Fremde Wörter, fremde Schrift

Beim Stöbern in alten Druck­en stößt man immer mal wieder auf inter­es­sante Dinge. Recht bekan­nt ist ja die funk­tionale Schrif­tar­ten­teilung:

Während gebroch­ene Schriften für den deutschen Text einge­set­zt wur­den, wur­den in vie­len Druck­en Anti­quaschriften (unsere heutiger Nor­mal­fall) für Fremd­wörter benutzt. Ein willkür­lich gewähltes Beispiel:

… im Col­lo­quio zu Leipzig … (1559)

Schon span­nen­der wird es, wenn man sich anschaut, wo die Gren­zen der Fremd­wort­markierung ver­laufen: Was der eine Druck­er klar erken­nt, ist für den anderen nicht weit­er bemerkenswert. So ste­hen hier zwei Fremd­wörter nebeneinan­der, von denen nur das erste (Inter­ims) als solch­es markiert wurde, während pub­li­ca­tion (oder auch in der Zeile drüber Adi­apho­ris) unmarkiert bleibt:

… erst nach des Inter­ims pub­li­ca­tion vorgenom­men wor­den … (1559)

In diesem Text hinge­gen wurde sat­is­fac­tion ‘Befriedi­gung’, das dem sel­ben lateinis­chen Muster fol­gt, klar her­vorge­hoben:

… als in welchem Buche du völ­lige sat­is­fac­tion find­en würdest. (1712)

Inter­es­sant auch, dass hier der flämis­che Name Ver­heyen eben­falls als fremd markiert wird. (Sein Buch, von dem im Tex­tauss­chnitt die Rede ist, ist in der deutschen Über­set­zung hier zu find­en, der Herr ist dieser.)

Am besten sind aber die haarspal­ter­ischen Druck­er. Das sind die, die bemerk­ten, dass an einem Fremd­wort ja nicht alles fremd ist: Man ver­schafft ihm doch oft deutsche Endun­gen. Und die dann die Anti­quaschrift auch nur dem frem­den Bestandteil zuge­s­tanden. Das wurde z.B. in diesem Druck des Sim­pli­cis­simus gemacht. Gle­ich auf der ersten Seite geht es um einen Vagan­ten. Der kommt vom lateinis­chen vagāns, vagan­tēs. Die Plu­ral­bil­dung mit -en ist damit nicht über­nom­men, son­dern entstammt ein­er deutschen Dek­li­na­tion­sklasse. Fol­gerichtig set­zte der Druck­er:

Die Beschrei­bung deß Lebens eines seltza­men Vagan­ten / genant Mel­chior Stern­fels von Fuchshaim / …

Das geht dann munter so weit­er. Neben deutschen Plu­ralen wie

Exerci­ti|en, Stu­di|en, Mate­ri­ali|en (lat. māter­iālia), Scher­giant|en (frz. serg(e)ant, wohl bee­in­flusst vom deutschen Scherge)

gibt es auch eine Menge Funde in der Wort­bil­dung (das Anti­qua-Ele­ment ist immer fett), z.B.:

Natür­lich kom­men auch Fälle vor, in denen ein Wort frem­den Ursprungs den­noch gebrochen geset­zt wurde, so Crea­tur, Cav­al­li­er, regierte, wahrschein­lich wur­den sie als weniger fremd wahrgenom­men. Dass ein deutsches Ele­ment in die Anti­qua inte­gri­ert wird, ist sel­tener, aber ein­mal habe ich den Gen­i­tiv deß Gou­verneurs gefun­den, ein­mal den Kon­junk­tiv com­mandire.

In anderen Tex­ten stoßen die Druck­er oft auf Schwierigkeit­en, wenn ein Sub­stan­tiv stärk­er inte­gri­ert wurde. Das ist in diesem Text nicht der Fall, es wird max­i­mal zum deutschen Plur­al gegrif­f­en, die Kasus­flex­ion im Sin­gu­lar bleibt aber immer lateinisch oder fällt völ­lig weg, sodass kein Schrif­tarten­wech­sel vorgenom­men wer­den muss:

  • Gen­i­tiv: Deß Aben­theurl. Sim­pli­cis­si­mi (o-Dek­li­na­tion, Sim­pli­cis­simus)
  • Dativ: … Andacht / die son­st einem Reli­gioso zuständig … (o-Dek­li­na­tion mit sub­stan­tiviertem Adjek­tiv reli­gio­sus)
  • Akkusativ: … und bedeck­et mit des Baums Aesten ganz Europam. (a-Dek­li­na­tion, Europa)
  • Voka­tiv: … O du unglück­seliger Sim­pli­ci! (o-Dek­li­na­tion, Sim­pli­cius)

Die Zweit­eilung wurde allerd­ings meines Wis­sens schon vor der völ­li­gen Auf­gabe gebroch­en­er Schriften nicht mehr genutzt, außer man zitierte fremd­sprachige Pas­sagen. Wann genau sie endete, kann ich aber auf­grund mein­er Beobach­tun­gen lei­der nicht sagen.

Eine ähn­liche Schrif­tar­ten­teilung gibt es übri­gens im Japanis­chen: Fremd­wörter (außer chi­ne­sis­che) wer­den in Katakana geschrieben. So zum Beispiel in diesem Satz aus dem japanis­chen Wikipedi­aein­trag zu Fußball:

フットボール比較して、手使用極端制限されるという特徴がある

Während die (sino)japanischen Inhaltswörter in Kan­ji (schwarz) und die gram­ma­tis­chen Endun­gen und Par­tikeln in Hira­gana (blau) geschrieben wer­den, nutzt man für das Fremd­wort fut­to­booru (von engl. foot­ball) Katakana (orange). (In dem Satz geht es ganz grob darum, dass das Beson­dere am Fußball ist, dass man die Hände kaum benutzen darf.)

Heute set­zt man im Deutschen ja gele­gentlich als fremd wahrgenommene Ele­mente kur­siv, wäre sich­er span­nend, sich mal anzuschauen, welche Aus­maße das eigentlich hat.

Quellen:

  • Der Aben­theurliche Sim­pli­cis­simus Teutsch/ Das ist: Die Beschrei­bung deß Lebens eines seltza­men Vaganten/ genant Mel­chior Stern­fels von Fuchshaim … / Ger­man Schleifheim von Suls­fort. — [Online-Ausg.]. — Mon­pel­gart [i.e. Nürn­berg] : Fil­lion [i.e. Felseck­er], 1669.
  • Gründlich­er vnd warhafftiger Bericht aller Rath­sch­leg vnd antwort … Wit­ten­berg: Georg Rhau, 1559.
  • Warhaffte und gründliche C u r aller dem Men­schlichen Leibe zus­tossenden Kranck­heit­en … Straßburg: Dulßeck­er, 1712.

9 Gedanken zu „Fremde Wörter, fremde Schrift

  1. Michael Allers

    Zuerst mal ein dick­es Lob für das super-über­sichtliche und dadurch ver­ständ­nis­fördernde Lay­out in diesem Blog. 🙂
    Nur über einen Begriff bin ich hier kurz gestolpert:

    Was der eine Druck­er klar erken­nt, …

    Mit ‘Druck­er’ assozi­iert Men­sch 2.0 das omnipräsente PC-Periph­eriegerät, weswe­gen mir auf Anhieb ‘fehlen­der Font’ durch den Kopf schoss. Vielle­icht wäre ‘Schrift­set­zer’ hier der bessere Aus­druck?

    Grund­sät­zlich halte ich nichts davon, (ver­meintlich) fremd­sprach­liche Wörter in einen anderen Schrift­typ zu set­zen.
    a) Es ist, wie richtig beschrieben, hochgr­a­dig sub­jek­tiv, was man als Fremd­wort empfind­et.
    b) Es behin­dert den Lese­fluss; man über­legt spon­tan, ob und ggfs. warum ein kur­siv gedruck­tes Wort einem nun fremd vorkom­men sollte oder auch nicht.

  2. Steffi

    Hi zusam­men,

    zuerst mal muss ich Michel Allers bei den ersten zwei Absätzen seines Posts recht­geben.
    Zitat“Am besten sind aber die haarspal­ter­ischen Druck­er.”
    Die haben vielle­icht ihren Traumjob nicht machen dür­fen (z.B. eine Arbeit hier, war ein­fach nix mehr frei). Jet­zt ver­wirren sie die Leser_innen mit ihren Inter­pre­ta­tio­nen. Eigentlich schade 🙁

  3. Achim

    Och, bei einem Text, der mit den Worten “beim Stöbern in alten Druck­en” anfängt, denke ich eigentlich nicht an die dig­i­tale Welt… Und an die geson­derte Ausze­ich­nung von Fremd­wörtern kann man sich gewöh­nen; ich kenne das von früher, wenn ich in Frak­tur geset­zte Kinder- und Jugend­büch­er mein­er Eltern gele­sen habe, in denen fremd­sprach­liche Wörter oder Äußerun­gen in Anti­qua geset­zt waren. Mit ein biss­chen “Warm­laufen” fällt einem das gar nicht mehr auf.

  4. knufflon

    sehr inter­es­sant, wieder was neues gel­ernt 🙂

    allerd­ings muss ich zugeben, ich war auch anfangs ver­wirrt, da ich eher an ein druck­gerät dachte. mir ist ger­ade bewusst gewor­den, dass ich es ähn­lich mache, wenn ich hausar­beit­en schreibe. fremd­wörter setz ich da erst­mal kur­siv (oder sagen wir eher ungeläu­fige fachter­mi­ni, son­st würde eine lin­guis­tis­che arbeit fast auss­chießlich kur­siv geschrieben sein).

  5. Pingback: blogspektrogramm, die siebte (oktober 2011) « lexikographieblog

  6. Kuli

    Ein schön­er Artikel! Es ste­ht auch gle­ich am Anfang dass in “vie­len” Druck­en Fremd­wörter in Anti­qua geset­zt wur­den. Als Beispiel für einen anderen Fall, wo alles in Frak­tur geset­zt wurde, fällt mir ein Buch aus den zwanziger Jahren ein, das ich als Jugendlich­er mal gele­sen habe. Dort war sog­ar der Hin­weis im Klap­pen­text “Copy­right by…” in Frak­tur geset­zt, was ziem­lich lustig aus­sah. Dage­gen gab es einzelne Beispiele in Anti­qua; lei­der weiß ich nicht mehr, was genau.

  7. Christina

    Klasse Artikel.
    Ich möchte nur anfü­gen, dass im Japanis­chen bei der Aussprache von Kan­ji bzw. deren Ver­schriftlichung nach deren japanis­chen bzw. sino­japanis­chen Wurzeln unter­schieden wird.
    In Wörter­büch­ern find­et man die ursprünglich aus dem Chi­ne­sis­chen über­nommene Lesung in Katakana (v.a. Kanji+Kanji) und Lesun­gen japanis­chen Ursprungs in Hira­gana (v.a. Kanji+Hiraganaendung). Bei ersteren han­delt es sich um Fremd­worte, die mit der Schrift aus Chi­na ins Japanis­che über­nom­men wur­den, bei let­zterem um japanis­che Worte, die nach der Ein­führung der chi­ne­sis­chen Schrift mit einem bedeu­tungs­gle­ichen oder bedeu­tungsähn­lichen Kan­ji geschrieben wur­den. Daher haben japanis­che Kan­ji je nach Zusam­men­hang unter­schiedliche Lesun­gen, was deren Erler­nen zusät­zlich erschw­ert.
    Darüber­hin­aus gibt es dann noch den Son­der­fall der Koku­ji — Kan­ji die in Japan entwick­elt wur­den -, deren Aussprache in Hira­gana ver­schriftlicht wird.

  8. Christoph Päper

    Dass manch Set­zer für die deutschen Endun­gen die gebroch­ene Schrift beibehielt, war mir neu.
    Ich frage mich nun aber, ob es umgekehrt in den anderen europäis­chen Schrift­sprachen üblich war, deutsche Wörter in Frak­tur zu schreiben.

  9. lukas

    Anscheinend war es das (T. Kamusel­la, “The Pol­i­tics of Lan­guage and Nation­al­ism in Cen­tral Europe”, Seiten­zahl auf Anfrage, habe das Buch ger­ade nicht zur Hand). Deutsche Wörter und Wörter aus anderen Sprachen, die üblicher­weise in Frak­tur geset­zt wur­den, wur­den auch inner­halb eines Anti­quasatzes, etwa auf Franzö­sisch oder Latein, in Frak­tur geset­zt. Das muss aber ein seltenes Phänomen gewe­sen sein, denn diese Sprachen haben nur sehr wenige deutsche Wörter entlehnt (von böh­mis­chen, litauis­chen, dänis­chen etc. ganz zu schweigen.)

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