Nicht zu retten: das Wort des Jahres

Von Anatol Stefanowitsch

Die Gesellschaft für Deutsche Sprache hat eine sehr gemis­chte Nachvol­lziehbarkeits­bi­lanz, wenn es um das Wort des Jahres geht. Die Kri­te­rien, die ein Wort zu einem Anwärter um diesen Titel machen, beschreibt die Gesellschaft so:

Aus­gewählt wer­den Wörter und Aus­drücke, die die öffentliche Diskus­sion des betr­e­f­fend­en Jahres beson­ders bes­timmt haben, die für wichtige The­men ste­hen oder son­st als charak­ter­is­tisch erscheinen („ver­bale Leit­fos­silien“ eines Jahres). Es geht nicht um Worthäu­figkeit­en. Auch ist mit der Auswahl keine Wer­tung bzw. Empfehlung ver­bun­den. [Web­seite der GfdS]

Um Wort des Jahres zu wer­den, soll ein Wort also ein­er­seits im laufend­en Jahr „wichtig“ und „charak­ter­is­tisch“ gewe­sen sein, gar die „öffentliche Diskus­sion … beson­ders bes­timmt haben“, auf der anderen Seite muss es aber nicht beson­ders häu­fig gewe­sen sein.

Ein ana­lytisch denk­ender Men­sch kön­nte da einen gewis­sen Wider­spruch erken­nen, und dieser Wider­spruch würde auch erk­lären, warum die Wörter des Jahres von milde inter­es­sant (Teu­ro [2002], Stresstest [2011], Hartz IV [2004]) über milde triv­ial (Finanzkrise [2008], Kli­makatas­tro­phe [2007]) bis mildes Kopf­schüt­teln aus­lösend (Wut­bürg­er [2010], Das alte Europa [2003]) reichen.

Aber, und ich will da gar nicht lange um den heißen Brei herum­re­den, selb­st bei ein­er an dieses Wörter­wirrwar angepassten Erwartung­shal­tung kann ich das Gefühl, das mich beim diesjähri­gen Siegerwort erfasst, nur als „nicht ein­mal fas­sungs­los“ beze­ich­nen. Die Jury selb­st scheint zu ahnen, dass sie da eine merk­würdi­ge Wahl getrof­fen hat, denn auch in der Pressemit­teilung wieder­holt sie noch ein­mal, dass „[n]icht die Häu­figkeit eines Aus­drucks“ entschei­dend sei, son­dern „seine Sig­nifikanz bzw. Popularität“.

So, wie beim Wort Ret­tungsrou­tine, halt:

Dieses Wort spiegelt nicht nur das schon seit eini­gen Jahren dauer­haft aktuelle The­ma der insta­bilen europäis­chen Wirtschaft­slage wider, son­dern beschreibt zudem die zahlre­ichen und wiederkehren­den Maß­nah­men, die bish­er zur Sta­bil­isierung unter­nom­men wur­den. Sprach­lich inter­es­sant ist die wider­sprüch­liche Bedeu­tung der bei­den Wortbe­standteile: Während eine Ret­tung im eigentlichen Sinn eine akute, ini­tia­tive, aber abgeschlossene Hand­lung darstellt, bein­hal­tet Rou­tine – als Lehn­wort aus dem Franzö­sis­chen – eine wiederkehrende, wenn nicht gar auf Dauer angelegte und auf Erfahrun­gen basierende Entwicklung.

Ich meine, es ist ja das gute Recht der Jury, sich nicht an Vorkom­men­shäu­figkeit­en zu binden, aber.

Aber.

Ein Wort, das im Deutschen Ref­eren­zko­r­pus des Insti­tuts für Deutsche Sprache genau einen Tre­f­fer hat? Und das in der Schweiz­er Tageszeitung St. Galler Tag­blatt? Aus dem Jahr 2001? In einem Zusam­men­hang, der so gar nichts mit der Bedeu­tung zu tun hat, mit der die Gesellschaft das Wort ver­sieht? Nämlich:

Ist der Zusam­men­stoss unver­mei­dlich, kön­nte eine Früherken­nung zumin­d­est das Ver­let­zungsrisiko der Pas­sagiere min­dern. Denn heute starten Sicher­heitssys­teme wie Airbag oder Gurt­straf­fer ihre Ret­tungsrou­tine erst, wenn sich die Kon­tra­hen­ten tat­säch­lich berühren und die Sen­sorik eine bedrohliche Sit­u­a­tion erkan­nt hat. [St. Galler Tag­blatt, Das sehende Auto, 9.11.2001]

Ein Wort, das selb­st der Spiegel im gemein­samen Archiv von Print und Online nur ein einziges Mal find­et? Und zwar eben­falls in einem Zusam­men­hang, der keinen Bezug zu Wirtschaft und Sta­bil­isierung hat? Nämlich:

1614 Ein­sätze fuhren die Nothelfer let­ztes Jahr, ret­teten dabei 1933 Men­schen, holten ver­let­zte Mas­chin­is­ten von Frachtern und klaubten im Sturm Män­ner von Bohrin­seln. … Häu­fig find­et die Ret­tungsrou­tine im tück­ischen Bran­dungs­bere­ich statt, bei hohen Grund­seen und mit nur weni­gen Metern Wass­er unter dem Kiel. [Der Spiegel, Sie rauschen weit­er, bis es böse knallt, 15.9.1975]

Ein Wort, für das sich nur mit Mühe über­haupt rel­e­vante Tre­f­fer find­en lassen, die nicht mit der Wörter­wahl selb­st zusam­men­hän­gen? Ein Wort, das haupt­säch­lich in einem ein­samen Zitat des CDU-Poli­tik­ers Wolf­gang Bos­bach über­liefert ist? Nämlich:

Bos­bach hat schon mehrfach gegen Ret­tungs­maß­nah­men ges­timmt. Den­noch rech­net er mit ein­er klaren eige­nen Mehrheit der Koali­tion im Par­la­ment: „Alleine der Umstand, dass die EFSF noch einige Jahre par­al­lel läuft zum ESM, wird nicht dazu führen, dass die Regierung keine eigene Mehrheit bekommt“, sagte er. Bos­bach beklagte „eine Art Ret­tungsrou­tine“, die sich bei den Euro-Hil­fen eingestellt habe. [dpa, zit. laut. Wirtschaftswoche, 28.3.2012]

Einem Zitat, das, wie die dpa in ihrer Mel­dung fest­stellt, die einzige Fund­stelle ist, die sie für das Wort in den „470 000 Artikeln, die alle deutschsprachi­gen Dien­ste der Nachricht­e­na­gen­tur dpa dieses Jahr bis zum Don­ner­stag ver­bre­it­eten“ find­en kann?

Wenn dieses Wort „pop­ulär“ und „sig­nifikant“ ist, dann mehr so im Stillen und gut ver­steckt vor der deutschen Sprachge­mein­schaft. Wenn es „öffentliche Diskus­sion des betr­e­f­fend­en Jahres beson­ders bes­timmt“ hat, dann muss das unter Auss­chluss der Öffentlichkeit geschehen sein. Wenn es „charak­ter­is­tisch“ ist, dann in dem Sinne, in dem Del­phine charak­ter­is­tisch für die Sahara sind.

Das ist kein „ver­bales Leit­fos­sil“, das ist eine ver­bale Zufallsmu­ta­tion, die es kaum aus der Mund­höh­le her­aus geschafft hat, in der sie geschlüpft ist. Wenn es den Wet­tbe­werb „Das bedro­hte Wort“ noch gäbe, man würde aufgeregt her­beieilen, denn ein der­art seltenes Wort hat man selb­st dort mit viel Mühe nie find­en können.

Um ein Wort zu find­en, das es noch weniger ver­di­ent, Wort des Jahres zu wer­den, wird die Gesellschaft für deutsche Sprache den Sieger im näch­sten Jahr gle­ich selb­st erfind­en müssen. Vielle­icht Wörter­wahlfälschung. Oder Sig­nifikanzver­bot. Oder Pop­ulärm (wie in Viel Pop­ulärm um Nichts).

16 Gedanken zu „Nicht zu retten: das Wort des Jahres

  1. Thomas

    Die ger­ade oben bei News ste­hen­den FAZ-Artikel sind ganz nett 🙂 Lün­berd­ing: toll! – Schip­per: häh?

    Das mit Aktion­sart / tem­po­raler Struk­tur / … sollte auch nochmal jemand der GfDS erläutern. Wie „ambiva­lent“, punk­tuelle Ereignisse in einen länger­fristi­gen Rah­men zu setzen …
    Vielle­icht ist das ja doch eher ein medi­ales Exper­i­ment dazu, wer das wie übernimmt.

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  2. Uschi Müller

    Sehr schön kom­men­tiert! Meine erste Reak­tion war auch: noch nie gehört oder gele­sen! Übri­gens eben­sowenig wie das Wort auf PLatz zwei: Kanzlerpräsidentin.… 

    Der Elfen­bein­turm, in dem die Gesellschaft für deutsche Sprache haust, scheint schon extrem hoch zu sein.

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  3. Mettwurstballett

    Ich kann mir leib­haftig vorstellen, wie die Mit­glieder der Gesellschaft für deutsche Sprache — gni­hi — sich alljährlich zusam­men­tr­e­f­fen, um ordentlich einen zu zwitsch­ern. Gut angetütert wer­den dann die Kor­po­ra und Zeitungsarchive gewälzt, um die obskursten Fund­stücke auszusuchen (Die meis­ten anderen “Wörter des Jahres” sind ja auch sehr — äh, inter­es­sant http://www.gfds.de/presse/pressemitteilungen/141212-wort-des-jahres-2012/ ). Zum Abschluss der Sause wird noch eine Pressemit­teilung zurecht­ge­lallt. Immer­hin, so bleibt mir noch die Hoff­nung, dass “Met­twurst­bal­lett” näch­stes Jahr gekürt wird. Obwohl das Wort ver­mut­lich schon zu bekan­nt ist.

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  4. Hanns-Lutz Opperman

    ergänzend: Rou­tine kann mit Trott über­set­zt wer­den, also Ret­tungstrott und dann ist es auch nicht mehr weit bis zum Trot­tel, gibt es das Verb dazu trot­teln oder gar vertrot­tel; anson­sten danke für den klaren Kommentar.

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  5. creezy

    Mein Gedanke als ich von der Wahl hörte, »das ist neu, ein Wort zu wählen, dass noch nie jemand gehört denn aus­ge­sprochen hat – wer also kein passendes schick­es Wort find­et, erfind­et dann halt eines.«

    Prob­lem: Die Jury lei­det mas­siv an Größen­wahn und Real­itäts­ferne. Lösung: Austauschen.

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  6. Lupino

    Ich fürchte, du hst da was missver­standen: „Wörter und Aus­drücke, die die öffentliche Diskus­sion des betr­e­f­fend­en Jahres beson­ders bes­timmt haben“ bedeutet, dass die Entschei­dung der Jury stets für Diskus­sio­nen im Wahl­jahr sor­gen wird und das Wort oder der Aus­druck daraufhin relevent wird. Oder so…

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  7. Max

    Ich weiss gar nicht was ihr habt. Das Jahr ist noch nicht rum und bis zum Jahre­sende wer­den noch einige Artikel dazu geschrieben.

    Ins­ge­samt finde ich das Wort aber sehr schön, denn es beschreibt wie aktuell mit den Ret­tungsak­tio­nen umge­gan­gen wird. Es ist Rou­tine gewor­den — alltäglich.

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  8. Sophia

    Auf der Suche nach…[janz watt Anderem]…kam ich eben auf die Duden-Online-Seite:
    http://www.duden.de/

    und fand dort unter “Aktuelle Mel­dung” das Wort des Jahres 2012, neb­st Jochen A. Bärs Begrün­dung für die (seine) Wortwahl:
    http://www.duden.de/sprachwissen/sprachratgeber/wort-und-unwort-des-jahres-in-deutschland#wdj_2012

    Der läng­ste Absatz in dieser Erk­lärung ist ein poli­tis­ches State­ment zur “Ret­tungss­chirm­poli­tik” unser­er Regierung und eben­so ein Aus­druck sein­er Skep­sis dieser Poli­tik gegenüber.

    So ist es beileibe kein Zufall, dass das Wort “Ret­tungsrou­tine” auf jenen CDU-Poli­tik­er zurück­ge­ht, der ein beken­nen­der Geg­n­er jen­er aktuellen Europa-Poli­tik ist: Wolf­gang Bosbach.

    Er wird auch als (einzige) Quelle für das Wort “Ret­tungsrou­tine” von Bär genannt:

    Der promi­nen­teste Kri­tik­er war der CDU-Poli­tik­er Wolf­gang Bos­bach. Er beklagte „eine Art Ret­tungsrou­tine“ (Wirtschaftswoche, 28. 3. 2012) bei den Euro-Finanzhil­fen, also einen Automa­tismus, nach dem immer mehr Län­der „an den Finanztropf“ kom­men (FAZ, 5. 5. 2011). Die Befürch­tung: „End­lose Ret­tungsrou­tine mit Deutsch­land als großem Zahlmeis­ter“ (Solinger Tage­blatt, 14. 11. 2012).”

    Wolf­gang Bos­bach will sich aus der Poli­tik (er ist Bun­destagsab­ge­ord­neter) zurückziehen. Auf Face­book gibt es diverse Ini­tia­tiv­en, ihn in der Poli­tik hal­ten zu wollen.
    Herr Bos­bach ist unheil­bar krank. Prostatakrebs.

    Es ist (für mich) arschk­lar, dass Prof. Jochen Bär mit sein­er Wort­wahl für das Wort des Jahres 2012 ein­er­seits ein klares poli­tis­ches State­ment abgeben will und eben­so eine kleine Hom­mage in Rich­tung Wolf­gang Bos­bach schickt.

    Scheint mir (genau­so skan­dalös wie) eindeutig.

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  12. bugsierer

    ich nominiere hier­mit fürs näxte jahr das ein­gangs lancierte und schöne wort “Nachvol­lziehbarkeits­bi­lanz”. falls das prob­leme macht, nominiere ich als ersatz das nicht min­der pfif­fige wort “Nachvol­lziehbarkeit­srel­e­vanz”. wenn auch das den herrschaften zu brüsk reinkommt, ver­suche ich es mit “Geschwurbel­res­o­nanz”.

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  15. Sophia

    Naja, cher TMB, man/frau kann wohl kaum davon aus­ge­hen, dass nur EIN Wort nominiert wird bei einem — wie auch immer geart­eten — Wet­tbe­werb, insofern…

    Das wäre dann wohl doch zu offen­SICHTlich Willkür, wobei die tat­säch­liche Auswahl des Wortes “Ret­tungsrou­tine” [gemäß den selb­staufer­legten Regeln] dur­chaus, äh…‘willkürlich’ erscheint.

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