Noch mehr Beulen für Athen

Von Susanne Flach

Let­zte Woche ging’s um Zähne und Beulen - und um die Schlussfol­gerung, dass nicht alles, was der Mut­ter­sprach­ler für nicht-exis­tent hält, in sein­er Sprache auch tat­säch­lich nicht-exis­tent ist.

Teil II: LIVE COOKING

In eine ganz ähn­liche Kat­e­gorie fällt live cook­ing. Illus­tri­ert ist das (von Tonks?) durch einen Car­toon mit einem Kochtopf, aus dem Hände ragen — was ange­blich zeigen soll, woran “Englän­der […] bei ‘Live Cook­ing’ denken”. Mit der Ver­wen­dung und der Anwen­dung von Live Cook­ing machen wir uns in den Ohren eines Mut­ter­sprach­lers des Englis­chen also des Kan­ni­bal­is­mus schuldig.

Live Cook­ing ist im Post-Mc-Donald’s‑Zeitalter ein Ele­ment ein­er neuen Gen­er­a­tion der Erleb­nis­gas­tronomie, bei dem sich Köche bei der Arbeit über die Schul­ter kuck­en lassen. Kochen vor den Augen der Gäste. Und natür­lich gibt es das auch im Land von Jamie Oliv­er - spätestens bei Veg­e­tar­i­an­ex­press dürfte auch klar sein, dass man wed­er kreis­chende Süd­seein­su­lan­er, ja, noch nicht mal zuck­ende Hum­mer in den Kochtopf wirft.

Schon im Beitrag über Perlen und Beulen (und Zähne) fragte ich mich, ob Tonks nicht ein­fach schon zu lange in Deutsch­land ist, um zu wis­sen, was in seinem Heimat­land wer­betech­nisch so los ist. Natür­lich kann man Live Cook­ing auch im kan­ni­bal­is­tis­chen Sinne ver­ste­hen. Im Cor­pus of Con­tem­po­rary Amer­i­can Eng­lish (COCA) gibt es zu live cook­ing glück­licher­weise auch diese bei­den Bedeu­tun­gen in ins­ge­samt nur zwei Belegen:

I sup­port a ban on the sale and unnec­es­sar­i­ly cru­el live cook­ing tech­niques used by any eth­nic com­mu­ni­ty in the U.S.
[Aus einem Leser­brief an den San Fran­cis­co Chron­i­cle, 1998]

Live cook­ing class­es and con­sumer sem­i­nars offered through­out the year. Three-chef pan­el dis­cus­sion on ” match­ing your cook­ing style with the right equipment, ”
[Aus dem Annu­al School Cook­ing Guide, Chica­go Sun-Times, 2004]

Man achte auf das Jahr: Die neuere, zusät­zliche Bedeu­tung dürfte auch damit zusam­men­hän­gen, dass das Event an sich eine recht neue kul­turelle Errun­gen­schaft ist. Die sprach­liche Bil­dung von live cook­ing hat aber sehr wenig mit der kul­turellen oder eth­nis­chen Grausamkeit des Kochens leben­der Tiere (Lebend­kochen) zu tun. Es han­delt sich vielmehr um eine Analo­giebil­dung nach dem Muster live + Ving: live record­ing, live broad­cast­ing, live mix­ing, live box­ing, live sto­ry-telling, live screen­ing, live shoot­ing (of a movie), live writ­ing oder live play­ing. Alles, was also vor Pub­likum passiert.

(Dieser Bil­dung ist möglicher­weise eine Reanalyse von ähn­lichen Kon­struk­tio­nen wie etwa in 

  • Celebri­tiy chef Bri­an Turn­er gave a live cook­ing demon­stra­tion for a crowd of 250 [Quelle]
  • You won’t have enough eyes for all the live cook­ing action [Quelle] oder
  • My next live cook­ing demon­stra­tion [Quelle]

voraus­ge­gan­gen, wo live nicht unbe­d­ingt als adjek­tivis­ch­er Teil eines ADJ-N-Kom­posi­tums live cook­ing inter­pretiert wer­den muss, son­dern unter Umstän­den auch als Adjek­tiv in der Phrase [ADJ [cook­ing + N]] gemeint ist. Englisch ist wegen seines Min­i­mal­stin­ven­tars an Flex­ion für diese struk­turelle Ambi­gu­i­tät beson­ders anfällig.)

Es wird in diesem Blog ab Jan­u­ar während des Juryentschei­ds zum Anglizis­mus des Jahres viel um Bedeu­tungs­d­if­feren­zierung und das Füllen lexikalis­ch­er Lück­en gehen. Mit Live Cook­ing haben wir bei­des: es gab ein neues Konzept (‘Koch bei der Arbeit zuguck­en, gerne mit Eventcharak­ter’), das man bennenen wollte, meinetwe­gen aus mar­ket­ingstrate­gis­chen Grün­den. Außer­dem haben wir die Möglichkeit, dort, wo es im Englis­chen poten­tiell Missver­ständ­nisse gibt, im Deutschen mit zwei Begrif­f­en ziem­lich deut­lich zu dif­feren­zieren: Live Cook­ing vs. Lebendkochen.

Die Ambi­gu­i­tät zwis­chen den bei­den Lesarten von live cook­ing im Englis­chen liegt an der Pol­y­semie des Wortes live. Solange wir im Deutschen live nur für ‘in real­er Anwe­sen­heit’ (Duden.de) nutzen, brauchen wir uns um unseren Sprachge­brauch sowieso keine Sor­gen machen, nur weil Robert Tonks auch hier Beulen nach Athen trägt.

Aus dieser Reihe:
Frische Beulen im Denglisch-Wahn (Teil I: Pearls & Dents)

Edit: Ich habe den Namen des Autors mehrfach falsch geschrieben. Danke für den Hin­weis, ich habe es berichtigt und: es tut mir ehrlich leid. Beim Rest haben wir gän­zlich unter­schiedliche Auf­fas­sun­gen zu “Humor” und divergierende Inter­pre­ta­tio­nen zum Begriff “Polemik”. Im Übri­gen möchte ich den/die KommentatorIn(nen) darauf aufmerk­sam machen, dass ich schiz­o­phrenes Kom­men­tieren irgend­wie ungeil finde.

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