Public Viewing

Der Aktion Lebendi­ges Deutsch ist es wieder ein­mal gelun­gen, nicht nur sinnlose, son­dern auch pein­liche Verbesserungsvorschläge bezüglich der deutschen Sprache zu machen:

Unter den über 1800 Ein­sendun­gen für das Such­wort „Cof­fee-to-go“ hat die Jury „Geh-Kaf­fee“ aus­gewählt (mit Sym­pa­thien für „Fersen-Kaf­fee“ und „Kaf­fee ent­führt“).

Fersen-Kaf­fee — davon abge­se­hen, dass das eklig klingt, schwingt hier, eben­so wie bei Kaf­fee ent­führt, wie so oft eine grund­sät­zliche Kri­tik an der beze­ich­neten Sache durch. Die vier Aktionäre kom­men offen­sichtlich nicht klar mit der Tat­sache, dass es Kaf­fee über­haupt zum Mit­nehmen gibt.

Im Bre­mer Sprach­blog hat Andreas H. den Sieger bere­its vor einem Monat vorherge­se­hen. Weil auch die anderen Leser­vorschläge sein­erzeit so schön waren, hier noch ein­mal unsere kom­plette Liste: Café a porter, Cof­fee to take, Geh-Kaf­fee, Kaf­fee Kon Go, Kaf­fee auf die Hand, Kaf­fee außer Haus, Kaf­fee für über die Straße, Kaf­fee zu Fuß, Kaf­fee zum Gehen, Kaf­fee zum Weglaufen, Kaf­fee, den man bezahlt, bevor man ihn trinkt, damit man nicht gezwun­gen ist, ihn dort zu verkösti­gen, wo er erwor­ben wurde, und Kaf­fee, den man nicht im Lokal trinkt, son­dern den man in einem Papp­bech­er in die Hand gedrückt bekommt, so dass man Ihn mit­nehmen kann, wohin man will.

Beim Such­wort für diesen Monat beweisen die vier alten Her­ren von der Aktion, dass sie den Fin­ger ganz knapp neben dem Puls der Zeit haben:

Such­wort im Mai: „Pub­lic View­ing“ wird wieder Tausende anziehen bei der Fußball-Europameis­ter­schaft. Fällt Ihnen dafür ein grif­figes deutsches Wort ein? fragt die Aktion „Lebendi­ges Deutsch“. Bei der Welt­meis­ter­schaft 2006 hat­te die Aktion schon ein­mal gefragt und sich für „Schau-Are­na“ entsch­ieden – aber zu wenig Echo gefun­den. Also: ein zweit­er Ver­such! Vorschläge bitte bis 23. Juni 2008.

Davon abge­se­hen, dass der Mai vor­bei ist, und wir schon Juni haben, ist der Ein­sende­schluss so ter­miniert, dass dann garantiert nie­mand mehr ein Wort für die öffentliche Über­tra­gung von Fußball­spie­len braucht. Ob es am man­gel­nden Zeit­ge­fühl der Vier liegt, dass ihre Vorschläge so wenig „Echo“ find­en?

In diesem Fall ist ihnen außer­dem der vom WDR betriebene Radiosender „1 Live“ zuvorgekom­men, der bere­its eine Alter­na­tive gesucht und gefun­den hat:

1LIVE wollte von seinen Hör­ern wis­sen, ob es nicht bessere Begriffe dafür gibt, wenn sich ab mor­gen wieder viele Fußball­begeis­terte tre­f­fen, um an öffentlichen Orten gemein­sam die Spiele der Europameis­ter­schaft zu ver­fol­gen. Denn: „Pub­lic View­ing“ ist ein Schein-Anglizis­mus, kommt wichtigtuerisch daher und geht schw­er über die Lip­pen. Außer­dem ver­wen­den Men­schen mit Englisch als Mut­ter­sprache „Pub­lic View­ing“ als Wort für die öffentliche Auf­bahrung von Toten.

Von Mittwoch, dem 4. Juni 2008, bis Fre­itag, dem 6. Juni 2008, haben zahlre­iche 1LIVE-Hör­er in das Gäste­buch von 1LIVE ihre vielver­sprechen­den und kreativ­en Vorschläge geschrieben und abges­timmt: Tum­mel-TV, Meutekino oder Grup­pen­glotzen waren nur einige der vie­len Ideen. Gewon­nen hat das Wort „Rudel­guck­en“ und set­zte sich mit den meis­ten Stim­men gegen die Konkur­renz durch.

Tum­mel-TV, Meutekino, Grup­pen­glotzen, Rudel­guck­en — da klingt doch über­all die Ver­ach­tung der­jeni­gen durch, die Fußball lieber gepflegt zu Hause, oder, noch bess­er, gar nicht guck­en. Die Aktionäre kön­nen die Aktion diesen Monat also abkürzen und sich gle­ich dem WDR anschließen.

Eigentlich inter­es­sant an dieser Mel­dung ist aber die Behaup­tung, der Begriff Pub­lic View­ing sei ein „Scheinan­glizis­mus“ mit dem englis­che Mut­ter­sprach­ler „die öffentliche Auf­bahrung von Toten“ beze­ich­neten. Diese Inter­pre­ta­tion des Begriffs ist mir zwar ver­traut, aber es ist nicht unbe­d­ingt die erste, und mit Sicher­heit nicht die einzige Bedeu­tung, die mir in den Sinn kommt. Viel häu­figer ist im englis­chen Sprachraum die Bedeu­tung „Aktenein­sicht durch die Öffentlichkeit“, aber auch jede andere Art von Ereig­nis, bei der es öffentlich etwas zu sehen gibt, kann im Englis­chen mit pub­lic view­ing beze­ich­net wer­den — etwa öffentliche The­ater- und Filmvor­führun­gen, Vor­führun­gen in Stern­warten, Kun­stausstel­lun­gen, und natür­lich auch die Über­tra­gung von Fußball­spie­len auf Groß­bildlein­wän­den.

Woher kon­nte der Ver­fass­er der Pressemel­dung seine Fehlin­for­ma­tio­nen also haben? Ver­mut­lich der Wikipedia, aus der ja der Großteil der Infor­ma­tio­nen stammt, mit denen unsere Medi­en uns ver­sor­gen. Aber nein, die Wikipedia ver­wen­det zwar den Begriff „Scheinan­glizis­mus“, fährt dann aber richtig fort:

Obwohl dieses Phänomen nicht neu ist, hat sich erst seit der Fußball-Welt­meis­ter­schaft 2006 im deutschen Sprachge­brauch dafür der Begriff Pub­lic View­ing einge­bürg­ert. Im Englis­chen bedeutet Pub­lic View­ing ein­fach ein öffentlich­es Anschauen (z. B. bei Beerdi­gun­gen, aber auch in Stern­warten, Kinovor­führun­gen o.ä.), nicht nur bezo­gen auf Sportver­anstal­tun­gen und Groß­bild­wände.

Die hier zitierte Ver­sion des Ein­trags stammt vom 6. Juni 2008. Das Geheim­nis lüftet sich, wenn man sich die unmit­tel­bare Vorgängerver­sion des Artikels ansieht, denn dort lautet der Text noch wie fol­gt:

Obwohl dieses Phänomen nicht neu ist, hat sich erst seit der Fußball-Welt­meis­ter­schaft 2006 im deutschen Sprachge­brauch dafür der Begriff Pub­lic View­ing einge­bürg­ert. Im englis­chen Sprachraum wird dieser Begriff in diesem Sinne nicht benutzt. Im amerikanis­chen Englisch beze­ich­net er die öffentliche Auf­bahrung eines Ver­stor­be­nen.

Und was ler­nen wir daraus? Erstens, dass Pub­lic View­ing kein Scheinan­glizis­mus ist — es ist lediglich ein Lehn­wort, das im Deutschen eine engere Bedeu­tungss­panne hat, als im Englis­chen. Wir kön­nen das Wort also bedenken­los weit­er ver­wen­den. Zweit­ens, dass die Aktion Lebendi­ges Deutsch sich mit ihren Verbesserungsver­suchen hin­ter regionalen Radiosendern anstellen muss. Einen Führungsanspruch bei Sprach­nörgeleinen kön­nen sie daraus nur schw­er ableit­en. Drit­tens, dass es sich lohnt, Infor­ma­tio­nen aus der Wikipedia durch eigene Recherchen zu über­prüfen. Denn wenn in der Wikipedia etwas Falsches ste­ht, wird das nor­maler­weise inner­halb von ein paar Tagen kor­rigiert. Aber wenn man aus der Wikipedia etwas Falsches abschreibt, bleibt es für immer falsch.

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Anatol Stefanowitsch

Über Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch ist Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der Freien Universität Berlin. Er beschäftigt sich derzeit mit diskriminierender Sprache, Sprachpolitik und dem politischen Gebrauch und Missbrauch von Sprache. Sein aktuelles Buch „Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ ist 2018 im Dudenverlag erschienen.

32 Gedanken zu „Public Viewing

  1. buntklicker.de

    Ich finde “Rudel­guck­en” als Wort abso­lut in Ord­nung. Ein bißchen Selb­stironie schadet nie, deswe­gen kann ich auch kein abw­er­tende Kono­ta­tion erken­nen — besten­falls ein Nicht-alles-immer-ganz-erst-nehman.

  2. L. Rosen

    Ich bin englis­che Mut­ter­sprach­ler, und ich habe nie den Begriff mit den öffentlichen Auf­bahrung von Toten assoziert.

    Bloß meinen Senf dazu.

  3. daniel

    Ich nehme an Sie wis­sen es, aber der englisch-englis­che Begriff für Fußball ist foot­ball. Soc­cer sagt man nur in Ameri­ka. Was die Google-Suche denn auch ergeb­nis­re­ich­er macht. Und die sehr tra­di­tions­be­wusste FA nutzt die Wen­dung “pub­lic view­ing” eben­falls um ihren Fans zu erk­lären, wo es öffentliche Über­tra­gun­gen der Spiele der Three Lions gibt.

    Was mich daran erin­nert, dass — soweit ich weiß — “pub­lic view­ing” eine Erfind­ung der Englän­der ist die so zur EURO 96 ver­sucht­en, den Fans, die keine Karten für die Spiele bekom­men haben, das Turnier den­noch mit “Sta­dion­at­mo­sphäre” zu präsen­tieren.

  4. Thomas Müller

    1 Live: »Denn: „Pub­lic View­ing“ ist ein Schein-Anglizis­mus, kommt wichtigtuerisch daher und geht schw­er über die Lip­pen.

    Klar, kommt äußerst schw­er über die Lip­pen. Deswe­gen hört man es auch so unglaublich sel­ten… Aua, aua, aua.

  5. Christoph Päper

    Mir fehlt „Papp­kaf­fee“ oder (weniger abw­er­tend) „Bech­er Kaf­fee“ (in Oppo­si­tion zu „Tasse“ und „Kän­nchen“).

  6. dirk

    Ein Nach­schlag noch zum kalten Kaf­fee: Eine Fre­undin bot vor Jahren in ihrem Restau­rant am Bodensee den Kaf­fee auch zum Mit­nehmen. Der hieß auf der Karte “Café dabei”. Das hat mir gefall­en.

  7. Andreas H.

    LOL, ich kann die Zukun­ft voraus­sagen? Ich bin psy­chic! Vielle­icht sollte ich das zu meinem Beruf machen…

    Nein, im Ernst, ich habe nicht bei dieser Aktion teilgenom­men, sym­pa­thisiere auch nicht mit ihr (im Gegen­teil).

    Zu ‘Pub­lic View­ing’: Das ist doch ein schönes Wort, solange man es mit ‘l’ schreibt. 🙂

    Mit meinem Über­set­zungsvorschlag ‘Maulaf­fen feil­hal­ten’ liege ich dies­mal wohl voll (oder heißt es ‘völ­lig’?

    ) daneben…

  8. Kramer

    manchen Leuten, ins­beson­dere den “Kreativ­en”, aber auch Ref­er­en­den bei irgendwelchen Sem­i­naren, geht es doch nur darum, das Gegenüber durch neue Wortschöp­fun­gen zu verblüf­fen. Die wer­den dann gerne so einge­set­zt, dass man beim erst­ma­li­gen Hören auch aus dem Zusam­men­hang keine Bedeu­tung her­leit­en kann.

  9. Günter B-K

    Schon im ersten Semes­ter lernt jed­er Sprach­wis­senschaftler, dass wir nicht vorschreibend son­dern beschreibend arbeit­en. Das sei zuerst ein­mal all jenen ins Stamm­buch geschrieben, die sich als Wächter der Sprache auf­spie­len.

    Wenn man Begriffe übern­immt, weil sie eine ganz spezielle Note bein­hal­ten, die ein deutsches Wort nicht aus­drückt, dann ist das eine Bere­icherung der Sprache!

    Beispiele gibt es zuhauf.

    • “Tsuna­mi” heißt über­set­zt “Hafen­welle”, es sei jedem freigestellt, die Über­set­zung zu benutzen und dann zu guck­en, wie weit er damit kommt.

    • “Harakiri” ist nur Teil des Rit­u­als “Sep­puku” (s. Wikipedia), und es wird emp­fohlen, den Begriff in Japan bess­er nicht zu benutzen. Aber in der west­lichen Welt weiß jed­er, was man damit aus­drück­en will.

    • Mit “Handy” ver­hält es sich zwar harm­los­er aber ähn­lich: Es gibt das Wort im Englis­chen, es ist ein Adjek­tiv, es hat dort die Bedeu­tung von “prak­tisch” ; und es stößt eher auf Belus­ti­gung beim englis­chen Mut­ter­sprach­ler, wenn auf der Vis­itenkarte erst “Fon” und dann “Handy” aufge­führt wird.

    • Die “Hap­py Hour” in Deutsch­land ähnelt zwar irgend­wie dem Begriff, wie er im englis­chsprachi­gen Raum benutzt wird: http://en.wikipedia.org/wiki/Happy_hour . Aber let­z­tendlich liegen doch zumin­d­est ein paar Yards zwis­chen den Bedeu­tun­gen.

    • Will wirk­lich jemand lieber “Reche­nau­tomat” als “Com­put­er” benutzen? Vie­len ist immer­hin “Rech­n­er” eine Alter­na­tive. Löblich. Was die Fran­zosen bewegte, einen Begriff für Com­put­er völ­lig selb­ständig zu definieren, kann man hier nach­le­sen: http://fr.wikipedia.org/wiki/Ordinateur .

    Mir graut es zwar auch, wenn auf “Meet­ings” das neue “Tar­get” in einem “Agree­ment” “com­mit­tet” wird, aber wir soll­ten uns ein­fach trauen, in solchen Fällen den Satz parat zu haben: “…und jet­zt noch ‘mal bitte auf Ver­ständlich…”

    Let­z­tendlich zählt nur die eine Regel: Sprache ist das Mit­tel, um einan­der mitzuteilen! Wenn wir also in Deutsch­land einen neuen Begriff erfind­en, der eine beson­dere Grif­figkeit besitzt, und wenn vor allem jed­er weiß, was damit gemeint ist, dann soll­ten wir uns freuen, weil die Sprache wieder bere­ichert wurde!

    Bewe­gen wir uns außer­halb unseres Sprachraums, dann treten wir entwed­er ins Fet­tnäpfchen oder wir nehmen’s mit Humor. So wie wei­land Lübke es nicht tre­f­flich­er geschehen kon­nte: “You can say you to me…”

    Und ob mit Leichen, im Obser­va­to­ri­um oder ein­fach nur vor ein­er Groß­bildlein­wand bleibt jedem selb­st über­lassen: Ich wün­sche allen ein munteres Pub­lic View­ing für den Rest dieser span­nen­den EM 2008!

  10. Andie

    Cafe dabei” finde ich ganz zauber­haft — möge es sich ver­bre­it­en!

  11. Khurrad

    The­ma “Cof­fee To Go”: Wieso ver­wen­det man nicht ein­fach die For­mulierung “Kaf­fee zum Mit­nehmen”?

  12. McGull

    Ärg­er­lich sind nicht die Anglizis­men als solche, son­dern die sprach­lichen Selb­stauf­bla­sev­er­suche ihrer Benutzer. Ander­er­seits bere­it­et der bisweilen unpassende Gebrauch gewiss­er englis­ch­er Aus­drücke nicht nur dem Mut­ter­sprach­ler recht viel Spaß. Auch die Aussprache bere­it­et Freude — man denke nur an “laif” für das Adjek­tiv “live”, das ja eigentlich “laiw” klin­gen sollte und die schö­nen Missver­ständ­nisse à la “Kaf­fee Togo”!

  13. Tillman Graach

    Das ist aber ein typ­is­ch­er Bil­dungs­bürg­er-Reflex: sich über “laif” zu amüsieren, weil man zufül­lig weiß, dass es eigentlich “laiw” gesprochen wer­den sollte.

    Nun haben wir im Deutschen die Aus­lautver­här­tung, und dann heißt es eben “laif”. Wenn das in einem deutschen Satz (“Ich habe die Bea­t­les noch live gese­hen”) so gesprochen wird, sehe ich nicht, wo das Prob­lem ist.

  14. D.A.

    @McGull: Dass “live” hier “laif” aus­ge­sprochen wird, liegt aber ganz ein­fach an der deutschen Aus­lautver­här­tung.

  15. Kommit

    Kaf­fee to go” => “Kaf­fee komm(t) mit”. Das wird sich noch ver­schleifen zu “Kaf­fee kom­mit”, ähn­lich wie bei “Pommes auf(fe) hand”.

  16. Kelkin

    @Tillmann Graaf:

    Das Prob­lem ist, dass Deutsch dabei ist, die Gren­ze von der Weit­er­en­twick­lung zur Kre­olisierung zu über­schre­it­en. Das ist, soviel ich mich erin­nere, ein sprach­wis­senschaftlich­er Begriff und bedeutet, dass die betr­e­f­fende Sprache unter dem Ein­fluss ein­er dom­i­nan­ten anderen Sprache die Fähigkeit ver­liert, sich selb­st weit­erzuen­twick­eln.

  17. Tillman Graach

    @Kelkin

    Sie mein­ten ver­mut­lich mich.

    Zum einen heißt Kre­olisierung etwas anderes, näm­lich die Entste­hung ein­er Kre­ol­sprache, der in der Regel eine Pidgin­isierung (Entste­hung eines Pid­gins) voraus­ge­ht, und das ist so ziem­lich das Let­zte, was für da Deutsche zutrifft. Näheres ent­nehmen Sie bitte der Wikipedia.

    Zum anderen weiß ich nicht, was das mit dem “laiw/laif”-Problem zu tun haben soll.

  18. marlow

    @Kelkin

    na, so ein biss­chen karibik kann doch der deutschen sprache nicht schaden.

    nein, im ernst, die zugrunde liegende annahme, die dominierende sprache würde auch die eigene kul­turelle iden­tität dominieren, ist halt- und sinn­los. keine angst, es gibt noch mehr als genug deutsches, nicht nur sprach­lich.

  19. L.Hitschold

    Zu den auf­fal­l­end unbe­holfe­nen Über­set­zun­gen für “pub­lic view­ing”:

    Warum wird eigentlich vor­wiegend nach ein­er wörtlichen Über­set­zung gesucht? Allein richig erscheint mir, ein neues Wort zu “schöpfen”, das die Sache, um die es geht, in der eige­nen Sprache tre­f­fend beschreibt. Beispiel: Für “Pub­lic View­ing” soll­ten wir im Deutschen “Groß­bild-Über­tra­gung” sagen. Man kön­nte das auch ohne Binde­strich in einem Wort schreiben. Das Bilden eines Begriffes durch Zusam­menset­zen mehrerer Hauptwörter ist eine Beson­der­heit der deutschen Sprache! Im Englis­chen gibt es das nicht! Deshalb kon­nte das — zuerst in Deutsch­land — neu ent­standene Wort “Fernse­hen” im Englis­chen nicht “long dis­tance view­ing” genan­nt wer­den, son­dern es kam zu dem Begriff “tele­vi­sion”. Dieser Zugriff auf Griechisch und Latein lässt erken­nen, wie for­me­n­arm — im Unter­schied zu anderen europäis­chen Sprachen — das Englis­che eigentlich ist.

  20. P.Frasa

    Englisch ist über weite Streck­en qua­si eine isolierende Sprache, kein Wun­der ist sie “for­me­n­arm”. Ich wüsste allerd­ings nicht, inwieweit das etwas schlecht­es wäre. Damit ste­ht Englisch nicht ein­mal allein da in Europa — wieviel Mor­pholo­gie ken­nt das gesproch­ene Franzö­sisch wirk­lich noch?

    Das Beispiel mit “Fernse­hen” ist indes total aus der Luft gegrif­f­en. Das Englis­che ist dur­chaus zu Kom­positabil­dung imstande (man denke mal an “broad­cast­ing”), auch wenn das nicht so pro­duk­tiv ist wie im Deutschen. Dass man sich daran jet­zt so aufhängt, ist wie zu sagen, Deutsch sei “for­me­n­arm”, nur weil wir Wörter wie Tele­fon oder Auto­mo­bil haben.

  21. Anatol Stefanowitsch

    P.Frasa, ja, den Mythos von den Kom­posi­ta als Alle­in­stel­lungsmerk­mal des Deutschen habe ich hier schon ein­mal behan­delt.

    Davon abge­se­hen stimme ich L.Hitschold aber zu: die Ein­deutschung von Lehn­wörtern ori­en­tiert sich zu oft am Orig­i­nal (im vor­liegen­den Fall auch noch mit fehlgezün­de­tem Humor gepaart). In der Tat sind Ein­deutschun­gen, die für mich (natür­lich völ­lig sub­jek­tiv) gelun­gen klin­gen, häu­fig weit ent­fer­nt von der Struk­tur des Lehn­worts (z.B. Website::Netzauftritt oder Non-Pro­lif­er­a­tion Treaty::Atomwaffensperrvertrag). Aber es geht ja meis­tens auch gar nicht um eine gelun­gene Ein­deutschung, son­dern um Sprach­nörgelei.

  22. David Marjanović

    Im geschriebe­nen Englisch kom­men manch­mal sehr lange zusam­menge­set­zte Nomen zus­tande, weil die Bestandteile alle einzeln geschrieben wer­den und man daher nicht unbe­d­ingt merkt, was man schreibt. Ich kann zum Beispiel prob­lem­los das berühmte Rinderkennze­ich­nungs- und Rind­fleis­chetiket­tierungsüberwachungsauf­gabenüber­tra­gungs­ge­setz ins Englis­che über­set­zen, ohne dass es beson­ders auf­fällt: Cat­tle Mark­ing and Beef Label­ing Sur­veil­lance Task Trans­fer Act.

    Was gesproch­enes Franzö­sisch ange­ht, meinen manche, es sei bere­its poly­syn­thetisch, weil sich die unbe­ton­ten For­men der Per­son­al­pronomen als Verbprä­fixe inter­pretieren lassen. Auch das scheint ein all­ge­mein­er europäis­ch­er Trend zu sein, den man, wenn man will, je nach Wort­stel­lung auch in süd­deutschen Dialek­ten find­en kann. Aber lassen wir das. 🙂

  23. P.Frasa

    Das mit den Pronomen als Verbprä­fixe ist wahr, das hab ich ver­nach­läs­sigt. Ich bezog mich natür­lich auf die grössten­teils in der Aussprache nicht mehr wahrnehm­baren alten Ver­ben­dun­gen (sais vs. sait usw.).

    Wieso wäre das dann allerd­ings poly­syn­thetisch?

  24. David Marjanović

    Wenn man die Prä­fixe alle zum Verb dazuzählt, kommt man auf Wörter, die aus ziem­lich vie­len Mor­phe­men beste­hen. Drei oder vier Prä­fixe auf einem Verb kom­men dur­chaus vor — t’veux qu’j’t’le mon­tre?

  25. Gerhard Lingus

    Es geht über­haupt nicht darum, neue Sachver­halte grif­fig zu benen­nen, denn was mit Aus­drück­en von “pub­lic view­ing” bis “cof­fee to go” beschrieben wer­den soll, existiert bere­its seit langem. Auch geht es nicht um eine natür­liche Sprachen­twick­lung, denn die Anglizis­men wer­den uns von der Wer­be­branche und wichtigtuerischen Fir­men wie Telekom oder Deutsche Bahn auf­genötigt. Dass dabei viele Pein­lichkeit­en passieren, kann nie­mand leug­nen. Oder will jemand behaupten, dass “body bag” außer Leichen­sack auch noch Umhänge­tasche bedeutet? “Denglisch” ist eine Krankheit, die aus einem Min­der­w­er­tigkeit­skom­plex resul­tiert. Weltof­fen ist jemand, der die englis­che Sprache richtig beherrscht und sich damit ver­ständi­gen kann, aber nicht jemand, der ein paar Ver­satzstücke auf­schnappt und sie in deutsche Sätze ein­baut. Deshalb meine Devise: Wenn schon Englisch, dann richtig.

  26. Anatol Stefanowitsch

    Ger­hard Lin­gus (#29),

    Es geht über­haupt nicht darum, neue Sachver­halte grif­fig zu benen­nen, denn was mit Aus­drück­en von “pub­lic view­ing” bis “cof­fee to go” beschrieben wer­den soll, existiert bere­its seit langem.

    Dann stim­men Sie mir zu, dass die Aktion Lebendi­ges Deutsch kom­plett über­flüs­sig über­flüs­sig ist?

    Auch geht es nicht um eine natür­liche Sprachen­twick­lung, denn die Anglizis­men wer­den uns von der Wer­be­branche und wichtigtuerischen Fir­men wie Telekom oder Deutsche Bahn auf­genötigt.

    Ja, wenn wir nicht auf­passen, stirbt uns die Deutsche sprache noch aus

    Dass dabei viele Pein­lichkeit­en passieren, kann nie­mand leug­nen.

    Leugnet auch nie­mand.

    Oder will jemand behaupten, dass “body bag” außer Leichen­sack auch noch Umhänge­tasche bedeutet?

    Ja, ich.

    Denglisch” ist eine Krankheit, die aus einem Min­der­w­er­tigkeit­skom­plex resul­tiert.

    Alles schon­mal gehört.

    Weltof­fen ist jemand, der die englis­che Sprache richtig beherrscht und sich damit ver­ständi­gen kann, aber nicht jemand, der ein paar Ver­satzstücke auf­schnappt und sie in deutsche Sätze ein­baut. Deshalb meine Devise: Wenn schon Englisch, dann richtig.

    Got it, Mr. Lin­gus. Oh, by the way: those under­lined words are called “hyper­links”. If you click on them, they can take you to a won­der­ful world of new ideas. Or you can keep repeat­ing the same old lies.

  27. Mister Bernie

    @Gerhard Lin­gus:

    Da unter­stellen Sie den Deutschen aber sehr klis­chee­hafte Author­ität­shörigkeit. Obwohl die Mar­ket­ing­branche uns zugegeben­er­maßen sehr viele Anglizis­men vor­plap­pert, hör ich nur wenige von diesen im All­t­ag — genau­sowenig, wie ich jeman­den von “Fruch­ta­larm” oder “Ich bin ein Baum Deutsch­land” reden höre. Nein, ich fürchte, die Real­ität ist viel düster­er — da übern­immt der Durch­schnits­deutsche aus freiem Willen Wörter aus dem Englis­chen.

    Ich weiß ja nicht, welchen All­t­ag Sie erleben, aber in meinem sind die ver­wen­de­ten Anglizis­men ganz ander­er Natur als die aus den Bere­ichen Marketing/etc — die bei let­zteren wer­den näm­lich wed­er die Anglizis­men noch die deutschen Pen­dants ver­wen­det. Wenn man sich einen Kaf­fee holt, dann sagt man “Ich hol mir ma ‘n Kaf­fee”, und nicht “Ich hol mir mal nen Kaf­fee zum Mit­nehmen” oder “Ich hol mir mal nen cof­fee to go.” — das einzige Mal, bei dem das zum Ein­satz kommt, ist bei der Bestel­lung selb­st. Und wenn in diesem einen Moment jet­zt tat­säch­lich ein “to go” ver­wen­det wird (was mein­er Erfahrung nach sowieso nur ein ver­schwindend geringer Anteil ist), dann kann ich darin nicht den Unter­gang der deutschen Sprache sehen. Das selbe gilt für die “body bag” — das ist wed­er eine body bag noch eine Umhänge­tasche, son­der ein­fach eine Tasche.

    Die tat­säch­lich ver­wen­de­ten Anglizis­men sind dann in der Tat meis­tens die, die ein bish­er so nicht sprach­lich genauer belegtes Phänomen beze­ich­nen. Und “chat­ten” is halt ein­fach kürz­er und knif­figer als “sich im Inter­net unter­hal­ten” und diverse Vari­anten (und “plaud­ern” akzep­tiere ich nicht, weil das dank sein­er reg­ulären Bedeu­tung und Kon­no­ta­tio­nen ein­fach falsch ist).

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