Ich komme gerade von einer Konferenz aus Kiel und sitze im Zug nach Nürnberg. Von da aus muss ich in eine kleine Universitätsstadt in der Nähe, wo ich einen Tag lang zu tun habe bevor ich auf die Tagung der Deutschen Gesellschaft für Sprachwissenschaft in Berlin weiterfahre. Kurz danach muss ich dann schon nach Mannheim auf die Jahrestagung des Instituts für Deutsche Sprache; vorher schaue ich vielleicht noch auf dem jährlichen Treffen der SciLogger vorbei, um meine neuen Mitblogger/innen persönlich kennenzulernen.
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Die Spiegelung eines Plagiats in der Erschaffung von Wörtern
Ich wollte nicht noch einmal auf den Fall Hegemann zurückkommen. Die ganze Angelegenheit wirkt mir inzwischen zu inszeniert — die völlige Abwesenheit eines Unrechtsbewusstseins, die die Plagiatorin in jedem Interview demonstriert, die schmunzelnde Komplizenschaft des Feuilletons und das Beharren auf dem literarischen Talent der Plagiatorin mit dem immer gleichen Argument, dass Abschreiben „im Internet“ nun einmal normal und im Falle Hegemann sowieso eine Kunstform sei, das trotzige Festhalten an der Nominierung des Plagiats für den Preis der Leipziger Buchmesse.
Intertextuelle Illusionen
Eine Siebzehnjährige schreibt einen Roman, der inhaltlich und sprachlich weit über ihren Erfahrungshorizont hinausgeht. Da es um Sex und Drogen geht und die Siebzehnjährige blond und – nun ja, siebzehn ist, kann sich das deutsche Literaturfeuilleton kaum einkriegen vor erregten Lobpreisungen. Sie bescheinigen ihr eine „ernste Wildheit, die in eine expressive Sprachgewalt drängt“ (Saarbrücker Zeitung), bezeichnen das Buch als „literarischen Kugelblitz“ (Die ZEIT) und „großen Coming-of-age-Roman der Nullerjahre“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung) und behaupten ohne Ironie, dass sich „wohl alle deutschsprachigen Romandebüts [an ihm] messen lassen müssen“ (Tagesspiegel).
Dann stellt sich — eigentlich wenig verwunderlich — heraus, dass der Roman „Axolotl Roadkill“ nicht nur jenseits des sprachlichen und inhaltlichen Erfahrungshorizonts der Verfasserin Helene Hegemann liegt, sondern auch jenseits ihrer sprachlichen und erzählerischen Fähigkeiten: Sie hat Teile daraus aus dem Roman „Strobo“ des Autors Airen abgeschrieben, wie Deef Pirmasens in seinem Blog Gefühlskonserve zeigt.
Wie gesagt, es verwundert mich nicht. Natürlich gibt es literarische Wunderkinder; man denke an Jonathan Safran Foer, der gerade einmal 24 war, als sein überwältigendes Debüt Everything is Illumniated (dt. „Alles ist erleuchtet“) erschien. Nur schreiben die üblicherweise über Dinge, von denen sie etwas verstehen. Wenn jemand über Dinge schreibt, von denen er oder sie nichts wissen kann, sollte man stutzig werden (diese Strategie verwende ich seit Jahren erfolgreich, um Plagiarismus in Seminar- und Examensarbeiten aufzuspüren).
Nachruf auf eine Sprache: Aka-Bo
Man schätzt, dass alle ein bis zwei Wochen eine der derzeit noch sechs- bis siebentausend menschlichen Sprachen für immer verschwindet, weil ihr letzter Sprecher oder ihre letzte Sprecherin stirbt. Meistens geschieht das, ohne dass es jemandem auffällt. Aber da inzwischen in vielen Gegenden der Welt Sprachwissenschaftler versuchen, aussterbende Sprachen in einem Wettlauf gegen die Zeit zu dokumentieren, erfahren wir ab und zu davon.
Diese Woche ging der Tod der 85-jährigen Boa Sr., der letzten Sprecherin des Aka-Bo, durch die Medien.
Respektlose Lehnwörter
Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer ist schon öfter durch eine Abneigung gegen englisches Wortgut aufgefallen. Im letzten Jahr strich er zum Beispiel aus dem Wahlprogramm der CSU die „Anglizismen“ heraus und begründete dies mit den Worten: „Wie will man in Deutschland etwas politisch umsetzen, wenn man es nicht mal auf Deutsch sagen kann?“ [PNP.de/Kain 2009]. Andererseits scheint er kein Eiferer zu sein: Ende 2008 sprach er sich dagegen aus, Deutsch als „Staatssprache“ im Grundgesetz zu verankern [DONAUKURIER.de/Rücker 2008].
In den letzten Tagen hat er durch anti-anglizistische Verordnungen für sein Ministerium von sich reden gemacht:
Er erließ für sein Haus ein striktes „Denglisch“-Verbot, also die Vermischung deutscher und englischer Begriffe, berichtete die „Bild“-Zeitung. So heißt das „Travel Management“ im Verkehrsministerium künftig wieder „Reisestelle“.
Statt „Task Forces“ arbeiten bei Ramsauer jetzt wieder „Projektgruppen“. Und statt zum „Inhouse Meeting“ kommen die Ministerialbeamten nun zum „hauseigenen Seminar“ zusammen. „Ich will, dass im Haus wieder mehr deutsch gesprochen wird“, sagte Ramsauer der Zeitung mit Blick auf seine Deutsche-Offensive im eigenen Haus. [WELT.de]
Diese Maßnahmen erscheinen mir nicht übermäßig kontrovers. Wie selbst Sprachnörgler schon verwundert feststellen mussten, versuche auch ich, Fremdwörter zu vermeiden, wenn es weit verbreitete und im Zusammenhang angemessene deutsche Alternativen gibt. Ich tue das nicht aus Angst vor einer Überschwemmung des Deutschen mit fremdem Wortgut, sondern um zu zeigen, wie sprachgewandt und gebildet ich bin.
Englisch vor Gericht
Obwohl es sich die Leser/innen meines alten und auch neuen Blogs
manchmal anders wünschen, beschäftigt sich ein ansehnlicher Teil meiner
Beiträge mit den Sprachkritikern, die häufig den öffentlichen Diskurs
über Sprache dominieren. Zum einen wäre es aus meiner Sicht ein großer
Fehler, ihnen unwidersprochen das Feld zu überlassen, zum anderen
fasziniert mich die überhitzte irrationale Rhetorik, mit der sie bei
den nichtigsten Anlässen um sich werfen.
Ein Lehrstück sprachkritischer Redekunst und Logik bietet eine
Presseerklärung des Vereins Deutsche Sprache (VDS) vom 11. Januar 2010
mit dem leicht größenwahnsinnigen Titel „Sprachschützer greifen
Justizminister an“. Anlass für diese Presseerklärung sind aktuelle
Pläne der Justizminister von Nordrhein-Westfalen und Hamburg, die die
Voraussetzungen schaffen sollen, um internationale Wirtschaftsprozesse
vor deutschen Gerichten in Zukunft bei einem entsprechenden Wunsch der
Prozessparteien in englischer Sprache zu verhandeln. Auf diese Art
sollen, wie die FAZ schon am 8. Januar 2010 erläuterte, der
Justizstandort Deutschland gestärkt und die Interessen deutscher Firmen
besser gewahrt werden:
Schweizer und Deutsche machen Sinn
In den Kommentaren zu meinem letzten Beitrag haben gleich zwei Leser die Vermutung geäußert, dass die Redewendung Sinn machen in den Schweizer Dialekten des Deutschen anders verwendet wird als in den bundesdeutschen. Nach Hektor Ks Eindruck wird die oft als „richtige“ Alternative empfohlene Redewendung Sinn haben in den ihm vertrauten Schweizer Dialekten gar nicht verwendet, während Sinn machen weit verbreitet ist. Matthias hat eine genauere Vermutung: seiner sprachlichen Erfahrung nach wird Sinn haben in der Deutschschweiz nur in verneinenden Zusammenhängen verwendet (hat keinen Sinn), während Sinn machen bevorzugt wird, um positive Aussagen zu machen.
Das sind zwei Hypothesen, die sich sprachwissenschaftlich sehr schön überprüfen lassen, und das will ich hier kurz tun. Dazu habe ich aus den Korpora (Textsammlungen) des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim jeweils eine Schweizer und eine bundesdeutsche Tageszeitung ausgewählt, für die dort Jahrgänge vorhanden sind, die etwa die gleiche Zeitspanne abdecken (so vermeide ich, dass Sprachwandelprozesse das Bild verzerren). Für die Schweiz war das das St. Galler Tagblatt, für die Bundesrepublik die Rhein-Zeitung (kann es etwas Bundesrepublikanischeres als das Rheinland geben?). Das IDS hat für beide Zeitungen Jahrgänge zwischen 1996/97 und 2008, wobei beim St. Galler Tagblatt einige Jahrgänge in der Mitte fehlen. Weiterlesen
Max Frisch macht Sinn
Die meistgelesenen Beiträge meines alten Blogs waren die, in denen ich mich mit der Herkunft, Bedeutung und internen Logik der Redewendung Sinn machen beschäftigt habe. Es vergeht keine Woche, in der nicht aus irgendeinem Forum neue Leser den Weg zu mir finden, weil jemand dort die Redewendung verwendet und damit einen Sturm sprachlichen Spottes auslöst, in dessen Verlauf jemand dem Übeltäter zur Seite springt und auf meine Beiträge verweist. In denen zeige ich ja unter anderem, dass die Redewendung zwar vermutlich durch das Englische inspiriert ist, aber im Deutschen schon sehr viel länger existiert als üblicherweise angenommen; dass sie sich problemlos in die deutsche Sprachlogik einfügt (sofern es so etwas gibt) und auch ohne Hilfe von außen hätte entstehen können; dass sie etwas anderes bedeutet als die angeblich besseren Alternativen Sinn haben und Sinn ergeben und dass große Dichter und Denker sie verwenden (ich verknüpfe hier einfach den ersten Teil der vielteiligen Serie).
Nicht, dass das die Sprachschatzmeister beeindruckt: Das sei ja alles schön und gut, schreiben die typischerweise, aber Sinn machen sei nun einmal unlogisch, überflüssig und ungebildet, daran sei auch durch unbestreitbare Tatsachen nichts zu ändern.
Vor zwei Wochen gab es wieder eine solche Sprachschlacht im Lawblog, in einer eigentlich inhaltlich viel interessanteren Diskussion um die Frage, ob ehemalige Staatssymbole als Markenzeichen angemeldet werden dürfen. In Verlauf des Gefechts verstieg sich einer der Kommentatoren zu folgender Behauptung:
Unverständnis auf Deutsch
Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit war Latein die Sprache der Wissenschaft. Galileo Galilei, Johannes Kepler und Tycho Brahe verfassten ihre Hauptwerke nicht in italienischer, deutscher oder dänischer Sprache, sondern in lateinischer. Das ermöglichte ihnen, ihre Ideen schnell und direkt nachvollziehbar auszutauschen, sie zu kritisieren oder darauf aufzubauen.
Das Tempo der wissenschaftlichen Forschung und der Grad ihrer internationalen Vernetzung haben sich seitdem drastisch erhöht, und der freie Austausch von Ideen ist unverzichtbarer denn je. Wissenschaftlicher Fortschritt wäre schlicht nicht möglich, wenn Forscher jahre- oder auch nur monatelang auf Übersetzungen warten oder sprachkundige Kolleg/innen bitten müssten, Ihnen bei der Lektüre der Flut wissenschaftlicher Veröffentlichungen behilflich zu sein.