Archiv der Kategorie: Altes Sprachlog

In dieser Kat­e­gorie befind­en sich Ana­tol Ste­fanow­itschs Beiträge aus dem alten Sprachlog auf der SciLogs-Plat­tform (2010–2012)

Unterwegs

Von Anatol Stefanowitsch

Ich komme ger­ade von ein­er Kon­ferenz aus Kiel und sitze im Zug nach Nürn­berg. Von da aus muss ich in eine kleine Uni­ver­sitätsstadt in der Nähe, wo ich einen Tag lang zu tun habe bevor ich auf die Tagung der Deutschen Gesellschaft für Sprach­wis­senschaft in Berlin weit­er­fahre. Kurz danach muss ich dann schon nach Mannheim auf die Jahresta­gung des Insti­tuts für Deutsche Sprache; vorher schaue ich vielle­icht noch auf dem jährlichen Tre­f­fen der SciLog­ger vor­bei, um meine neuen Mitblogger/innen per­sön­lich kennenzulernen.

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Die Spiegelung eines Plagiats in der Erschaffung von Wörtern

Von Anatol Stefanowitsch

Ich wollte nicht noch ein­mal auf den Fall Hege­mann zurück­kom­men. Die ganze Angele­gen­heit wirkt mir inzwis­chen zu insze­niert — die völ­lige Abwe­sen­heit eines Unrechts­be­wusst­seins, die die Pla­gia­torin in jedem Inter­view demon­stri­ert, die schmun­zel­nde Kom­plizen­schaft des Feuil­letons und das Behar­ren auf dem lit­er­arischen Tal­ent der Pla­gia­torin mit dem immer gle­ichen Argu­ment, dass Abschreiben „im Inter­net“ nun ein­mal nor­mal und im Falle Hege­mann sowieso eine Kun­st­form sei, das trotzige Fes­thal­ten an der Nominierung des Pla­giats für den Preis der Leipziger Buchmesse.

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Intertextuelle Illusionen

Von Anatol Stefanowitsch

Eine Siebzehn­jährige schreibt einen Roman, der inhaltlich und sprach­lich weit über ihren Erfahrung­shor­i­zont hin­aus­ge­ht. Da es um Sex und Dro­gen geht und die Siebzehn­jährige blond und – nun ja, siebzehn ist, kann sich das deutsche Lit­er­atur­feuil­leton kaum einkriegen vor erregten Lobpreisun­gen. Sie bescheini­gen ihr eine „ern­ste Wild­heit, die in eine expres­sive Sprachge­walt drängt“ (Saar­brück­er Zeitung), beze­ich­nen das Buch als „lit­er­arischen Kugel­blitz“ (Die ZEIT) und „großen Com­ing-of-age-Roman der Nuller­jahre“ (Frank­furter All­ge­meine Zeitung) und behaupten ohne Ironie, dass sich „wohl alle deutschsprachi­gen Roman­de­büts [an ihm] messen lassen müssen“ (Tagesspiegel).

Dann stellt sich — eigentlich wenig ver­wun­der­lich — her­aus, dass der Roman „Axolotl Road­kill“ nicht nur jen­seits des sprach­lichen und inhaltlichen Erfahrung­shor­i­zonts der Ver­fasserin Helene Hege­mann liegt, son­dern auch jen­seits ihrer sprach­lichen und erzäh­lerischen Fähigkeit­en: Sie hat Teile daraus aus dem Roman „Strobo“ des Autors Airen abgeschrieben, wie Deef Pir­masens in seinem Blog Gefühlskon­serve zeigt.

Wie gesagt, es ver­wun­dert mich nicht. Natür­lich gibt es lit­er­arische Wun­derkinder; man denke an Jonathan Safran Foer, der ger­ade ein­mal 24 war, als sein über­wälti­gen­des Debüt Every­thing is Illum­ni­at­ed (dt. „Alles ist erleuchtet“) erschien. Nur schreiben die üblicher­weise über Dinge, von denen sie etwas ver­ste­hen. Wenn jemand über Dinge schreibt, von denen er oder sie nichts wis­sen kann, sollte man stutzig wer­den (diese Strate­gie ver­wende ich seit Jahren erfol­gre­ich, um Pla­gia­ris­mus in Sem­i­nar- und Exa­m­en­sar­beit­en aufzuspüren).

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Nachruf auf eine Sprache: Aka-Bo

Von Anatol Stefanowitsch

Man schätzt, dass alle ein bis zwei Wochen eine der derzeit noch sechs- bis sieben­tausend men­schlichen Sprachen für immer ver­schwindet, weil ihr let­zter Sprech­er oder ihre let­zte Sprecherin stirbt. Meis­tens geschieht das, ohne dass es jeman­dem auf­fällt. Aber da inzwis­chen in vie­len Gegen­den der Welt Sprach­wis­senschaftler ver­suchen, ausster­bende Sprachen in einem Wet­t­lauf gegen die Zeit zu doku­men­tieren, erfahren wir ab und zu davon.

Diese Woche ging der Tod der 85-jähri­gen Boa Sr., der let­zten Sprecherin des Aka-Bo, durch die Medien.

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Respektlose Lehnwörter

Von Anatol Stefanowitsch

Bun­desverkehrsmin­is­ter Peter Ram­sauer ist schon öfter durch eine Abnei­gung gegen englis­ches Wortgut aufge­fall­en. Im let­zten Jahr strich er zum Beispiel aus dem Wahl­pro­gramm der CSU die „Anglizis­men“ her­aus und begrün­dete dies mit den Worten: „Wie will man in Deutsch­land etwas poli­tisch umset­zen, wenn man es nicht mal auf Deutsch sagen kann?“ [PNP.de/Kain 2009]. Ander­er­seits scheint er kein Eifer­er zu sein: Ende 2008 sprach er sich dage­gen aus, Deutsch als „Staatssprache“ im Grundge­setz zu ver­ankern [DONAUKURIER.de/Rücker 2008].

In den let­zten Tagen hat er durch anti-anglizis­tis­che Verord­nun­gen für sein Min­is­teri­um von sich reden gemacht:

Er erließ für sein Haus ein strik­tes „Denglisch“-Verbot, also die Ver­mis­chung deutsch­er und englis­ch­er Begriffe, berichtete die „Bild“-Zeitung. So heißt das „Trav­el Man­age­ment“ im Verkehrsmin­is­teri­um kün­ftig wieder „Reis­es­telle“.

Statt „Task Forces“ arbeit­en bei Ram­sauer jet­zt wieder „Pro­jek­t­grup­pen“. Und statt zum „Inhouse Meet­ing“ kom­men die Min­is­te­ri­al­beamten nun zum „hau­seige­nen Sem­i­nar“ zusam­men. „Ich will, dass im Haus wieder mehr deutsch gesprochen wird“, sagte Ram­sauer der Zeitung mit Blick auf seine Deutsche-Offen­sive im eige­nen Haus. [WELT.de]

Diese Maß­nah­men erscheinen mir nicht über­mäßig kon­tro­vers. Wie selb­st Sprach­nör­gler schon ver­wun­dert fest­stellen mussten, ver­suche auch ich, Fremd­wörter zu ver­mei­den, wenn es weit ver­bre­it­ete und im Zusam­men­hang angemessene deutsche Alter­na­tiv­en gibt. Ich tue das nicht aus Angst vor ein­er Über­schwem­mung des Deutschen mit frem­dem Wortgut, son­dern um zu zeigen, wie sprachge­wandt und gebildet ich bin.

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Englisch vor Gericht

Von Anatol Stefanowitsch

Obwohl es sich die Leser/innen meines alten und auch neuen Blogs
manch­mal anders wün­schen, beschäftigt sich ein ansehn­lich­er Teil meiner
Beiträge mit den Sprachkri­tik­ern, die häu­fig den öffentlichen Diskurs
über Sprache dominieren. Zum einen wäre es aus mein­er Sicht ein großer
Fehler, ihnen unwider­sprochen das Feld zu über­lassen, zum anderen
fasziniert mich die über­hitzte irra­tionale Rhetorik, mit der sie bei
den nichtig­sten Anlässen um sich werfen.

Ein Lehrstück sprachkri­tis­ch­er Redekun­st und Logik bietet eine
Presseerk­lärung des Vere­ins Deutsche Sprache (VDS) vom 11. Jan­u­ar 2010
mit dem leicht größen­wahnsin­ni­gen Titel „Sprach­schützer greifen
Jus­tizmin­is­ter an“. Anlass für diese Presseerk­lärung sind aktuelle
Pläne der Jus­tizmin­is­ter von Nor­drhein-West­falen und Ham­burg, die die
Voraus­set­zun­gen schaf­fen sollen, um inter­na­tionale Wirtschaftsprozesse
vor deutschen Gericht­en in Zukun­ft bei einem entsprechen­den Wun­sch der
Prozess­parteien in englis­ch­er Sprache zu ver­han­deln. Auf diese Art
sollen, wie die FAZ schon am 8. Jan­u­ar 2010 erläuterte, der
Jus­tiz­s­tan­dort Deutsch­land gestärkt und die Inter­essen deutsch­er Firmen
bess­er gewahrt werden: 

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Schweizer und Deutsche machen Sinn

Von Anatol Stefanowitsch

In den Kom­mentaren zu meinem let­zten Beitrag haben gle­ich zwei Leser die Ver­mu­tung geäußert, dass die Redewen­dung Sinn machen in den Schweiz­er Dialek­ten des Deutschen anders ver­wen­det wird als in den bun­des­deutschen. Nach Hek­tor Ks Ein­druck wird die oft als „richtige“ Alter­na­tive emp­foh­lene Redewen­dung Sinn haben in den ihm ver­traut­en Schweiz­er Dialek­ten gar nicht ver­wen­det, während Sinn machen weit ver­bre­it­et ist. Matthias hat eine genauere Ver­mu­tung: sein­er sprach­lichen Erfahrung nach wird Sinn haben in der Deutschschweiz nur in verneinen­den Zusam­men­hän­gen ver­wen­det (hat keinen Sinn), während Sinn machen bevorzugt wird, um pos­i­tive Aus­sagen zu machen.

Das sind zwei Hypothe­sen, die sich sprach­wis­senschaftlich sehr schön über­prüfen lassen, und das will ich hier kurz tun. Dazu habe ich aus den Kor­po­ra (Textsamm­lun­gen) des Insti­tuts für Deutsche Sprache in Mannheim jew­eils eine Schweiz­er und eine bun­des­deutsche Tageszeitung aus­gewählt, für die dort Jahrgänge vorhan­den sind, die etwa die gle­iche Zeitspanne abdeck­en (so ver­mei­de ich, dass Sprach­wan­del­prozesse das Bild verz­er­ren). Für die Schweiz war das das St. Galler Tag­blatt, für die Bun­desre­pub­lik die Rhein-Zeitung (kann es etwas Bun­desre­pub­likanis­cheres als das Rhein­land geben?). Das IDS hat für bei­de Zeitun­gen Jahrgänge zwis­chen 1996/97 und 2008, wobei beim St. Galler Tag­blatt einige Jahrgänge in der Mitte fehlen. Weit­er­lesen

Max Frisch macht Sinn

Von Anatol Stefanowitsch

Die meist­ge­le­se­nen Beiträge meines alten Blogs waren die, in denen ich mich mit der Herkun­ft, Bedeu­tung und inter­nen Logik der Redewen­dung Sinn machen beschäftigt habe. Es verge­ht keine Woche, in der nicht aus irgen­deinem Forum neue Leser den Weg zu mir find­en, weil jemand dort die Redewen­dung ver­wen­det und damit einen Sturm sprach­lichen Spottes aus­löst, in dessen Ver­lauf jemand dem Übeltäter zur Seite springt und auf meine Beiträge ver­weist. In denen zeige ich ja unter anderem, dass die Redewen­dung zwar ver­mut­lich durch das Englis­che inspiri­ert ist, aber im Deutschen schon sehr viel länger existiert als üblicher­weise angenom­men; dass sie sich prob­lem­los in die deutsche Sprachlogik ein­fügt (sofern es so etwas gibt) und auch ohne Hil­fe von außen hätte entste­hen kön­nen; dass sie etwas anderes bedeutet als die ange­blich besseren Alter­na­tiv­en Sinn haben und Sinn ergeben und dass große Dichter und Denker sie ver­wen­den (ich verknüpfe hier ein­fach den ersten Teil der viel­teili­gen Serie).

Nicht, dass das die Sprach­schatzmeis­ter beein­druckt: Das sei ja alles schön und gut, schreiben die typ­is­cher­weise, aber Sinn machen sei nun ein­mal unl­o­gisch, über­flüs­sig und unge­bildet, daran sei auch durch unbe­stre­it­bare Tat­sachen nichts zu ändern.

Vor zwei Wochen gab es wieder eine solche Sprach­schlacht im Law­blog, in ein­er eigentlich inhaltlich viel inter­es­san­teren Diskus­sion um die Frage, ob ehe­ma­lige Staatssym­bole als Marken­ze­ichen angemeldet wer­den dür­fen. In Ver­lauf des Gefechts ver­stieg sich ein­er der Kom­men­ta­toren zu fol­gen­der Behauptung:

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Unverständnis auf Deutsch

Von Anatol Stefanowitsch

Im Mit­te­lal­ter und in der frühen Neuzeit war Latein die Sprache der Wis­senschaft. Galileo Galilei, Johannes Kepler und Tycho Bra­he ver­fassten ihre Hauptwerke nicht in ital­ienis­ch­er, deutsch­er oder dänis­ch­er Sprache, son­dern in lateinis­ch­er. Das ermöglichte ihnen, ihre Ideen schnell und direkt nachvol­lziehbar auszu­tauschen, sie zu kri­tisieren oder darauf aufzubauen.

Das Tem­po der wis­senschaftlichen Forschung und der Grad ihrer inter­na­tionalen Ver­net­zung haben sich seit­dem drastisch erhöht, und der freie Aus­tausch von Ideen ist unverzicht­bar­er denn je. Wis­senschaftlich­er Fortschritt wäre schlicht nicht möglich, wenn Forsch­er jahre- oder auch nur monate­lang auf Über­set­zun­gen warten oder sprachkundi­ge Kolleg/innen bit­ten müssten, Ihnen bei der Lek­türe der Flut wis­senschaftlich­er Veröf­fentlichun­gen behil­flich zu sein.

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