Letzte Woche ging’s um Zähne und Beulen - und um die Schlussfolgerung, dass nicht alles, was der Muttersprachler für nicht-existent hält, in seiner Sprache auch tatsächlich nicht-existent ist.
Teil II: LIVE COOKING
In eine ganz ähnliche Kategorie fällt live cooking. Illustriert ist das (von Tonks?) durch einen Cartoon mit einem Kochtopf, aus dem Hände ragen — was angeblich zeigen soll, woran “Engländer […] bei ‘Live Cooking’ denken”. Mit der Verwendung und der Anwendung von Live Cooking machen wir uns in den Ohren eines Muttersprachlers des Englischen also des Kannibalismus schuldig.
Live Cooking ist im Post-Mc-Donald’s‑Zeitalter ein Element einer neuen Generation der Erlebnisgastronomie, bei dem sich Köche bei der Arbeit über die Schulter kucken lassen. Kochen vor den Augen der Gäste. Und natürlich gibt es das auch im Land von Jamie Oliver - spätestens bei Vegetarianexpress dürfte auch klar sein, dass man weder kreischende Südseeinsulaner, ja, noch nicht mal zuckende Hummer in den Kochtopf wirft.
Schon im Beitrag über Perlen und Beulen (und Zähne) fragte ich mich, ob Tonks nicht einfach schon zu lange in Deutschland ist, um zu wissen, was in seinem Heimatland werbetechnisch so los ist. Natürlich kann man Live Cooking auch im kannibalistischen Sinne verstehen. Im Corpus of Contemporary American English (COCA) gibt es zu live cooking glücklicherweise auch diese beiden Bedeutungen in insgesamt nur zwei Belegen:
I support a ban on the sale and unnecessarily cruel live cooking techniques used by any ethnic community in the U.S.
[Aus einem Leserbrief an den San Francisco Chronicle, 1998]Live cooking classes and consumer seminars offered throughout the year. Three-chef panel discussion on ” matching your cooking style with the right equipment, ”
[Aus dem Annual School Cooking Guide, Chicago Sun-Times, 2004]
Man achte auf das Jahr: Die neuere, zusätzliche Bedeutung dürfte auch damit zusammenhängen, dass das Event an sich eine recht neue kulturelle Errungenschaft ist. Die sprachliche Bildung von live cooking hat aber sehr wenig mit der kulturellen oder ethnischen Grausamkeit des Kochens lebender Tiere (Lebendkochen) zu tun. Es handelt sich vielmehr um eine Analogiebildung nach dem Muster live + Ving: live recording, live broadcasting, live mixing, live boxing, live story-telling, live screening, live shooting (of a movie), live writing oder live playing. Alles, was also vor Publikum passiert.
(Dieser Bildung ist möglicherweise eine Reanalyse von ähnlichen Konstruktionen wie etwa in
- Celebritiy chef Brian Turner gave a live cooking demonstration for a crowd of 250 [Quelle]
- You won’t have enough eyes for all the live cooking action [Quelle] oder
- My next live cooking demonstration [Quelle]
vorausgegangen, wo live nicht unbedingt als adjektivischer Teil eines ADJ-N-Kompositums live cooking interpretiert werden muss, sondern unter Umständen auch als Adjektiv in der Phrase [ADJ [cooking + N]] gemeint ist. Englisch ist wegen seines Minimalstinventars an Flexion für diese strukturelle Ambiguität besonders anfällig.)
Es wird in diesem Blog ab Januar während des Juryentscheids zum Anglizismus des Jahres viel um Bedeutungsdifferenzierung und das Füllen lexikalischer Lücken gehen. Mit Live Cooking haben wir beides: es gab ein neues Konzept (‘Koch bei der Arbeit zugucken, gerne mit Eventcharakter’), das man bennenen wollte, meinetwegen aus marketingstrategischen Gründen. Außerdem haben wir die Möglichkeit, dort, wo es im Englischen potentiell Missverständnisse gibt, im Deutschen mit zwei Begriffen ziemlich deutlich zu differenzieren: Live Cooking vs. Lebendkochen.
Die Ambiguität zwischen den beiden Lesarten von live cooking im Englischen liegt an der Polysemie des Wortes live. Solange wir im Deutschen live nur für ‘in realer Anwesenheit’ (Duden.de) nutzen, brauchen wir uns um unseren Sprachgebrauch sowieso keine Sorgen machen, nur weil Robert Tonks auch hier Beulen nach Athen trägt.
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Aus dieser Reihe:
Frische Beulen im Denglisch-Wahn (Teil I: Pearls & Dents)
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Edit: Ich habe den Namen des Autors mehrfach falsch geschrieben. Danke für den Hinweis, ich habe es berichtigt und: es tut mir ehrlich leid. Beim Rest haben wir gänzlich unterschiedliche Auffassungen zu “Humor” und divergierende Interpretationen zum Begriff “Polemik”. Im Übrigen möchte ich den/die KommentatorIn(nen) darauf aufmerksam machen, dass ich schizophrenes Kommentieren irgendwie ungeil finde.

18 Gedanken zu „Noch mehr Beulen für Athen“