­denkmal, Rassenkunde, Tschingderas­sa und Kehrwoche führen — oder etwas ähn­lichem auf heutigem Stand. Nicht ein einziger großer deutsch­er Schrift­steller ist uns ‘aus einem nationalen Sprachge­brauch’ erwach­sen. Selb­st ein Ernst Jünger als Frankre­ichverehrer hus­tete den Nation­alkul­turbe­sof­fe­nen was. Speziell die nationale ‘Sprachkul­tur’ führt in der Regel nur dazu, den Sprachge­brauch ein­er dom­i­nan­ten Bevölkerungs­gruppe abso­lut zu set­zen, Nor­men sind hier schlicht Herrschaftssta­bil­isatoren. Auch das wiederum nicht zum Vorteil der Sprache und ihrer Möglichkeit­en. Da dazu aber die Träger des ‘Deng­lishen’ die gesellschaftliche Macht­pyra­mide derzeit dominieren, sind solche Ver­suche ein­er Rück­kehr zum ‘Rein­deutschen’ auch noch abso­lut aus­sicht­s­los. Fak­tisch haben Deutschlehrer nichts mehr zu sagen — und Schil­da ist bes­timmt nicht meine Heimatstadt …

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  28. Anatol Stefanowitsch

    Lukas Plat­te (#11),

    und Sie überse­hen, dass es sich bei der Allens­bach­studie haupt­säch­lich um eine Mei­n­ung­sum­frage han­delt, und Sie sug­gerieren fälschlicher­weise, dass man dort reform­rel­e­vante und reform­neu­trale Schreib­weisen ver­lichen habe. Das ist aber nicht der Fall, wer es sel­ber nach­le­sen möchte, find­et die Ergeb­nisse der Studie hier:

    http://www.gfds.de/presse/pressemitteilungen/130608-umfrage-zur-spracheinstellung/

    Den Rest Ihrer lächer­lichen Ad-Hominem-Argu­mente lasse ich lieber unkommentiert.

    Chat Atkins (#15),

    auf den Punkt, wie immer!

    B. Evers­berg (#17),

    gegen­seite Beschimp­fun­gen liegen nicht in meinem Inter­esse. Ich habe nur eine katas­trophal schlechte Studie, die die FDS an die Presse weit­ergeleit­et hat, als katas­trophal schlecht beze­ich­net. Dabei bleibe ich, denn katas­trophal schlecht ist und bleibt nun ein­mal katas­trophal schlecht.

    Jens Elst­ner (#21),

    das sowieso!

    Wal­ter Lachen­mann (#23),

    interkol­le­giale Gehäs­sigkeit, dass ich nicht lache. Ich habe meine Kri­tik­gründe klar und deut­lich aufge­führt. Wenn Sie dahin­ter mehr ver­muten als einen ehrlich emp­fun­de­nen Ärg­er über eine schlecht­gemachte Studie und den Ver­such, mit dieser Studie die öffentliche Mei­n­ung zu manip­ulieren, haben Sie meine Argu­mente offen­sichtlich nicht ver­standen. Sie wollen das glauben, was Sie ohne­hin schon glauben, und das sei Ihnen ja auch gegönnt.

    Maria (#28),

    ja, ich kenne ein Argu­ment: die Macht des Fak­tis­chen. Wenn Sie glauben, dass mir irgen­det­was daran liegt, die neue Rechtschrei­bung zu vertei­di­gen oder die alte zu ver­teufeln, haben Sie meine Antwort nicht sorgfältig gele­sen. Mir geht es hier nur darum, Pseudowis­senschaft als solche zu benennen.

    Antworten
  29. Felix

    @ACWerner

    Ich habe in der Schule die neue Rechtschrei­bung gel­ernt und gebrauche diese auch. Mir ist nicht klar worauf die ständi­ge Diskus­sion um die neue Rechtschrei­bung führen soll. Wollen Sie die Alte zurück? Inzwis­chen haben sehr viele Men­schen die neue Schrei­bung adap­tiert und meine Gen­er­a­tion und alle fol­gen­den wer­den sie auch ler­nen. Akzep­tieren Sie das doch ein­fach und lassen sich mich mit Ihrer Scheinar­gu­men­ta­tion in Ruhe! Ich will die alte Rechtschrei­bung gar nicht zurück, weil ich sie nicht beherrsche und nie gel­ernt habe.

    Mit fre­undlichen Grüßen,

    Felix

    Antworten
  30. Krimileser

    Ohne jet­zt Ahnung von Rechtschrei­bung und der Inter­ak­tion von dieser mit der gram­ma­tis­chen Struk­tur der deutschen Sprache zu haben usw. usf., drängt sich mir anhand der Argu­men­ta­tion der Befür­worter der Grund-Studie der Ver­dacht auf, dass wir keinen sub­stantielleren Deutschunter­richt son­dern einen besseren Math­e­matikun­ter­richt brauchen.

    Nicht, dass ich als Sta­tis­tik­er mein Geld ver­di­ente, aber dass die Methodik der Studie zur Beant­wor­tung der Fragestel­lung ungeeignet ist, nun ja, das ist evident.

    Und im Gegen­satz zur Rechtschrei­bung kön­nen wir keine Reform der Mathematik/Statistik durch­führen, um uns eine zu erschaf­fen, die der tat­säch­lichen Anwen­dung durch die Nutzer eher entspricht.

    Unab­hängig davon, ob die Rechtschrei­bung der Men­schen schlechter gewor­den ist oder nicht und unab­hängig davon, ob die Rechtschreibre­form dafür ver­ant­wortlich ist oder nicht, Men­schen die mit dieser Studie argu­men­tieren, sind, wenn sie den method­is­chen Ein­wand ignori­eren, nicht von Sach- son­dern von ide­ol­o­gis­chen Inter­essen getrieben.

    Antworten
  31. Walter Lachenmann

    Ste­fanow­itsch:

    Sie wollen das glauben, was Sie ohne­hin schon glauben, und das sei Ihnen ja auch gegönnt.

    Danke für das Gön­nen. Aber es geht eben nicht ums Glauben, son­dern ums Sehen und Erken­nen. Daß aus­gerech­net jemand, der so vehe­ment Sauberkeit in der Diskus­sion ein­fordert, ein­er­seits einen so gehäs­si­gen Ton an den Tag legt, ander­er­seits von dem Prob­lem, um das es let­ztlich geht (mag die Grund’sche Studie ihre von ihrem Autor selb­st und auch von der FDS eingeräumte Prob­lematik haben) und das ist nun ein­mal die Beschädi­gung der deutschen Schrift­sprache durch die Rechtschreibre­form, gar nichts wis­sen will, ist schon selt­sam. Das Prob­lem Ste­fanow­itschs ist offen­bar nur ein for­males — von nie­man­dem bestrittenes — und da kann sich er sich so aufre­gen, als gin­ge es ger­ade bei ihm um Glauben oder Verder­ben. Ich kenne solche Phänomene. So hat beispiel­sweise ein Rezensent eine Biogra­phie eines Jazzmusik­ers, an der er inhaltlich gar nichts auszuset­zen hat­te, nur deshalb regel­recht ver­ris­sen, weil die abge­bilde­ten Schallplat­ten­cov­er nicht diejeni­gen waren, die er in sein­er Samm­lung von Erstveröf­fentlichun­gen hat­te. So reit­et halt jed­er sein Steckenpferdchen.

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  32. Esther

    Noch eine Anmerkun­gen, die mir so durch den Kopf gehen:

    - Viertk­lässler hat­ten zumin­d­est zu eini­gen von der Reform betrof­fe­nen Bere­ichen (Groß/Kleinschreibung und Zeichenset­zung) noch gar keinen sys­tem­a­tis­chen Unter­richt, brauchen das also im Dik­tat noch gar nicht kön­nen. Vierk­lässler zu ver­gle­ichen ist daher beson­ders sinnlos.

    - Im Schul­jahr 1973/74 enthielt das behördlich verord­nete hes­siche Ver­gle­ichs­dik­tat für die 4. Klasse einen Kom­mafehler: das Kom­ma bei “Nein, mit Käse” fehlte. Ich habe damals jedoch ein Kom­ma geschrieben, was mir als Fehler angekrei­det wurde. Erst nach einem mit­tleren Auf­s­tand wurde dieser Fehler korrigiert.

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  33. Walter Lachenmann

    Wenn ich die Ein­las­sun­gen von Chat Atkins (Nr. 15, Nr. 31) lese – lt. Her­rn Ste­fanow­itsch trifft diese den Apfel im Kern („auf den Punkt, wie immer! ) – kom­men mir gewisse Zweifel, ob nicht alle bei­de sehr wohl in Schil­da behei­matet sind. Wer hat denn bei dieser Diskus­sion davon gere­det, »heilig­ste Güter der deutschen Nation« seien bedro­ht? Oder »große deutsche Schrift­steller seien ‚aus einem nationalen Sprachge­brauch‘ erwach­sen« (let­zteres auch noch als Zitat woher auch immer beze­ich­net)? Oder es gin­ge um eine Rück­kehr ins ‚Rein­deutsche‘ (auch dieses Zitat ist eine Eigen­erfind­ung des Her­rn Atkins, nie­mand hat der­ar­tiges hier geäußert). 

    Da wollen sie ide­olo­giefrei „sauber“ disku­tieren, und brin­gen selb­st ide­ol­o­gis­che Aspek­te ins Gespräch, unter­stellen ihren Kon­tra­hen­ten nation­al­is­tis­che Ide­olo­gien, ohne daß hier­für auch nur ger­ing­ste Anhalt­spunk­te in deren Äußerun­gen zu find­en wären und – soweit ich die Leute kenne – auch nicht die Spur davon in ihren Gesinnungen. 

    Ist es nicht umgekehrt auf ide­ol­o­gis­che Fix­iertheit zurück­zuführen, bei Ander­s­denk­enden gle­ich eine Ide­olo­gie zu wit­tern? Und ziem­lich gewagt, wenn nicht schlicht mit man­gel­nder Bil­dung zu erk­lären, spez­i­fis­che Charak­ter­is­ti­ka nationaler Kul­turen schlichtweg zu leug­nen und die deutsche Kul­tur, sofern man eine solche für vorstell­bar hält, auf Wag­n­er, Her­manns­denkmal, Rassenkunde und der­gle­ichen uner­freuliche Phänomene der deutschen Kul­turgeschichte zu reduzieren? Gab und gibt es da nicht doch etwas mehr, das in völ­lig andere Rich­tun­gen weist? Nun ja, Rechtschrei­bung sei Herrschaftswis­sen, das ist – völ­lig ide­olo­giefrei natür­lich – schon von der 68er Linken verkün­det wor­den, und wer die his­torischen Stränge sorgfältig ver­fol­gt, wird her­aus­find­en, daß wir genau dieser Ide­olo­gie die derzeit­ige Rechtschreibre­form ver­danken. Und wer sie noch weit­er ver­fol­gt kommt dahin­ter, daß die Nazis so ziem­lich dieselbe Reform auch schon ein­führen woll­ten, aber dazu keine Zeit hat­ten, weil Krieg war. 

    Also das mit der nationalen Sprachkul­tur und den Herrschaftssta­bil­isatoren soll­ten Sie wieder vergessen. Sta­bile Herrschaftsver­hält­nisse in der deutschen Poli­tik haben es geschafft, gegen den mehrheitlichen Willen der Bevölkerung, gegen unzäh­lige, wis­senschaftlich und gesellschaft­spoli­tisch wohlbe­grün­dete Proteste von Schrift­stellern, Sprach­wis­senschaftlern und namhafter Vertreter aller Kul­turbere­iche uns diese Reform aufzuzwin­gen, die enorme Sum­men ver­schlun­gen und bis heute eine Verun­sicherung im gesamten deutschen Sprachraum zur Folge hat. 

    Wer nie eine bessere Orthogra­phie ken­nen­gel­ernt hat (Nr. 30), mag mit der­jeni­gen, die man ihm beige­bracht hat, zufrieden sein. Den Qual­ität­sun­ter­schied merkt man erst, wenn man ver­gle­ichen kann. Was an Qual­ität der deutschen Schrift­sprache durch die Reform ver­loren gegan­gen ist, ist eben tat­säch­lich ver­loren: durch die Macht des Fak­tis­chen, da muß ich Her­rn St. wirk­lich recht geben, aber das Ergeb­nis in Ord­nung find­en aus diesem Grunde sollte man den­noch nicht. So sind schon manche Kul­turgüter (nicht nur „nationale“ – die graus­lichen, um die es Her­rn A. nicht schade ist) für immer ver­loren gegangen

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  34. Andreas Ammann

    Herr Koni­et­zko (Kom­men­tar #29): Sie hal­ten Trikot­far­ben für “ein[en} unwesentliche[n] Aspekt des Eishock­ey-Spiels”. Das kann man so sehen, aber den­noch erscheinen ab und an in der ein­schlägi­gen Presse Artikel über die Vor- und Nachteile von Trikot­far­ben im Sport. Ich erfinde das nicht ein­fach — es gibt wirk­lich Sportpsy­cholo­gen, die behaupten, wenn man rote Trikots trage, habe die Abwehr des Geg­n­ers mehr Angst oder Respekt. Die deutsche Fußball-National­mannschaft trug jahrzehn­te­lang grün-weiße Auswe­ichtrikots, bis Jür­gen Klins­mann kam und auf der Farbe rot bestand.

    Wo Sie Recht haben, haben Sie Recht: Graphe­matik ist ein Teil der The­men, denen sich Sprach­wis­senschaftler anno 2008 wid­men soll­ten. Das sind die akustis­che Phonetik, die Dialek­tolo­gie oder die Rekon­struk­tion des Pro­to-Indoeu­ropäis­chen Kon­so­nan­ten­sys­tems aber auch.

    Würde es Sie nicht stören, wenn ich mor­gen eine “Forschungs­ge­mein­schaft Deutsche Sprache” grün­dete, die sich nur mit der Laryn­galthe­o­rie befasste? Auch das ist ein kon­tro­vers disku­tiertes The­ma (in Fachkreisen), auch hier haben wir es mit Sprache zu tun — mit­tel­bar auch mit dem Deutschen — und auch hier spielt Ety­molo­gie eine wichtige Rolle.

    Ich habe über­haupt nichts gegen Ini­tia­tiv­en wie die FDS, mich stören nur zwei Dinge: (i) Dass sich nun keine “Forschungs­gruppe Deutsche Sprache” grün­den und sich so nen­nen kann, weil eine Forschungs­gruppe con­tra neue Rechtschrei­bung diesen Namen block­iert (verschmerzbar)und (ii) dass Lesern, die nicht aus der Sprach­wis­senschaft kom­men, sug­geriert wird, auf der Inter­net­seite wür­den von Fach­leuten erar­beit­ete Erken­nt­nisse zum The­ma deutsche Sprache präsen­tiert. Ein Gym­nasi­ast, der für eine Hausar­beit recher­chiert, kön­nte dann denken, die Sprach­wis­senschaft dreht sich nur um die Anrei­hung von Buch­staben. Das ist — und ich bleibe dabei — Etikettenschwindel.

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  35. Andreas Ammann

    Maria (#28): Ana­tol Ste­fanow­itsch hat sich doch aus­drück­lich wed­er für noch gegen die neue Rechtschrei­bung geäußert. Ich bin mir sich­er, dass er eine Mei­n­ung hat, aber um die Frage ging es hier gar nicht. Er schreibt auch nicht “sehr inkon­se­quent” nach den neuen Richtlin­ien, son­dern er nutzt die Frei­heit­en so, wie es sein Geschmack vorgibt. Für meinen Geschmack set­zt er zu viele Kom­ma­ta in Kom­par­a­tivsätzen, aber das ist eben Geschmackssache. Bei “das/dass”-Fehlern wer­den Sie ihn kaum ertap­pen kön­nen, obwohl das hier nur ein Blog ist.

    David Koni­et­zko, der — wenn ich ihn richtig ver­standen habe — für die alte Ortogra­phie ist — schreibt “Eishock­ey-Spiels”. Das darf er. Hätte er “Eishock­eyspiels” geschrieben, wäre das auch kein Prob­lem gewe­sen. Aber vor der Reform hätte ein Lehrer die Schreib­weise mit Binde­strich monieren müssen. 

    Ger­ade bei der Groß- und Klein­schrei­bung, Zusam­men- und Getren­ntschrei­bung war die alte Orthogra­phie eine einzige Katas­tro­phe. Die neue ist nicht viel bess­er, aber sie lässt dem Schreiber etwas mehr Raum. Aus mein­er Sicht ist das ein klein­er Fortschritt.

    Die “ss/ß”-Regel ist sog­ar ein großer Fortschritt — noch bess­er kön­nte man die deutsche Orthogra­phie nur justieren, wenn man die nieder­ländis­chen Regeln durch­set­zen würde. Ein Schul­fre­und von mir bestellte am Büd­chen in unser­er rheinis­chen Stadt als Kind immer nur Lakritz namens “chwarze Chnüre” — ein biss­chen Hyper­ko­r­rek­tur ist immer. 

    Ich schreibe so, wie ich es für sin­nvoll, optisch ansprechend und hin­re­ichend les­bar halte, also bis heute und bis ans Ende mein­er Tage “Spaghet­ti”. Wie sin­nvoll es ist, wegen der Neuregelung der “ss/ß”-Schreibung gle­ich eine Forschungs­gruppe zu grün­den, kann man mal in der Schweiz fra­gen. Da ste­hen die Berge immer noch, und der Käse hat immer noch Löch­er. Aber “dass” ist schon lange “dass”, odr?

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  36. Patrick Schulz

    @29 David Konietzko:

    Ich finde den Ver­gle­ich mit den Trikot­far­ben (cf. Andreas Ammann, #27) ziem­lich gut. Wie Trikot­far­ben ist auch Rechtschrei­bung etwas willkür­lich Fest­gelegtes, was vielle­icht noch etwas durch Tra­di­tion bee­in­flusst ist. Einen Unter­schied sehe ich trotz­dem: Während es für Eishock­eyspiel­er recht schnell kalt würde, wenn sie ohne Trikots auskä­men, ist eine Sprache keines­falls unvoll­ständig oder min­der­w­er­tig, wenn sie nicht ver­schriftlicht ist. Was ich meine ist, natür­lich hat es bei der Trikot­farbe und den Regeln der Rechtschrei­bung sehr wohl einen Zweck, dass sie da sind, Trikot­far­ben aus tra­di­tionellen Grün­den und um die Mannschaften auseinan­derzuhal­ten, Rechtschreiberegeln, meisst eben­falls tra­di­tionell erwach­sen, um Missver­ständ­nis­sen vorzubeu­gen. Ein Schrift­sys­tem ist immer noch ein­deutig, wenn sich die Regeln ein­heitlich ändern, eben­so wie eine Eishock­ey­man­schaft immer noch von ein­er anderen Unter­schieden wer­den kann, wenn die Trikot­far­ben verän­dert wer­den. In bei­den Fällen ändert sich aber wed­er die Funk­tion noch die Funk­tion­sweise. Wovon man heute aus­ge­ht, ist, dass auch visuelle Sprachver­ar­beitung hochgr­a­dig automa­tisiert ist (cf. Ellis & Young (1988): Human Cog­ni­tive Psy­chol­o­gy. Psy­chol­o­gy Press, darin: Kapi­tel 8 ), was Eisen­berg wohl auch meint, wenn er sagt, dass der graphe­ma­tis­che Teil ein­er Sprache Bestandteil des sprachver­ar­bei­t­en­den Sys­tems, und damit der Gram­matik im weitesten Sinne, ist. Es ist aber völ­lig uner­he­blich für den Sprecher/Schreiber, ob die Schrift sil­ben­basiert (e.g. Kan­ji), buch­staben- (i.e. im weitesten Sinne laut-)basiert (e.g. Lateinis­ches Alpha­bet), wort­basiert (man denke bspw. an math­e­ma­tis­che Sym­bole), oder noch kom­plex­er (e.g. kön­nte man Pic­togramme wie Smi­leys als Graphem­sys­teme betra­cht­en) ist.

    Entsprechend finde ich, was Fabi­an (#26) schrieb, sehr tre­f­fend: Jemand, der von vorn­here­in die neuen Regeln gel­ernt hat, wird nicht mehr oder weniger Prob­leme haben, wie jemand, der auss­chließlich die alte Rechtschrei­bung gel­ernt hat. Auch plau­si­bel finde ich, dass die Einzi­gen, bei denen Prob­leme gerecht­fer­tigt und ver­ständlich sind, diejeni­gen sind, die mit Bei­dem klar kom­men müssen. Aus dem Grund würde ich sagen, dass es aus sprach­lich­er Sicht wed­er Argu­mente für/gegen die neue, noch für/gegen die alte Rechtschreiberegelung gibt, sehr wohl aber an der Reform selbst.

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  37. David Konietzko

    Zu Her­rn Ammanns Kom­men­tar Nr. 38:

    Entschuldigung für meine Über­in­ter­pre­ta­tion Ihrer Kri­tik am Namen ›FDS‹.

    Zu Her­rn Ammanns Kom­men­tar Nr. 39:

    »David Koni­et­zko, der — wenn ich ihn richtig ver­standen habe — für die alte Ortogra­phie [sic] ist […].«

    Wenn Sie mit »alt[er] Ortogra­phie« den Rechtschreib­du­den von 1991 meinen, dann haben Sie mich mißver­standen. Ich bin (eben­so wie die FDS) für die vor 1996 üblichen Schreib­weisen – das ist etwas anderes. ›Üblich‹ ist natür­lich ein unschar­fer Begriff, aber in der Sprache gibt es eben keine klare Gren­ze zwis­chen richtig und falsch. Staatliche Rechtschreib­normierun­gen lehne ich ab. Wenn der Staatuns nicht vorschreibt, wie man den Dativ gebraucht, dann muß er uns auch nicht sagen, wie man den Binde­strich ver­wen­det. Wenn es nach mir gegan­gen wäre, dann hätte man 1996 das amtliche Rechtschreibregel­w­erk ersat­z­los aufge­hoben und die deutsche Orthogra­phie dem ganz gewöhn­lichen Sprach­wan­del über­lassen (der sich ohne­hin nicht unter­drück­en läßt).

    Der Binde­strich wird oft einge­set­zt, um eine Het­ero­gen­ität zwis­chen den Bestandteilen ein­er Zusam­menset­zung zu über­brück­en. Bei CDU-Mit­glied beste­ht diese Het­ero­gen­ität im Wech­sel von qua­si-sil­ben­schriftlich­er zu alpha­betschriftlich­er Schreib­weise. Bei Eishock­ey-Spiel beste­ht eine gewisse Het­ero­gen­ität insofern, als das Erst­glied ein Fremd­wort enthält (das auch orthographisch als solch­es erkennbar ist). Eishock­eyspiel ist aber auch richtig. Bei der Binde­strich­set­zung geht es oft eher um sin­nvoll und nicht sin­nvoll als um richtig und falsch.

    Der vor­refor­ma­torische Duden ist schon längst von seit­en der Refor­mgeg­n­er kri­tisiert wor­den (siehe z.B. Theodor Ick­lers Kom­men­tar zum Regel­teil des Dudens von 1991: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=852).

    »Ger­ade bei der Groß- und Klein­schrei­bung, Zusam­men- und Getren­ntschrei­bung war die alte Orthogra­phie eine einzige Katastrophe.«

    Das waren im nichtre­formierten Duden in der Tat diejeni­gen Bere­iche, die die meis­ten wirk­lichkeits­frem­den Fes­tle­gun­gen enthiel­ten. Deshalb ist es eine beein­druck­ende Leis­tung, daß die Rechtschreibre­former sog­ar eine noch schlechtere Lösung gefun­den haben. In der Ver­lagswer­bung für Joachim Jacobs’ Buch Spa­tien. Zum Sys­tem der Getren­nt- und Zusam­men­schrei­bung im heuti­gen Deutsch, in dem die GZS mith­il­fe (nach dem alten Duden: mit Hil­fe) der Opti­mal­ität­s­the­o­rie dargestellt wird, heißt es:

    »Die Unter­suchung wird sep­a­rat für die GZS vor und nach der Rechtschreibre­form durchge­führt (Alt- bzw. Neu-GZS). Als Ter­tium Com­pa­ra­tio­nis wird anhand der vie­len unverän­derten Schrei­bun­gen ein Kern-Sys­tem der deutschen GZS ermit­telt. Beim Ver­gle­ich der Vari­anten ergibt sich, dass das Sys­tem der Neu-GZS kom­plex­er ist als das der Alt-GZS und zudem gegen zen­trale Grund­sätze des Kern-Sys­tems ver­stößt.« (siehe http://www.degruyter.de/cont/fb/sp/detail.cfm?id=IS-9783110183511–1)

    Der Grund­fehler der reformierten Groß- und Klein­schrei­bung ist die Großschrei­bung in adver­bialem und pronom­i­nalem Bei­w­erk, das tra­di­tionell sin­nvoller­weise durch Klein­schrei­bung im Hin­ter­grund gehal­ten wurde: im All­ge­meinen / Wesentlichen / Übri­gen, Let­zter­er. Diese Großschrei­bun­gen wur­den bere­its im 19. Jahrhun­dert als über­trieben erkan­nt. Die herkömm­liche Groß- und Klein­schrei­bung ist harm­los, wenn man in Über­gangs­fällen Vari­anten zuläßt.

    »Die neue ist nicht viel bess­er, aber sie lässt dem Schreiber etwas mehr Raum. Aus mein­er Sicht ist das ein klein­er Fortschritt.«

    Wenn das so ist, dann müßte Ihnen Theodor Ick­lers Rechtschreib­wörter­buch Nor­male deutsche Rechtschrei­bung noch bess­er gefall­en. Es han­delt sich meines Wis­sens um die bish­er beste lexiko­graphis­che Annäherung an den tat­säch­lichen Schreibusus vor 1996 (gestützt auf Cor­pusun­ter­suchun­gen). Vor allem die Getren­nt- und Zusam­men­schrei­bung ist äußerst lib­er­al dargestellt: statt dessen / stattdessen, um so / umso, ernst nehmen / ern­st­nehmen, gefan­gen nehmen / gefan­gen­nehmen, sauber hal­ten / sauber­hal­ten, kaputt gehen / kaputtge­hen, rad­fahren / Rad fahren, irgend jemand / irgend­je­mand; im argen / Argen liegen, im dunkeln / Dunkeln lassen, außer acht / Acht lassen usw. In all diesen Fällen läßt der Duden von 2006 nur eine Vari­ante zu.

    »Die ›ss/ß‹-Regel ist sog­ar ein großer Fortschritt […].«

    Mich inter­essiert, wie Sie diese Ein­schätzung begründen.

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  38. David Konietzko

    Zu Patrick Schulz’ Kom­men­tar Nr. 40:

    »Wie Trikot­far­ben ist auch Rechtschrei­bung etwas willkür­lich Festgelegtes […].«

    Willkür­lich ist die (reformierte oder nichtre­formierte) deutsche Rechtschrei­bung nur insofern, als sie auch anders sein kön­nte. Das hat sie mit allen anderen Bere­ichen des Deutschen wie jed­er natür­lichen Sprache über­haupt gemein (wobei man vielle­icht von ein­er genetisch fest­gelegten Uni­ver­sal­gram­matik abse­hen muß, falls es so etwas gibt). Anson­sten wäre kein Sprach­wan­del möglich. Keineswegs jedoch kann man aus der ›Willkür­lichkeit‹ der Rechtschrei­bung fol­gern, daß alle denkbaren Rechtschreibregelun­gen gle­ich­w­er­tig seien, daß also alles in Ord­nung sei, solange es über­haupt irgen­deine geregelte Rechtschrei­bung gebe.

    »Ein Schrift­sys­tem ist immer noch ein­deutig, wenn sich die Regeln ein­heitlich ändern, eben­so wie eine Eishock­ey­man­schaft immer noch von ein­er anderen Unter­schieden wer­den kann, wenn die Trikot­far­ben verän­dert wer­den. In bei­den Fällen ändert sich aber wed­er die Funk­tion noch die Funktionsweise.«

    Das kommt darauf an, was man unter der Funk­tion ein­er Rechtschrei­bung ver­ste­ht. Meines Eracht­ens ist das nicht nur die Her­stel­lung von Ein­deutigkeit. Es genügt nicht, wenn eine Rechtschrei­bung es dem Leser erlaubt, einem in ihr ver­faßten Text mit Müh und Not einen ein­deuti­gen Sinn zu ent­nehmen. Wün­schenswert ist, daß sie darüber hin­aus für eine möglichst schnelle und rei­bungslose Infor­ma­tion­sent­nahme sorgt. Herr Ammann nen­nt in Nr. 39 die Kri­te­rien »optisch ansprechend und hin­re­ichend lesbar«.

    Fest­gelegt (wie die Straßen­verkehrsor­d­nung) kann man zwar die von den Rechtschreibre­formern erfun­de­nen Regeln, nicht aber den Schreibusus vor 1996 nen­nen. Dieser war im wesentlichen »his­torisch gewach­sen« (wie Herr Ste­fanow­itsch in Nr. 8 geschrieben hat), wobei ihn die nor­ma­tive Duden-Orthogra­phie zwar verz­er­rte, aber nicht grund­sät­zlich ver­fälschte. »Die Schrei­bung des Deutschen ist das Ergeb­nis ein­er jahrhun­derte­lan­gen Entwick­lung, die im wesentlichen durch den Sprachge­brauch bes­timmt wurde. Der Ein­fluß von Gram­matik­ern, Lit­er­at­en und Sprach­pflegern wird bis heute meist über­schätzt«, sagte Peter Eisen­berg am 4.5.1993 bei der Bon­ner Anhörung zur Rechtschreibre­form (siehe http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=347#2092). Ich erlaube mir, einen Text zu wieder­holen, den ich hier im Sprach­blog schon ein­mal eingestellt habe:

    —————————————————————————————————

    »Das Schrift­sys­tem des Deutschen ist in sein­er heuti­gen Form etwa seit der Mitte des 18. Jahrhun­derts sta­bil« (Peter Eisen­berg in: Schrift und Schriftlichkeit, HSK 10.2, 1996, S. 1451). Erst 1855 begann die Zeit der amtlichen Rechtschreibregel­w­erke in den einzel­nen deutschen Län­dern. Reform­be­für­worter ver­weisen gerne auf die ange­bliche Rechtschreibre­form von 1901 als Präze­den­z­fall für die von 1996, aber in Wirk­lichkeit wur­den 1901 keine neuen Schreib­weisen erfun­den, son­dern man traf nur eine Auswahl aus dem schon Üblichen. Sog­ar der ober­ste Rechtschreibre­former Ger­hard Augst hat zugegeben: »Es ist all­ge­mein bekan­nt, daß diese Kon­ferenz« (die Zweite Orthographis­che Kon­ferenz von 1901) »keine inhaltliche Reform zuwege bringt (bis auf die Aus­las­sung des h, z.B. in Rath, That, theilen, Thon, Thor, Thür)« (Mut­ter­sprache 1989, S. 232). Aber auch das war keine Neuerung; schon Jahrzehnte vor 1901 hat­te es Büch­er gegeben, die gar kein ‹th› in deutschen Wörtern mehr enthiel­ten, und 1876 hat­te Kon­rad Duden fest­gestellt, daß die völ­lige Abschaf­fung des ‹th› in deutschen Wörtern »hin­re­ichend vor­bere­it­et« sei (Zukun­ft­sorthogra­phie, S. 41).

    Michael Schlae­fer erklärt:

    »Es sollte jedoch bei allen Vor­be­hal­ten gegen die Set­zung sprach­lich­er Nor­men auf diese Weise nicht überse­hen wer­den, daß diese Ein­heit­sorthogra­phie kein beliebiges Regel­sys­tem, kein Min­i­malkon­sens und auch kein Pro­dukt min­is­terieller Willkür ist. Diese Orthogra­phie repräsen­tiert im wesentlichen den his­torisch gewach­se­nen Schreibge­brauch des frühen 19. Jahrhun­derts. Insofern stellt sich die gesamte Entwick­lung der amtlichen Schu­lorthogra­phien in die Tra­di­tion der deutschen Orthogra­phiegeschichte des 16. bis 18. Jahrhun­derts. Als eigen­ständi­ge Peri­ode inner­halb dieser Kon­ti­nu­ität erscheint das 19. Jahrhun­dert dadurch, daß der Schreibge­brauch auf dem Ver­wal­tungsweg für den Schul­bere­ich gegen Reformbe­stre­bun­gen unter­schiedlich­er Art gesichert wird.«

    Der Reform­be­für­worter Her­mann Scheuringer schrieb 1996:

    »Daß sie« (die Rechtschrei­bung von 1902) »so schnell und ohne irgendwelche Über­gangszeit­en einge­führt wer­den kon­nte, liegt natür­lich daran, daß sie durchge­hend bei den Schulen, mehrheitlich bei den Behör­den und ganz über­wiegend auch im übri­gen Schreibge­brauch de fac­to schon einge­führt war – dies doch ein bedeu­ten­der Unter­schied zur neuen Orthogra­phie ab 1998.«

    (Die let­zten bei­den Zitate lassen sich in Theodor Ick­lers Kri­tis­chem Kom­men­tar zur ›Neuregelung der deutschen Rechtschrei­bung‹ nach­le­sen, der auch im Inter­net zugänglich ist: http://www.vrs-ev.de/KritKomm.pdf [S. 4].)

    —————————————————————————————————-

    »Es ist aber völ­lig uner­he­blich für den Sprecher/Schreiber, ob die Schrift sil­ben­basiert (e.g. Kan­ji), buch­staben- (i.e. im weitesten Sinne laut-)basiert (e.g. Lateinis­ches Alpha­bet), wort­basiert (man denke bspw. an math­e­ma­tis­che Sym­bole), oder noch kom­plex­er (e.g. kön­nte man Pic­togramme wie Smi­leys als Graphem­sys­teme betra­cht­en) ist.«

    Ist tat­säch­lich empirisch nachgewiesen, daß alle diese Schrift­sys­teme gle­ich gut zu erler­nen sind? Aber eigentlich ist das für unsere Rechtschreib­de­bat­te unwichtig, denn es geht dabei nicht darum, ob eine Alpha­betschrift grund­sät­zlich bess­er oder schlechter ist als z.B. eine Sil­ben­schrift, son­dern darum, ob eine von zwei bes­timmten alpha­betschriftlichen deutschen Rechtschrei­bun­gen bess­er ist als die andere (und wenn ja, welche).

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  39. Chat Atkins

    @ 37 / Wal­ter Lachen­mann: Wer die ’spez­i­fis­chen Charak­ter­is­ti­ka nationaler Kul­turen’ hochhält — und wir reden in diesem Zusam­men­hang ja nicht vom dem zulet­zt wahrhaft kul­turbe­grün­den­den ‘Holo­caust der Deutschen’, son­dern schlicht von der ‘deutschen Sprache’, die Sie als kon­sti­tu­ieren­des Ele­ment dazu zählen wollen — der sucht immer nach etwas gen­uin ‘Deutschem’, was uns unau­flös­lich verbinden und einen spez­i­fis­chen Kul­tur­raum eröff­nen soll. Der uns wiederum von Dänen, Hol­län­dern oder Polen unter­schei­de. Das ist in meinen Augen Blödsinn. 

    So macht uns die deutsche Sprache ja nicht nur zu Deutschen, son­dern zumin­d­est auch zu eben­so guten Schwyz­ern, Öster­re­ich­ern oder Nordi­tal­ienern. Selb­st das Jid­dis­che ist nur eine Form des Mit­tel­hochdeutschen, eine Sprache, die sich nach der ersten Jude­naus­trei­bung des Mit­te­lal­ters im Refugium des slaw­is­chen Ostens bewahren kon­nte. Ziehen wir gar noch die Regi­olek­te hinzu, Plattdeutsch, Schwäbisch usw., dann entste­ht noch viel mehr Dif­ferenz unter dem Dach eines von Ihnen neb­ulös unifika­torisch betra­chteten ‘Deutschen’. Kurzum: Die Sprache ist zunächst ein­mal ein Ver­ständi­gungsmit­tel, das über weite Ent­fer­nun­gen funk­tion­iert, dann, wenn alle Teil­nehmer mit gle­ichen Worten halb­wegs gle­iche Bedeu­tun­gen verbinden. Sie ist jedoch kaum geeignet, ein Sehn­sucht­sob­jekt wie eine gle­ichar­tige Kul­tur zu begrün­den, da wirkt die Lebensweise viel stärk­er als die Sprache. Indi­an­is­che Sprachen lagen teil­weise sprach­lich meilen­weit auseinan­der, trotz­dem haben alle diese Stämme densel­ben Büf­fel gejagt und das­selbe Kalumet geschmökt. In Deutsch­land waren lange Zeit das Mil­itär und auch die Burschen­schaften für ein bil­dungs­bürg­er­lich­es Milieu viel prä­gen­der als aus­gerech­net die Sprache, der Habi­tus über­wölbt dabei immer das Sprach­liche. Von mir aus waren auch Schrift­steller wie Voltaire, Rousseau, Tol­stoi oder Dos­to­jew­s­ki ein­flussre­ich, obwohl die alle keine Deutschen waren. Sie hat­ten aber immensen Ein­fluss auf die deutsche Kul­tur, nur nicht qua Sprache, besten­falls qua Über­set­zung, vor allem aber qua Gedanke. Deshalb hat­ten und haben auch Arbeit­er und Bürg­er noch immer sehr wenig gemein­sam, obwohl sie doch alle deutsch sprechen. Schon gar nicht haben sie eine gemein­same Kul­tur, die am Ende dann auch gar noch ‘deutsch’ wäre. In meinen Augen sind Sie auf der Jagd nach ein­er ver­lore­nen Iden­tität — und Sie instru­men­tieren unnötiger­weise die Sprache. Sprach­gren­zen sind keine Kulturgrenzen …

    Ihre Irri­tabil­ität durch die 68er zeigt mir wiederum nur, dass ich die Ide­olo­gie schon am recht­en Ort ver­mutete. Ich bin übri­gens keiner …

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  40. gyokusai

    Ana­tol Ste­fanow­itsch schreibt:

    Vierund­dreißig Jahre, in denen sich aber vor allem auch die Inhalte, Schw­er­punk­te und Ziele des Deutschunter­richts völ­lig verän­dert haben. Genau in die siebziger Jahre fällt eine Entwick­lung weg von einem an vorgegebe­nen Regeln und Darstel­lungs­for­men ori­en­tierten Schrei­bun­ter­richt hin zu einem kom­mu­nika­tiv­en, auf kreative Sprachver­wen­dung ausgerichteten.

    Dieser Hin­ter­grund ist sog­ar noch kom­plex­er. Auf der Uni schrieb ich zwei Arbeit­en zur Entwick­lung der Cur­ric­u­la von den frühen 70er Jahren bis tief in die Kohl-Ära für die Fäch­er Deutsch und Englisch in der Unter‑, Mit­tel- und Ober­stufe bzw. SEK‑I/II. In diesem Bogen, vor allen vom extrem lan­glebi­gen „vor­läu­fi­gen“ Cur­ricu­lum für den Deutschunter­richt zum neuen, zeigt sich eine zweite, dazu par­al­lel ver­laufende Entwick­lung. In den vom Geist der Spät­sechziger geprägten Cur­ricu­lum-Tex­ten wird zum Teil sog­ar sehr viel Wert gelegt auf kor­rek­te Rechtschrei­bung. Aber nicht rechtschreib­liche Kon­for­mität, son­dern die Beherrschung der Schrift­sprache als Bestandteil ein­er indi­vidu­ellen und gesellschaftlichen Emanzi­pa­tion ist das erk­lärte Ziel: Die Fähigkeit, sich wirk­sam und ohne hem­menden Äng­ste schriftlich aus­drück­en zu kön­nen auf der einen Seite, und die Fähigkeit, auch kom­plexe und möglicher­weise absichtlich kom­plizierte Texte zu ver­ste­hen, ohne sich ein­schüchtern oder manip­ulieren zu lassen, auf der anderen. Solche Begrün­dun­gen sind in den Cur­ric­u­la der Kohl-Ära ersat­z­los her­aus­ge­flo­gen, was nicht maß­los über­rascht. Ähn­lich ela­bori­erte neue Begrün­dun­gen flossen aber nicht ein — das Ziel von Rechtschreib­sicher­heit schien im Rah­men der selb­st bis auf die Pri­marstufe rück­eskalieren­den Wis­senschaft­spropädeu­tik wohl eben­so nahe­liegend wie selb­sterk­lärend. Her­aus­ge­fall­en sind auch viele Pas­sagen, ins­beson­dere im Bere­ich Unterstufe/SEK‑I, über kreative Beschäf­ti­gun­gen und Übun­gen im Unter­richt zum Zweck der Aus­bil­dung der indi­vidu­ellen Per­sön­lichkeit: „Kreativ­ität“ in den neuen Cur­ric­u­la, sofern dies über­haupt Erwäh­nung find­et, rückt vielmehr in den Zusam­men­hang kul­turellen und wirtschaftlichen Fortschritts.

    Dies ist kein Gege­nar­gu­ment, im Gegen­teil. Der Hin­ter­grund ist im Zweifels­falle noch kom­plex­er, als wir denken, und diese Studie im Zweifels­falle noch aus­sage­freier, als sie scheint.

    Was mich immer wieder über­rascht, ist die Selb­stver­ständlichkeit, mit der Philolo­gen ver­ab­säu­men, für ihre „Stu­di­en“ und „Umfra­gen“ in die Gel­ben Seit­en zu schauen — oder sich in den Lehrstühlen Sozi­olo­gie und Psy­cholo­gie selb­st mal ein oder zwei Semes­ter lang zu Erhe­bungver­fahren und Sta­tis­tik schlau zu machen.

    Cheers,

    ^_^J.

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  41. Andreas Ammann

    Lieber David Konietzko,

    Wir haben bei­de eine Mei­n­ung und wer­den uns nicht einig, soviel scheint klar. Ich will auch nicht weit­er sticheln und schätze Ihre sach­lichen Argu­mente. Auch Ihr “[sic]” kann ich ver­schmerzen — ver­tip­pen kann sich jed­er mal (“Staatuns”?) Da Sie mir aber eine konkrete Frage gestellt haben, will ich sie gerne beantworten:

    Ich bin für die ß/ss-Regelung, weil ich jeman­dem, der eine andere Mut­ter­sprache als Deutsch hat, in ein­er Minute erk­lären kann, wie die Verteilung ist (nach Kurz­vokal: , nach Diph­thong oder Lang­vokal: ). Vor der Reform musste man noch den Fak­tor Wor­tende berück­sichti­gen, ver­mut­lich ein Relikt aus der Zeit, in der Buch­staben von Hand von einem Typographen geset­zt wer­den mussten. Brauchen wir diese Unter­schei­dung noch? Ich meine: nein.

    Ihre Kri­tik an “im All­ge­meinem” usw. teile ich, es sind aber pro Seite Text extrem wenige Fälle betrof­fen. Viel Lärm um wenig Gehalt, denn auch “dass” bleibt nach der Reform unter­schei­d­bar von “das”.

    Wichtig sind mir nur zwei Dinge: Ana­tol Ste­fanow­itsch kri­tisiert einen Vor­trag, der zwar nur als Manuskript vor­liegt, den­noch aber aus den Grün­den, die er genan­nt hat, angreif­bar ist. Und die Forschungs­gruppe deutsche Sprache hat einen Namen, der aus mein­er Sicht zumin­d­est irreführend ist.

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  42. Maria

    Zur Macht des Faktischen:

    Das Fak­tis­che wird doch nicht von den Zeitun­gen allein begrün­det? Gilt die Lit­er­atur (im engeren Sinne) denn wirk­lich gar nichts mehr in diesem ehe­ma­li­gen Land der Dichter und Denker?

    Gel­ten auch Zahlen nichts mehr? Wenn nicht ein­mal zehn Prozent der Deutschen (siehe Allens­bach) die Reform befür­worten — von welchem Fak­tis­chen reden Sie dann? Das ist doch offenkundig falsch.

    Die Wet­ter­hähne bei den Zeitun­gen drehen sich doch unverzüglich, sobald ein neuer Wind weht. Suchen Sie das Fak­tis­che bess­er bei jenen, die sich klar auszu­drück­en ver­suchen und sich nicht der Möglichkeit zur Nuancierung berauben lassen.

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  43. Walter Lachenmann

    Pro­fes­sor Ste­fanow­itsch wird Ihnen, lieber Herr Atkins, auch für diese scharf­sin­nige und sowohl präzis for­mulierte als auch wohldurch­dachte (oder wohl durch­dachte?) Rep­lik an meine Adresse eine Eins bzw. ein „auf den Punkt“ mit Schul­ter­schlag zuerken­nen. Mir fällt darauf schon allein deswe­gen nichts mehr ein, weil Sie wieder — wie zuvor — mir Ansicht­en und Gesin­nun­gen unter­stellen, für die nichts in dem von mir Geäußerten Anhalt­spunk­te hergibt und die ich auch nicht habe. Ihre deutschna­tionalen Phan­tasien kämen mir nie in den Sinn. 

    Von ein­er „Irri­tabil­ität durch die 68er” bei mir zu reden ist völ­lig daneben. Ich habe nur geschrieben, daß wir deren Ide­olo­gie und deren Betreiben die Rechtschreibre­form zu ver­danken haben, die zuvor in nahezu gle­ich­er Form und Qual­ität von den Nazis geplant war. Welche Ide­olo­gie ver­muten Sie denn, wenn ich nach bei­den Seit­en, nach rechts und links “irri­ta­bel” bin? Darf ich nach­helfen? „FDP!“ — (Ste­fanow­itsch: ‚auf den Nagel, Chat! — immer­hin, in der FDS ist er ja schon, der Scheißlib­erale!‘.) Hab ich mir jet­zt aus­gedacht, ist wis­senschaftlich nicht beleg­bar, liegt aber in Ihrer Deduk­tion­sweise, sofern ich sie ahnen kann, nachvol­lziehen geht da ja nicht.

    Ich geb’s auf, mein Bester, das ist mir zu ver­nagelt. Mit anderen Worten: damit ist die Diskus­sion von mein­er Seite beendet.

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  44. Klopfer

    Was für eine alberne Studie. Wer kommt denn auf die Idee, gestiegene Fehlerquoten zuerst auf die Rechtschreibre­form zu schieben und nicht darauf, dass sich die Schüler und ihre Medi­en­nutzung ein­fach geän­dert haben?

    Bis in die 90er Jahre haben Kinder und Jugendliche vornehm­lich das Fernse­hen und Zeitschriften benutzt, um in Sachen Jugend­kul­tur auf dem Laufend­en zu bleiben. Wer viel liest, gewöh­nt sich auch die dort benutzte Rechtschrei­bung an, im Fall der Zeitschriften also die amtliche Rechtschrei­bung. Und heute? Viele kaufen keine BRAVO mehr oder ähn­liche Mag­a­zine, die informieren sich in Fan­blogs über Tokio Hotel und Co., und da die Schreiber dort selb­st nicht sehr geübt sind, was das Schreiben ange­ht, und gerne mal falsch und immer wieder anders schreiben, gewöh­nen sich die Kids durch das Lesen auch keine kor­rek­te Rechtschrei­bung an. Mehr Rechtschreibfehler sind mein­er Mei­n­ung nach zuerst ein Aus­druck der geän­derten Medi­en­nutzung. Was Groß- und Klein­schrei­bung sowie Getren­nt- und Zusam­men­schrei­bung ange­ht, haben sowohl die alte als auch die neue Rechtschrei­bung ganz schön unl­o­gis­che Regeln drin, bei diesen Regeln kann mir kein­er sagen, dass eine von bei­den Rechtschrei­bun­gen ein­fach­er wäre als die andere.

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  45. Chat Atkins

    @ Klopfer: Es drin­gen auf diesem selb­stver­stärk­enden Weg sog­ar neue Schreib­weisen als ‘kor­rekt’ bzw. ‘voll kor­rekt’ in die Schrift­sprache ein. Ich erin­nere nur an das Wörtchen ‘phatt’ aus dem Reich der Hip-Hop­perei — das die Sprache mit neuen Bedeu­tungsnu­an­cen bere­ichert, weit über das ursprüngliche Stam­mad­jek­tiv ‘fett’ hin­aus. Trotz­dem gäbe es bei den Ver­fassern dieser Studie für einen ‘voll­phat­ten Sound’ einen vollfet­ten roten Tin­ten­klecks am Heftes­rand. Und wieder führe — nach Ansicht manch­er Kom­men­ta­toren — die Jugend noch schneller der orthographis­chen Hölle zu …

    @ 47: Dann kann ich aus Ihren Tex­ten eben mehr her­ausle­sen, bester Herr Lachen­mann, als Sie dies möchten.

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  46. Fabian

    Warum wird eigentlich immer nur auf die Mei­n­ung “der Deutschen” ver­weisen? Auch als Schweiz­er habe ich die Mut­ter­sprache Deutsch…

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  47. Maria

    @ 51: Die Schweiz­er richt­en sich, wie es scheint, mehrheitlich nach den Empfehlun­gen der SOK. Sie sind damit viel fortschrit­tlich­er als die Deutschen — und brauchen also nicht ange­sprochen zu werden.

    @ 49: So viele Worte — doch ohne Gehalt. Es geht auch kürz­er, sinnvoller:

    http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/~ma8/eszet.html

    Die neue Regelung besagt übri­gens nicht, daß nach kurzem Vokal “ss” ste­ht, son­dern daß in diesem Fall das “ß” durch “ss” erset­zt wird, siehe http://www.duden.de/deutsche_sprache/neue_rechtschreibung/crashkurs/lautbuchstaben/regel_01.php

    Hier wird also aus­drück­lich die Ken­nt­nis der alten Rechtschrei­bung voraus­ge­set­zt, was erk­lärt, warum Schüler und all jene, die der verkürzten Regel fol­gen, so viele Fehler machen.

    @ 45: Das “sic” set­zt, wer kor­rekt zitiert — Ver­let­zun­gen sollen damit nicht verur­sacht wer­den. — Woher nur all diese Empfindlichkeiten?

    Es sei ange­merkt, daß es keine Schande ist zu erken­nen, daß die Neuregelung nichts taugt, und infolgedessen zur kon­ven­tionellen Schrei­bung zurück­zukehren. Nie­mand hackt Ihnen dafür den Kopf ab.

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  48. Anatol Stefanowitsch

    Maria (#52), Sie ver­ste­hen es anscheinend selb­st dann nicht, wenn man es Ihnen gaaanz langsaam erk­lärt, aber ich ver­suche es noch ein let­ztes Mal: Nie­mand hier ver­teufelt die alte Rechtschrei­bung oder vertei­digt die neue. Wir kri­tisieren eine Studie, die nicht das zeigt, was sie zu zeigen vorgibt. Das Sie das nicht ver­ste­hen, zeigt, dass Sie nicht qual­i­fiziert sind, hier mitzudiskutieren.

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  49. B.Eversberg

    Gut, ein Urteil über Alt oder Neu wird hier nicht abgegeben, das hal­ten wir jet­zt mal fest. Wirk­lich helfen würde das ja auch nicht.

    Meine Fra­gen (Nr. 17) sind damit noch nicht beant­wortet, und ich ergänze sie noch:

    Anscheinend gilt es erst ein­mal klar die Tat­sachen her­ausar­beit­en, über die man sich dann eine Mei­n­ung zu bilden und einen Kon­sens zu find­en hätte: ob irgendwelche weit­eren Aktiv­itäten nötig sein kön­nten oder nicht, und wenn ja, welche. Wer kann hier die ersten Schritte vorschla­gen, wer damit begin­nen? Oder wird kein Hand­lungs­be­darf gese­hen? Ist es dafür noch zu früh, gibt es weit drin­gen­dere Prob­leme? Sind die Sor­gen über das Rechtwschreib­niveau über­trieben, kann man die Dinge auf sich beruhen lassen? Die Studie sagt dazu ja auch nichts, aber diese Fra­gen wären doch wohl wichtiger als bloße Ver­gle­iche von Fehlerzahlen? Was für Hypothe­sen sollte man auf­stellen, wie wären sie zu testen?

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  50. Juana

    Aber Herr Ste­fanow­itsch! Wie ungalant von Ihnen! Dür­fen Frauen denn nicht vom The­ma abwe­ichen? Oder waren die Fra­gen Marias Ihnen zu unangenehm?

    [Anmerkung des Admin­is­tra­tors: Jua­na und Maria sind dieselbe Person.]

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  51. D.A.

    #56: Haha­ha, dazu sagt man dann wohl “pwned”.

    Okay, so ganz zum The­ma hat das jet­zt nicht beige­tra­gen, aber es ist doch sowieso schon längst alles gesagt, nicht? (Das kön­nte man jet­zt als Vorschlag zum Sper­ren der Kom­men­tar­funk­tion ver­ste­hen, muss man aber nicht 🙂

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  52. P.Frasa

    Ich denke übri­gens, dass das ß mit­tler­weile von deutschen Sprech­ern zumin­d­est zum Teil als Zeichen für “stimm­los­es s” reanalysiert wurde — ich habe kein Beispiel zur Hand, aber ich habe öfter gese­hen, dass in Pseudolautschriften (von z.B. nicht-deutschen Wörtern) das ß genau so ver­wen­det wird.

    Das würde zumin­d­est auch begrün­den, wieso die Schweiz kein ß hat; wie der gesamte süd­deutsche Sprachraum ken­nt sie den Unter­schied zwis­chen stimm­losem und stimmhaftem s gar nicht mehr.

    Aber das hat­ten wir schon mal~

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  53. Klaus H.

    @ 46: Mich würde dies allerd­ings auch inter­essieren: Inwiefern darf denn, angesichts noch stets massen­haft in kon­ven­tioneller Schrei­bung erscheinen­der guter Lit­er­atur und über­wiegen­der Ablehnung der Reform durch die deutschsprachige Bevölkerung, von der Macht des Fak­tis­chen gesprochen werden?

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  54. Maria

    Keine Pro­voka­tion, lediglich eine Fest­stel­lung, als Frage for­muliert. Antworten auf schwierige Fra­gen bleiben Sie ja schuldig. Belei­di­gun­gen sind zudem Ihr Revi­er. Entschuldigen bleiben Sie eben­falls schuldig. Wert­los!, der ganze Blog. Immer nur mit Kanonen auf Spatzen schießend (und immer daneben).

    Troll: [alt­nord. »Unhold«] der, im skan­di­nav. Volks­glauben Dämon oder Kobold in Riesen- oder Zwer­gengestalt; kann gut (!) oder böse sein. 

    © 1999 Bib­li­ographis­ches Insti­tut & F.A. Brock­haus AG

    Nichtssagend: Viele machen mit, ganz ohne Not. Sind das etwa keine Mitläufer? So auch Sie.

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  55. David Marjanović

    Mit »his­torisch gewach­sen« ist nur die nichtre­formierte Rechtschrei­bung gemeint, oder?

    Die neue höchst­wahrschein­lich auch, weil sie auf der alten auf­baut. Eine nicht his­torisch gewach­sene Rechtschrei­bung wäre vorstell­bar, z. B. eine völ­lig phone­mis­che. Man denke etwa daran, wie Vokallänge behan­delt wird: manch­mal wird die Länge markiert (auf eine von 2 bis 3 ver­schiede­nen Arten — meis­tens, aber meines Wis­sens nicht immer ety­mol­o­gisch gerecht­fer­tigt), manch­mal wird die Kürze markiert (an den nach­fol­gen­den Kon­so­nan­ten), manch­mal wird gar nichts markiert…

    Antworten
  56. David Marjanović

    …wie in bish­er allen neuhochdeutschen Rechtschreibgepflo­gen­heit­en, kod­i­fiziert oder nicht, Vokallänge behan­delt wird, meine ich.

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  57. ArgoII

    Habe nur mal kur­sorisch in den (wert­losen) Blog reingeschaut.

    Aber noch ein Hin­weis für Stefanowitsch:

    Wür­den Sie in ordentlich­er herge­brachter Weise schreiben, dann kön­nten Sie evtl. bess­er die Kon­junk­tion daß vom Rel­a­tivpronomen das unterscheiden.

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  58. Simone

    … und wür­den Sie, ArgoII in der heuti­gen Zeit leben, dann wüssten Sie, dass man dass heute mit zwei s und nicht mehr mit ß schreibt 😉

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  59. David Marjanović

    Vor­ab möchte ich beto­nen, daß ich quel­lenkri­tis­che und method­ol­o­gis­che Über­legun­gen schon aus Zeit­grün­den nicht anstellen werde.

    <head­desk>

    Ja, wenn er keine Zeit hat, method­ol­o­gis­che Über­legun­gen anzustellen, hat er keine Zeit, einen wis­senschaftlichen Artikel zu schreiben. Danke, set­zen – Fetzen*.

    * “Nicht genü­gend” auf wienerisch.

    Daß aus­gerech­net jemand, der so vehe­ment Sauberkeit in der Diskus­sion ein­fordert, ein­er­seits einen so gehäs­si­gen Ton an den Tag legt,

    Bitte?

    Wollen Sie uns allen Ern­stes weis­machen, der Wahrheits­ge­halt ein­er Aus­sage hänge von ihrem Ton ab!?!

    ander­er­seits von dem Prob­lem, um das es let­ztlich geht (mag die Grund’sche Studie ihre von ihrem Autor selb­st und auch von der FDS eingeräumte Prob­lematik haben) und das ist nun ein­mal die Beschädi­gung der deutschen Schrift­sprache durch die Rechtschreibre­form, gar nichts wis­sen will, ist schon seltsam.

    Solange nie­mand nach­weist, dass es eine solche Beschädi­gung über­haupt gibt (Grund hat es ver­sucht und ist pein­lich, pein­lich gescheit­ert), wieso soll jemand annehmen, es gebe eine?

    Dass die Umstel­lung an sich aller­hand Ver­wirrung verur­sacht, ist klar. Aber darum geht es nicht, und das hat auch Grund nicht behauptet.

    und wer die his­torischen Stränge sorgfältig ver­fol­gt, wird her­aus­find­en, daß wir genau dieser Ide­olo­gie die derzeit­ige Rechtschreibre­form ver­danken. Und wer sie noch weit­er ver­fol­gt kommt dahin­ter, daß die Nazis so ziem­lich dieselbe Reform auch schon ein­führen woll­ten, aber dazu keine Zeit hat­ten, weil Krieg war.

    Um Gottes Willen.

    Kommt uns der tat­säch­lich mit einem lupen­reinen argu­men­tum ad Hitlerum wie aus dem Lehrbuch.

    <head­desk>

    Ist Ihnen über­haupt nichts pein­lich, Herr Lachenmann?

    ich habe kein Beispiel zur Hand, aber ich habe öfter gese­hen, dass in Pseudolautschriften (von z.B. nicht-deutschen Wörtern) das ß genau so ver­wen­det wird.

    Das Lan­gen­schei­dt-Jid­dis­chwörter­buch tran­skri­biert /z/ als s und /s/ als ß.

    Das würde zumin­d­est auch begrün­den, wieso die Schweiz kein ß hat; wie der gesamte süd­deutsche Sprachraum ken­nt sie den Unter­schied zwis­chen stimm­losem und stimmhaftem s gar nicht mehr.

    Mit “mehr” hat das nichts zu tun – das kurze /s/ ist im Nor­den zwis­chen Vokalen und am Wor­tan­fang stimmhaft gewor­den, und dann ist der Län­ge­nun­ter­schied weggefallen.

    Wür­den Sie in ordentlich­er herge­brachter Weise schreiben, dann kön­nten Sie evtl. bess­er die Kon­junk­tion daß vom Rel­a­tivpronomen das unterscheiden.

    So ein Blödsinn.

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