Sprachbrocken 24/2013

Die Überschrift „Sprachreform an der Uni Leipzig: Guten Tag, Herr Professorin“, mit der Spiegel Online die Meldung über das generische Femininum in der Grundordnung der Universität Leipzig versehen hat, hatte ihr Gutes und ihr Schlechtes. Schlecht war, das die deutsche Presse diese Überschrift flächendeckend wörtlich nahm und einer erstaunten Öffentlichkeit mitteilte, dass (männliche) Professoren in Leipzig ab sofort so anzureden seien (das BILDBLOG hat das schön dokumentiert [1], [2]). Gut war, dass die Meldung, und damit auch das Problem sprachlicher Diskriminierung, auf diese Weise ins öffentliche Bewusstsein gelangt ist. Ich sehe die Verantwortung für die Berichterstattung auch gar nicht bei Spiegel Online, sondern bei den Redaktionen, die offenbar gleich nach der Lektüre der Überschrift ihre eigenen Meldungen verfassten, statt weiterzulesen und zu erfahren, worum es wirklich ging.

Keine Verantwortung tragen dagegen die Kolumnist/innen, die dann auf der Grundlage dieser Meldungen hämische und völlig uninformierte Meinungsstücke in ihre Tastaturen hämmerten. Denn anders als etwa Blogger/innen, von denen man eine gewisse Sorgfalt und Fachkenntnis gewohnt ist, muss sich das deutsche Feuilleton ja an eine Selbstverpflichtung halten, die maximale Empörung bei minimaler Zurkenntnisnahme der Realität vorschreibt.

Dagmar Rosenfeld ist auf RP ONLINE vorrangig um den Feminismus besorgt. Der, so findet sie, sollte „nicht im Ideologischen, sondern in der Praxis kämpfen“ – für Kinderbetreuung und eine Frauenquote. Der „Kampf um die richtigen Worte“ sei doch dagegen eine „Petitesse“. Was sie natürlich nicht daran hindert, dieser Petitesse eben eine lange Kolumne zu widmen, in der sie zunächst (natürlich) behauptet, in Leipzig lehre „der Herr Professorin den Herrn Studentin demnächst die Germanistik“ um dann mahnend fortzufahren: „Ja, Sprache ist Macht. Aber Sprachbeugung macht nichts – die gesellschaftlichen und ökonomischen Fakten bleiben trotzdem.“ Worin die Macht der Sprache besteht, wenn deren Veränderung keine Auswirkungen hat, behält sie ebenso für sich wie die Antwort auf die Frage, inwiefern eine Verwendung weiblicher Formen in der Grundordnung die Universität daran hindert, die gesellschaftliche und ökonomische Diskriminierung von Frauen zu bekämpfen. Internet-erfahrene Leser/innen erkennen in ihr den Typus des „Sorgentrolls“ (concern troll), der die Ziele der von ihm kritisierten Bewegung unterläuft, indem er vorgibt, sie zu teilen, dann aber alle Beteiligten in endlose Diskussionen darüber verwickelt, wie diese Ziele zu erreichen seien (nämlich auf jeden Fall nie so, wie dies gerade der Fall ist).

Alexander Kissler geht es im FOCUS um viel mehr: Er will nicht den Feminismus vor möglichen Petitessen bewahren, sondern das Abendland vor dem Feminismus. Das generische Femininum in der Grundordnung ist für ihn ganz klar „Gewalt“, ausgeübt von „Begriffsverbiegern“ gegen die Grammatik und gegen „männliche Beschäftigte“ der Universität Leipzig, die sich nun „unter dem Sammelbegriff „Professorinnen“ mit angesprochen fühlen“ müssten. Diese Ungeheuerlichkeit nimmt er als Ausgangspunkt für einen dystopischen Blick in die Zukunft, in der diese Sprachregelung „auf die ganze Republik“ ausgeweitet würde. Die „Gender-Dogmatiker“ in ihrem „Krieg gegen den Mann“ können in dieser Zukunftsvision, in der er ausgiebig den Maskulisten Bernhard Lassahn zitiert, erst durch den Bundesrat gestoppt werden, der sich nicht länger der „Welle des Gelächters“ ausgesetzt sehen mag, „das vom Rest der Welt über Deutschland“ hereinbrechen werde: „Man habe sich nicht mehr verständlich machen können außerhalb des Deutschtums und sei deshalb zur alten Redeweise zurückgekehrt. Ein Mann sei schließlich ein Mann, eine Frau eine Frau, ein Drittes gebe es nicht.“ Warum es etwas Drittes nicht gebe, behält er ebenso für sich wie die Antwort auf die Frage, warum diese für ihn so natürliche Ordnung durch die Bezeichnung von Männern durch feminine Wörter ins Wanken gerät, nicht aber durch die bisher übliche Bezeichnung von Frauen durch maskuline Wörter. Internet-erfahrene Leser/innen erkennen in ihm den Typus des „Vernunfttrolls“, dessen Empfinden für das Gewohnte schon deshalb das Maß allen rationalen Diskurses sein muss, weil er noch nie gezwungen war, es infrage zu stellen.

Auf WELT ONLINE hat man sich angesichts der Brisanz des Themas mit dem Kölner Germanistikprofessor Karl-Heinz Göttert lieber einen Fachmann ins Boot geholt. Als Literaturwissenschaftler mit dem Forschungsgebiet Ältere Deutsche Literatur ist der bestens qualifiziert, uns nach einem Exkurs über das Englische, den Unterschied zwischen „sächlichen“ und „neutralen“ Artikeln und der Behauptung, dass Brücken aus Spanisch männlich und auf Deutsch weiblich seien, zu erklären, dass an „Herr Professorin“ nicht die „falsche Grammatik“ das Problem sei. An die könne man sich – der genitiv-mordende Dativ zeige dies – ja gewöhnen. Nein, schlimm sei, dass der Ausdruck „Herr Professorin“ eine Empörung „nicht im Verstand, sondern mehr in der Seele” auslöse. Denn man(n) sei ja bereit, „dem Feminismus zu geben, was des Feminismus ist“ – aber eben „nicht die deutsche Sprache, wie wir sie mögen.“ Und wie mögen wir die? Nun, „möglichst korrekt“ natürlich (es ist ja die deutsche Sprache, und möglichst korrekt sei es eben nur „mit einem Herrn Professor und einer Frau Professorin, die wir – Chapeau! – den Feministinnen verdanken“. Warum wir dann nicht „Frau Professorin“ sondern „Frau Professor“ sagen, behält er ebenso für sich wie die Antwort auf die Frage, was genau er dem Feminismus denn geben will, wenn es nicht die deutsche Sprache ist Internet-erfahrene Leser/innen erkennen in ihm den Typus des „Expertentrolls“, der einen ausufernden Flickenteppich aus irrelevanten und unzusammenhängenden Fakten und Faktoiden über das eigentliche Problem deckt und ihn dann mit einem versöhnlichen Angebot an die Gegenseite festzurrt: Wenn die sein Expertenwissen akzeptieren, dürfen sie im Gegenzug die Klappe halten.

Und alle drei dieser Leuchten am deutschen Feuilletonhimmel behalten für sich, warum sie sich mit ihren Kolumnen überhaupt an den Feminismus und die „Gender-Dogmatiker“ wenden, und nicht an den Akademischen Senat der Universtiät Leipzig. Denn der, und nicht der deutsche Feminismus haben ja die Entscheidung bezüglich der Grundordnung getroffen. Internet-erfahrene Nutzer erkennen darin den Typus des „Internetnutzers“, der jeden Anlass zum Anlass nimmt, über das zu reden, über das er sowieso gerade reden wollte.

8 Kommentare

  • Johannes hat Folgendes geschrieben:

    Am lustigsten finde ich immer noch, dass ungefähr alle die Ursache des Ganzen bei den pösen Abziehbildfeministinnen sehen, die angeblich gerne auch "Konferenzin" und "Universitätin" schreiben würden. Der Ablauf war ja, leicht überspitzt, folgender:

    Jura-Fakultät so: "Bevor wir mit der sonstigen Sacharbeit fortfahren, müssen wir endlich mal drüber reden, dass diese Doppelnennungen total anstrengend sind. Eine Form reicht doch, die anderen können sich mitgemeint fühlen, war schon immer so!"

    Konferenz so:

    Physikprof so: "Ok, wenn Ihr drauf besteht, eine Form reicht, die weibliche. Können wir jetzt weitermachen?"

    Jura-Fakultät und Zeitungen so: "Waaaaaaas? Nur noch Professorinnen? Seid Ihr alle durchgedreht? Haben wir keine Probleme außer Sprache, oder wie? Warum müssen wir über solche Petitessen überhaupt reden?"

    Und sie fuhren fort, lange, patzige Texte darüber zu schreiben, dass das feministische Sprachgewalt sei und man(n) doch lieber über Inhalte reden wollte, weswegen die gerade aus eigener Initiative erwachsene Regelung sofort wieder zu diskutieren / abzuschaffen sei.

  • Martin hat Folgendes geschrieben:

    Das Problem am Internet wie auch am Feuilleton ist also die Tatsache, dass viel zu viele Leute zu allem immer einen Kommentar abgeben müssen.

    …schrieb er in die Kommentarspalte und war sehr zufrieden mit sich selbst.

  • Muriel hat Folgendes geschrieben:

    Applausapplausapplaus.
    Schon der zweite Absatz hat mich zu völlig enthemmter Begeisterung hingerissen. Allerdings steht da ein "von" zu viel, das den Lesefluss ein bisschen hindert, und man weiß ja, wie wichtig die Lesbarkeit von Texten gerade bei diesem Thema ist.

    [Korrigiert. A.S.]

  • Erbloggtes hat Folgendes geschrieben:

    Oh, es ist wichtig, dass die deutsche Sprache korrekt sei, weil die Lesbarkeit gerade bei diesem Thema besonders wichtig ist? Na dann werde ich einfach noch ein bisschen darüber reden, worüber ich sowieso gerade reden wollte:

    "aus Spanisch" kommt mit vor als ob es auf Spanisch wäre.

    Glücklicherweise bieten solche Themen ja insbesondere dem Korrekturtroll eine unendliche Spielwiese.

  • Muriel hat Folgendes geschrieben:

    @Erbloggtes: Dein Anliegen ist ehrenhaft und ich unterstütze es ja eigentlich auch. Allein, mir scheint, dass du ein bisschen ungünstig an die Sache herangehst. Indem du dich selbst als Troll offenbarst, machst du es den anderen Lesern schwer, dich ernst zu nehmen, und überhaupt scheint es mir doch unangemessen, sich mit solchen Petitessen wie einzelnen verwechselten Buchstaben aufzuhalten.
    Mit dieser Herangehensweise schadest du am Ende nur allen echten Befürwortern korrekter Grammatik und Orthografie, und das kannst du doch unmöglich wollen, wie ich dich kenne.

  • Katinka Feinerbs hat Folgendes geschrieben:

    Die junge Kolumnistin der Schweizer Onlineportals "Clack" hat sogar den Spagat vom "Herrn Professorin" zur Überarbeitung der "Kleinen Hexe" geschafft.
    Dafür ein applaudierendes "Hut ab!"
    http://www.clack.ch/ressort/artikel/frau/5292/Frau_Schneewitt_und_die_sieben_Kleinwuechsigen

  • Mario H. hat Folgendes geschrieben:

    Was ich mich frage:
    warum ist es okay, wenn wir sagen, dass bei der männlichen Form auch Frauen angesprochen fühlen sollen, aber nicht okay, wenn wir sagen, dass sich bei der weiblichen Form auch Männer angesprochen fühlen sollen?

  • […] Sprachbrocken 24/2013 […]

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