Grumbeeren

In den Kom­mentaren zu diesem Artikel sind ein paar echte aus­ge­wan­derte Wörter ins Gespräch gekom­men, von denen beson­ders das kroat­is­che krom­pir mich dazu angeregt hat, ein wenig kuli­nar­ische Ety­molo­gie zu betreiben.

Blühende Kartoffelpflanze

Blühende Kartof­felpflanze

Als die Kartof­felpflanze nach Europa kam (oder bess­er, als den Men­schen klar wurde, dass ihre Knolle ess­bar ist) braucht­en die Sprech­er im heuti­gen deutschen Sprachraum ein Wort für diese Köstlicheit. In ein­er Sit­u­a­tion wie dieser hat eine Sprachge­mein­schaft grund­sät­zlich zwei Möglichkeit­en: entwed­er, sie übern­immt ein bere­its existieren­des Wort aus ein­er anderen Sprache, oder sie schöpft ihr eigenes. Bei­des geschah im Falle der Kartof­fel gle­ich mehrfach.

Unter den Eigen­schöp­fun­gen ist das im Südosten des deutschen Sprachraums ver­bre­it­ete Erdäpfel sich­er das bekan­nteste. Möglicher­weise hat das franzö­sis­che pommes de terre hier Pate ges­tanden (dann wäre es keine echte Eigen­schöp­fung, aber da Wort kann dur­chaus unab­hängig ent­standen sein, denn es fol­gt einem Muster, das bei der Benen­nung der Kartof­fel im deutschen Sprachraum sehr beliebt war: es beste­ht aus ein­er Beze­ich­nung für eine bere­its bekan­nte Frucht, ergänzt durch eine offen­sichtliche Eigen­schaft der Pflanze — dass ihr genießbar­er Teil unter der Erde wächst. So ent­standen neben Erdapfel auch die Begriffe Erd­birne, Bod­abi­ra (also „Boden­birne“), Ercht­bohn („Erd­bohne“), Erd­kästen („Erd­kas­tanien“) und Grumbeere/Grumbir und seine Vari­anten (von Grund­birne oder Kru­men­beere abgeleit­et).

Wörter für Kartoffel

Wörter für Kartof­fel

Während die Grumbir — ver­mut­lich von Öster­re­ich aus — ins Kroat­is­che, Ser­bis­che, Slowenis­che und Ungarische auswan­derte, kon­nten sich die Eigen­schöp­fun­gen in der (bun­des­deutschen) Stan­dard­sprache nicht durch­set­zen (in Öster­re­ich ist die Beze­ich­nung Erdäpfel dage­gen sog­ar im EU-Beitrittsver­trag ver­ankert). Stattdessen machte ein Lehn­wort das Ren­nen: Kartof­fel, vom ital­ienis­chen taratopholi. Woher das k am Wor­tan­fang kommt, ist nicht bekan­nt, genau­sowenig wie die Antwort auf die Frage, warum die deutsche Sprachge­mein­schaft das ital­ienis­che Wort für „Trüf­fel“ (tartu­fo) als Beze­ich­nung für ihre Erdäpfel auswählte, während die Ital­iener das tahi­tian­is­che pata­ta über­nah­men, von dem auch das englis­che pota­to und das fränkische Potak­en abstam­men. Auf jeden Fall war die Über­nahme so erfol­gre­ich, dass die Russen sie ihrer­seits aus dem Deutschen entlehn­ten (картофель).

Bild­nach­weis: Auf der Grund­lage des dtv-Atlas Deutsche Sprache selb­st erstellte Karte.

Dieser Beitrag wurde unter Bremer Sprachblog abgelegt am von .
Anatol Stefanowitsch

Über Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch ist Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der Freien Universität Berlin. Er beschäftigt sich derzeit mit diskriminierender Sprache, Sprachpolitik und dem politischen Gebrauch und Missbrauch von Sprache. Sein aktuelles Buch „Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ ist 2018 im Dudenverlag erschienen.

12 Gedanken zu „Grumbeeren

  1. Christian Kaul

    Die Bodag­gn hätte ich jet­zt eher wie der dtv-Sprachat­las ja anscheinend auch im Fränkischen verortet. In Nieder­bay­ern sagt man Erdäpfé oder Kad­of­fén.

    A.S.: Ist kor­rigiert, danke für den Hin­weis!

  2. dibbedabb

    Nur am Rande:

    Inter­es­sant finde ich, dass Wörter, die aus frem­den Sprachen entlehnt wer­den, meist ihre Gestalt beibehal­ten, in manchen Fällen aber stark verän­dert ins Deutsche einge­hen:

    Pfeil, Kiste, Trot­toir, Keks, Down­load sind qua­si intakt aus der Geber­sprache entlehnt wor­den;

    Hänge­mat­te, Potake, Kartof­fel, ratzekahl sind fast bis zur Unken­ntlichkeit verän­dert wor­den.

  3. DrNI@CLB

    Im Schwäbis­chen gibt es ja einige Wörter aus dem Franzö­sis­chen, auch wenn sie kaum wiederzuerken­nen sind. Dazu gehört auch das heute sel­ten ver­wen­dete Wort “Bomm­badäer” für Kartof­feln. Pommes de terre eben. Bekan­nter dürfte allerd­ings der Gugom­mer oder Gogom­m­mer sein (Gurke, con­com­bre).

  4. Wolfgang Hömig-Groß

    Mit der Trüf­fel hat die Kartof­fel zumin­d­est das unterirdis­che Wach­s­tum gemein und a bis­serl auch das Ausse­hen — was aus der Erde kommt, ist halt dreck­ig.

  5. Gabriela

    Die regionalen Unter­schiede im Sprachge­brauch gibt es ja über­all. Mir ist es hier in Andalusien passiert, daß ich das spanis­che patatas anwen­dete, mein Nach­bar, der Bauer aber immer von papas sprach. Da ich wußte, daß auch die Südamerikan­er die Beze­ich­nung ver­wen­den, erschloß sich mir der Sinn.….es hörte sich schon selt­sam an, wenn er von den neuen Papas sprach, die er vom Ack­er mit­brachte 😉

    Gabriela, die urprünglich aus Grum­beere­land kommt

  6. Raventhird

    Meine Eltern aus Bay­ern sagen natür­lich auch “Erdäpfel”. Finde ich per­sön­lich auch von der Bedeu­tung her schön­er als “Kartof­fel”. Wobei “Erd­birne” auch nett ist :).

  7. Frank

    Sehr beein­druck­end die Ergeb­nisse! Als Ungarischschüler freut es mich, dass auch krum­pli Beach­tung fand!

  8. Petra Ingeborg

    Im Wiener Raum ver­wen­dete man (und ver­wen­den ältere Men­schen noch heute) die aus dem tschechis­chen stam­mende Beze­ich­nung “Bram­buri”.

  9. Wentus

    In der Türkei sind mir die Theken mit “kum­pir” aufge­fall­en, die Kartof­feln mit ver­schiede­nen Fül­lun­gen verkaufen, etwa wie unsere Ofenkartof­feln. Inzwis­chen kann man den Begriff auch in Berlin häu­fig sehen.

    eigentlich heißt Kartof­fel auf türkisch “patates”. Ich nehme an, “kum­pir” leit­et sich auch vom kroat­is­chen “krom­pir” oder ungarischen “krum­pli” ab, oder weiß jemand eine andere Herkun­ft?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .