Japanische Schrift 1: Warum Hiragana keine Silben darstellen

(Teil 1 | Teil 2)

Ich habe mal wieder die Suchan­fra­gen durchge­blät­tert, die zum Sch­plock führten. Eine davon lautete:

katakana guten tag (24.4.2009)

Auf Japanisch heißt ‘Guten Tag’ kon­nichi­wa. (Zum Anhören dort auf den kleinen Pfeif drück­en.) Das wird nor­maler­weise so geschrieben: 今日は. Die ersten bei­den Zeichen sind soge­nan­nte Kan­ji, das let­zte Zeichen ist ein Hira­gana. In Katakana würde man es so schreiben: コンニチハ. Das tut man aber eigentlich nicht, weil Katakana Schriftze­ichen sind, mit denen man Fremd­wörter notiert, keine alteinge­sesse­nen japanis­chen Wörter (oder vor Ewigkeit­en aus dem Chi­ne­sis­chen entlehn­ten).

Vielle­icht wollte die Per­son aber auch wis­sen, wie die deutschen Wörter Guten Tag ausse­hen wür­den, wenn man sie auf Japanisch auf­schreiben wollte? Da wäre mein Vorschlag: グテン ターク (gu-te-n ta-a-ku).

Ein schön­er Anlass, um das mit den Kan­ji, Hira­gana und Katakana mal ein bißchen aufzu­dröseln:

Drei Schriftsysteme für eine Sprache?

Im Japanis­chen gibt es drei ver­schiedene Schrift­sys­teme. Zwei davon, die Katakana und die Hira­gana, sind sich sehr ähn­lich, das dritte, die Kan­ji, ist ganz anders und wird erst über­mor­gen behan­delt 😉 Welch­es Schrift­sys­tem wann ver­wen­det wird, ist klar definiert.

Die Kan­ji wer­den ver­wen­det für:

  • Sub­stan­tive
  • Wort­stämme von Adjek­tiv­en und Ver­ben

Die Hira­gana für:

  • gram­matikalis­che Endun­gen (Kon­ju­ga­tion), Par­tikeln, Hil­fsver­ben (Okuri­g­ana)
  • Wörter, für die kein Kan­ji mehr existiert
  • als Lese­hil­fe über/neben schwieri­gen Kan­ji (Furi­g­ana)

Und die Katakana für:

  • Fremd­wörter, die nicht aus dem Chi­ne­sis­chen kom­men (auch aus­ländis­che Eigen­na­men)
  • laut­ma­lerische Wörter (Ono­matopo­et­i­ka)
  • zur Her­vorhe­bung (wie Kur­sivschrift bei uns)
  • in der Wer­bung häu­fig für japanis­che Eigen­na­men

Die drei Schrift­sys­teme repräsen­tieren zwei sehr unter­schiedliche Ansätze des Schreibens. Die sich wiederum sehr deut­lich von unser­er Art unter­schei­den:

ABC und Alphabet

Alpha­betschriften fol­gen mehr oder weniger dem Prinzip, dass jed­er Laut (bzw. genauer jedes Phonem) durch einen Buch­staben (bzw. genauer ein Graphem) repräsen­tiert wird. Es beste­ht also eine Phonem-Graphem-Beziehung. Wed­er das gesproch­ene noch das geschriebene Wort haben irgen­deinen Bezug zur Wortbe­deu­tung, sie sind dem Beze­ich­neten gegenüber völ­lig willkür­lich. (Das ist nur bei laut­ma­lerischen Wörtern anders, da ähnelt der Klang dem Beze­ich­neten.)

2009-07-07-Alphabet

Man sieht hier also, dass zwar die Laut­struk­tur und die Schrei­bung von Geld miteinan­der verknüpft sind, der Bezug der bei­den zum realen Objekt aber extra gel­ernt wer­den muss.

Die meis­ten Sprachen der Welt wer­den in ein­er Alpha­betschrift notiert. Dazu gehört das lateinis­che Alpha­bet (a, b, c, …), das sich wie das kyril­lis­che (а, б, в, …) aus dem griechis­chen Alpha­bet entwick­elt hat (α, β, γ, …).

In Japan benutzt man keine Alpha­betschrift, son­dern:

Sil-ben-schrif-ten und die ominöse Mo-o-re

Es gibt auch Schrift­sys­teme, die nicht einen Laut, son­dern eine ganze Silbe in ein Zeichen steck­en.

2009-07-07-SilbeMoreHier sieht man, dass das japanis­che Wort für Geld in Hira­gana aus zwei Sil­ben beste­ht, ka und ne, und jede dieser Sil­ben hat ein Zeichen1. Wobei das etwas gel­o­gen ist – es passt zwar zufäl­lig für dieses Wort, aber eigentlich schreibt man bei Hira­gana keine Sil­ben, son­dern Moren. Moren sind Ein­heit­en, die etwas klein­er sind als Sil­ben. Wenn näm­lich eine Silbe einen lan­gen Vokal bein­hal­tet, dann wird der extra geschrieben.

Mut­ter heißt auf Japanisch okaasan (お母さん2). Das Wort beste­ht aus drei Sil­ben:

2009-07-07-okaasan

Es beste­ht aber gle­ichzeit­ig aus fünf Moren. Um Moren zu bes­tim­men, muss man die Silbe noch ein­mal in kleinere Teile zer­legen. Wer sich nicht für Sil­ben­struk­tur inter­essiert, kann den näch­sten Abschnitt ein­fach über­sprin­gen, aber ich ver­suche es leicht ver­ständlich zu erk­lären.

Eine Silbe beste­ht aus mehreren Bestandteilen. Wichtig für uns ist jet­zt mal nur das, was nach dem Kon­so­nan­ten kommt (falls ein Kon­so­nant am Anfang ste­ht). Wenn es ein kurz­er Vokal ist und die Silbe dann zuende ist, haben wir gar kein Prob­lem, Silbe und More sind iden­tisch. Das ist z.B. beim o von okaasan so. Deshalb bekommt das o auch nur ein einziges Hira­gana, näm­lich お.

Wenn aber ein langer Vokal fol­gt wie bei kaa, oder sog­ar ein Kon­so­nant wie bei san, ver­hält sich die Sache anders. Bei Lang­vokalen zählt nur der halbe Vokal zur ersten More, die andere Hälfte bildet die zweite More: ka|a. Dadurch bekom­men bei­de Teile ein eigenes Zeichen: か ka und あ a.

Bei Kon­so­nan­ten am Sil­be­nende zählt der Kon­so­nant eben­falls als Extramore: sa|n mit den Zeichen さ sa und ん n.

In Hira­gana hat das Wort also fünf Zeichen: okaasan. (Yeah, ich wollte schon immer mal ne retro-bon­bon­bunte Seite!)

Eine Sprache mit echter Sil­ben­schrift ist zum Beispiel das Chero­kee.

Über­mor­gen geht’s dann weit­er mit den Kan­ji …

Fußnoten:
1 Natür­lich schreibt man das Wort nor­maler­weise in Kan­ji, weil es ein Sub­stan­tiv ist.
2Das ist die kor­rek­te Schreib­weise, eine Mis­chung aus Hira­gana さん und Kan­ji おさん. Wie vorher betra­chte ich das Wort jet­zt aber, als würde man es ganz in Hira­gana schreiben.

5 Gedanken zu „Japanische Schrift 1: Warum Hiragana keine Silben darstellen

  1. Joachim Jäckel

    Hal­lo Kristin,

    bin total fasziniert von deinen Seit­en, obwohl ich “keine Zeit” habe, weil ich die hira­gana- und katakana- Zeichen ler­nen muss. Ich habe Japanisch gewählt, weil mich der Auf­bau von Sprache inter­essiert und ich für 6 Wochen nach Japan fahre.
    Du kannst mir sich­er einen Tipp geben, wo ich die Zeichen herun­ter­laden kann, damit ich sie in einen deutschen Text ein­fü­gen kann.

    Danke
    Joachim

  2. Kristin Beitragsautor

    Hal­lo Joachim,

    vie­len Dank für das Lob 🙂 Klar kann ich was zu den japanis­chen Zeichen sagen:
    Man lädt sie nicht herunter, son­dern man aktiviert sie — sie schlum­mern bere­its irgend­wo auf Deinem Com­put­er. Ein guter Fre­und von mir hat dazu kür­zlich eine aus­führliche Anleitung geschrieben: Japan­ese text input (nach der Auswahl Deines Betrieb­ssys­tems kannst Du links auf “Deutsch” klick­en).

    Ganz kurz für Win­dowsXP: Start > Ein­stel­lun­gen > Sys­tem­s­teuerung > Datums-, Zeit-, Sprach- und Regionale­in­stel­lun­gen > Regions- und Spra­chop­tio­nen > Sprachen > Häkchen bei “Dateien für ostasi­atis­che Sprachen instal­lieren” > Okay.
    Dann im sel­ben Fen­ster unter “Text­di­en­ste und Eingabe­sprachen” auf “Details”, unter “Instal­lieren” “Japanisch” auswählen und “Hinzufü­gen”.

    Jet­zt müsste Dein Rech­n­er japanis­ches Tas­taturlay­out beherrschen. In der Taskleiste wird jet­zt ein kleines Kästchen ste­hen, das “DE” beschrieben ist. Wenn Du da draufk­lickst, kannst Du andere instal­lierte Lay­outs auswählen, “JP” ist Japanisch. Wenn Du “JP” wählst, erscheint neben dem Buch­stabenkürzel noch ein lustiges rotes Sym­bol und daneben ein weit­eres Zeichen, entwed­er A (für Roma­ji) oder あ (für Hira­gana) oder カ (für Katakana). Durch Draufk­lick­en kannst Du auswählen, welch­es Zeichen­sys­tem Du haben willst.

    Die Eingabe erfol­gt über die Umschrift, d.h. Du tippst “ka” und es wird entsprechend Dein­er Auswahl in das Hira­gana か oder das Katakana カ umge­wan­delt. (Achtung: Die Umschrift erfol­gt über das englis­che Tas­taturlay­out, d.h. “z” und “y” sind ver­tauscht.) Wenn Du etwas tippst, wirst Du sehen, dass Dein Text unter­strichen ist. Sobald Du ein Leerze­ichen ein­gib­st, wird dieser unter­strich­ene Text in Kan­ji umge­wan­delt. Falls es die falschen sind oder Du wirk­lich nur Text in Kana willst, drückst Du noch ein­mal die Leer­taste und bekommst dann eine Auswahl von Schrei­bun­gen mit der von Dir eingegebe­nen Lesung. Dabei sind immer auch die Kana. Wenn Du diese Auswahl gar nicht haben möcht­est, drückst Du ein­fach “Enter” vor dem näch­sten Leerze­ichen.

    Du kannst das Tas­taturlay­out mit­ten im Text umstellen, d.h. Du schreib­st ein japanis­ches Wort, dann wählst Du “DE” aus und schreib­st auf Deutsch weit­er.

    Lass mich wis­sen, ob es klappt! Und viel Spaß in Japan!

  3. Ichundso

    Schön­er Blog, ich lese mich ger­ade durch diverse Beiträge!

    Kleine Kor­rek­tur am Rande: kon­nichi­wa wird nor­maler­weise こんにちは geschrieben, also in Hira­gana und nicht in Kan­ji. In Kan­ji ist mir das bish­er eigentlich nur von übereifrigen Japanis­chler­nen begeg­net, die gerne dazu neigen, Kan­ji bis aufs Let­zte auszureizen.

  4. Kristin Beitragsautor

    Danke für Lob und Hin­weis!
    Ich habe die Kan­jis­chreib­weise aus dem WWWJDIC über­nom­men, weil ich selb­st lei­der nie beson­ders weit mit dem Kan­jil­er­nen gekom­men bin. Defin­i­tiv nicht in das Sta­di­um, in dem ich gel­ernt hätte, wo man’s nicht so streng nehmen muss 😉

  5. Ichundso

    Ich beziehe meine Infos da lediglich aus Erfahrung (nachgeschla­gen, was Lexi­ka da sagen, habe ich nie), habe mehrere Jahre in Japan gelebt und mache da hof­fentlich dem­nächst meinen Dok­tor. Ich kann jeden­falls nur sagen, daß ich mich nicht daran erin­nern kann, kon­nichi­wa jemals in Kan­ji gese­hen zu haben. Was nicht heißt, daß es nicht vorkommt, son­dern nur, daß es wohl sehr sel­ten ist. Das gilt übri­gens für all die tageszeit­en­be­zo­ge­nen Gruß­formeln; nur bei おやすみ kann ich mich entsin­nen, das hier und da mal in Kan­ji gese­hen zu haben.

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