Sprachbrocken 14/2013

Sich über die Jugend und ihren Sprachge­brauch zu echauffieren, sei den Sprach­nör­glern, Kul­tur­fix­ier­ern und anderen Verän­derungs-verängstigten von Herzen gegön­nt – schließlich haben es schon ihre Großel­tern so gehal­ten, und deren Großel­tern und die Großel­tern der Großel­tern von deren Großel­tern. Aber spätestens wenn er sich unverse­hens dabei ertappt, mit Wladimir Putin ein­er Mei­n­ung zu sein, sollte auch der fanatis­chste Ver­gan­gen­heits­fun­da­men­tal­ist einen Augen­blick innehal­ten und über die gedanklichen Schritte nach­denken, die ihn in diese unan­genehme Sit­u­a­tion gebracht haben. Das ist Edwin Baum­gart­ner von der WIENER ZEITUNG nicht gelun­gen. Putins Gesetz gegen Kraftaus­drücke im Fernse­hen ziele zwar wegen sein­er willkür­lichen Ausleg­barkeit ein­deutig auf eine Zen­sur der öffentlichen Rede ab. Aber angesichts des durch die syn­chro­nisierten Fas­sun­gen amerikanis­ch­er Filme inspiri­erten zotig-vul­gären Sprachge­brauchs der heuti­gen Jugend (wirk­lich, das habe ich mir nicht aus­gedacht) sei es ja Zen­sur zu einem guten Zwecke.

Für ein Gesetz gegen Kraftaus­drücke hat der Vere­in Deutsche Sprache bis­lang nie plädiert (zu gerne zitiert man wohl den anal­fix­ierten – und auch son­st sehr unan­genehmen – imag­inären Über­vater der sprach­lichen Rein­heit, Mar­tin Luther), aber ein Gesetz gegen Anglizis­men käme dur­chaus gele­gen. Bis es soweit ist, behil­ft man sich mit dem Anglizis­menin­dex, mit dessen aktueller Aus­gabe sich eine Pressemel­dung der APA befasst, die sich unter anderem auf DIEPRESSE.COM find­et.1 Anerken­nend wird dort etwa die Alter­na­tive Mixgetränk für das englis­che Cock­tail erwäh­nt, ganz ohne dass es jeman­dem auffiele, dass Mix ja kein biss­chen deutschstäm­miger ist, als Cock oder Tail. Dem Geschäftsstel­len­leit­er des Vere­ins Mut­ter­sprache (ein­er Art öster­re­ichis­chem Schwest­er­vere­in des VDS), Nor­bert Pro­has­ka, gehen die Vorschläge der deutschen Sprach­nör­glerkol­le­gen ohne­hin nicht weit genug. Das Moun­tain­bike würde er gerne als Krax­elfahrrad beze­ich­net sehen (wirk­lich, das habe ich mir nicht aus­gedacht), wo die deutschen Kol­le­gen sich mit der fan­tasielosen Lehnüber­set­zung Bergfahrrad zufrieden geben.

Ganz gegen Geset­ze zur sprach­lichen Rein­heit wäre ver­mut­lich die Schweiz­er Dich­terin Ilma Rakusa, die, wie die BADISCHE ZEITUNG berichtet, ihre acht Sprachen (Ungarisch, Slowenisch, Deutsch, Rus­sisch, Ser­bokroat­isch, Franzö­sisch, Ital­ienisch und Englisch) je nach kom­mu­nika­tiv­er Wet­ter­lage auswählt. Das Rus­sis­che sei eher warm, das Deutsche eher kalt. Englis­che Wörter streut sie ein, wann immer es ihr „Kop­forch­ester“ ver­lange. Welche Tem­per­atur solche Anglizis­men haben, erfahren wir nicht; wir müssen uns deshalb an den Forderun­gen des Vere­ins Deutsche Sprache ori­en­tieren, der sie ja gerne auf 451 Grad Fahren­heit erhitzt sähe (gut, das habe ich mir jet­zt aus­gedacht).

  1. An dieser Stelle stand ursprünglich der Satz „Bis es soweit ist, behil­ft man sich mit dem Anglizis­menin­dex, mit dessen aktueller Aus­gabe sich eine Pressemel­dung der APA befasst, die ORF.AT aus unerfind­lichen Grün­den in der Rubrik ‘Sci­ence’ (was in etwa soviel heißt, wie „Wis­senschaft“) veröf­fentlicht hat.“ Das ORF hat diese Mel­dung aber inzwis­chen gelöscht, möglicher­weise, so spekuliert DASTANDARD.AT, weil derzeit Verbindun­gen zwis­chen dem Vere­in Mut­ter­sprache und recht­sex­tremen Organ­i­sa­tio­nen ver­mutet wer­den. []

9 Gedanken zu „Sprachbrocken 14/2013

  1. Jenny

    Unter Über­set­zern wird Luther eigentlich immer ziem­lich hoch geschätzt, dafür, dass er (vor allem für seine Zeit) eine ziem­lich real­is­tis­che und prax­is­na­he Herange­hensweise bei sein­er Bibelüber­set­zung hat­te, “Sinn für Sinn statt Wort für Wort” und so. Wieso find­est du den denn doof? (Ernst gemeinte, inter­essierte Frage!)

  2. Gerald Fix

    Zum Krax­elfahrrad: Hier sollte man nicht vergessen, dass die Fremd­wort-Jäger in Öster­re­ich (wie auch in Baiern) gegen zwei Goliathe gle­ichzeit­ig antreten müssen: Das Englis­che und das Bore­ale. Let­zteres ist oft der schlim­mere Feind. Umgekehrt gibt es das natür­lich auch, wie man nach­le­sen kann.

  3. Jürgen A.

    Krax­el­rad” täte mir sehr gefall­en, in der (süd­deutschen) Umgangssprache würde es sich sofort heimisch fühlen. Es muss ja nicht gle­ich das Moun­tain­bike aus allen sprach­lichen Reg­is­tern ver­drän­gen. “Krax­elfahrrad” macht lei­der den Vorteil der Kürze zunichte, eben­so das vorgeschla­gene “Bergfahrrad” — warum nicht “Bergrad”?

  4. peer

    Naja der VDS hat ja keine Ahnung von Sprache… Es ist halt ein Stammtis­chvere­in von Leuten, für die ein Anglizis­mus ein Wort ist, an dass sie sich noch nicht gewöh­nt haben. 🙂

  5. Martin B

    Krax­elfahrrad finde ich auch deshalb unpassend, weil man damit doch mehr bergab unter­wegs ist als bergauf. Oder kann man auch bergab krax­eln?

  6. Jürgen A.

    @Martin B

    Natür­lich! Wer raufkrax­elt, muss auch wieder run­terkrax­eln. Da ver­hält sich “krax­eln” so wie “klet­tern”. Belege find­est du leicht per Google; und das Leipziger Wortschat­zlexikon gibt “herunter” als zwei­thäu­fig­ste Kookkurenz von “krax­eln” an (hin­ter “hin­auf”).

    Grüße,
    Jür­gen

  7. gnaddrig

    Der Anglizis­mus im Mixgetränk ist ganz schnell erset­zt: Mis­chgetränk ist genau­so kurz und sagt es noch “deutsch­er”. Ein Mis­chgetränk, der Herr? Ja, ich nehme dann eine Blutige Marie, bitte. Oder vielle­icht doch lieber einen Geschlechtsverkehr am Strand?

    Als Preuße würde ich übri­gens mit Kraxel(fahr)rad fremdeln, und Berg(fahr)rad trifft es auch nicht recht. Wer in der Lüneb­urg­er Hei­de quer­feldein fährt, hat ja bis zum Hor­i­zont keinen Berg, der den Namen ver­di­ent (der Wilseder Berg zählt nun wirk­lich nicht!). Wie wäre es mit Gelände(fahr)rad? Das kann man auch schön abkürzen: GelFa, GF, Gel­rad oder Grad…

  8. Jürgen A.

    @gnaddrig: Ja! Wie kon­nte das Gelän­der­ad eigentlich in Vergessen­heit ger­at­en? In Aachen gibt es sog­ar Moun­tain­bik­er, die ihren Sport in einem “Gelän­de­fahrrad Aachen e.V.” ausüben. Die dacht­en sich wohl auch, Aachen und Berge??

    Ist doch schön, wenn jed­er das Wort find­et, das am besten zu ihm passt.

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