April, April (2014)

Wie in jedem Jahr präsen­tieren wir heute einen sprach­lichen Aprilscherz, und wie in jedem Jahr haben wir ihn zwis­chen drei Behaup­tun­gen ver­steckt, die in der älteren oder neueren Geschichte der Sprach­wis­senschaft tat­säch­lich vertreten wur­den. Um es schw­er­er zu machen, haben wir in diesem Jahr allerd­ings auss­chließlich solche Behaup­tun­gen zusam­mengestellt, die sich als falsch her­aus­gestellt haben.

Find­en Sie den Aprilscherz (ohne zu googeln)? Geben Sie Ihren Tipp in den Kom­mentaren ab, die Auflö­sung gibt es mor­gen. In die Kom­mentare bitte nur Ver­mu­tun­gen und Argu­mente, keine Links auf Quellen, um den Rates­paß nicht zu verder­ben.

  1. Finn­land hat gemessen an der Bevölkerung die kle­in­ste Gefäng­nis­pop­u­la­tion aller europäis­chen Län­der. Das ist kein Zufall: Finnisch ist eine Sprache mit weni­gen Kon­so­nan­ten und vie­len Vokalen, die zudem inner­halb eines Wortes har­monieren (die soge­nan­nte „Vokalhar­monie“). Sprachen mit vie­len Vokalen wirken auf das men­schliche Gehirn beruhi­gend (weshalb auch Kinder­lieder über­durch­schnit­tlich vokallastig sind).
  2. Kon­so­nan­ten­re­iche Sprachen kön­nen dage­gen lebens­ge­fährlich sein: vor allem, wenn sie viele soge­nan­nte „aspiri­erte Plo­sivlaute“ (Kon­so­nan­ten, bei denen wir stoßar­tig ausat­men) hat: Als 2003 die Infek­tion­skrankheit SARS aus­brach, lag die Zahl der Infek­tio­nen in den USA weit höher als in Japan: Die hohe Anzahl von aspiri­erten Plo­sivlaut­en im Englis­chen hat­te dafür gesorgt, dass mehr infiziert­er Spe­ichel von Sprecher/in zu Sprecher/in über­tra­gen wurde als im an aspiri­erten Plo­sivlaut­en armen Japanis­chen.
  3. Aber auch Sprecher/innen des Deutschen sind und waren sicher­er vor SARS: Die soge­nan­nte deutsche Lautver­schiebung sorgte dafür, dass aus vie­len Plo­sivlaut­en soge­nan­nte Frikaitve und Affrikate (Reibelaute) wur­den (z.B. p zu f, vgl. sleep/schlafen, t zu z, vgl. time/Zeit). Grund dafür war, dass einige ger­man­is­che Stämme in bergige Gebi­ete vor­drangen, wo sie wegen der dün­neren Luft schneller außer Atem geri­eten, sodass die Aussprache der Plo­sivlaute weich­er wurde.
  4. So ganz unge­fährlich sind aber auch die Reibelaute nicht: Sie entste­hen in densel­ben Hirn­re­gio­nen, die auch für Aggres­sion und Gewalt­tätigkeit ver­ant­wortlich sind. Durch die Ver­ar­beitung solch­er Laute wer­den diese Zen­tren ständig aktiviert, was dazu führt, dass Sprecher/innen entsprechen­der Sprachen gewalt­tätiger sind, also etwa mehr Gewaltver­brechen verüben und als Gruppe häu­figer Kriege führen.
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Anatol Stefanowitsch

Über Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch ist Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der Freien Universität Berlin. Er beschäftigt sich derzeit mit diskriminierender Sprache, Sprachpolitik und dem politischen Gebrauch und Missbrauch von Sprache. Sein aktuelles Buch „Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ ist 2018 im Dudenverlag erschienen.

19 Gedanken zu „April, April (2014)

  1. Tom_ofB

    Oh Gott, das ist ja alles ganz furcht­bar. Ich schwanke zwis­chen 2 und 4. Obwohl Num­mer 2 schon eher so klingt als hätte das jemand sprach“wissenschaftlich” ergrün­det. Es entzieht sich jedoch vol­lkom­men mein­er Vorstel­lungskraft, dass jemand die The­o­rie 4 tat­säch­lich ernst meint. Das muss — bitte bitte — der Aprilscherz sein. Ich müsste jet­zt doch nochmal googeln um mich abzu­sich­ern. 🙂

  2. Ky

    Also ich tendieren eher zu Num­mer 3. Obwohl alles irgend­wie komisch klingt glaube ich ein­fach nicht an die Begrün­dung mit der dün­nen Luft. Da ich nicht mal weiß, wie ich das googlen soll bleibt mir nur die laien­hafte Ver­mu­tung und freue mich auf die Auflö­sung mor­gen.

  3. Gesa

    Dass beim Sprechen soviel gespuckt wird, dass dabei Krankheit­en über­tra­gen wer­den, kann ich mir nicht vorstellen und dass Reibelaute aggres­siv klin­gen ist mir auch selb­st schon aufge­fall­en. Ich schwanke zwis­chen 1 und 3, mit Ten­denz zu 3, weil ich meine, schon ein­mal etwas über den Zusam­men­hang von Aussprache und Luft­druck gehört zu haben.

  4. Janina

    Ich schließe mich dem ersten Kom­men­tar insofern an, als ich hoffe, dass nie­mand je Nr. 4 vertreten hat. Aber ich fürchte, es ist so. Ich tendiere deshalb zu 2.
    1 hat bes­timmt jemand vertreten — ich meine sog­ar, so etwas gele­sen zu haben, oder habe ich mir das aus­gedacht? 3 klingt auch unplau­si­bel genug. Braucht man denn für Plo­sivlaute über­haupt mehr Luft in den Lun­gen? Dazu gibt es doch sich­er Erken­nt­nisse… aber hier ist wirk­lich alles möglich… OK, ich bleibe bei 2, für irgend­was muss ich mich ja entschei­den.

  5. Simone

    Ich tippe auf 3, weil die Aussprache m.E. nicht weich­er son­dern härter wer­den. Zudem kön­nen alle andern The­men als Ansätze gese­hen wer­den, vorhan­dene Vorurteil gegenüber Men­schen und Rassen mit lin­guis­tis­chen Mit­teln zu “beweisen”. Das ist ein altes Schema, das immer wieder auf­taucht und deswe­gen lei­der glaub­würdig.

  6. Carsten

    Ich tippe auf zwei, mit dem eher schwachen Argu­ment, dass eins, drei und vier real­is­tis­cher­weise schwachsin­nige Ideen des 19. und frühen 20. Jahrhun­derts sein kön­nen, zwei dage­gen aus dem aufgek­lärten 21. Jahrhun­dert stammt. I know, right?

  7. Daniel

    Ich tippe auf 1. Auch wenn ich 4 für sehr plau­si­bel halte, weil ich seit meinem einzi­gen Ski­urlaub weiß, das Bergre­gio­nen Kriegs­ge­bi­ete sind. Nur kon­flik­tre­ich­er.
    Mein Tip beruht auf der ser­iösen Ein­schätzung, dass es im Finnis­chen ganz viele Dop­pel-K-Worte gibt.

  8. susi

    Nr. 3 wurde tat­säch­lich in der Sprach­wis­senschaft behauptet, ist aber Hum­bug…

  9. Vilinthril

    Tippe auf 2), mit Carstens Begrün­dung. Aber das tut alles so weh im Kopf. -_-

  10. Peter Krause

    Dass die Amerikan­er sich mehr infiziert haben, ist schon möglich. Aber daran ist nicht die Sprache schuld son­dern, dass sie so viel in der Welt herum­reisen und ander­er­seits beson­ders in den west­lichen Bun­desstaat­en mehr Chi­ne­sen und Südostasi­at­en leben als Japan­er.
    Mein Aprilscherztipp also 2!

  11. Saskia

    3. Ich glaube den Aprilscherz habe ich ähn­lich schon gele­sen, aber soweit ich mich erin­nere bezog sich das auf Aspi­ra­tion.

  12. Ariane

    Hm, Nr.2 finde ich fast noch am logis­chsten und Nr. 4 find­et sich bes­timmt in ein­er von Sar­razins The­sen. Zur Lautver­schiebung existieren bes­timmt viele wilde The­o­rien. Also nehme ich Nr. 1.

  13. Anne

    Ich tippe auf 2. Das klingt zwar am logis­chsten, aber die anderen drei passen bess­er zusam­men in die Kat­e­gorie tat­säch­lich­es Hirnge­spinnst.

  14. Foz

    Es muss 4 sein, da pho­nol­o­gis­che Ver­ar­beitung mein­er Ken­nt­nis nahc im Bro­ca-Are­al stat­tfind­et, während Emo­tio­nen in den Cor­po­ra Amyg­daloidea ver­ar­beit­et wer­den (gut, ich geb’s zu, das mit den Cor­po­ra Amyg­daloidea habe ich gegoogelt).

  15. Sophia

    Ich tippe auch auf Num­mer 4 als Aprilscherz.
    Kann mir schlecht vorstellen, dass diese The­o­rie in der Form je vertreten wurde, ein­fach weil die Fak­ten­lage das gar nicht hergäbe. Man müsste ja son­st davon aus­ge­gan­gen sein, dass in einem ein Land wie (z.B.) Deutsch­land (Deutsch: viele Frika­tive, Affrika­tive) die Gewalt­bere­itschaft höher sei, als in einem Land, das wenige/keine Affrika­tive, Frika­tive benutzt.
    Habe jet­zt keine län­derver­gle­ichende Gewalt- und Kriegs(lust)statistik zur Hand, aber DAS
    scheint mir Hum­bug.

  16. Hermine

    Ich ver­mute 1 und 4 wur­den tat­säch­lich ein­mal behauptet, weil jeglich­er Unsinn ange­führt wird, um Krim­i­nal­ität und Ähn­lich­es zu erk­lären. Deshalb schwanke ich zwis­chen 2 und 3. Behaup­tung 3 klingt so sehr nach Vul­gär­ma­te­ri­al­is­mus, dass auch sie bes­timmt schon mal als Erk­lärung benutzt wurde. Ich tippe daher, dass Num­mer 2 der Aprilscherz ist.

  17. Shhhhh

    Ich tippe mal auf die drei, weil mir das Beispiel “time” und “Zeit” nicht ein­leuchtet. Die anderen drei hören sich für mich tat­säch­lich schlüs­siger an in ihrer Argu­men­ta­tion.

  18. Jan

    Ich tippe auf Num­mer 4, und zwar deshalb, weil man für eine solche Behaup­tung ja wenig­stens IRGENDETWAS über das Gehirn wis­sen muss – dann sollte man auch wis­sen, dass das Quatsch ist. Alle anderen Ideen kann man aus irgendwelchen Scheinko­r­re­la­tio­nen ableit­en oder sie zumin­d­est damit plau­si­bler ausse­hen lassen… Obwohl Her­mines Kom­men­tar (lei­der lei­der) auch sofort ein­leuchtet. Trotz­dem, ich bin für 4.

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