Presseschau

Die taz berichtet über neue Entwick­lun­gen im Fem­i­nis­mus, der schein­bar mit gesellschaftlichen Verän­derun­gen nicht mithal­ten kon­nte und „irgend­wie daneben herum­ste­ht“. Das will der Sam­mel­band Das F-Wort. Fem­i­nis­mus ist sexy (Hg. Mir­ja Stöck­er, König­stein, 2007) ändern, indem die Autor/innen ver­suchen, „den Frei­heits­be­griff des alten Fem­i­nis­mus aus seinen iden­tität­spoli­tis­chen Fän­gen zu befreien, ohne ihn deshalb aufzugeben“. Ich weiß lei­der nicht, was Iden­tität­spoli­tik ist, aber wenn es heißt, dass man Fem­i­nis­mus ohne Bezug auf eine spezielle weib­liche Iden­tität betreibt, schätze ich die Erfol­gsaus­sicht­en unge­fähr so ein, wie die der Agen­da 2010, die ja in gewiss­er Weise Sozialdemokratie ohne Bezug auf eine spezielle Klasseniden­tität darstellt. Nun aber genug der verblümten poli­tis­chen Andeu­tun­gen. Was mich eigentlich gewun­dert hat, ist ein Exper­i­ment, von dem eine der Autorin­nen berichtet. In diesem Exper­i­ment zwingt man Mäd­chen auf sub­tile Weise, sich in stereo­type weib­liche Rol­len­bilder zu flücht­en:

Mäd­chen, die gut in Mathe sind, rech­nen schlechter, nach­dem sie eine Weile mit klis­chee­halti­gen Wer­be­filmen für Back­mis­chun­gen und Pick­el­cremes berieselt wur­den. Sog­ar ihre Beruf­swün­sche ändern sich danach: Sie wollen doch lieber Jour­nal­is­tik oder Lin­guis­tik studieren.

Die auf diese infame Weise zur Lin­guis­tik ver­führten See­len sollen in meine Ver­anstal­tun­gen kom­men! Dort dür­fen sie dann wieder vor­rang­ing Math­e­matik betreiben. Das kön­nen mehrere Gen­er­a­tio­nen arglos­er Anglist/innen bestäti­gen, die gehofft hat­ten, sich an der Uni­ver­sität nur noch mit den schö­nen Kün­sten beschäfti­gen zu kön­nen und die sich in meinen Methodik­sem­inaren jäh mit Gemein­heit­en wie dem Chi-Quadrat-Test kon­fron­tiert sahen.

Nor­maler­weise inter­essieren wir Sprach­wis­senschaftler uns nicht für Orthogra­phie, aber wenn das Alpha­bet Zuwachs bekommt, machen wir schon mal eine Aus­nahme. Wie unter anderem Heise Online berichtete, will die ISO-Arbeits­gruppe JTC1/SC2/WG2, die für den Uni­code-Stan­dard zuständig ist, dem ß nach hun­dert­fün­fzig Jahren endlich einen Großbuch­staben (eine soge­nan­nte Ver­salie) zur Seite stellen. Gestal­tungsvorschläge für das Ver­sal-ß gibt es schon länger und das Font­blog hat aus aktuellem Anlass sog­ar eine Bauan­leitung für Design­er von Zeichen­sätzen veröf­fentlicht. Die Notwendigkeit eines Ver­sal-ß mag nicht jedem ein­sichtig sein. Viele Beiträge im Font­blog und im Heise-Forum plädierten dafür, das ß doch gle­ich ganz abzuschaf­fen und die schweiz­er Rechtschrei­bung zu übernehmen. Dabei ist die Unter­schei­dung zwis­chen ss und ß seit der Rechtschreibre­form aus sprach­wis­senschaftlich­er Sicht dur­chaus nachvol­lziehbar, da sie es ermöglicht, klar zwis­chen „lan­gen“ und „kurzen“ Vokalen zu unter­schei­den. Trotz­dem ver­ste­he ich die Kom­men­ta­toren, die das Ver­sal-ß zum Anlass nah­men, eigene Wün­sche anzumelden, etwa nach einem „kleinen Klam­mer­af­fen“ oder einem „stum­men h“.

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Anatol Stefanowitsch

Über Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch ist Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der Freien Universität Berlin. Er beschäftigt sich derzeit mit diskriminierender Sprache, Sprachpolitik und dem politischen Gebrauch und Missbrauch von Sprache. Sein aktuelles Buch „Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ ist 2018 im Dudenverlag erschienen.

7 Gedanken zu „Presseschau

  1. Frank Oswalt

    Warum inter­essieren sich Sprach­wis­senschaftler eigentlich nor­maler­weise nicht für Orthogra­phie (also, einige scheinen sich ja schon dafür zu inter­essieren, son­st hät­ten sie wohl kaum in der Kom­mis­sion für die Rechtschreibre­form mit­gemacht)?

  2. Anatol Stefanowitsch

    Frank, da habe ich sowieso etwas über­trieben: als Sprach­wis­senschaftler kann man sich dur­chaus für Rechtschrei­bung inter­essieren. Zum Beispiel müssen ja Lin­guis­ten, die auf eine bis­lang unbekan­nte oder wenig unter­suchte Sprache tre­f­fen, unter anderem eine Orthografie für diese Sprache erschaf­fen. Dabei fol­gen sie dann selb­stver­ständlich sprach­wis­senschaftlichen Prinzip­i­en. Auch die gewach­se­nen Schrift­sys­teme der Welt sind aus sprach­wis­senschaftlich­er Sicht äußerst span­nend. Ich kann dazu wärm­stens das fol­gende Buch empfehlen:

    SAMPSON, Geof­frey (1985): Writ­ing Sys­tems. A Lin­guis­tic Intro­duc­tion. Stan­ford: Stan­ford Uni­ver­si­ty Press. [Lib­ri|Ama­zon]

    Die Rechtschreibkom­mis­sion — nun, wie Sie sich­er wis­sen, haben Sprach­wis­senschaftler die Kom­mis­sion rei­hen­weise ver­lassen. Allerd­ings nicht aus Desin­ter­esse, son­dern aus Verzwei­flung darüber, dass man nicht auf sie hören wollte…

  3. viola

    samp­son 1985 ist nicht ganz uneingeschränkt zu empfehlen; ich halte dieses werk für entsch­ieden bess­er:

    Rogers, Hen­ry (2005): Writ­ing sys­tems: a lin­guis­tic approach. Malden, Mass.: Black­well. (= Black­well text­books in lin­guis­tics. 18.) [ISBN 0–631-23463–2 / 0–631-23464–0.]

    (bei ama­zon mit search-inside-funk­tion)

  4. Anatol Stefanowitsch

    Vio­la, das sieht auch inter­es­sant aus, ich habe mir das ein­fach mal bestellt (es ist zwar zehn Euro teur­er aber dafür ca 50 Seit­en länger). Ein großer Unter­schied zu Samp­sons Buch ist, dass Rogers auch die ara­bis­che und die hebräis­che Schrift disku­tiert, anson­sten besprechen bei­de diesel­ben Schriften.

    Aber aus Inter­esse: was stört Sie denn an Samp­sons Buch?

  5. viola

    typol­o­gis­ches. 🙂

    ich habe mich in mein­er mag­is­ter­ar­beit* mit dem the­ma schrift­ty­polo­gie beschäftigt und bin wie defran­cis** und sproat*** der mei­n­ung, daß die typol­o­gis­che unter­schei­dung in logographis­che und phono­graphis­che schrift­sys­teme nicht das wahre ist.

    samp­son gehört halt zu den anhängern der entwed­er-oder-the­o­rie. 🙂

    zudem neigt auch er, wenn ich mich recht erin­nere (habe schon etwas länger nicht mehr reinge­se­hen), zu der “das alpha­bet ist das beste aller schriftsysteme”-auffassung.

    abge­se­hen davon ist rogers auch ein­fach 20 jahre aktueller. 🙂

    * voß, vio­la (2003): schrift­ty­polo­gie und das japanis­che schrift­sys­tem. berlin: weis­sensee. (berlin­er beiträge zur lin­guis­tik. 2.) [ISBN 978–3-89998–017-2.]

    ** defran­cis, john (1989): vis­i­ble speech: the diverse one­ness of writ­ing sys­tems. hon­ololu, hi: univ. of hawai’i press. [ISBN 978–0-8248–1207-2.]

    sehr schön darin z.b. die zer­legung des “yuk­aghir-brief-mythos”! 🙂

    *** sproat, richard: a com­pu­ta­tion­al the­o­ry of writ­ing sys­tems. cam­bridge: cam­bridge univ. press. (= stud­ies in nat­ur­al lan­guage pro­cess­ing.) [ISBN 9780521663403.]

  6. Anatol Stefanowitsch

    Vio­la,

    samp­son gehört halt zu den anhängern der entwed­er-oder-the­o­rie.

    Das würde ich nicht sagen. Er disku­tiert aus­führlich z.B. phono­graphis­che Ten­den­zen im Chi­ne­sis­chen und, sehr inter­es­sant, logographis­che Ten­den­zen im Englis­chen und disku­tiert auch das Japanis­che natür­lich als Mis­chform.

    zudem neigt auch er, wenn ich mich recht erin­nere … zu der “das alpha­bet ist das beste aller schriftsysteme”-auffassung

    Auf keinen Fall. Er disku­tiert zwar sehr deut­lich die Nachteile z.B. des Chi­ne­sis­chen, zeigt aber auch, warum es aus Sicht der Chi­ne­sen dur­chaus einen Sinn ergibt, das Sys­tem trotz­dem beizube­hal­ten. Er sagt auch deut­lich, dass logographis­che Sys­teme phono­graphis­chen in kein­er Weise unter­legen sind. Auch für die kore­anis­che Schrift hat er viel Lob übrig, und selb­st das/die japanische/n Schrifsystem/e kom­men bei ihm bess­er weg, als man es angesichts des hoff­nungslosen Durcheinan­ders, das man in Japan anstelle ein­er vernün­fti­gen Orthografie ver­wen­det ;-), glauben würde.

  7. viola

    oh, okay. dann hab ich ihn wohl mit jemand anderem ver­wech­selt, sor­ry. 🙂

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