Aprilscherz 2014 aufgelöst

Achtung: Wer bei unserem Aprilscherz-Rät­sel von Gestern noch mitrat­en will, sollte sich schnell dor­thin begeben und erst dann hier weit­er­lesen.

Absoluter Favorit war die Geschichte mit den infek­tiösen Ver­schlus­slaut­en, gefol­gt von der Lautver­schiebung durch Höhen­luft. Den drit­ten Platz teil­ten sich die vokalhar­monisch fried­fer­ti­gen Finn/innen mit der durch Reibelaute aus­gelösten Aggres­sion. Damit ist es mir anders als in den let­zten zwei Jahren endlich wieder ein­mal gelun­gen, den Aprilscherz erfol­gre­ich zu ver­steck­en.

Hier die vier Geschicht­en und die Auflö­sung:

Finn­land hat gemessen an der Bevölkerung die kle­in­ste Gefäng­nis­pop­u­la­tion aller europäis­chen Län­der. Das ist kein Zufall: Finnisch ist eine Sprache mit weni­gen Kon­so­nan­ten und vie­len Vokalen, die zudem inner­halb eines Wortes har­monieren (die soge­nan­nte „Vokalhar­monie“). Sprachen mit vie­len Vokalen wirken auf das men­schliche Gehirn beruhi­gend (weshalb auch Kinder­lieder über­durch­schnit­tlich vokallastig sind).

Tut mir leid, den Zusam­men­hang zwis­chen Vokalre­ich­tum und Fried­fer­tigkeit habe ich frei erfun­den. Finn­land mag die kle­in­ste Gefäng­nis­pop­u­la­tion haben, aber es hat auch die vierthöch­ste Mor­drate in Europa, und das ähn­lich vokalre­iche und -har­monis­che Est­land ste­ht sog­ar an Platz 2.

Kon­so­nan­ten­re­iche Sprachen kön­nen dage­gen lebens­ge­fährlich sein: vor allem, wenn sie viele soge­nan­nte „aspiri­erte Plo­sivlaute“ (Kon­so­nan­ten, bei denen wir stoßar­tig ausat­men) hat: Als 2003 die Infek­tion­skrankheit SARS aus­brach, lag die Zahl der Infek­tio­nen in den USA weit höher als in Japan. Es zeigte sich, dass die hohe Anzahl von aspiri­erten Plo­sivlaut­en im Englis­chen dafür sorgte, dass mehr infiziert­er Spe­ichel von Sprecher/in zu Sprecher/in über­tra­gen wurde als im an aspiri­erten Plo­sivlaut­en armen Japanis­chen.

Das hat tat­säch­lich jemand behauptet, näm­lich der Medi­zin­er Sakae Inouye im Fach­magazin The Lancet. Allerd­ings stellte sich später her­aus, dass der SARS-Virus sich nicht in nen­nenswertem Umfang durch Tröf­pchen­in­fek­tion son­dern durch Fäkalien aus­ge­bre­it­et hat­te, was Inouye zu der neuen Hypothese ver­leit­ete, dass das Hän­de­schüt­teln der Amerikaner/innen im Ver­gle­ich zum berührungslosen Ver­beu­gen der Japaner/innen für die unter­schiedliche Aus­bre­itung ver­ant­wortlich war.

Aber auch Sprecher/innen des Deutschen sind und waren sicher­er vor SARS: Die soge­nan­nte deutsche Lautver­schiebung sorgte dafür, dass aus vie­len Plo­sivlaut­en soge­nan­nte Frikaitve und Affrikate (Reibelaute) wur­den (z.B. p zu f, vgl. sleep/schlafen, t zu z, vgl. time/Zeit). Grund dafür war, dass einige ger­man­is­che Stämme in bergige Gebi­ete vor­drangen, wo sie wegen der dün­neren Luft schneller außer Atem geri­eten, sodass die Aussprache der Plo­sivlaute weich­er wurde.

Dass die deutsche Lautver­schiebung etwas mit der dün­nen Höhen­luft zu tun hat­te, kann als reine Speku­la­tion gel­ten, denn wenn eine bergige Umge­bung das Artikulieren nen­nenswert anstren­gen­der machen würde, müsste es einen Zusam­men­hang zwis­chen Höhen­lage und der Größe des Kon­so­nan­ten­in­ven­tars ins­ge­samt geben. Das ist aber nicht der Fall. Trotz­dem wurde die The­o­rie von den atem­losen ger­man­is­chen Bergvölk­ern im 19 Jahrhun­dert tat­säch­lich vertreten.

So ganz unge­fährlich sind aber auch die Reibelaute nicht: Sie entste­hen in densel­ben Hirn­re­gio­nen, die auch für Aggres­sion und Gewalt­tätigkeit ver­ant­wortlich sind. Durch die Ver­ar­beitung solch­er Laute wer­den diese Zen­tren ständig aktiviert, was dazu führt, dass Sprecher/innen entsprechen­der Sprachen gewalt­tätiger sind, also etwa mehr Gewaltver­brechen verüben und als Gruppe häu­figer Kriege führen.

Dass Reibelaute aggres­siv machen sollen, ist eine tat­säch­lich vertretene The­o­rie, die mir so gut gefällt, dass ich sie schon zum zweit­en Mal ins Sprachlog-Aprilscherzquiz einge­baut habe. Aber während Reibelaute aggres­siv klin­gen mögen (man denke nur an das an Fri­ak­tiv­en und Affrikat­en reiche Klin­go­nisch!) gibt es kein­er­lei Zusam­men­hang zwis­chen Reibelaut­en und aggres­sivem Ver­hal­ten.

Dieser Beitrag wurde unter Rätsel abgelegt am von .
Anatol Stefanowitsch

Über Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch ist Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der Freien Universität Berlin. Er beschäftigt sich derzeit mit diskriminierender Sprache, Sprachpolitik und dem politischen Gebrauch und Missbrauch von Sprache. Sein aktuelles Buch „Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ ist 2018 im Dudenverlag erschienen.

5 Gedanken zu „Aprilscherz 2014 aufgelöst

  1. Jan

    Oohhh! Daneben. Übri­gens: wären Kinder­lieder nicht eher vokallastig (sind sie’s denn über­haupt???) damit Kinder sie besser/früher mitsin­gen kön­nen? Das wäre zumin­d­est meine erste Idee dazu.

  2. Anatol StefanowitschAnatol Stefanowitsch Beitragsautor

    @ Jan: Ich weiß nicht­mal, ob Kinder­lieder über­haupt beson­ders vokallastig sind. Ich habe es ein­fach mal behauptet und gehofft, alle wür­den an so etwas wie „La, le, lu“ denken. Man kön­nte das aber leicht empirisch über­prüfen, mal sehen, ob ich Studierende finde, die das als Haus­abeit­s­the­ma machen wollen.

  3. Kalef

    @vokallastig… Liebe Leute, was sollte so eine Unter­suchung besagen? Jed­er Gesang (in Europa) ist vokallastig, wenn man die Zeit misst, wie lange Vokale beim Sin­gen im Ver­gle­ich zu den Kon­so­nan­ten dauern. (Die paar Klinger kön­nens nicht raus­reißen.) Es ist wurscht, wie viele Kon­so­nan­ten in einem Lied vorhan­den sind, die Vokale wer­den immer viel länger klin­gen!

    Wieso also sollte das eine lohnende Fragestel­lung sein?

  4. David Marjanović

    Dass Reibelaute aggres­siv machen sollen, ist eine tat­säch­lich vertretene The­o­rie

    …Naja, gut. Das da ist auch eine tat­säch­lich vertretene The­o­rie, vertreten von unge­fähr genau­so vie­len Leuten.

    Übri­gens sollen es auss­chließlich die stimmhaften Reibelaute sein. Ich lache ger­ade darüber, wie fried­fer­tig die Wiener dann sein müssten.

    t zu z, vgl. time/Zeit

    Ist nicht tide homolog zu Zeit?

  5. KS

    Wo kann ich denn mehr über die The­o­rie von atem­losen ger­man­is­chen Bergvölk­ern lesen? Bzw. gibt es einige bekan­nte Anhänger der The­o­rie? Ich habe ein­mal gehört, dass sog­ar Grimm diese Idee vertreten hat.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .