Presseschau

Über Sprache darf man anscheinend alles schreiben. Anders kann ich mir diese Glosse in der Online-Aus­gabe des Darm­städter Echo nicht erk­lären.

Schon der erste Absatz lässt nichts Gutes ahnen:

Die deutsche Sprache ist viel­seit­iger als andere, worum uns Aus­län­der oft benei­den. So kön­nen wir ohne Binde­striche mehrere Hauptwörter zusam­menset­zen und machen aus ein­er Tür, die ins Haus führt, eine Haustür. Nach dem gle­ichen Bauprinzip reden wir von ein­er Rech­n­er­tas­tatur, wenn mit ihr keine Orgel, son­dern ein Com­put­er ges­teuert wird.

Das ist eine Spielart der Behaup­tung, dass Deutsche sei etwas beson­deres, weil es zusam­menge­set­zte Sub­stan­tive bilden könne. Diesen Mythos haben wir ja hier schon ent­larvt.

Das Englis­che (das weit­er unten noch wichtig wird), zum Beispiel, set­zt Wörter nach genau dem­sel­ben Prinzip zusam­men, wie das Deutsche. Neben der house door1 gibt es auch die entrance door („Ein­gangstür“)2, die apart­ment door („Woh­nungstür“)3, die cellar/basement door („Kellertür“)4,5, die car door („Autotür“)6, die train door („Zugtür“)7, usw.

Nun bestre­it­et der Autor das ja nicht direkt. Er sagt ja, das Beson­dere sei, dass die Sub­stan­tive „ohne Binde­striche“ zusam­menge­set­zt wer­den. Das ist in der Tat etwas, das viele Sprachen anders machen. Das Englis­che, zum Beispiel, schreibt zusam­menge­set­zte Wörter im All­ge­meinen auseinan­der. Aber das wäre dann eine rel­a­tiv ober­fläch­liche Eigen­heit der deutschen Rechtschrei­bung — mit der Sprache an sich hat das wenig zu tun und mit Sicher­heit macht es das Deutsche nicht „viel­seit­iger“.

Ich glaube deshalb, dass der Autor stillschweigend davon aus­ge­ht, dass Wörter, die mit Binde­strich zusam­menge­set­zt wer­den oder gar getren­nt geschrieben wer­den, gar keine zusam­menge­set­zten Wörter sind. Nehmen wir den Extrem­fall der englis­chen Wörter. Schon die Tat­sache, dass sie nur so nebeneinan­der ste­hen, kön­nte man argu­men­tieren, zeige ja, dass es ein­fach eine Aneinan­der­rei­hung unab­hängiger Wörter ist. Das wäre aber falsch. Sprach­wis­senschaftler geben mit gutem Grund nicht allzu­viel auf die Orthografie ein­er Sprache son­dern suchen nach struk­turellen Def­i­n­i­tio­nen für Begriffe wie Wort.

Ich will hier nur zwei struk­turelle Aspek­te nen­nen, die zeigen, dass es sich bei dem englis­chen house door tat­säch­lich um ein einziges Wort han­delt. Das erste Argu­ment hat etwas mit der Beziehung der bei­den Wort­teile zueinan­der zu tun: sie lassen sich nicht tren­nen. Wenn die house door zum Beispiel rot wäre, kön­nte man nicht von ein­er *house red door sprechen, son­dern nur von ein­er red house door; eben­so würde man, wenn die house door eine Ein­lage aus bun­tem Glas hätte, nicht als *house stained glass door son­dern als stained glass house door beze­ich­nen. Das zweite Argu­ment hat etwas mit Beto­nung zu tun. In den ger­man­is­chen Sprachen wer­den Wörter typ­is­cher­weise auf der ersten Silbe betont und haben ins­ge­samt nur eine betonte Silbe. Wenn es an ein­er beliebi­gen Tür klin­gelt, kön­nte der Englän­der also zum Beispiel sagen: Could you ANswer the DOOR? (wobei Großbuch­staben betonte Sil­ben kennze­ich­nen). Wenn er speziell die Haustür meint, müsste er sagen: Could you ANswer the HOUSE door?. House wäre also betont, door nicht. Wenn es aber zwei Wörter wären, müssten bei­de betont wer­den: *Could you ANswer the HOUSE DOOR?

Dann zeigt der Autor kurz, dass er zwar im Latei­n­un­ter­richt nicht aufgepasst hat (das habe ich selb­st übri­gens auch nicht), aber trotz­dem meint, lateinis­che Lehn­wörter kom­men­tieren zu müssen:

Da Sprach­wis­senschaftler nicht unbeschei­den sind, nen­nen sie solche ver­bun­de­nen Wörtern „Kom­posi­ta“ — als wären zusam­men geset­zte Wörter mit einem Werk von Bach oder Beethoven ver­gle­ich­bar.

Also erst­mal — was heißt hier „nicht unbeschei­den“? Die Sprach­wis­senschaftler erfind­en doch die zusam­menge­set­zten Wörter nicht. Sie wür­den also durch einen Ver­gle­ich mit musikalis­chen Meis­ter­w­erken nicht sich sel­ber ehren, son­dern den ein­fachen Mann und die ein­fache Frau auf der Straße, die die Sprache in der Ver­wen­dung ständig weit­er­en­twick­eln. Und in der Tat staunen wir oft ehrfürchtig vor der Kom­plex­ität des sprach­lichen Ver­hal­tens ganz nor­maler Sprech­er. Mir ist ein beliebiges Kom­posi­tum alle­mal ein besser­er Beweis für die Einzi­gar­tigkeit unser­er Spezies als das „Wohltem­perierte Klavier“.

Allerd­ings erübrigt sich die Frage sowieso. Kom­posi­tum bedeutet schlicht „Zusam­menge­set­ztes“ (lateinisch co(m)- „zusam­men“ + ponere „stellen, set­zen“). Ein Kom­pon­ist ist also jemand, der Dinge (im besten Fall Noten) zusam­men­stellt.

Und weit­er gehts:

Fällt es uns Ein­heimis­chen schon schw­er, die bisweilen kuriosen Kreatio­nen zu entschlüs­seln, ist für Aus­län­der das Sys­tem oft undurch­schaubar: „Filmtablet­ten“ darf man auch außer­halb des Kinos ein­nehmen, und beim Leberkäse han­delt es sich keines­falls um ein Molk­ereipro­dukt, son­dern um geback­ene Wurst. Woraus ein Jäger­schnitzel gemacht ist, traut sich der Besuch­er gar nicht zu fra­gen, und was der „Zwis­chen­prü­fungs­beauf­tragte“ eines Insti­tuts macht, bleibt ihm ein Rät­sel.

Also. Filmtablet­ten heißen auf Englisch film tablets. Falls jemand auf die naive Idee käme, dass man sie nur im Kino ein­nehmen könne, hätte das im Übri­gen nichts mit der Tat­sache zu tun, dass es sich um ein Kom­posi­tum han­delt, son­dern damit, dass das Wort Film unter­schiedliche Bedeu­tun­gen hat. Das­selbe gilt für das Kas in Leberkas, das so etwas wie „feste Masse“ bedeutet. Das Jäger­schnitzel dürfte eigentlich nie­man­den ver­wirren, denn es gibt in kein­er Sprache der Welt eine Regel, die besagt, dass der erste Teil eines Kom­posi­tums das­jenige beze­ich­nen muss, aus dem der zweite Teil beste­ht. Und was der Zwis­chen­prü­fungs­beauf­tragte macht, erschließt sich jedem, der die Wörter zwis­chen, Prü­fung und Beauf­trager ken­nt. Englis­che Mut­ter­sprach­ler dürften mit dem Kom­posi­tum an sich keine Prob­leme haben, son­st kön­nten sie ja auch nicht ver­ste­hen, was ein com­pre­hen­sive exam advi­sor ist — das müsste dann schnell­stens jemand der den Uni­ver­sitäten von Vir­gina, Col­orado, Iowa, Los Ange­les, George­town, usw. mit­teilen.

Von Wor­tunge­heuern wie dem kür­zlich beschlosse­nen „Tages­be­treu­ungsaus­bauge­setz“ (Lang­form: Gesetz zum qual­ität­sori­en­tierten und bedarf­s­gerecht­en Aus­bau der Tages­be­treu­ung für Kinder) oder der sprich­wörtlichen „Donau­dampf­schiff­fahrts­ge­sellschaft­skapitän­switwen­rente“ gar nicht zu reden, da meine amerikanis­che Fre­undin schon mit ein­facheren Kom­posi­ta ihre Prob­leme hat.

Tages­be­treu­ungsaus­bauge­setz beste­ht aus vier Sub­stan­tiv­en. Kann es sein, dass das eventuell zuviel für die armen „Aus­län­der“ ist, die uns um die „Vielfalt“ unser­er Sprache benei­den? Wohl kaum. Son­st wüssten sie ja auch nicht, was ein Cast Iron Steam Train Door Stop ist; näm­lich ein Gußeisendamfloko­mo­tiven­türstop­per — dessen sechs Einzel­teile wohl kein Deutsch­er ern­sthaft zu einem einzi­gen Wort zusam­menset­zen würde. Das mit der Donau­dampf­schif­fahrt hat­ten wir hier auch schon — das dürfte tat­säch­lich nur sprich­wörtlich sein.

Immer­hin erfahren wir hier endlich, was den Autor zu dieser aus fach­lich­er Sicht run­dum miss­glück­ten Glosse motiviert hat: seine amerikanis­che Fre­undin hat Prob­leme mit kom­plex­en Aus­drück­en. Wie durch meinen Ver­gle­ich des Deutschen mit dem Englis­chen hof­fentlich deut­lich gewor­den ist, kann das dann aber keines­falls etwas damit zu tun haben, dass sie englis­che Mut­ter­sprach­lerin ist. Sie scheint ohne­hin Schwierigkeit­en bei der Inter­pre­ta­tion rel­a­tiv ein­fach­er Begriffe zu haben:

So löcherte sie mich, was bitte in einem „Angel-Shop“ verkauft werde. Und kür­zlich stand sie vor der “Back-Fac­to­ry” in der Ernst-Lud­wig-Straße und fragte völ­lig kon­stern­iert: „What the Hell do they pro­duce?“

Na, wie der Name schon sagt. Angeln und Back­waren halt.

Fußnoten:

1 z.B. She recalls find­ing the house in dark­ness and hear­ing the house door being locked behind her.(BBC)

2 z.B. The first entrance door led into the main hall with its lit­tle carved wood­en heads over the doors and a spooky lit­tle cup­board under the stairs. (Cam­bridge Evening News)

3 z.B. … if the patio win­dow was left to enable the McCanns and their friends easy access to the chil­dren, why were they lis­ten­ing at the apart­ment door? (Dai­ly Mail)

4 z.B. The fourth house along belonged to Mr Bolz’s vio­lin teacher, an elder­ly blind man, whose cel­lar door the sur­vivors man­aged to wedge open. (BBC)

5 z.B. A staff mem­ber will need to open the base­ment door for you; it is there­fore best to phone in advance. (Uni­ver­si­ty of Oxford)

6 z.B. A woman is knocked uncon­scious when her bike col­lides with an open car door in Glouces­ter. (BBC)

7 z.B. Train door flew open at 80mph (North­hamp­ton Chron­i­cle)

Dieser Beitrag wurde unter Bremer Sprachblog abgelegt am von .
Anatol Stefanowitsch

Über Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch ist Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der Freien Universität Berlin. Er beschäftigt sich derzeit mit diskriminierender Sprache, Sprachpolitik und dem politischen Gebrauch und Missbrauch von Sprache. Sein aktuelles Buch „Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ ist 2018 im Dudenverlag erschienen.

10 Gedanken zu „Presseschau

  1. Steffen Höder

    Ihnen ist noch eine Sache durch die Lap­pen gegan­gen. Der Autor kann schließlich noch von Glück sagen, dass die Sprach­wis­senschaftler — “nicht unbeschei­den”, wie sie sind — es bei Bach und Beethoven belassen. Nicht auszu­denken, wenn sie unbeschei­den wären!

    Aber abge­se­hen davon, wieder ein wun­der­bar­er Beitrag in Ihrem Blog, das mit­tler­weile sowieso zu mein­er Lieblingslek­türe im Netz gehört.

  2. Stefan

    Hm ich weiß nicht ob der Autor der Glosse diesen Witz am Ende absichtlich oder “verse­hentlich” geris­sen hat, aber Angel-Shop und Back-Fac­to­ry sind doch wun­der­bare Beispiele für deutsch-englis­che Sprachver­wirrun­gen.

    Dass die amerikanis­che Fre­undin damit Prob­leme hat ist ver­ständlich, hat aber nichts mit Kom­posi­ta an sich zu tun.

  3. Frank Oswalt

    @Stefan: Ich glaube, genau das wollte Ste­fanow­itsch mit seinem let­zten Absatz auf gewohnt sub­tile Weise zum Aus­druck brin­gen 🙂

    Was ich noch witzig finde: erst will uns der Ver­fass­er weis machen, dass uns die Aus­län­der (komis­che Wort­wahl, übri­gens) um die Viel­seit­igkeit unser­er Kom­posi­ta benei­den und dann ver­wen­det er den Rest des Artikels darauf, sich über eben diese Viel­seit­igkeit zu beschw­eren.

  4. buntklicker.de

    Es ist ohne Zweifel richtig, daß man auch im Englis­chen Kom­posi­ta ken­nt; eben­sp, daß es völ­lig egal ist, ob sie zusam­men, getren­nt oder mit Binde­strichen geschrieben wer­den.

    Ich glaube aber schon, daß im Deutschen mit größer­er Lust Kom­posi­ta, auch und ger­ade Mehrfachkom­posi­ta, gebildet wer­den als in anderen Sprachen. Man kann im Deutschen ohne weit­eres von ein­er Kapsel­he­ber­stanz­mas­chine sprechen, und jed­er, der weiß, was ein Kapsel­he­ber ist [ein Flaschenöffn­er], wird das Wort ver­ste­hen und nicht ein­mal bemerkenswert find­en. Das würde, glaube ich, im Englis­chen kein Mut­ter­sprach­ler machen.

  5. Anatol Stefanowitsch

    Bun­tk­lick­er, ich muss zugeben, dass ich nicht genau weiß, ob Kom­posi­ta im Deutschen häu­figer sind als z.B. im Englis­chen. Eigentlich würde es mich wun­dern. Ich meine mich allerd­ings zu erin­nern, in einem über­set­zungswis­senschaftlichen Buch zum deutsch-englis­chen Sprachver­gle­ich gele­sen zu haben, dass das Englis­che oft Adjek­tiv-Sub­stan­tiv-Kom­posi­ta, Gen­i­tivkom­posi­ta und Para­phrasen mit of bevorzugt, wo das Deutsche Nom­i­nalkom­posi­ta ver­wen­det. Es kön­nte also sein, dass es im Deutschen mehr Nom­i­nalkom­posi­ta gibt. Das wäre dann aber ein quan­ti­ta­tiv­er Unter­schied zwis­chen den Sprachen, kein qual­i­ta­tiv­er. Der Kapsel­he­ber­stanz­mas­chine kön­nte man im Fall der Fälle wohl dur­chaus das englis­che bot­tle open­er punch press bzw. bot­tle open­er punch­ing machine gegenüber­stellen. Google find­et wed­er das deutsche noch das englis­che Wort, es find­et aber eine steel rule punch press (hier) und eine machine met­al punch press (hier), die ja auch bei­de aus vier Sub­stan­tiv­en beste­hen (let­zere kommt sog­ar im Zusam­men­hang eines machine met­al punch press set-up oper­a­tor aus sechs Sub­stan­tiv­en vor!).

  6. indy

    ich kann stef­fen höder da nur zus­tim­men. ein sehr schön­er beitrag. wie lange brauchen sie eigentlich für solch einen text?

  7. Anatol Stefanowitsch

    indy, das kommt darauf an. Wenn die Inspi­ra­tion zuschlägt und ich nichts nach­schla­gen muss (so wie hier), brauche ich unge­fähr eine halbe Stunde. Bei aufwändi­geren Sachen, wie der hier, oder wenn mir ein­fach nichts ein­fall­en will, dauert es schon mal zwei bis drei Stun­den. Als ich mit dem Bloggen ange­fan­gen habe, hat übri­gens alles dop­pelt bis dreimal so lang gedauert. Ich empfehle deshalb zur Ther­a­pie von gele­gentlichen Schreib­block­aden oder Mühe beim zügi­gen For­mulieren wärm­stens das regelmäßige Bloggen.

  8. Pingback: kreise im wind

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .