Spähmetaphorik und ihre Grenzen [re:publica]

Auch auf der re:publica wurde natürlich viel diskutiert über die Überwachung des Internets durch die Geheimdienste (diskursiv immer vertreten durch die NSA) und die Apathie, mit der die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung auf diese Überwachung reagiert. Ich sage „natürlich“, weil dieses Thema für die Netzgemeinde seit vielen Monaten beherrschend ist, nicht, weil es zwingend besonders dringlich einer Lösung durch die Netzgemeinde harrt.1

Auch Sascha Lobo hat sich in seinem Vortrag zur Lage der Netzgemeinde mit diesem Thema beschäftigt und dabei interessante Überlegungen dazu angestellt, ob ein Teil der Apathie eventuell auf ungeeignete Begrifflichkeiten für die Überwachungsproblematik zurückzuführen ist und welche treffenderen Begrifflichkeiten wir stattdessen verwenden könnten (hier ein direkter Link auf die entsprechende Passage). Er schlägt unter anderem vor, die Wörter Affäre und Skandal zu vermeiden, und stattdessen von einem Spähangriff oder einer Spitzelattacke zu sprechen. Damit will Sascha stärker auf die Aggressivität der Überwacher hinweisen.

Dieser ANGRIFFs-Frame2 passt gut in eine innerhalb und außerhalb der Netzgemeinde gut verankerte Metaphorik, die das Internet als einen Ort betrachtet (zur Ortsmetapher siehe meinen Vortrag auf der OpenMind 2013). In einer Orts– oder Territorialmetapher können wir den Gegner als Angreifer darstellen, der in unsere Lebenswelt (und Merkels „Neuland“) eindringt und gegen den wir uns wehren können und müssen.

Ich stimme Sascha zu, dass Begrifflichkeiten und vor allem die dahinterstehenden Bedeutungssysteme für die Vermittlung von politischen (und anderen) Inhalten wichtig ist, aber ich glaube nicht, dass der ANGRIFFS– oder ATTACKEN-Frame funktionieren würde.

Das Problem ist nämlich, dass sich das Ausgespäht-Werden eben nicht wie ein Angriff oder eine Attacke anfühlt: Es fühlt sich überhaupt nicht an – das ist ja genau das Problem. Sascha bringt an anderer Stelle im Vortrag das Bild eines Tyrannosaurus Rex auf Speed, der plötzlich im Raum stehe, während sich alle vom kleinen bunten Pudel ablenken lassen, der auch da ist. Die Sache ist doch aber: Wenn die uns ausspähenden Geheimdienste ein Tyrannosaurus Rex auf Speed ist, dann steht der nicht erst seit eben im Zimmer, sondern war die ganze Zeit schon da, ohne das wir ihn bemerkt haben. Es ist also ein unsichtbarer Tyrannosaurus Rex auf Speed, der bisher auch niemandem von uns konkret etwas getan hat.

Das erklärt, wieso er so leicht zu ignorieren ist und warum der Frame eines Angriffs uns nicht weiterhelfen wird. Wörter wie Spähangriff oder Spitzelattacke passen nicht zu unserer Wahrnehmung und führen höchstens dazu, dass sich die Wörter Angriff und Attacke abnutzen.

Stattdessen bräuchten wir einen Frame, der zu einer unsichtbaren Gefahr passt, die jahrelang unbemerkt und folgenlos bleiben und dann plötzlich akut werden kann. Mir fallen spontan zwei solche Frames ein, die beide gut in deutschen Angstdiskursen verankert sind: Der VERUNREINIGUNGS-Frame und der KRANKHEITS-Frame.

Im KRANKHEITs-Frame würden wir das Internet als scheinbar gesunden Organismus darstellen, in dem sich aber unbemerkt eine Krankheit oder ein Parasit ausbreitet – die überwachenden Geheimdienste, die wir dann als Spähgeschwür oder Spitzelparasiten

Ähnliches gilt für den VERUNREINIGUNGS-Frame, der im Deutschen schon lange ein Denkmodell für alles mögliche liefert – die Diskussion um Naturschutz läuft in Deutschland hauptsächlich über diesen Frame (es wurde und wird viel über verunreinigten („sauren“) Regen, verunreinigte Flüsse, durch manipulierte Gene und Chemikalien verunreinigtes Essen usw. diskutiert). Sprachwandel in Form von Lehnwörtern wird über diesen Frame als Verunreinigung dargestellt. Und (leider, weil der Frame dadurch weitgehend unbenutzbar wird), wurde und wird auch dieser Frame verwendet, um das „deutsche Volk“ als rein und diese Reinheit („Blutreinheit“) als etwas darzustellen, das von Verunreinigung bedroht ist.

Vielleicht wäre ein Sonderfall des VERUNREINIGUNGS-Frames denkbar: der RADIOAKTIVITÄTS-Frame. Das Internet könne eine unberührte Landschaft sein, in der sich unsichtbare aber alles zersetzende radioaktive Strahlen in Form von Überwachungsmaßnahmen ausbreiten. Allerdings ist Radioaktivität selbst nur schwer fassbar, und Wörter wie Spähradioaktivität oder Spitzelstrahlung klingen deshalb sehr konstruiert und unverständlich.

Vielleicht hat ja jemand eine bessere Idee für einen Frame, der sowohl zu der (nicht vorhandenen) Wahrnehmung der Überwachung durch die Geheimdienste als auch zu der von dieser ausgehenden Gefahr passt. Vielleicht ist es aber auch ein Problem, dass wir gar nicht genau erklären können, worin genau diese Gefahr eigentlich besteht. Es hat eben niemand wirklich Angst davor, von der NSA von der Straße weg verhaftet zu werden und dass eine zukünftige diktatorische Regierung uns mit unseren Daten erpresst, dürfte für die meisten auch sehr fern sein (was nicht heißen muss, dass sie unrealistisch ist).

Je genauer, je konkreter wir diese Gefahren beschreiben können, desto leichter wird es uns vielleicht fallen, einen geeigneten Frame zu finden.

Nachtrag:

Einen ersten Vorschlag für einen Frame hat Dierk Haasis auf Twitter gemacht: den RAUBTIER-Frame, mit Raubtieren, die sich „leise anschleichen, Opfer merkt nichts bis es zu spät ist“, z.B. Hyänen. Er schlägt auch das Bild von Geiern vor, die sich „laben … an den Überresten unseres Lebens, den Daten, die wir hinterlassen.“ Der RAUBTIER-Frame greift in gewisser Weise den Tyrannosaurus Rex auf Speed auf, aber wenn wir ein unauffälliges, sich leise anschleichendes Raubtier wählen, passt er eben besser zu unserer Nicht-Wahrnehmung der Gefahr. Der GEIER-Frame dagegen ist problematisch, weil die Geheimdienste unsere Daten ja nicht auffressen, sondern nur kopieren (ganz allgemein ist es deshalb auch keine Option, einen DIEBSTAHL-Frame zu nutzen, da die Netzgemeinde ja selber seit Jahren darauf besteht, dass das Kopieren von Daten kein Diebstahl sei, da die Originaldatei ja noch vorhanden sei).

Neben den Vorschlägen unten in den Kommentaren gab es noch Vorschläge über Facebook und Twitter, die ich nur kurz zusammenfasse/zitiere:
– [Facebook] Nicolas Buchele: „Man spricht ja vom unterwandern (wo man nichts merkt bis der vermeintlich sichere Boden einbricht). Koennte man einen Maulwurf– oder Termiten-Frame irgendwie gebrauchen?“
– [Twitter] Martin Ballaschk (@gedankenabfall) „Ein Frame um einen "krankhaften Wahn"? #Spitzelwahnsinn #Spähamok klingen aber sehr konstruiert.“ Meine Antwort darauf war: „Ja es wurde ja noch „Kontrollsucht“ vorgeschlagen, aber damit entlässt man die Geheimdienste aus ihrer Verantwortung.“, womit ich sagen wollte, dass wir Süchtige oder Menschen mit Wahnvorstellungen ja im Allgemeinen für ihre Handlungen nicht voll verantwortlich machen.
– [Twitter] (Geschützter Account): „Vielleicht Rost oder Materialermüdung. Merkt eins auch erst, wenn es zu spät ist.“

  1. Womit ich nicht sagen will, dass sie keiner Lösung bedarf, aber es stellt sich natürlich die Frage, ob es eine solche Lösung überhaupt gibt und ob es, wenn es eine solche Lösung gibt, die Netzgemeinde oder ihre netzpolitischen Organisationen sind, die sie finden werden. Es stellt sich weiterhin die Frage, ob das Problem der Überwachung durch Geheimdienste das dringlichste zu lösende Problem der Netzpolitik ist. Ich sage das alles nicht, weil ich gerne überwacht werde oder Überwachung grundsätzlich für harmlos halte, sondern, weil das Fragen sind, die meines Wissens bislang wenig diskutiert worden sind. []
  2. Dazu, was ich hier mit „Frame“ meine, siehe diesen Vortrag von mir oder diesen Text des Sprachwissenschaftlers George Lakoff []

16 Kommentare

  • Ferrer hat Folgendes geschrieben:

    Gute Idee, wir brauchen den richtigen Frame. Zunächst einige Vorbemerkungen:
    Es ist ein Krieg, das haben die NSA-ler und Co. selber gesagt. Sie nennen es ¨Krieg gegen Terror¨, aber bekämpfen tun sie uns. Wir sind die Opfer und das Ziel. Ich habe von keiner erfolgreichen Operation gegen Terroristen gelesen, kenne aber einige Fälle von falsche Beschuldigung.
    Corolarium 1: Im Krieg ist alles erlaubt. Beiden Seiten!
    Wir sind wie im Internet/Neuland wie Kinder. Wir sind arglos, unbedarft und vertrauensselig. Das nutzen die Geheimdienste aus.
    Der Frame, der die meisten Menschen aufzuregen scheint, ist der Frame des Kindesmissbrauchs. Das schliesse ich aus der Lektüre verschiedener Foren im Internet in verschiedenen Ländern (siehe neulich Edathy-Affäre).

    Daher schlage ich als Bezeichnung für das wahllose Sammeln von Daten unbedarfter und in der erdrückenden Mehrheit unschuldiger Opfer den Begriff ¨Datenpädophilie¨ vor, und für die Täter den Begriff ¨Datenpädo¨ bzw. ¨Datenpädophiler¨.

    Alternativ, falls es jemanden doch zu heftig vorkäme (aber das soll es ja gerade sein!), könnte man auch ¨Datenstalking¨ und ¨Datenstalker¨ verwenden. Stalker verfolgen ihre Opfer ebenfalls zunächst im Verborgenen, bis sie eine Schwachstelle ausmachen und schlagen dann aus dem Hinterhalt zu.

    Statt Daten– kann man bei beiden Vorschlägen wahlweise auch Späh– bzw. Spitzel– als Präfix benutzen.

    Und wenn die Vorschläge auf keine Zustimmung stossen, so dienen sie im Laufe des Brainstormings vielleicht anderen zur Anregung.

  • Quark hat Folgendes geschrieben:

    Interessante Überlegungen, die nicht von der Hand zu weisen sind. Aber ich habe einige Zweifel, dass die fehlende öffentliche Problemwahrnehmung und darauf aufbauend mangelder Protest nur daher rühren, dass noch nicht der passende Frame zur Skandalisierung gefunden wurde. Es ist durchaus auch möglich, dass viele Leute tatsächlich kein Problem damit haben, prinzipiell überwacht zu werden (weil sie nach eigener Auffassung nichts zu verbergen haben, es für ein notwendiges Opfer im Dienste der Sicherheit halten, aus unerfindlichen Gründen Vertrauen in staatliche Behörden haben etc.).

    @Ferrer: Es ist ziemlich ekelhaft und verharmlosend, einfach eines der denkbar schlimmsten Verbrechen mit dem größen Empörungspotential (Kindesmissbrauch) zur Metapher zu machen. Den Gegner einfach mit den schlimmstmöglichen Attributen zu belegen ist m.E. nicht zielführend, zudem kommt es früher oder später zu Abnutzungserscheinungen (siehe etwa die inflationäre Verwendung des Faschismus-Begriffes in linken Diskursen). Der Stalking-Vergleich könnte es allerdings schon eher treffen.

  • Ferrer hat Folgendes geschrieben:

    @Quark: Es soll ja gerade provokant sein, aber ich verstehe, dass man meinen ersten Vorschlag als zu heftig empfindet. Das Problem der Abnutzung sehe ich ebenfalls, aber man hätte für einige Zeit den Vorteil des first movers. Wenn man es bis zur Abnutzung schafft, die Lage und die Gesetzgebung zum Besseren zu verändern, wäre schon viel gewonnen (nein, ich glaube nicht daran, aber wenn man es nicht versucht, wird es sicher nichts). Vor 40 Jahren war in manchen links/grünen Kreisen die Forderung nach Entkriminalisierung der Pädophilie nicht verpönt, die Maßstäbe ändern sich immer wieder, Ihnen kommt mein Vorschlag ekelhaft und verharmlosend vor. Es ist nicht einfach. Ich bitte um Verzeihung.
    Es würde mich schon interessieren, was in 40 über die NSA u.ä. gedacht wird. Leider werde ich das kaum selber erleben.

  • Anatol Stefanowitsch hat Folgendes geschrieben:

    @Ferrer: Ihr Vergleich ist nicht provokant, sondern in mehrfacher Hinsicht menschenverachtend. Beim Finden eines Frames geht es in Übrigen nicht darum, „provokant“ oder „heftig“ zu sein, sondern darum, eine Bildsprache zu finden, die dem, über das gesprochen wird, inhaltlich angemessen ist und es gleichzeitig erfahrbar macht.

  • Dickbrettbohrer hat Folgendes geschrieben:

    Der Mangel an Reaktion und Empörung ist mE nicht Ursache sondern Symptom, und der fehlende Frame ebenso. Dazu muß ich etwas ausholen:

    Alice Miller hat die Folgen der frühkindlichen Verdrängung von Mangelerfahrungen bis bösartigen Erfahrungen (v.a. durch Eltern) und den Zwang zu ihrer Wiederholung in späteren sozialen Situationen gut beschrieben ("Du sollst nicht merken") und die Freud'sche Annahme es handele sich immer nur um Phantasien (und nicht Realität) bei ihren Patienten widerlegt gesehen.

    Beim Erwachsenen manifestiert sich das Verdrängen des als unerträglich Erlebten im Politischen als "Betrayal Blindness" gegenüber Institutionen (siehe zB: http://dynamic.uoregon.edu/jjf/institutionalbetrayal/). Welche Haltung formuliert das Volk gegenüber "den Politikern" oder "dem Staat" oder "Amerika" bzw "der Sowjetunion"? (Schöner aktueller Einblick hier ab Seite 2: http://www.zeit.de/2014/18/narzismuss-selbstwertgefuehl-politiker-waehler). (Im Privaten wirkt der Wiederholungszwang mit Verdrängung ins Unbewußte in Partnerschaft, Familie, und Arbeitsplatz, auch dort gibt es Betrayal Blindness, aber das ist hier nicht Thema.)

    Nach den Entbehrungserfahrungen der Vorkriegs– ("abhärten!"), Kriegs– ("durchhalten!") und Nachkriegs– ("Aufbauen"!) –kinder bei gleichzeitiger Idealisierung (von Mutter, Vater, Organisation, Volk) ist es nur folgerichtig dass sie bis heute nicht in der Lage sind, als wohlmeinend dargestellte Personen oder Institutionen anzuklagen. Die wenigsten sind durchs Feuer der Aufarbeitung ihrer Erlebnisse gegangen und haben stattdessen das Erlebte an ihren Kindern ausgelebt und so weitergeben.

    Die beklagte politische Lethargie hat tiefenpsychologisch die Funktion uns vor dem individuellen Wiedererleben von extremen Gefühlen von Ohnmacht, Beschämung, Schmerz, Verratensein zu schützen. Sie wird sich durch einen schönen neuen Frame nicht abschütteln lassen, solange dieser machtvolle Grund für ihre Aufrechterhaltung besteht.

    So erklärt sich übrigens auch warum in der Politik der Haß auf den Whistleblower (oder Aussteiger) oft stärker ist als der Haß auf den Gegner: Weil Ersterer dem Verdrängenden näher/ähnlicher ist und damit sein Anders-Agieren die Verdrängungsbarriere stärker bedroht.

    So plump-skandalisierend der Pädophilie-Frame auch wäre, er hat die Ursache immerhin gestreift.

    Einen passenderen Frame findet man in Märchen: die Böse Stiefmutter.

  • Lothar Lemnitzer hat Folgendes geschrieben:

    M.E. ist der "Gift-" bzw. "Vergiftungsframe" gut geeignet. Er schließt (in der Umwelt-Lseart) an die Metapher des Ortes an, Vergiftungen können schleichend geschehen, die Opfer können bzw. müssen den Ort wechseln, der durch die Vergiftung unwirtlich wird. Es gibt auch die Metapher "die Atmosphäre vergiften". Nachteil ist der Anklang an bzw. Bezug auf die unselige Geschicht des Verdachts der Brunnenvergiftung (heute zum Glück nur noch im übertragenen Sinn).

  • Markus Dahlem hat Folgendes geschrieben:

    Leider haben wir in der deutschen Sprache nichts ähnliches wir den "Elephant in the room", oder doch? Noch mehr gefällt mir der "800 pound gorilla" ("Where does an 800 lb. gorilla sit?" Antwort: "Anywhere it wants to.")

    Das geht in die Richtung von Dierk Haasis RAUBTIER-Frame sowie dem T-Rex. Wobei der Elefant lange unsichtbar — weil absichtlich übersehen — ist.

  • Daniel hat Folgendes geschrieben:

    Ich halte den Raubtier-Frame für unpassend, nahezu so unpassend wie die "Gift-" oder "krankheits-"-Rahmung. Weder Raubtiere, noch Gift, noch eine Krankheit verfolgt eine böse Absicht bei dem, was sie tun. Und keiner der drei ist in der Lage, sein verhalten an ein Opfer anzupassen, um dieses zu schonen oder auf dessen Seelenbefinden Rücksicht zu nehmen.
    Das ist auch der Grund, warum mindestens die von AS genannten Vorschläge politisch — äh — vergiftet sind. Das "vergiften" des "Volkskörpers" ist Sprache des Nationalsozialismus. Selbst wenn es gute Gründe gäbe, etwas in der Richgung zu verwenden, ich würde es nicht wollen.
    Stattdessen plädiere ich für den Stalker-Frame.
    Der erste Grund ist der, dass es die Bedrohung peronifiziert. Statt "den Diensten" sind es dann Personen, die einen belauern.
    Der zweite Grund ist der, dass die Verteidigung der Praxis auch mit dem Argument funktioniert, dass niemand überwacht wird, sondern nur Emails/Korrespondenz/Netzverhalten gespiegelt und dann per Suchroutine automatisch nach Stichwörter überprüft wird. Dieses Bild halte ich für falsch und irreführend, da es verschleiert, dass auch diese Vprgänge schon ein Überwachen und Beschnüffeln sind. Die Stalker-Metapher macht es hoffentlich schwerer, dieses "nur-ein-Computerprogramm-liest-Deine-Emails"-Argument zu entkräften.
    Der dritte grund ist der, dass auch das Stalking oft im Grenzbereich zwischen Erlaubtem und Illegalem abläuft. Leider ist nicht alles, was die Geheimdienste machen, verboten. Keine der anderen Framing-Vorschläge greift dieses Problem auf.
    Am Ende noch zwei Beispiele, warum ich das Stalker-Bild auch im komkreten Fall für gut anzuwenden halte:

    http://www.theguardian.com/world/2014/feb/27/gchq-nsa-webcam-images-internet-yahoo

    und

    http://blog.fefe.de/?ts=ac5b083c

    Ich glaube das Argument im zweiten Link funktioniert gefühlt deswegen nicht, weil die Überwachung durch die Geheimdienste nicht einer Person zugeordnet werden kann.

  • […] Netz und NSA: Spähmetaphorik und ihre Grenzen … sprachlog […]

  • gnaddrig hat Folgendes geschrieben:

    @ Daniel: Der Stalker-Frame kommt mir bisher auch am Einleuchtendsten vor.

    Der Stalker sammelt — wie die Geheimdienste — Informationen aller Art über sein Opfer. Dabei bedient er sich verschiedener Methoden, die das ganze Spektrum zwischen völlig legal und völlig illegal abdecken können. Der Stalker kann wie die Dienste argumentieren, er bewege sich ja nur im öffentlichen Raum und sammele öffentlich zugängliche Informationen. Im Zweifelsfall sagt er, er mache ja gar nichts, schon gar nichts verbotenes. Und sogar wenn man ihm das Gegenteil nachweist, kümmert er sich nicht darum. Er muss letztlich handgreiflich davon abgehalten werden, weiterzumachen.

    Der Stalker kann sein Wissen jederzeit zum Vor– oder Nachteil seines Opfers anwenden, muss das aber nicht. Das Opfer hat keinen Einfluss darauf und — wenn der Stalker es geschickt anstellt — ist sich der Existenz des Stalkers gar nicht erst bewusst. Der Stalker kann sich sehr weitgehend jeder Verfolgung durch sein Opfer entziehen. Das Bild passt sehr gut, finde ich.

  • […] Stefanowitsch: Spähmetaphorik und ihre Grenzen - “Wenn die uns ausspähenden Geheimdienste ein Tyrannosaurus Rex auf Speed ist, dann steht […]

  • Chris hat Folgendes geschrieben:

    Vielleicht waere statt des Vergiftungsbildes das eines erstickenden Gases wie Kohlenmonoxid einleuchtender? Es sammelt sich ueber dem Boden, ist unsichtbar, und wenn man sich arglos hineinbegibt/hinlegt, ist es zu spaet?

  • […] und er ja auch eigentlich noch niemandem fühlbar etwas getan hat, nehmen wir ihn nicht wahr. Er ist unsichtbar. Wir fühlen uns nicht tatsächlich bedroht. […]

  • […] Nachbearbeitung der re:publica griff sodann Anatol Stefanowitsch auf, indem er sich mit Sascha Lobos Suche nach neuen Begriffen auseinandersetzte. Stefanowitsch […]

  • […] (08.05.2014), mit Gedanken über Begrifflichkeiten für die Überwachungsproblematik, im Sprachlog [Beitrag]. (4) Was heißt “ergebnisorientiert” – zum Beispiel bei der Arbeit des […]

  • nike hat Folgendes geschrieben:

    Ja, ich bin "two years late to the party", aber dieser reddit-thread (https://www.reddit.com/r/Showerthoughts/comments/4pxj1a/the_internet_uses_many_terms_relating_to_water_i/) hat mich wieder daran erinnert.
    Wenn wir für das Internet sowieso eine Wassermetaphorik benutzen — zwar im Englischen mehr als im Deutschen -, bietet es sich vielleicht an, denselben Frame auch für Bedrohungen zu nutzen. Wasser kann verschmutzt sein, ohne dass es zunächst zu erkennen ist; stehende Gewässer können umkippen, Ströme abgegraben und umgeleitet werden; es gibt ein theoretisches Recht auf Wasser und trotzdem ist es vielerorts knapp oder wird als Druckmittel benutzt, …

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird niemals weitergegeben.Erforderliche Felder sind mit einem * markiert.