Archiv der Kategorie: Hinweise

Die Grenzen des Sagbaren

Von Anatol Stefanowitsch

Am 8. Mai 2018 habe ich anlässlich des 85. Jahrestages der Bücherver­bren­nung im Lit­er­aturhaus Berlin einen Vor­trag über die „Gren­zen des Sag­baren“ gehal­ten. Der Mitschnitt zu diesem Vor­trag ist nun auf Sound­cloud zum Nach­hören verfügbar.

Blogspektrogramm 38/2017

Von Kristin Kopf

Heute haben Sie Links zur Wahl, und man darf sog­ar mehr als zwei davon anklick­en! Für unsere Schweiz­er LeserIn­nen, die nicht abstim­men dür­fen, haben wir uns als Ersatz einen andere Beschäf­ti­gung aus­gedacht. Und son­st noch? Wahlkampf­sprache, Apos­tro­phen­hass und Farb­wörter — viel Spaß!

  • Mit dem Kul­tur­ra­dio vom RBB haben sich Ana­tol Ste­fanow­itsch und Sebas­t­ian Pertsch über Wahlkampf­sprache unter­hal­ten. (Audio)
  • Im SZ MAGAZIN kom­men­tiert CUS angenehm entspan­nt den wort­in­ter­nen Apos­troph: »So ein­fach kön­nte das Leben sein, wenn da nicht der Wut­bürg­er wäre. Denn nichts kann diese Spezies der­maßen auf die Palme brin­gen wie ein ver­meintlich falsch­er Apos­troph: Über Helga’s Frisier­sa­lon oder Bernie’s Pils-Tre­ff gehen im Netz Shit­storme von Apos­tro­phen-Hass nieder. Einzig kor­rekt sei doch Hel­gas Frisier­sa­lon, ohne Apos­troph, bas­ta. Geht’s noch? Muss man deswe­gen Gift und Geifer über ein­er braven Friseurin abladen?«
  • Forschung­shil­fe gesucht: Sprechen Sie zufäl­lig mut­ter­sprach­lich einen Schweiz­erdeutschen Dialekt? Dann klick­en Sie doch mal hier herüber, mein Kol­lege Andreas Klein und ich inter­essieren uns dafür, wie Sie bes­timmte Sätze ins Schweiz­erdeutsche über­set­zen. (Wer kein Schweiz­erdeutsch spricht und nur mal guck­en will, darf natür­lich auch, aber dann bitte den Bogen nicht abschick­en.) Gerne weit­er­leit­en — tausend Dank!
  • Wie kat­e­gorisieren Men­schen Far­ben in ver­schiede­nen Sprachen? Für THE CONVERSATION bericht­en Ted Gib­son und Bevil Con­way davon, über welche Far­ben sich Men­schen beson­ders leicht ver­ständi­gen kön­nen und bieten eine Erk­lärung dafür an: »In Eng­lish, it turns out that peo­ple can con­vey the warm col­ors – reds, oranges and yel­lows – more effi­cient­ly (with few­er guess­es) than the cool col­ors – blues and greens. You can see this in the col­or grid: There are few­er com­peti­tors for what might be labeled “red,” “orange” or “yel­low” than there are col­ors that would be labeled “blue” or “green.”«

Blogspektrogramm 35/2017

Von Kristin Kopf

Das Spek­tro­gramm lebt! Die aktuellen Links sind nicht mehr durchge­hend taufrisch, aber Spaß kann man daran dur­chaus noch haben. Es geht heute um die Ehe für alle, Von­golisch, die ver­meintliche Sprache des Volkes, scary Englisch in Berlin und darum, was ein Hochbauin­ge­nieur mit Hochdeutsch zu tun hat:

  • Ste­fan Nigge­meier ist für ÜBERMEDIEN dem Ursprung der Beze­ich­nung Ehe für alle und ihrem Ver­hält­nis zur Homoe­he nachge­gan­gen: »Natür­lich hing der Kampf für die Gle­ich­stel­lung nicht nur an der Durch­set­zung eines Hash­tags. Aber der Begriff „Ehe für alle“ half sehr, das Anliegen sym­pa­thisch, pos­i­tiv und all­ge­mein wirken zu lassen, nicht speziell und vor allem nicht sex­uell. „Viele Leute sprechen das Wort ‚Homo‘ nicht gerne aus“, sagt der Ini­tia­tor Sören Land­mann. „Das ist schade, aber das ist Real­ität.“ […] Dass man plöt­zlich über die „Ehe für alle“ reden kon­nte, habe auch dafür gesorgt, dass sich mehr Men­schen über­haupt zu dem The­ma äußerten.«
  • Vong Sprache her hat sich im let­zten Jahr auch 1 biss­chen was getan und es gibt Stre­it darüber, wem das zu ver­danken ist. Für die SÜDDEUTSCHE hat sich Jan Strem­mel die Sache genauer ange­se­hen: »30 Mil­lio­nen Deutsche sind aktuell bei Face­book. Und weil man sich dort vor allem schriftlich mit­teilt, ist kor­rek­te Sprache heute ein wichtigeres Dis­tink­tion­s­merk­mal denn je. Wer in seinen Post­ings “seid” und “seit” ver­wech­selt, zu viele Aus­rufeze­ichen oder falsche Kom­ma­ta set­zt, gilt umge­hend als Trot­tel, egal was er zu sagen hat. […] Insofern war die absichtlich hirn­lose Witzsprache in ihren Anfangsta­gen qua­si Punkrock. Aber das ist lange vorbei.«
  • Schon im März hat Ana­tol Ste­fanow­itsch der SÜDDEUTSCHEN ein Inter­view zu Poli­tik und Pop­ulis­mus gegeben: »Ich glaube, dass die Idee, dass man mit dem Volk sprechen kann, schon in sich pop­ulis­tisch ist. Weil sie davon aus­ge­ht, dass es irgend­wo ein Volk gibt, das eine bes­timmte Sprache spricht, die man nur tre­f­fen muss. Wir leben aber in ein­er kom­plex­en Gesellschaft, die ins­ge­samt sehr gebildet ist. “Der kleine Mann auf der Straße” ver­ste­ht im Zweifels­fall wesentlich kom­plexere Dinge, als es in diesem pop­ulis­tis­chen Zer­rbild dargestellt wird. Der Pop­ulis­mus macht diesen soge­nan­nten kleinen Mann viel naiv­er und unin­formiert­er als er ist.«
  • Fat­ma Aydemir trollt Jens Spahn in der TAZ»Don’t get me wrong, Spahn möchte nicht das Easy­Jet-Prekari­at in Schöne­feld abfan­gen, um es in Inte­gra­tions­camps zu steck­en. Es geht ihm viel mehr „um uns Deutsche selb­st“ und um eine dro­hende „kul­turelle Gle­ich­schal­tung“. […] Dabei ist es nicht so, dass ich es kein biss­chen sad finde, wenn sich Jens’Mom in Berlin-Mitte keinen Flat White bestellen kann, weil die Baris­tas nur noch Englisch sprechen. Zu Recht geht das Spah­ni­boy ziem­lich „auf den Zwirn“ (= es turnt ihn ab). Oben­drein ist er als amtieren­der Staatssekretär für Finanzen dahin­tergekom­men, dass mit­tel­ständis­che Ger­man-speak­ing Enter­pris­es im Schwarzwald mehr Asche machen als die ange­blich so boomende Start-up-Szene in der Haupt­stadt. In short: Das Hip­ster­busi­ness bringt nicht mal richtig Cash. Wieso sollte er die also supporten?«
  • In Sven Regen­ers Betra­ch­tung des Tief­bauin­ge­nieurberufs für die FAZ ver­birgt sich auch ein wenig Sprach­wis­senschaft»„Es ist ja so“, nimmt er mit ein­er weg­wis­chen­den Hand­be­we­gung plöt­zlich den Faden wieder auf, „dass man zwar Begriffe mit ‚hoch‘ beim ersten Hin­hören pos­i­tiv­er kon­notiert find­et als Begriffe mit ‚tief‘ oder ‚nieder‘, dass man damit aber eben oft auch falschliegt, nur dass das kein­er merkt. […] Die meis­ten Leute glauben zum Beispiel, und da wird es eben jet­zt mal einen Moment lang ger­man­is­tisch, dass mit dem Begriff Hochdeutsch eine höher­ste­hende, in höheren Kreisen und so weit­er entwick­elte Sprache gemeint sei, manche sagen auch Hochsprache, weil sie denken, es gäbe so etwas, und da sei ein Zusam­men­hang, dabei wis­sen sie bloß nicht, dass es Hochdeutsch heißt, weil es das Süd­deutsche oder Oberdeutsche ist, die also einst in den höher gele­ge­nen deutschen Gebi­eten gesproch­ene Sprache, dass also die hochdeutschen Dialek­te eben das Bairische, Ale­man­nis­che, Säch­sis­che und Fränkische sind, im Gegen­satz zum Niederdeutschen, das so heißt, weil es in den nord­deutschen, tiefer gele­ge­nen Land­schaften gesprochen wurde und sowieso eine ganz andere Sprache ist und das schon seit dem acht­en, neun­ten Jahrhun­dert, als sich südlich der Ben­rather Lin­ie das Hochdeutsche entwick­elte, und nie­mand weiß, warum. Da kön­nen Sie schon mal sehen, wie sehr der Zusatz ‚hoch‘ in die Irre führen kann, teu­flisch“, sagt der Tief­bauin­ge­nieur und beruhigt sich erst ein­mal mit einem Schluck aus dem Deck­el sein­er Thermoskanne.«

Blogspektrogramm 46/2016

Von Kristin Kopf

Das heutige Spek­tro­gramm bringt eher anstren­gen­dere The­men — nichts­destotrotz sind unsere Links über die US-Wahl, typografis­che Ein­bürgerung­shin­dernisse, Kom­mu­nika­tion­sprob­leme beim Brex­it und lux­em­bur­gis­chen Nation­al­is­mus lesens- und hörenswert.

  • Der Lexiko­graph Ben Zim­mer hat mit WNYC über Wörter gesprochen, die den US-amerikanis­chen Präsi­dentschaftswahlkampf geprägt haben (Audio, Englisch): white­lash, rigged, big league, deplorables, nasty woman etc.
  • Wenn man einen Namen falsch schreibt, reagieren die Namen­trägerIn­nen oft emo­tion­al — als “Kristin mit K und ohne e” weiß ich das bestens. Mit einem wesentlich prob­lema­tis­cheren Fall hat es Robert Matešić zu tun, über den DAS MAGAZIN berichtet — ein ganz­er Staat ist typografisch gegen ihn: »Mit dem Lin­eal zieht er einen Strich durch seinen Namen und schreibt ihn in Druck­buch­staben auf die gepunk­tete Linie:M a t e š i ć. Aus­ge­sprochen: Ma-te-schitsch. Gefehlt hat das auf­steigende Strich­lein, der Akut, über dem c. Bitte kon­trol­lieren Sie die Dat­en genau, hiess es im Schreiben des Zivil­stand­samts der Stadt Zürich. Mit Ihrer Unter­schrift bestäti­gen Sie die Richtigkeit Ihrer Angaben. […] Es geht um […] seine Ein­bürgerung. Zum Glück, denkt er, hat er den Fehler noch rechtzeit­ig ent­deckt.«
  • Nein, nein und noch mal nein! Für BBC Radio 4 geht Damien McGuin­ness auf höflichkeits­be­d­ingte Kom­mu­nika­tion­sprob­leme ein (Audio, Englisch).
  • Vor ein paar Jahren war “Deutsch ins Grundge­setz” in Deutsch­land ein The­ma, aktuell stre­it­et man in Lux­em­burg darüber, ob Lux­em­bur­gisch erste Amtssprache wer­den soll. Dabei ist die Sprache nur Stel­lvertreterin für Nation­al­is­mus, sagt Danielle Igni­ti zu RADIO 100,7: »Si wëllen d’Land spléck­en a Lëtze­buerg­er, déi Lëtze­buergesch schwätzen, an an Aus­län­ner, déi mussen aus­ge­gren­zt ginn. D’Lëtzebuerger Sprooch gëtt e Mët­tel zum Zweck fir ultra-nation­al­is­tesch Aktivis­ten, déi de Lëtze­buerg­er hir irra­tional Ängscht­en aus­notzen an zur eth­nesch­er Säu­berung opruf­fen. De Feind ass den Aus­län­ner — ob en elo Lëtze­buergesch kann oder net, ass am Fong net méi wichteg.« (Ein kurz­er Text auf Deutsch mit den groben Rah­menin­fos find­en sich hier.)

Blogspektrogramm 42/2016

Von Kristin Kopf

Son­ntag, Spek­tro­gramm­tag (manch­mal)! Heute gibt’s soziale Medi­en, Liebes­briefe, Gen­der­sterne, Wort­geschicht­en und Defini­tar­tikel. Viel Spaß allerseits!

  • Ana­tol hat für das Wis­senschafts­magazin FUNDIERT der FU aufgeschrieben, wie soziale Medi­en Sprache verän­dern — Spoil­er: nicht allzu sehr, aber im Wortschatz schla­gen sie sich schon nieder:  »Manch­mal gibt es sog­ar mehrere Wörter, die feine Bedeu­tung­sun­ter­schei­dun­gen tre­f­fen. So beze­ich­net twit­tern die all­ge­meine Tätigkeit des Schreibens von Beiträ­gen auf Twit­ter, während tweet­en sich auf eine konkrete Nachricht bezieht: Ich twit­tere gerne, aber Ich habe lange kein Foto mein­er Katze mehr getweetet.«
  • In diesem Zusam­men­hang span­nend, was die AUGSBURGER ALLGEMEINE von Eva Wyss über Liebens­briefe erfahren hat: »E‑Mails und What­sApps haben Liebes­botschaften nicht den Todesstoß ver­set­zt, son­dern laut der Hüterin des Koblenz­er Liebes­brie­farchivs zu ein­er neuen Lust am Schreiben geführt. «In den sechziger Jahren hat das bequeme Tele­fon der Briefko­r­re­spon­denz große Konkur­renz gemacht», sagte Eva Wyss […]. «Jet­zt haben viele Part­ner­schaften mit ihren Handys einen per­ma­nen­ten Kom­mu­nika­tion­sstrom», ergänzte die Professorin.«
  • Für WORDPRESS macht sich Cas­par Hübinger Gedanken darüber, wie sich geschlechterg­erechte Sprache in die Benutzer(!)oberfläche brin­gen lässt: »Für 50 Strings (1% des Gesamtvol­u­mens) haben wir bish­er keine neu­tralen Über­set­zun­gen gefun­den. Der Großteil davon befind­et sich in Hil­fe­tex­ten; die promi­nen­testen Vorkom­men sind die Rol­len­beze­ich­nun­gen auf der „Benutzer“-Seite: Admin­is­tra­tor, Redak­teur, Autor, Mitar­beit­er, Abon­nent. Der Begriff „Autor“ kommt außer­dem in diversen Fil­ter-Funk­tio­nen vor.Für diese 50 Strings haben wir vor­erst auf Endun­gen mit Gen­der-Star zurück­ge­grif­f­en. Aus „Autor“ wurde „Autor*in“.«
  • Der GESCHICHTSCHECK hat sich ein­mal die Geschichte des Wortes völkisch ange­se­hen: »Der Begriff „völkisch“ wurde zwis­chen 1875, als der Ger­man­ist Her­mann von Pfis­ter ihn als Ersatz­wort für „nation­al“ vorschlug, und 1935, als der Große Brock­haus ihn als „Verdeutschung des Wortes ‚Nation­al‘, im Sinne eines auf dem Rassegedanken begrün­de­ten und daher entsch­ieden anti­semi­tis­chen Nation­al­is­mus“ definierte, so aufge­laden, dass er sich zum Schlag­wort für eine radikalna­tion­al­is­tis­che, anti­semi­tis­che und ras­sis­tis­che Weltan­schau­ung entwickelte.«
  • Was sagt Don­ald Trump eigentlich, wenn er einen Artikel vor Per­so­n­en­grup­pen set­zt, wie in the African-Amer­i­cans? Lynne Mur­phy hat sich das Phänomen für QUARTZ ein­mal ange­se­hen und erk­lärt, was es so neg­a­tiv klin­gen lässt: »[…] Trump promised, “I’m going to help the African-Amer­i­cans. I’m going to help the Lati­nos, His­pan­ics. I am going to help the inner cities. [Clin­ton has] done a ter­ri­ble job for the African-Amer­i­cans.” Trump’s unusu­al use of “the” hasn’t gone unno­ticed. Nor­mal­ly innocu­ous, this def­i­nite arti­cle is now caus­ing seri­ous offense. The hash­tag #theAfricanAmer­i­cans has been trend­ing since the debate with angry and sar­don­ic com­ments on Trump’s lin­guis­tic choice.«

Blogspektrogramm 33/2016

Von Kristin Kopf

Ein Link zu 1 Phänomen (zwei, eigentlich), Nigge­meier über Kopp-Ver­lag und VDS, his­torische Vorstel­lun­gen davon, was Sprache eigentlich ist und Vorstel­lun­gen davon, wie Stim­men in der Poli­tik zu klin­gen haben — der Son­ntag ist gerettet!

  • Nad­ja Schlüter hat sich auf JETZT 1 Frage gestellt, näm­lich die nach der Herkun­ft der 1. Sie ver­mutet, dass der Rap­per Mon­ey Boy sie erfun­den hat — die Erfahrung (und die Nachträge am Ende des Artikels) zeigt, dass so etwas meist nicht völ­lig aus dem Nichts kommt, aber was Mon­ey Boy zum The­ma zu sagen hat, ist auf jeden Fall lesenswert: »Gibt keine Hin­ter­gründe meist auss­er die Sprache immer fresh und neu und dif­fer­ent zu keep­en.« Inter­es­sant an der 1 ist, dass sie nicht nur die Vorkom­men erset­zt, bei der sie mit der Aussprache übere­in­stimmt (Was ist das für 1 Life), son­dern auch die, bei denen dadurch Kasus oder Genus niv­el­liert wer­den (Was ist das für 1 Frage?). Das ist kein reines Schrift­phänomen, son­dern find­et sich eben­so, mit den gle­ichen sprach­spielerischen Kon­no­ta­tio­nen, in der gesproch­enen Sprache (Was ist das für ein Frage?). Insofern gle­icht es 1 wenig dem gle­ich­macherischen nen.
  • Wer will, kann sich dafür auch 1 Chrome-Exten­sion runterladen.
  • Let­zten Son­ntag haben wir einen Beitrag zur Causa VDS in F&L ver­linkt. Über das The­ma hat auch Ste­fan Nigge­meier auf ÜBERMEDIEN geschrieben (der Link befand sich am Ende des ver­link­ten Blog­posts) — was natür­lich Reak­tio­nen nach sich zog. Die gib’s hier: »Der Text von Mäh­ler ist faszinierend, weil er den ganzen Wahn enthält, der diese Szene antreibt. Bloßer Wider­spruch wird zum Ver­such hys­ter­isiert, einen ganzen Vere­in „mund­tot“ zu machen. Wenn der in den Medi­en all­ge­gen­wär­tige Vor­sitzende eines Vere­ins es sich gefall­en lassen muss, dass ein paar Leute ihn kri­tisieren, bedeutet das schon, dass er zum „Staats­feind“ erk­lärt wurde. Mehr braucht es nicht. Man kön­nte lachen über diese Leute, wenn es ihnen nicht so ernst wäre.«
  • Welch­es Image hat Sprache eigentlich so? Hen­ning Lobin hat auf der ENGELBART-GALAXIS ein wenig in die Ver­gan­gen­heit geblickt: »Sprache wird [im Mit­te­lal­ter] nicht im Zusam­men­hang mit andere Kom­mu­nika­tion­s­mit­teln betra­chtet, son­dern isoliert, die Beschrei­bung von Sprache ori­en­tiert sich an Regeln, und sprach­liche Kom­mu­nika­tion wird als ein sich nach logis­chen Geset­zmäßigkeit­en vol­lziehen­des Geschehen ratio­nal­is­tisch über­höht. Wir sehen uns nun an, wie diese Grund­ten­den­zen nach dem Ende des Mit­te­lal­ters in die sich entwick­el­nde Sprach­wis­senschaft einge­floßen sind, es im 19. Jahrhun­dert aber auch ver­schiedene Abkehrver­suche gegeben hat.«
  • Schon etwas älter, aber ich glaube, wir haben es noch nicht ver­linkt: Deb­bie Cameron auf LANGUAGE. A FEMINIST GUIDE darüber, wie die Sprache von Poli­tik­erin­nen wahrgenom­men wird: »High pitch is asso­ci­at­ed not only with female­ness, but also with oth­er char­ac­ter­is­tics which imply a lack of author­i­ty, such as imma­tu­ri­ty (chil­dren have high-pitched voic­es) and emo­tion­al arousal (we ‘squeal’ with joy or fear, ‘shriek’ with excite­ment, ‘screech’ angri­ly). Say­ing that a woman’s voice is ‘shrill’ is also a code for ‘she’s not in control’.«

Blogspektrogramm 32/2016

Von Kristin Kopf

Das heutige Spek­tro­gramm ist rand­voll mit Aussprache­daten­banken, der Aus­bre­itung rechter Slo­gans (the­ma­tisch benach­bart dazu gibt’s Kri­tik am VDS und eine Analyse von Trump-Tweets) und schließlich einem Ein­blick in die Hawai­ian­is­che Gebärdensprache.

  • Ins­beson­dere in Fernsehn und Radio bemüht man sich darum, auch Namen und sel­tenere Fremd­wörter auszus­prechen wie im Orig­i­nal. Dabei helfen Aussprache­daten­banken — die der ARD stellt Peter Lück­e­mey­er in der FAZ vor: »Über rund 375.000 solch­er Daten­sätze ver­fügt die ARD-Aussprache­daten­bank […]. Sie ist ein Kind des Com­put­erzeital­ters, denn solche „Daten­banken“ hat­te es früher auch schon ver­streut über die Stu­dios gegeben. Das waren allerd­ings Karteikarten, auf denen dann hand­schriftlich „Celebidache: Tschelebidake“ notiert war, damit kein Sprech­er über den Namen des rumänis­chen Diri­gen­ten stolpern musste.«
  • Rechte Slo­gans sick­ern in den All­t­ag: Die AUGSBURGER ALLGEMEINE hat u.a. mit Ana­tol Ste­fanow­itsch gesprochen: »«Lügen­presse», «Volksver­räter», «Über­frem­dung» — Wer über die eigene Sprache nach­denkt, bemerkt vielle­icht an sich selb­st, dass nach vie­len Diskus­sio­nen über Asylpoli­tik solche Wörter leichter auszus­prechen sind. «Wenn man sich viel damit beschäftigt, muss man ständig beson­ders aufmerk­sam sein, sich diesem Effekt zu entziehen», sagt Ste­fanow­itsch. «Aber es ste­ht etwas auf dem Spiel.» Sich nicht zu dis­tanzieren von her­ab­würdi­gen­den Wörtern, berge die Gefahr, harm­los wirk­ende Muster zu übernehmen.« (Ähn­lich auch diese kurze DPA-Mel­dung.)
  • Sprach­wis­senschaft­lerIn­nen haben sich darüber beschw­ert, dass die Zeitschrift Forschung & Lehre dem VDS eine Plat­tform bietet — Details zur Geschichte gibt’s bei Hen­ning Lobin in der ENGELBART-GALAXIS: »Zeich­net sich hier eine neue Strate­gie im Umgang mit wis­senschaftlichen Kon­flik­ten ab? Dass man deren Vertretern „Befind­lichkeit­en“ und einen Hang zur Polit­i­cal Cor­rect­ness unter­stellt? Die Tat­sache, dass eine solche Argu­men­ta­tion im Zusam­men­hang mit einem Vere­in, der offen­sichtlich eine erhe­bliche pop­ulis­tis­che Anfäl­ligkeit aufweist, aus­gerech­net vom Deutschen Hochschul­ver­band unter Ver­weis auf einen Wikipedia-Artikel gel­tend gemacht wird, lässt uns alle verblüfft und irri­tiert zurück…«
  • Foren­sis­che Sti­l­analyse mal anders: David Robin­son hat sich auf VARIANCE EXPLAINED Tweets von Don­als Trump unter der Hypothese ange­se­hen, dass (nur) eine Teil­menge von Trump selb­st stammt: »My analy­sis, shown below, con­cludes that the Android and iPhone tweets are clear­ly from dif­fer­ent peo­ple, post­ing dur­ing dif­fer­ent times of day and using hash­tags, links, and retweets in dis­tinct ways. What’s more, we can see that the Android tweets are angri­er and more neg­a­tive, while the iPhone tweets tend to be benign announce­ments and pictures.«
  • Die Hawai­ian­is­che Gebär­den­sprache wurde ger­ade erst als eigen­ständi­ge Sprache anerkan­nt, schon ist sie vom Ausster­ben bedro­ht. Im GUARDIAN berichtet Ross Per­lin darüber, welche Fak­toren dazu führen, dass sie nicht mehr gesprochen wird: »Like every nat­ur­al lan­guage, [Hawai­ian Sign Lan­guage] is the evolved prod­uct of a spe­cif­ic his­to­ry, the uncon­scious cre­ation of a com­mu­ni­ty. For it to sur­vive, local sign­ers will have to make a delib­er­ate choice to use it. The same may be increas­ing­ly true of Deaf­ness itself.« (Sehr lang, aber lohnt sich!)

Blogspektrogramm 25/2016

Von Susanne Flach

Guten Mor­gen! Im Aus­tausch gegen ein pünk­tlich­es Spek­tro­gramm bieten wir Ihnen heute eine kleinere Auswahl, die Ihnen aber immer­hin Emo­ji, Gerechte Sprache, Schimpfwörter und einen Gen­er­a­tor bietet. Damit ist Ihre Zeit famos investiert. Viel Spaß!

Blogspektrogramm 23/2016

Von Kristin Kopf

Das heutige Spek­tro­gramm hat vier exk­lu­sive Links zu bieten: Zu neu­tralen Frauen, fu´ßballverdächtigen Fam­i­li­en­na­men, crazy-ass Wort­bil­dung und diskri­m­inieren­der Typografie. Damit passt es vom Umfang her wun­der­bar ins noch verbleibende Restwochenende:

  • Die Anna oder das Anna? Die RHEINPFALZ hat mit Julia Fritzinger darüber gesprochen, wo, wie und warum Frauen­na­men im Neu­trum ste­hen: »„Es“ oder „et“, „das“ oder „dat“ für Frauen ist erstaunlich weit ver­bre­it­et. Es kommt vor allem in west­mit­teldeutschen und süd­west­deutschen Dialek­ten vor, aber auch im Lux­em­bur­gis­chen, Elsäs­sis­chen und Schweiz­erdeutschen. Dabei gibt es starke regionale Unter­schiede, was die Ver­wen­dung ange­ht, manch­mal schon zwis­chen einzel­nen Orten. In manchen sagen die Leute zum Beispiel „die Julia“, aber trotz­dem „Es hat Geburtstag“.«
  • Ecke, Ball­weg, Los­er, Spiel­er — Fam­i­li­en­na­men, die ein wenig nach EM klin­gen, aber natür­lich nichts damit zu tun haben. Woher sie kom­men, weiß NAMENFORSCHUNG.NET: »Tat­säch­lich han­delt es sich bei Spiel­er meist um einen Beruf­s­na­men zu mit­tel­hochdeutsch spilære, spiler für einen Musikan­ten und fahren­den Sänger. Möglich ist auch ein Über­name zu mit­tel­hochdeutsch spilære für Per­so­n­en, die viel Zeit mit Spie­len, früher v.a. mit Wür­fel­spie­len ver­bracht haben.«
  • Vom Schimpf­wort zum Inten­sivier­er ist es in den meis­ten Sprachen nicht sehr weit. Auf JSTOR|DAILY erk­lärt Chi Luu, was es mit dem englis­chen -ass auf sich hat: »Once, we were all hap­py enough using rather dull words like “very” and “real­ly” as inten­si­fiers, as in “a very big car” or “a real­ly crazy idea.” They’ve often become so (anoth­er inten­si­fi­er) overused and dilut­ed in effect that many com­plain bit­ter­ly about their use at all. In casu­al speech, using “-ass” as an inten­si­fi­er suf­fix attached to an adjec­tive, we might express the same ideas as the more col­or­ful “a big-ass car” and “a crazy-ass idea.” Obvi­ous­ly, we’re not talk­ing about actu­al pos­te­ri­ors being big or crazy, so the curse word has devel­oped into a kind of func­tion­al lin­guis­tic mor­pheme, car­ry­ing a more effec­tive and emphat­ic weight.« (Über Inten­sivier­er im Deutschen, wie Mords- und Bomben-, habe ich übri­gens auch im Kleinen Ety­mo­log­icum ein Kapi­tel geschrieben.)
  • Sind Ihnen in den let­zten Tagen die Dreifachk­lam­mern um Twit­ter­na­men aufge­fall­en? Coop­er Wald­man und Antho­ny Smith beschreiben auf MIC, woher sie stam­men — Typografie als »Hate Speech«: »Neo-Nazis, anti-Semi­tes and white nation­al­ists have begun using three sets of paren­the­ses encas­ing a Jew­ish sur­name — for instance, (((Fleish­man))) — to iden­ti­fy and tar­get Jews for harass­ment on blogs and major social media sites like Twit­ter. As one white suprema­cist tweet­ed, “It’s closed cap­tion­ing for the Jew-blind.”« Mit­tler­weile haben sich viele Twit­ter­nutzerIn­nen diese Klam­mern allerd­ings als Sol­i­dar­itäts­mark­er angeeignet.

Public Viewing Of Public Viewing

Von Susanne Flach

Gestern begann in Frankre­ich die Fußball-Europameis­ter­schaft – mir wäre in den let­zten Wochen vor lauter dis­sertieren gar nicht aufge­fall­en, wie schnell die EM auf uns zukommt, wenn, ja wenn nicht die Alerts von Google zu „Anglizis­mus“ voll mit „Leichen­schauen“ gewe­sen wären. Tra­di­tionell haben wir zu Fußball-Großereignis­sen in den let­zten Jahren eher gelang­weilt ein­fach auf die Artikel im Sprachlog ver­linkt, die sich damit beschäfti­gen, dass pub­lic view­ing im (Amerikanis­chen) Englisch nicht eigentlich „Leichen­schau“ heißt, son­dern dass es das auch heißen kann, weil pub­lic view­ing ein all­ge­mein­er Begriff für das Ein- und Anse­hen von Din­gen durch die Öffentlichkeit ist (z.B. Regierungs­doku­mente, Exponate aus Kun­st, Geschichte oder Botanik, Flughäfen, Paraden ein­er Sport­mannschaft, sich selb­st in Sozialen Net­zw­erken oder eben halt Leichen). Das Argu­ment wird übri­gens nicht valid­er, wenn dann noch jemand sagt, es heiße streng genom­men auch nicht Leichen­schau, son­dern Auf­bahrung.

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