Im Zenit der Macht

Merkel sei am (oder im oder auf dem) Zenit ihrer (oder der) Macht, berichtet die deutsche Presse einmütig. Ein paar der vielen Beispiele:

  1. Angela Merkel steht im Zenit ihrer Macht. (Tagesspiegel)
  2. Merkel ist jetzt auf dem Zenit ihrer Macht (Focus)
  3. Angela Merkels größter Erfolg: Bundeskanzlerin auf Zenit ihrer Macht (Rhein Zeitung)
  4. Die alte und wohl auch neue Kanzlerin steht im Zenit ihrer Macht. (Spiegel Online)
  5. Während François Hollande gerade mit nur noch 23 Prozent Zustimmung in der jüngsten Umfrage einen Tiefpunkt erreicht habe, stehe die Bundeskanzlerin im Zenit ihrer Macht. (Die WELT)
  6. Merkiavelli am Zenit der Macht (Wiener Zeitung)


Man will damit wohl sagen, dass sie mehr Macht hat als je zuvor. Das mag stimmen, oder auch nicht – die nächsten Tage werden es zeigen. Aber ein Blick in den Duden zeigt, dass es streng genommen natürlich etwas anderes heißt – nämlich, dass sie am höchsten Punkt ihrer Laufbahn ist. Dass es ab jetzt also nur noch abwärts gehen kann, quasi dem Merkeluntergang entgegen. Und auch das könnte natürlich – wenigstens theoretisch – schneller wahr werden als gedacht (wenn die Grünen und die SPD standhaft bleiben). Und schließlich bedeutet im Zenit sein auch noch, sich auf einer Laufbahn senkrecht über den Beobachtenden (also uns) zu befinden – das totale Oben zu unserem Unten. Auch das, hat man das Gefühl, ist nicht ganz von der Hand zu weisen.

Aber wir im Sprachlog sind die letzten, die irgendjemandem – und schon gar nicht der Qualitätspresse – vorschreiben, was sie mit dieser oder sonst einer Redewendung zu meinen haben. Worte bedeuten das, wovon die Sprachgemeinschaft glaubt, dass sie es bedeuten. Auch die Variation zwischen den Präpositionen imam und auf interessiert uns zumindest heute nicht. Stattdessen fragen wir uns, warum alle Medien auf einmal auf diese Formulierung kommen.

Die Antwort drängt sich auf: Weil sie voneinander abschreiben. Was die Frage nach sich zieht, wer mit der Redewendung angefangen hat. Wir können es nicht mit Sicherheit sagen, aber nach unseren Recherchen ist der Zenit der Macht gar nicht durch Merkels knapp verpasste, sondern schon letzte Woche durch Horst Seehofers tatsächliche absolute Mehrheit in aller Munde gelangt. „Seehofer ist damit auf dem Zenit seiner Macht“, schrieb Spiegel Online da.

Am gestrigen Wahlabend schrieb die Berliner Morgenpost dann über Seehofer und Merkel: „Die Union hat nun zwei Parteichefs auf dem Zenit ihrer Macht“.

Und dann schrieben es alle, ließen Seehofer dabei aber weitgehend unter den Tisch fallen und Merkel damit als einsames Zentralgestirn hoch über unseren Köpfen hängen.

8 Kommentare

  • Muriel hat Folgendes geschrieben:

    Würde nicht die unterschiedliche Am-Im-Auf-Formulierung eher gegen Abschreiben sprechen und tendenziell dafür, dass es vielleicht eher eine gemeinsame Idee ist? Oder so?

  • Philippe hat Folgendes geschrieben:

    Das ist genauso lustig wie der »erdrutschartige Sieg«.

  • Antipattern hat Folgendes geschrieben:

    Man könnte es "abschreiben" nennen, oder auch "lexical alignment", oder von memory bottle necks sprechen… eine schonmal benutzte Phrase ist leichter zu benutzen und zu verstehen, als eine neue, innovative. Für leicht zugängliche und neue dagegen gibt es zu viele Presseorgane die zur gleichen Zeit das gleiche Schreiben müssen, und deren Schreiberlinge nicht genug Geld + Zeit für sprachliche Innovationen haben.

    Am Ende ist auch das Abschreiben und Nachplappern wichtiger Teil der Konstruktion einer gemeinsamen Sprache, in der es sowohl darauf ankommt, Wörter und Redewendungen zu benutzen, deren Verwendung allen Adressanten bekannt ist, also auch neue, nicht abgenutzte Formulierungen zu benutzen.

    Man nehme es mit Gelassenheit 😉

  • Daniel hat Folgendes geschrieben:

    "…dass es vielleicht eher eine gemeinsame Idee ist?"

    Das klingt ja schon fast nach Verschwörung… Ich glaube, du hast das mit dem Abschreiben zu wörtlich genommen. Die Journalisten haben einfach gesehen, dass da einer ein cooles Wort gebraucht, das sie vielleicht noch gar nicht kennen, und dann denken sie: "Muss ich auch gebrauchen, sonst bin ich nicht cool". Ich warte darauf, dass einer schreibt "XY befindet sich im Nadir" und so eine Welle los tritt (hab ich jetzt das gerade getan??).

  • Susanne hat Folgendes geschrieben:

    Kann man sich als Journalist nicht kurz informieren, wenn man sich nicht sicher ist, welche Präposition zu verwenden ist? Da war wieder mal die Begeisterung über die "tolle" Redewendung so groß, dass es für den Rest nicht mehr gereicht hat…

  • […] Bundestagswahlen IV: Merkel – Im Zenit der Macht? … sprachlog […]

  • wolfgang frey hat Folgendes geschrieben:

    der duden wird recht behalten.

  • Daniel hat Folgendes geschrieben:

    Eine Rolle kann hier auch das Baader-Meinhof-Phänomen spielen:

    http://notagrouch.com/ever-experienced-the-baader-meinhof-phenomenon/

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