Häppscher und andere Kleinigkeiten

Vor einiger Zeit habe ich über Kuriositäten wie Kinderlein und Häusercher spekuliert. Das sind For­men, bei denen trotz Verkleinerung ein Plur­al gebildet wird. In Mainz ist man bei solchen Späßen voll dabei:

Meenzer Häppscher

Süpp­sch­er als Meen­z­er Häpp­sch­er

Wo es im Stan­dard­deutschen das Häppchendie Häppchen heißt, die Endung -chen bei der Mehrzahlbil­dung also unverän­dert bleibt, sagt man auf Rhein­hes­sisch ‘s Häppsche(n) die Häppscher.

Ob und wie der Plur­al bei Verkleinerungs­for­men (“Diminu­tiv­for­men”) markiert wer­den kann, hängt vom Dialekt ab. Dazu habe ich euch mal eine bunte Karte gebastelt, die für die hochdeutschen Mundarten die For­men für Apfel­bäum­chen im Plur­al zeigt:

Grund­lage: Wenker-Karte 381 (Apfel­bäum­chen Nom. Pl.)

Die Dat­en stam­men aus dem dig­i­tal­en Wenker-Atlas, sie geben also den Stand Mitte/Ende des 19. Jahrhun­derts wieder und gel­ten nur für das Beispiel­wort Apfel­bäum­chen – bei anderen Wörtern kön­nen die Gren­zen anders ver­laufen.

Okay, genug gedis­claimert, was zeigt die Karte? Im Süden und in Teilen Ost­mit­teldeutsch­lands wer­den Verkleinerungs­for­men mit einem l-halti­gen Suf­fix gebildet. Da gibt es -le, -la, -li, -el und -(er)l, die ich hier ignoriere. In West- und dem Rest Ost­mit­teldeutsch­lands herrschen ch-haltige For­men vor. Und eben diese haben einen sehr viel­seit­i­gen Umgang mit dem Plur­al entwick­elt:

Gruppe 1: Mehrzahl braumer nüsch!

Hier ver­hält sich das Suf­fix so wie im Stan­dard auch, nur die Aussprache vari­iert. So find­en sich -che und -chen und natür­lich auch -sche und -schen. Auf der Karte ist das Gebi­et gelb markiert und umfasst haupt­säch­lich Ost­mit­teldeutsch­land. Nach Schir­mun­s­ki (1962:479) liegt hier noch ein älter­er Sprach­stand vor.

Dass die Null­markierung auch die Strate­gie der Stan­dard­sprache ist, ist kein Wun­der, den sie hat sich, so Schir­mun­s­ki, aus dem Ost­mit­teldeutschen in die Schrift­sprache aus­ge­bre­it­et. Für die west­lichen sche-Inseln kann er sich schrift­sprach­lichen Ein­fluss vorstellen.

Gruppe 2: Wörter ohne Plural? Schnabbsidee!

Dieses Gebi­et will eine ein­deutige Markierung und benutzt dazu -er. Auf der Karte ist es hell­rot markiert.

Hier gibt es nun zwei Split­ter­grup­pen. Bei­de wollen nicht so recht dem fol­gen, was man son­st für “nor­mal” hält:

2a doktert am Suffix rum …

Ebbel­baim-sche Ebbel­baim-scher

  • Regel­haft: Die Plu­ral­en­dung ste­ht ganz am Ende.
  • Aaaaaber: Sie erset­zt einen Teil des Suf­fix­es, statt darauf zu fol­gen (ganz reg­ulär wäre sowas wie *Ebbel­baim-chen-er).

Das ist das west­liche hell­rote Gebi­et. Ein paar Inter­net­beispiele:

damit die grüne männsch­er un mei ellies nix merken will ich mir nen dzb mit bremshe­bel­code din­gens ein­bauen (lassen) (Mann, Quelle)

Die dritte Folge der schon leg­endären “Sticksch­er von hier un anner­swo”. (Stück, Quelle)

aber jet­zt wer­den vor­läu­fig keine blim­sch­er mehr gepflückt, jet­zt wer­den schnee­bälle gerollt (Blume, Quelle)

… und 2b suffigiert eine Pluralform

Ebbel­baim-sche Ebbel­baim-er-sche

  • Regel­haft: Die Plu­ral­en­dung ste­ht zusät­zlich (und ihr entspricht im Sin­gu­lar “nichts”).
  • Aaaaaber: Sie ste­ht vor dem Diminu­tiv­suf­fix und damit an einem höchst ungewöhn­lich­er Platz. Dass sie den­noch zum Suf­fix gehört, zeigt z.B. Hüter­sche (s.u.): Die Ein­zahl ist Hut, die Mehrzahl wäre Hüte bzw. dialek­tal sowas wie Hiit. Es wird also nicht die Mehrzahl des Aus­gangswortes genom­men, son­dern eine Ein­heitsmehrzahl mit -er, die vom Diminu­tiv­suf­fix abhängig ist.

Das ist das östliche hell­rote Gebi­et. Und im Inter­net:

Wenn mehr als äin­er bis zum See kimmt dann trete dej dej des geschafft hawe noch ma met den dickere Stück­er­sche gejeenan­er a. (Stück, Quelle)

Also, es Häus­je, oder es Häusi, hat man früher gesagt, und das Mädi, das Mäd­sche, und heute sagt man dann Häus­je, Mehrzahl dann, Häuser­sche, Mäder­sche, Räder­sche, Hüter­sche. (Haus, Mäd­chen, Rad, Hut, Quelle)

Gruppe 3: Sische is sische!

Gruppe 3, das dunkel­rote Gebi­et, vere­int die Irreg­u­lar­itäten von 2a und 2b und geht ganz sich­er:

Ebbel­baim-sche Ebbel­baim-er-scher

Inter­net­beispiele waren hier super­schw­er zu find­en, ich war nur für Kind erfol­gre­ich:

Ei, die Kin­ner­sch­er kriehe halt im Alter von 6/7 Jahren Wack­elzähne — und sind TOTAL STOLZ drauf 🙂 (Quelle)

Liebe Griehs, aach on die Kin­ner­sch­er (Quelle)

Dieses Dop­pelplu­ral­ge­bi­et schwankt ziem­lich. Für die Apfel­bäum­chenkarte liegt Mainz drin, aber die Beispiele von der Speisekarte zeigen nur die Vari­ante 2a (Häpp-sch­er, Süpp-sch­er und – nicht im Bild – Schnitzel-sch­er).

Es ist zwis­chen 2a und 2b zu find­en und eine nahe­liegende Erk­lärung für die Dop­pel­markierung wäre damit der Kon­takt der bei­den Gebi­ete: Die Mod­i­fika­tion von -chen zu -cher durch west­lichen Ein­fluss, das vor­ange­hende -er- durch östlichen Ein­fluss. Ich find’s plau­si­bel, habe aber keine Quelle dafür. Schwächend für mein Argu­ment wirkt allerd­ings das Lux­em­bur­gis­che, das eben­falls den Dop­pelplur­al benutzt und ganz im West­en liegt. Es muss also wohl eine ela­bori­ert­ere Erk­lärung her.

So, das soll’s gewe­sen sein mit dem großen Diminu­tivexkurs. Zumin­d­est für heute.

5 Gedanken zu „Häppscher und andere Kleinigkeiten

  1. Jan

    Schön­er Beitrag! Aber wenn ich kurz ein­hak­en darf: Diese dop­pelte Plu­ral­markierung müsste doch eigentlich die Form nehmen, die das Wort ohne Diminu­tiv ver­langt. “Ebbel­baim-er-sch­er” kommt mir deshalb etwas selt­sam vor. “Ebbel­baim” ist doch schon Plur­al. -er-sch­er würde ich eher bei Wörtern mit -er-Plur­al erwarten, aber wed­er bei Häp­pchen, Schnitzel oder Sup­pen.

    Bilder­sch­er gibts im Netz, aber mehr hab ich jet­zt auch nicht gefun­den. So’n ersch­er. 😉

  2. Kristin Beitragsautor

    Hal­lo Jan,
    ja, dachte ich auch erst.
    Laut Deutschem Sprachat­las aber eben nicht, es müsste invari­abel -erche® nehmen. Aber wie gesagt, ich kann mir vorstellen, dass es da sehr viel räum­liche Vari­a­tion gibt und frage mich auch, ob es wirk­lich für alle Flex­ion­sklassen funk­tion­iert.
    Ver­gle­iche auf jeden Fall die Vögelchen-Karte (486), das Pfälzis­che Wörter­buch gibt hier als nor­malen Plur­al von Vogel Veel, Vochel, Vechel, den­noch tritt in einem kleinen Gebi­et -ercher/-erche an.

  3. Jan

    Hi Kristin, hmm, inter­es­sant! Vie­len Dank für die Antwort. Ich hätte schwören kön­nen, dass es sowas nicht gibt, jet­zt hab ich mir das die let­zten Tage durch den Kopf gehen lassen, mit dem Erfolg, dass meine Intu­ition futsch ist. Ins­beson­dere die “Hüter­sch­er” hab ich ja für ne Erfind­ung dieses Inter­view­part­ners in der ver­link­ten Quelle gehal­ten. Mit­tler­weile hat mir ein Frank­furter “Infor­mant” aber sog­ar das bestätigt. Auch wenns heute wohl nicht mehr so gebräuch­lich ist. Aber möglicher­weise (geb nicht ganz auf 😉 ) gilt das nicht für alle Flex­ion­sklassen.

  4. von Karnstein

    Ich komme aus dem Lah­n­tal (etwa eine Auto-Stunde nördlich von Mainz), und kann die For­men aus dem dunkel­roten Gebi­et zumin­d­est für die Gen­er­a­tion mein­er Eltern bestäti­gen (habe ger­ade nur meinen Vater im Hin­terkopf, 60+, spreche selb­st keinen Dialekt).

    Bei uns heißt es ganz reg­ulär:
    Der “Baam” [ba:m], die “Beem” [be:m]
    Aber eben mit Diminu­tiv­suf­fix:
    Das “Beem­sche” [be:mʒə], die “Beemer­sch­er” [be:mæʒæ]

    Klein­er Schwank am Rande:
    Bei uns geht der Lokalpa­tri­o­tismus übri­gens sog­ar so weit, dass eine Straße im Neubauge­bi­et meines Heimat­dor­fes “Die grü­nen Stücker” heißt (obwohl es ander­er­seits kon­se­quent dann “grüne” oder bess­er “griene” hätte heißen sollen, aber naja… ^^).

  5. Kristin Beitragsautor

    Ja, Straßen­na­men scheinen sowas ab und an mal zu haben. Dabei wird dann die Lau­tung ver­hochdeutscht, aber dialek­t­typ­is­che Endun­gen (also die Mor­pholo­gie) wer­den beibehal­ten.
    Hier habe ich ja auch mal auf die Gemarkung „Auf den Häuserchen“ ver­wiesen.
    Wäre span­nend, da die genauen Entschei­dung­sprozesse nachzu­ver­fol­gen.

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