Blogspektrogramm 50/2013

Von Kristin Kopf

Die The­men der Woche: Diverse Anglizis­men, Fakege­bär­den­sprach­dol­metsch­er, geschlechter­stereo­type­n­ge­lenk­te Schreib­stile und komis­che Beispiel­sätze. Einen schö­nen Son­ntag allerseits!

  • Auf SBS (Englisch) erk­lärt Adam Schem­bri, woran man mit etwas Fach­wis­sen erken­nen kon­nte, dass der Fake-Gebär­den­sprach­dol­metsch­er bei Man­de­las Trauer­feier fake war (wir berichteten). Und dieses Gif zum The­ma (via @markusdahlem) sollte man nie­man­dem vorenthalten.
  • Luise Pusch befasst sich auf LAUT UND LUISE mit der merk­würdi­gen Gram­matik des Wortes Pros­ti­tu­ierte sowie mit der Tat­sache, dass es für dieses Wort Dutzende von Syn­onyme gibt, nicht aber für sein Gegen­stück Freier.
  • Für LINGUISTICS RESEARCH DIGEST (Englisch) fasst Jen­ny Amos eine Studie zusam­men, die zeigt, dass sprach­liche Geschlechter­stereo­typen deut­lich auf den Stil geschrieben­er Texte einwirken.
  • Diese Samm­lung von Sprach­beispie­len aus Lin­guis­tik- und Sprach­lehrtex­ten (LINGUISTICS SAMPLE SENTENCES) wirft ein selt­sames, aber wenig über­raschen­des Licht auf die Diszi­plin (z.B. hier, hier, hier, hier).
  • Und zum Schluss, und nur für den Fall, dass jemand unter einem Stein lebt: Die heiße Phase der Anglizis­muswahl 2013 ist ange­laufen. Seit dieser Woche disku­tiert die Jury die Kan­di­dat­en. Los ging’s am Mon­tag im LEXIKOGRAPHIEBLOG, wo sich Michael Mann den Veg­gie Day anschaute: »Die englis­che Entsprechung der deutschen Wikipedia-Seite lautet meat-free day, hierzu find­en sich auch mehr ein­schlägige Belege; sel­tener zu find­en ist auch vege day (veg­e­tar­i­an day). Der Aus­druck veg­gie day scheint also im Englis­chen nicht die erste Wahl zu sein; er kann aber ver­wen­det wer­den und ist nicht als “Pseudoan­glizis­mus” zu werten.«
  • Hier im SPRACHLOG fol­gten Susanne Flach mit ranten (»Die Fasz­i­na­tion für das shit­stormesque an ranten macht aus, dass […] damit auch (oder über­wiegend?) inten­sive und detail­lierte Auseinan­der­set­zun­gen mit einem Prob­lemthe­ma beze­ich­net wer­den — mit dem Schuss Frust im Vorder­grund«), ich mit Pay­wall (»Ich halte Pay­wall für ein sehr inter­es­santes Wort – und zwar ger­ade wegen sein­er Entsprechung Bezahlschranke«) und Ana­tol Ste­fanow­itsch mit Thigh Gap (»Bleibt die Frage, ob das Wort eine Bere­icherung für den deutschen Wortschatz darstellt. Wenn man Bere­icherung als „Ver­schönerung“ ver­ste­ht, dann sich­er nicht. Das Wort dient nur einem Zweck: Weib­liche Kör­p­er zu pathologisieren«).

2 Gedanken zu „Blogspektrogramm 50/2013

  1. Daniel

    Als Beispiel für die Merk­würdigkeit der Gram­matik von Pros­ti­tu­ierten führt Frau Pusch an:

    Eine, die sich pros­ti­tu­iert, ist also eine Prostituierte.
    Aber eine, die sich auskotzt, ist keine Ausgekotzte.
    Und eine, die sich beschw­ert, ist keine Beschwerte.”

    Man kön­nte aber auch anführen:

    Eine, die sich aufregt, ist eine Aufgeregte.
    Eine, die sich entset­zt, ist eine Entsetzte.
    Eine, die sich entrüstet, ist eine Entrüstete.

    Jet­zt klingt

    Eine, die sich pros­ti­tu­iert, ist eine Prostituierte.

    gram­matikalisch nicht mehr so seltsam.

    Frau Pusch stellt fest:

    Aber das Verb ‘jeman­den pros­ti­tu­ieren’ gibt es nicht. Es heißt ’sich prostituieren’.”

    Dem wider­spricht das DWDS: “sich, etw., jmdn. pros­ti­tu­ieren sich, etw., jmdn. auf unwürdi­ge Weise (für etw. Niedriges) öffentlich preis­geben, her­ab­würdi­gen” und gibt fol­gende Beispiele für den nicht reflex­iv­en Gebrauch:

    Ganz dort innen frißt es, wo sie noch ganz göt­tlich ist, noch nicht vom Men­schen prostituiert.”

    Meinen Sie, ich sollte dem nach­laufen, der vor ein­er Renet­ta Veit seine Kun­st prostituiert? !”

    Gegen­wär­tig pros­ti­tu­iert der Staat das Rechtsgefühl, …”

    Ein Wesen, das sein Geschlecht pros­ti­tu­iert, mag als Weib, als Dirne noch irgend­wie annehm­bar erscheinen, …”

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    1. Anatol Stefanowitsch

      @ Daniel: Die „Gegen­beispiele“, die Sie brin­gen, haben alle eins gemein­sam: Es han­delt sich um Ver­ben, die sowohl reflex­iv als auch tran­si­tiv ver­wen­det wer­den kön­nen (Ich rege mich auf vs. Das Fernseh­pro­gramm regt mich auf, Ich entset­ze mich [übri­gens sehr alt­modis­che Ver­wen­dung von entset­zen] vs. Das Fernseh­pro­gramm entset­zt mich usw.). Das ist also genau das, worum es Pusch geht: Das Verb pros­ti­tu­ieren müsste eine tran­si­tive Vari­ante haben: Der Zuhäl­ter pros­ti­tu­iert sie. Diese Vari­ante gibt es aber nicht. Ihre Beispiele für tran­si­tive Ver­wen­dun­gen von pros­ti­tu­ieren sind alle­samt metapho­risch, und das metapho­rische Ver­wen­dun­gen von Ver­ben oft andere Kom­ple­men­ta­tion­s­muster erlauben als die wörtlichen, lässt sich oft beobachten.

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