… wie meine Muhme, die berühmte Schlange.

Von mein­er Ger­man­is­tik-Ver­wandtschaft­shausar­beit sind ein paar Bröckchen fürs Sch­plock abge­fall­en. Es geht um den Wan­del der Typolo­gie von Ver­wandtschaftssys­te­men – also nicht darum, wie sich einzelne Wörter verän­dern (wobei ich darauf auch ein wenig einge­hen will), son­dern darum, wie sich kom­plette Sys­teme verän­dern. Und da kann sich erstaunlich viel tun. Ich will heute nur auf einen kleinen Teilaspekt einge­hen, der die Eltern­gener­a­tion (auch G+1 genan­nt) bet­rifft.

Dort wer­den im heuti­gen Deutsch zwis­chen Blutsver­wandten zwei Unter­schei­dun­gen getrof­fen:

  • Frau oder Mann? Mut­ter, Tante vs. Vater, Onkel
  • In direk­ter Lin­ie ver­wandt oder nicht? Vater, Mut­ter vs. Tante, Onkel

Da drang ein Dutzend Anverwandten / Herein, ein wahrer Menschenstrom!

Im Althochdeutschen gab es noch eine weit­ere Unter­schei­dung:

  • Frau oder Mann? muot­er, muo­ma, basa vs. fater, fetiro, oheim
  • In direk­ter Lin­ie ver­wandt oder nicht? muot­er, fater vs. muo­ma, basa, fetiro, oheim
  • Müt­ter­lich­er­seits oder väter­lich­er­seits? muo­ma, oheim vs. basa, fetiro

Die vier Beze­ich­nun­gen für die Geschwis­ter der Eltern lauteten also:

(1) muo­ma ‘Schwest­er der Mut­ter’
(2) basa ‘Schwest­er des Vaters’
(3) fetiro ‘Brud­er des Vaters’
(4) oheim ‘Brud­er der Mut­ter’

Und hier für Leute, die es lieber visuell haben:

verwahd

Ahd. Ver­wandtschaftssys­tem nach Nübling et al. (2006)

Ein solch­es Sys­tem nen­nt man auch bifur­cate col­lat­er­al type.

Da kamen Brüder, guckten Tanten, …”

Die Unter­schei­dung mütterlicherseits/väterlicherseits ist heute also ver­schwun­den. Wenn man sich die Wörter anschaut, dann kom­men sie einem aber alle noch bekan­nt vor. Wie kommt’s?

In mein­er Abbil­dung habe ich die Cousins und Kusi­nen unter­schla­gen. Die gab es in althochdeutsch­er Zeit natür­lich auch schon, unter anderem Namen. Wahrschein­lich hießen sie muomen­sun etc., waren also zusam­menge­set­zte Beze­ich­nun­gen – beson­ders viele Quellen gibt es aber nicht ger­ade, ich habe nur einen Auf­satz von 1900 gefun­den, der die For­men erwäh­nt, die meis­ten Darstel­lun­gen lassen sie ein­fach weg.

Schließlich kam es zu einem Bedeu­tungswan­del. In einem ersten Schritt begann man, die Beze­ich­nun­gen für die Geschwis­ter der Eltern auch für deren Kinder zu ver­wen­den – die Tochter von Base oder Vet­ter (wir sind jet­zt schon im Früh­neuhochdeutschen!) wurde auch zur Base, der Sohn von Oheim und Muhme auch zum Oheim, etc. Die Beze­ich­nun­gen hat­ten jet­zt also zwei Bedeu­tun­gen. Nach einem wilden Kud­del­mud­del einigten sich die Begriffe dann endlich: Oheim und Muhme durften Brud­er oder Schwest­er der Eltern beze­ich­nen, egal auf welch­er Seite, und Base und Vet­ter beka­men den Job, deren Kinder zu übernehmen. Damit sind wir typol­o­gisch bei unserem heuti­gen Sys­tem ange­langt: Es wird zwar unter­schieden, ob Schwest­er oder Brud­er der Eltern, aber nicht von welch­er Seite. Das nen­nt man auch lin­eal type. Von da an gab es nur noch auf der Wor­tebene Verän­derun­gen:

… Da stand ein Vetter und ein Ohm!

Der Fam­i­liensegen stand bald schon wieder schief: Muhme und Oheim beka­men harte Konkur­renz, die neu­modis­chen Beze­ich­nun­gen Tante und Onkel, aus dem Franzö­sis­chen entlehnt, macht­en sich ab Mitte des 17./Anfang des 18. Jahrhun­derts bre­it. Unge­fähr Mitte des 20. Jahrhun­derts war die Schlacht dann geschla­gen, Tante und Onkel gin­gen siegre­ich her­vor.

Auch Base und Vet­ter hat­ten zwis­chen­zeitlich keine Ruhe gefun­den, Anfang bis Mitte des 17. Jahrhun­derts kamen Cou­sine und Cousin zu Besuch, und es gefiel ihnen so gut, dass sie blieben. Die Base warf Mitte des 20. Jahrhun­derts das Hand­tuch, der Vet­ter führt noch Rück­zugs­ge­fechte.

2009-03-20-verwfnhd

(Früh-)Neuhochdeutsches Ver­wandtschaftssys­tem

Im Dig­i­tal­en Wörter­buch der deutschen Sprache habe ich mal ein bißchen herumpro­biert, in der Hoff­nung, den Nieder­gang von Muhme, Oheim, Base und Vet­ter sicht­bar machen zu kön­nen. Base musste ich gle­ich rauswer­fen, da waren zu viele Tre­f­fer mit der chemis­chen Bedeu­tung drunter. Muhme hat­te kaum Tre­f­fer, Oheim und Vet­ter gin­gen so. Hier mal exem­plar­isch der Oheim – auf­grund der gerin­gen Tre­f­fer­zahl ist das Dia­gramm aber nur dazu geeignet, einen groben Ein­druck zu bekom­men:

oheimgrafik

Den Auf­stieg von Onkel, Tante, Cousin und Kusine kann man lei­der nicht nachver­fol­gen, zumin­d­est sehen die Unter­schiede für mich völ­lig insignifikant aus. An den Zahlen kann man im Ver­gle­ich aber ganz gut sehen, welche Form sich durchge­set­zt hat, nur eine Zunahme ist eben nicht erkennbar. Hier der Onkel1:

onkelgrafik

Fußnote:
1Die Riesen­zahlen 1900 stam­men übri­gens vor­wiegend aus Briefen von Wil­helm Busch an seine (ich nehme mal an) Nichte, 1960 kom­men 134 der Tre­f­fer aus Mar­tin Walsers Roman “Hal­bzeit”.

6 Gedanken zu „… wie meine Muhme, die berühmte Schlange.

  1. Jens

    Bei der Gegenüber­stel­lung von Muhme, Oheim vs. Base, Fetiro ist ein Fehler in der Rei­hen­folge unter­laufen, so sind es weit­er­hin weib­liche gegen männliche Beze­ich­nun­gen.

    Anson­sten: sehr inter­es­sant und infor­ma­tiv, toll!

  2. misterbernie

    Ich geselle mich ja sehr spät zu diesem Ein­trag, aber falls dieser Kom­men­tar noch gele­sen wird, würde mich doch inter­essieren, wann denn aus der Enke­lin nift die Nichte gewor­den ist und aus dem Enkel neve der Neffe.

    (Und dieser [f]/[x]-Wechsel ärg­ert mich schon seit langem… da gibt es ja ein paar Beispiele, auch am Beispiel Englisch/Deutsch (laugh und lachen), aber nie fall­en mir mehr ein…)

  3. Kristin Beitragsautor

    Schnell nachge­blät­tert … Die Dat­en, die ich noch hier habe*, nen­nen für Neffe:
    — ‘Sohn eines Kindes’: ahd. Zeit (750‑1050) bis Ende 18. Jh.
    — ‘Sohn eines Geschwis­ters’: mhd. Zeit (1050–1350) bis heute
    Also eine lange Über­schnei­dungsphase von 1050–17nochwas. (Muss nicht heißen, dass es die ganze Zeit bei­de Bedeu­tun­gen bei allen Sprechern/in allen Dialek­ten hat­te.)
    Nichte gibt es für bei­de Gen­er­a­tio­nen erst ab Mitte des 17. Jahrhun­derts (davor hat­te man Nif­tel und Nef­fin, auch in der Dop­pel­funk­tion), die Enke­linbe­deu­tung ver­schwindet 1800.

    Ich würde mich darauf nicht hun­dert­pro ver­lassen, wenn ich mich recht erin­nere, wur­den die ganzen Bedeu­tun­gen zwar sehr akribisch erhoben, aber ander­swo find­et man auch ganz andere Angaben.**

    Fritz (1974)*** liefert eine aus­führliche Betra­ch­tung von Neffe, seine Angaben sind:
    — Ahd. ‘Sohn eines Kindes’
    — Mhd. ‘Sohn der Schwester’+‘Bruder der Mut­ter’ (gemein haben bei­de: eine Gen­er­a­tion Abstand + Verbindung über eine weib­liche Blutsver­wandte)
    Die Bedeu­tung ‘Enkel’ existierte wahrschein­lich zumin­d­est dialek­tal weit­er (weil sie später, bei Luther noch ver­wen­det wird), ist aber nicht belegt.
    — Späteres Mhd. ‘männlich­er Ver­wandter all­ge­mein’
    — Fnhd. (17. Jh.) ‘Sohn eines Geschwis­ters’, wahrschein­lich aus dem Niederdeutschen wieder ver­bre­it­et, im Oberdeutschen gab es das Wort nicht mehr.

    Das ch in Nichte kommt nach Fritz auch daher, dass das Wort aus dem Niederdeutschen über­nom­men wurde (hochdeutsch war das oben erwäh­nte nift(el)), das einen Wan­del von ft zu cht hat­te.

    Ohjeh, ich fürchte, das war zu viel Antwort. Ich hoffe, Du kannst was damit anfan­gen!

    ——–

    *Aus der Mag­is­ter­ar­beit von Mar­i­on Rey­zl, “Die Geschichte der deutschen Ver­wandtschafts­beze­ich­nun­gen vom Althochdeutschen bis ins 20. Jahrhun­dert. Blutsver­wandtschaft und Heiratsver­wandtschaft”, Eich­stätt 2000.
    **Z.B. in Ari­ane Diepeveen (2003): Ver­wantschap­ster­men in de Ger­maanse taalen. Antwer­pen. Sie set­zt alles etwas früher an, scheint mir.
    ***Gerd Fritz (1974): Bedeu­tungswan­del im Deutschen. Tübin­gen.

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