Ausbausprache Österreichisch

Die Neue Zürich­er Zeitung berichtet über die Schwierigkeit­en des Öster­re­ichis­chen, sich neben der bun­des­deutschen Vari­etät der deutschen Sprache einen Platz in den Herzen der ger­man­is­tis­chen Forschere­lite und in den Akten der Europäis­chen Union zu sich­ern. Auf EU-Ebene führt der Weg dor­thin natür­lich über Ver­wal­tungsvorschriften und so ersan­nen öster­re­ichis­che EU-Beamte 1994 eine Liste öster­re­ichis­ch­er Begriffe, die mit dem Pro­tokoll Nr. 10 „Über die Ver­wen­dung spez­i­fisch öster­re­ichis­ch­er Aus­drücke der deutschen Sprache im Rah­men der europäis­chen Union“, bzw. mit dessen Anhang, den „gle­ichen Sta­tus … wie die in Deutsch­land ver­wen­de­ten entsprechen­den Aus­drücke“ erhiel­ten. Seit­dem hat in EU-Vorschriften etwa das Wort Karfi­ol die gle­iche Rechtswirkung wie das Wort Blu­menkohl. Die Ger­man­is­ten kann man lei­der nicht per Amts­blatt überzeu­gen, und so ste­hen die dem Öster­re­ichis­chen hil­f­los bis ablehnend gegenüber:

Was das Alpen­volk mit eige­nen Worten for­muliert, klingt den ander­ssprachi­gen Län­dern sym­pa­thisch, aber etwas unbe­holfen. Selb­st Ger­man­is­tikpro­fes­soren in Oxford, Paris oder Budapest ist nicht immer ganz klar, ob diese hochdeutsche Vari­etät nun ein Dialekt ist oder nicht. In Frankre­ich weiss man am wenig­sten über das öster­re­ichis­che Deutsch, man gibt sich dafür aber beson­ders puris­tisch. Von einem Stu­di­en­jahr im Alpen­land würde man den Stu­den­ten eher abrat­en, Aus­tri­azis­men wer­den bei Prü­fungsar­beit­en als Fehler gew­ertet.

Bei der Frage des Dialek­ts kann die Wikipedia weit­er­helfen, deren sprach­wis­senschaftlich solid­er Ein­trag zum Stich­wort Dialekt gle­ich im ersten Absatz auf eine entschei­dende Dop­peldeutigkeit des Begriffs hin­weist:

Der Aus­druck Dialekt (von griech. diale­go­mai: miteinan­der reden) kann auf zweier­lei Weise definiert wer­den:

  1. Als jed­wede regionale Vari­etät (z. B. Stan­dard­sprache, Stan­dard­di­alekt, Nation­al­va­ri­etät, ein regionaler Dialekt).
  2. Als diejeni­gen regionalen Vari­etäten, die nicht die Kri­te­rien ein­er Aus­baus­prache erfüllen (bzw. Stan­dard­sprache oder Hochsprache).

Nach der ersten Def­i­n­i­tion ist das Öster­re­ichis­che ganz klar ein Dialekt, genau wie das Bairische, das Kärnt­ner­ische, das Säch­siche und das Hochdeutsche. Nach der zweit­en Def­i­n­i­tion ist das Öster­re­ichis­che ganz klar kein Dialekt son­dern eine Aus­baus­prache.

Den Fran­zosen, die öster­re­ichis­ches Vok­ab­u­lar als Fehler werten, kann lei­der selb­st die Wikipedia nicht weit­er­helfen. Aber die kämpfen ohne­hin mit viel schw­er­wiegen­deren Prob­le­men und hät­ten deshalb ver­mut­lich keine Zeit, sich mit Mar­illen, Erdäpfeln, Powidl und Weich­seln zu beschäfti­gen. Wie die WAZ berichtet, beherrschen die Fran­zosen, selb­st die in lei­t­en­den Posi­tio­nen, die franzö­sis­che Rechtschrei­bung nur noch ungenü­gend. Das ist in Frankre­ich nicht etwa ein neben­säch­lich­es Ärg­er­nis, son­dern Sakri­leg:

Die franzö­sis­che Rechtschrei­bung ist eine Art Reli­gion. Man muss sie befol­gen. Son­st ist das Sünde“, über­spitzte der Sprach­wis­senschaftler Bernard Cerquigli­ni schon vor Jahren den Stel­len­wert von Gram­matik und Orthografie in einem Land, das Dik­tate tat­säch­lich als nationalen Volkss­port nicht nur in den Som­mer­fe­rien betreibt.

Franzö­sis­che Unternehmen reagieren auf diesen Sün­den­fall mit Rechtschreibkursen für die Belegschaft, geben sich aber trotz­dem real­is­tisch:

Wür­den wir nur Leute ein­stellen, die in ihren Bewer­bun­gen keine Fehler machen, kön­nten wir unseren Per­son­albe­darf nicht deck­en“, resig­niert der Per­son­alchef ein­er großen Paris­er Bank.

Das Prob­lem liegt auch gar nicht bei den armen Bankangestell­ten, son­dern bei der franzö­sis­chen Orthogra­phie, die der Sprachen­twick­lung um Jahrhun­derte hin­ter­her­hinkt und die deshalb vor „stum­men“ Buch­staben und Phan­tom­sil­ben nur so wim­melt. Solange die einen qua­si-religiösen Sta­tus haben, wird sich wohl nie­mand an eine Reform wagen. Es sei denn, die EU ließe sich überzeu­gen, eine entsprechende Vorschrift zu erlassen.

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Anatol Stefanowitsch

Über Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch ist Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der Freien Universität Berlin. Er beschäftigt sich derzeit mit diskriminierender Sprache, Sprachpolitik und dem politischen Gebrauch und Missbrauch von Sprache. Sein aktuelles Buch „Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ ist 2018 im Dudenverlag erschienen.

10 Gedanken zu „Ausbausprache Österreichisch

  1. cri

    Auch in der Wikipedia (unter Dialekt) ste­ht: “So gilt z. B. das Schweiz­er Hochdeutsch nicht als eigene Aus­baus­prache, das Lux­em­bur­gis­che hinge­gen schon.”

    Also nehme ich an, dass auch die öster­re­ichis­che Stan­dard­sprache keine Aus­baus­prache ist. Aber ich gehe wohl recht in der Annahme, dass dieses Feld sprach­wis­senschaftlich noch nicht annäh­ernd aus­disku­tiert ist?

  2. Anatol Stefanowitsch

    cri, das Prob­lem ist, dass sich in der Diskus­sion um Dialek­te und Stan­dard­sprachen immer soziale, his­torische und poli­tis­che Aspek­te mit sprach­wis­senschaftlichen Aspek­ten ver­mis­chen. Zunächst ist ganz klar, dass das öster­re­ichis­che Deutsch und das schweiz­er Hochdeutsch im Ver­gle­ich zu den oberdeutschen und ale­man­nis­chen Dialek­ten der bei­den Län­der alle Kri­te­rien ein­er Aus­baus­prache erfüllen. Die Frage ist nun, ob die drei deutschen Stan­dard­sprachen (öster­re­ichis­ches Deutsch, schweiz­er Hochdeutsch und „bun­des­deutsches“ Hochdeutsch) sich untere­inan­der stark genug unter­schei­den, um als eigen­ständi­ge Aus­baus­prachen zu gel­ten — ob sie also das soge­nan­nte Abstand­skri­teri­um erfüllen. Und da kann man eben unter­schiedlich­er Mei­n­ung sein. Wüssten Sie, was das hier heißen soll: „Ganz­er Platz — Fehlbare wer­den für Umtriebe behaftet?“ Ich wüsste es nicht, wenn ich den Kon­text nicht ken­nen würde. Auf sein­er Blog­wiese erzählt Jens-Rain­er Wiese jede Woche von seinen „Erleb­nis­sen und sprach­lichen Beobach­tun­gen als Deutsch­er in der Schweiz“ und die bestäti­gen meinen Ein­druck, dass der sprach­liche Aus­bau in der Schweiz sehr anders ver­laufen ist und ver­läuft, als in Deutsch­land. Das­selbe gilt zweifel­sohne für das öster­re­ichis­che Deutsch, da kön­nten Sie sich­er Beispiele liefern. Trotz­dem würde ich aus sprach­wis­senschaftlich­er Sicht wahrschein­lich eher dazu tendieren, die drei Stan­dard­sprachen als region­al aus­geprägte Vari­etäten ein­er einzi­gen Aus­baus­prache aufz­u­fassen. Wenn nicht — ja wenn es sich nicht um die Hochsprachen dreier poli­tisch unab­hängiger Nation­al­staat­en han­deln würde. In Ihrem Post­ing zum Öster­re­ichis­chen und Amerikanis­chen disku­tieren Sie ja die Dop­peldeutigkeit des Begriffs „deutsch“, der genau damit zusam­men­hängt. Sie ken­nen vielle­icht das Zitat, dass dem Lin­guis­ten Max Wein­re­ich zugeschrieben wird: „Eine Sprache ist ein Dialekt mit ein­er Armee und ein­er Marine“ — solange die Schweiz, Öster­re­ich und Deutsch­land eigen­ständi­ge Staat­en sind (also hof­fentlich noch recht lange), wird man wohl immer das Gefühl haben, dass sie auch eigen­ständi­ge Stan­dard­sprachen haben, die sich eben wegen ihrer his­torischen und geo­graphis­chen Nähe sehr ähn­lich sind.

  3. cri

    Vie­len Dank für die Erläuterun­gen!

    Das Beispiel aus der Schweiz ist in der Tat auch für mich trick­re­ich. Aber die NZZ kann ich ohne große Prob­leme lesen.

  4. David Marjanović

    Das­selbe gilt zweifel­sohne für das öster­re­ichis­che Deutsch

    Deut­lich weniger. Spon­tan fällt mir (außer Wörtern wie den oben erwäh­n­ten) nur weit­ers ein, das in .de weit­er­hin heißt (let­zteres gibt es in .at auch, aber eben nicht allein). Die meis­ten Unter­schiede sind phonetisch.

    Trotz­dem würde ich aus sprach­wis­senschaftlich­er Sicht wahrschein­lich eher dazu tendieren, die drei Stan­dard­sprachen als region­al aus­geprägte Vari­etäten ein­er einzi­gen Aus­baus­prache aufz­u­fassen.

    Damit bin ich als Öster­re­ich­er dur­chaus zufrieden — beson­ders im Hin­blick auf die Tat­sache, dass die öster­re­ichis­che Schrift­sprache grob geschätzt weniger als 100 Mut­ter­sprach­ler hat, also Leute, die tat­säch­lich in nor­malen Sit­u­a­tio­nen so reden wie ein Zeit-im-Bild-Nachricht­en­sprech­er.

  5. Anatol Stefanowitsch

    Herr Mar­janović,

    außer Wörtern wie den oben erwäh­n­ten

    Aber das sind eben eine ganze Menge.

    …beson­ders im Hin­blick auf die Tat­sache, dass die öster­re­ichis­che Schrift­sprache grob geschätzt weniger als 100 Mut­ter­sprach­ler hat…

    Das dürfte für alle Schrift­sprachen gel­ten, da wir unsere Mut­ter­sprache ja mündlich erwer­ben…

  6. David Marjanović

    Aber das sind eben eine ganze Menge.

    Wirk­lich? Über der Liste ste­ht “Es gibt etwa 7000 Aus­tri­azis­men, die auch inner­halb Öster­re­ichs zum Teil nur region­al üblich sind”, und gle­ich das dritte Wort war mir vol­lkom­men unbekan­nt. Die lexikalen Eigen­heit­en jedes Dialek­ts, der zufäl­lig in Ö gesprochen wird, “Aus­tri­azis­men” zu nen­nen, halte ich für nut­z­los und irreführend.

    Das dürfte für alle Schrift­sprachen gel­ten, da wir unsere Mut­ter­sprache ja mündlich erwer­ben…”

    Dann ist halt “Schrift­sprache” in der Bedeu­tung “Stan­dard­deutsch” — “diejenige Vari­etät des Deutschen, die man schreibt” — ein Aus­tri­azis­mus. 🙂

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