Sprachnörglerische Scheinheiligkeit

Von Anatol Stefanowitsch

Das Ham­burg­er Abend­blatt lässt seine Leser aufgeregt darüber abstim­men, ob die neue S‑Bahn-Sta­tion am Ham­burg­er Flughafen wie geplant „Ham­burg Air­port“ heißen soll, oder ob nicht ein rein­deutsches „Flughafen“ bess­er wäre (klein­er Hin­weis: der Flughafen selb­st nen­nt sich bere­its Ham­burg Air­port und „Flughafen“ ist kein inter­na­tion­al gebräuch­lich­er Begriff).

Neben­bei schaf­fen es die Mach­er auch noch, in einem Artikel über einen Franzö­sis­chkurs einen über­flüs­si­gen Seit­en­hieb auf englis­che Lehn­wörter einzubauen. Nur eins schaf­fen sie nicht: selb­st auf diese zu verzichten.

Ein­und­dreißig „über­flüs­sige“ Anglizis­men habe ich auf der Start­seite eben ger­ade gefun­den (dabei habe ich alteinge­sessenes Lehngut, z.B. Sport, Start und Stress, nicht ein­mal mit­gezählt). Hier sind sie, zusam­men mit meinen Vorschlä­gen zur Eindeutschung:

  1. Abend­blatt-Links („Abend­blatt-Verknüp­fun­gen“)
  2. Abend­blatt-Screen­saver down­load­en („Abend­blatt-Bild­schirm­schon­er herunterladen“)
  3. Abend­blatt-Shop („Abend­blatt-Laden“)
  4. Baby­mord („Säuglingsmord“)
  5. Best­seller Liste („Liste der meistverkauften Bücher“)
  6. Camp­ing­platz („Zelt- und Wohnmobilplatz“)
  7. Come­back („Rück­kehr“)
  8. Copy­right („Nutzungsrecht/Urheberrecht“)
  9. Dop­ing­fall („Fall von Medikamentenmissbrauch“)
  10. Drinks („Getränke“)
  11. Event („Ereig­nis“)
  12. Foto-Tool („Fotow­erkzeug“)
  13. Han­nover-Keep­er („Tor­wart“)
  14. Inter­net-Laden („Net­zladen“)
  15. Inter­net-Verbindung („Net­zverbindung“)
  16. Job-Abbau („Stel­len­ab­bau“)
  17. Jobs („Stellen“)
  18. Jury („Entschei­dungs­gremi­um“)
  19. Live Tipp des Tages („Ver­anstal­tung­sh­in­weis des Tages“)
  20. Mod­edesigner­in („Mod­egestal­terin“)
  21. News-Archiv („Nachricht­e­nar­chiv“)
  22. Online-Ange­bot („Net­zange­bot“)
  23. Rad­sport-Event („Rad­sportereig­nis“)
  24. Sin­gles („Junggesell/innen“)
  25. Sitemap („Über­sicht des Netzauftritts“)
  26. Som­mer-Count­down („Som­mer-Star­tuhr“)
  27. VIP-Leben („Pro­mi-Leben“)
  28. WLAN-Router („Steuerg­erät für Drahtlosnetzwerke“)
  29. epa­per („eZeitung“)
  30. iPod-Musik­play­er („iPod-Musik­ab­spiel­gerät“)
  31. online („net­zgestützt“)

Und nun sind Sie gefragt. Stim­men Sie ab (oder sehen Sie sich nur das Ergeb­nis der Abstim­mung an).

[Nach­trag: Auf eine Anre­gung von gyoku­sai hin soll­ten wir ver­suchen, die Umfrage des Abend­blatts herumzureißen (auch, wenn es schon ziem­lich hoff­nungs­los aussieht: die Anglizis­men­jäger gewin­nen dort immer mehr die Ober­hand). Um mehrfach abzus­tim­men, muss man sich jedes Mal eine neue IP zuweisen lassen (z.B. Router aus- und wieder ein­schal­ten): Abend­blatt-Umfrage.]

[Nach­trag: Wie Dan­ny (#16) meldet, ist die Umfrage gekippt. Vor ein­er Stunde sah sie so aus:

Umfrage gekippt

Bei unser­er eige­nen Umfrage zeich­net sich eine Mehrheit für ein anglizis­men­fre­undlich­es und sprach­nörgel­freies Abend­blatt ab.]

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Über Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch ist Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der Freien Universität Berlin. Er beschäftigt sich derzeit mit diskriminierender Sprache, Sprachpolitik und dem politischen Gebrauch und Missbrauch von Sprache. Sein aktuelles Buch „Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ ist 2018 im Dudenverlag erschienen.

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