So lügt man mit Statistik

Von Susanne Flach

Der VDS set­zt sich neben wenig erfol­gre­ichen Ver­suchen, Deutsch als Amtssprache im Grundge­setz zu ver­ankern, seit Jahren auch für eine Quote ein, die den Anteil an deutschsprachiger Musik im Radio erhöhen soll. Der neuste Vorstoß kommt jet­zt mit einem offe­nen Brief an die Mit­glieder des Rund­funkrats, der auf Grund­lage ein­er VDS-Erhe­bung die Ein­führung ein­er solchen Radio-Quote fordert.

In der Pressemel­dung des VDS heißt es:

Fast die Hälfte unter den 100 bish­er meistverkauften Alben des Jahres 2014 brin­gen deutschsprachige Musik“, erläutert der VDS-Vor­sitzende Wal­ter Krämer. „Aber die Amitüm­ler in den Musikredak­tio­nen deutsch­er Rund­funksender dudeln 90% Stücke mit englis­chen Tex­ten ab.“

Na? Richtig, die Sache mit den Äpfeln und den Bir­nen und den Erdnüssen.

Denn was Krämer hier aufeinan­der bezieht, sind zwei völ­lig unter­schiedliche Dinge. Wenn die Hälfte der 100 meistverkauften Alben Musik in deutsch­er Sprache enthält, bezieht er sich auf Typen (weil es Verkauf­szahlen ignori­ert). Er ver­gle­icht es dann mit der Fre­quenz, mit der Lieder im Radio gespielt wer­den. Zwar ste­ht nir­gend­wo, wie der VDS die Titel gezählt hat. Aber wenn die Erhe­bung durch­schnit­tlich 258 Titel je 24 Stun­den aus­gibt, dann sind das etwa 37 Minuten Musik pro Stunde (angenom­men ein Lied dauert im Schnitt 3′30″). Wenn man noch Zeit für Nachricht­en, Verkehr, Wer­bung, Gesabbel, The­men­blöcke und Jin­gles einkalkuliert, lässt das also ver­muten, dass der VDS die einzel­nen Token der Musik­stücke gezählt hat.

Typen und Token miteinan­der zu ver­gle­ichen ist keine beson­ders gute Idee. Denn das mit den Äpfeln und Bir­nen geht so: es wäre the­o­retisch möglich, dass die 50 meistverkauften Top-100-Alben Musik auf Englisch enthal­ten und die weniger häu­fig verkaufte zweite Hälfte auf Deutsch gesun­gen sein kön­nte (Typen). Dann würde bei jeden 100 tat­säch­lich verkauften Ton­trägern (Token) aber natür­lich auf weit mehr als der Hälfte auf Englisch gesun­gen. Somit wäre der Umstand real­is­tisch, dass im Radio zu 90% englis­chsprachige Musik gespielt wird. Krämer würde sich die Diskrepanz zwis­chen Pub­likum­swun­sch und Rund­funkre­al­ität in diesem Fall schlicht zusammenfantasieren.

Nun ist es aber so, dass sich in den aktuellen Album­charts auf den ersten 15 Plätzen fast auss­chließlich deutsch sin­gende Künstler/innen befind­en: Helene Fis­ch­er, Adel Taw­il, Revolver­held, Andreas Gabalier, Oon­agh, Peter Maf­fay, San­tiano, Andrea Berg, Unheilig und Mar­te­ria (danach dün­nt sich die deutschsprachige Vielfalt deut­lich aus). Krämer kön­nte also recht haben — wäre da nicht das mit den Bir­nen und den Erd­nüssen. Denn diese Musiker/innen sind, ange­führt von Helene Fis­ch­er (Platz 1 & 2), mehrheitlich Schlager- und Volksmusiker/innen, und die sind bekan­nt dafür, all­ge­meine Album­charts zu dominieren.

Die Erhe­bung des VDS unter­sucht aber über­wiegend das Pro­gramm von Radiosendern, die über­haupt keine Schlager spie­len. Die Aus­nah­men WDR4, MDR1 und SWR4 RP haben dementsprechend einen Anteil von deutschsprachiger Musik von 38%, 42% und 73%. Also selb­st wenn der VDS oben tat­säch­lich Typen gezählt haben sollte (was angesichts des repet­i­tiv­en Pro­gramms der deutschen Radi­oland­schaft unwahrschein­lich ist), hat der VDS nicht das gemessen, was der VDS glaubt, gemessen zu haben und schon gar nicht das, was der VDS da reininterpretiert.

Für Krämer kommt es noch dick­er: im Radio wer­den nicht Alben gespielt, son­dern Sin­gles. Wenn man Pub­likum­swun­sch und Rund­funkre­al­ität zueinan­der in Beziehung set­zen will, muss man sich aber auch Sin­glecharts anschauen. Und dort find­en sich auf den ersten 50 Plätzen ganze sechs neun deutschsprachige Lieder.

Der offene Brief tritt mit dem Argu­ment an, der Rund­funk ver­weigere sich dem Wun­sch des Pub­likums nach deutschsprachiger Musik. Dieser Zusam­men­hang ist mit den VDS-Dat­en aber mutwillig falsch hergestellt. Man kön­nte natür­lich darüber disku­tieren, was was bed­ingt (also ob wir kaufen, was das Radio spielt, oder ob das Radio spielt, was wir kaufen), oder sich mal all­ge­mein über die Qual­ität des Rund­funks unter­hal­ten. Man kön­nte aber auch sagen: die große Vielfalt an Radiosendern spielt das, was ihr jew­eiliges Pub­likum gerne hört — weil, mal ehrlich, wer­den Sie zum Hören gezwun­gen oder schal­ten Sie bei Nicht­ge­fall­en aus, um oder gar nicht erst ein? Wenn ich Helene Fis­ch­er nicht hören will, höre ich auch keinen Sender, der Helene Fis­ch­er spielt (zum VDS-Quotengeschmack hat Ana­tol schon 2008 was geschrieben). Man kön­nte auch sagen: Die Hörer/innen bleiben dort, wo’s ihnen gefällt. Welchen Kul­tur­auf­trag würde „der Rund­funk“ erfüllen, wenn er mir von mor­gens bis abends Andreas Gabalier & seine weni­gen hochfre­quenten Typen rein­quotieren müsste?

Krämer und der VDS reduzieren mit erstaunlichem sta­tis­tis­chen Missver­stand einen bun­ten Obst­salat auf einen kar­gen Erd­nusskrümel. Aber das mit der Typen-Token-Unter­schei­dung hat man beim VDS ja schon mit Anglizis­men nicht ver­standen. Wür­den wir Krämers Logik auf Anglizis­men anwen­den, müsste er eine Anglizis­men­quote für den deutschen Sprachge­brauch fordern, weil die Abspiel­fre­quenz von Anglizis­men (ca. 2–3%) ihren Anteil am Lexikon (ca. 3–6%) nicht adäquat widerspiegelt.

17 Gedanken zu „So lügt man mit Statistik

  1. Ospero

    Kleine Kor­rek­tur: ich komme in den ver­link­ten Top 50 (Stand 21.11., 9:42) nicht auf sechs deutschsprachige Stücke, son­dern auf neun — Atem­los durch die Nacht (1), Auf uns (9), Ich lass für dich das Licht an (10), Au revoir (11 — ja, trotz des franzö­sis­chen Titels 😉 ), Lieder (12), Traum (18), Liebe (31), Kids (2 Fin­ger an den Kopf) (40), Willst du (42). Was die Argu­men­ta­tion des VdS natür­lich kein biss­chen weniger absurd macht.

    Ich mag übri­gens auch die Ref­erenz in der Über­schrift. Hihi.

    Antworten
  2. Frank Schilden

    Sehr unter­halt­sam, vie­len Dank dafür! Man beachte dabei, dass Herr Krämer Pro­fes­sor für Wirtschafts- und Sozial­sta­tis­tik ist. Auch ich habe ihn schon im Namen des VDS mit “Zahlen­spiel­ereien” ertappt: http://spraachenblog.wordpress.com/2012/08/09/wer-wird-sprachpanscher-des-jahres-2012-und-vor-allem-wen-interessiert-das-uberhaupt/

    Manch­mal habe ich das Gefühl, dass Herr Krämer den Zahlen­to­pos für sich ent­deckt hat und dann die Pferde mit ihm durchgehen …

    Antworten
  3. Frank Schilden

    Ich stelle die Syn­tax im 3. Satz bess­er um: Auch ich habe ihn schon mit “Zahlen­spiel­ereien” im Namen des VDS ertappt.

    Antworten
  4. Toc8

    Schön­er Ver­gle­ich von Musik-Rota­tion und Kor­puslin­guis­tik. Ich würde da noch einen Aspekt erwäh­nen wollen: Ist denn das “Kor­pus” über­haupt repräsen­ta­tiv? Wobei man sich fra­gen muss, wie Adam Kil­gar­riff mal schrieb: “Rep­re­sen­ta­tive of what?”

    Beispiel: Dota Kehr schreibt, singt und spielt deutschsprachige Lieder. Sie hat ihre eigene Plat­ten­fir­ma. Beim Tourauf­takt in Tübin­gen war das örtliche größte Kul­turhaus rest­los ausverkauft, bei fast 20€ Ein­tritt. Im Radio läuft Dota Kehr höch­stens ganz am Rande in ein­er Sparte oder in den freien Radios. Ob sie mit ihrer eige­nen Plat­ten­fir­ma in den Verkauf­scharts über­haupt vertreten sein kann, entzieht sich mein­er Kenntnis.

    Für mich ist Dota Kehr mit Band jeden­falls eine der sel­te­nen per­fek­ten Sym­biosen von (deutschsprachi­gen) Worten und Musik. Schade, dass nichts davon in den Über­legun­gen selb­ster­nan­nten Sprachret­ter des VDS aufzu­tauchen scheint? 

    Oder vielle­icht auch nicht schade, son­dern schlicht egal?

    Antworten
  5. Susanne Flach Beitragsautor

    @Toc8: die Repräsen­ta­tiv­ität ist eine nicht unspan­nende Frage, indeed. Das Prob­lem des VDS ist ja zunächst, dass zu viele offen­sichtlich kom­plexe Abhängigkeit­en in eine zwei­di­men­sion­ale Frage reinge­wor­fen wer­den (die mMn so über­haupt nicht oper­a­tional­isier­bar ist.) Es ist gut möglich, dass die Sender­auswahl in der Erhe­bung des VDS den tat­säch­lichen Anteil an „Schlager-Sendern“ vernün­ftig repräsen­tiert. Die Tat­sache aber, dass Schlager in den Album­charts so stark vertreten sind, in den Sin­glecharts weniger, kön­nte auch daran liegen, dass die Ziel­gruppe des Schlagers halt ein­fach Alben kauft und zwar zahlre­ich (aber auch nur von eini­gen weni­gen Szen­es­tars). Es gibt aber wenige® Sender, die über­wiegend Schlager­musik & Co spie­len. Die Schlager-Ziel­gruppe würde also ver­mehrt diese Sender hören. Wie man diesen Umstand in eine „Repräsen­ta­tiv­ität“ bei der Kor­pusauswahl mit ein­bezieht, darüber müsste ich etwas nach­denken (ich bin skep­tisch, dass das ohne mas­sive Abstriche möglich ist). Selb­st wenn es gelänge, müsste man die Zahlen unter Ein­bezug der genan­nten Fak­toren sin­nvoll auseinan­der­dröseln und vor­sichtig interpretieren.

    Beispiele wie Dota Kehr gibt es massen­weise in allen Sparten, egal in welch­er Sprache gesun­gen wird. Musikvor­liebe ist ja primär eine Geschmacks­frage, weshalb wir ver­mut­lich alle aus unseren jew­eili­gen Geschmacksper­spek­tiv­en zus­tim­men wür­den, dass die Qual­ität des Rund­funks verbesserungs­fähig ist (siehe ver­link­ter Beitrag von Ana­tol). Qual­ität ist aber natür­lich unab­hängig von der Sprache der Titel.

    Antworten
  6. Mycroft

    Lügen” ist ein hartes Wort, man kann es aber mal probieren. 😉
    Wer noch auf die Zusam­men­fas­sun­gen von Sta­tis­tiken rein­fällt, ist mMn sel­ber schuld.
    Mal abge­se­hen davon, dass die jew­eili­gen Sender bei der Wahl ihrer Titel wohl eher auf das jew­eilige Feed­back ihrer regelmäßi­gen Stammhör­er hören werden.

    Antworten
  7. Susanne

    Aber wenn man das alles ganz kor­rekt ver­gle­ichen würde, hätte man doch keine Argu­mente für die eigene These. Das bringt mich zu der Frage, ob Krämer bewusst Äpfel mit Bir­nen ver­gle­icht oder den Unter­schied nicht ken­nt. Und das alles wegen eines gesellschaftlich nicht so rel­e­van­ten Themas…

    Antworten
    1. Susanne Flach Beitragsautor

      @Susanne: Als Inhab­er eines Lehrstuhls mit der Zeichen­folge statistik in der Beze­ich­nung an ein­er Sta­tis­tik­fakultät gehe ich davon aus, dass er [ABSURDITÄTSAUSRUF EINFÜGEN].

      Antworten
  8. Ferrer

    Diese VDSler erin­nern mich an die Fla­men, die für die brüs­sel­er U‑Bahn die Par­ität zwis­chen franzö­sis­chen und flämis­chen Liedern forderten (ja, in der brüs­sel­er U‑Bahn wird man aus blech­er­nen Laut­sprech­ern beschallt — eine Qual). Das Ergeb­nis: Da man nicht genug flämis­chen bzw. nieder­ländis­che Lieder auftreiben kon­nte gibt es nun wed­er franzö­sis­che noch flämis­che Lieder mehr zu hören. Jet­zt gibt es viel Englisch, manch­mal Fla­men­co und viel Fahrstuhlmusik.

    Antworten
  9. Mycroft

    Meine The­o­rie wäre, dass er zwei Dinge zueinan­der in Bezug set­zt, die schon was miteinan­der zu tun haben (Musikgeschmack), deren Zusam­men­hang aber nicht so eng ist, wie er sug­geriert, aber nicht expliz­it behauptet, und darauf ver­traut, dass einige Leute darauf rein­fall­en. “Test mit Haus­frauen haben das bewiesen” und so.
    Selb­st wenn man die recht freie Inter­pre­ta­tion der Sta­tis­tik außer acht lässt, ist nicht einzuse­hen, wieso Radiosender sich daran hal­ten müssten. Z. B. gibt es erst­mal keinen Grund zu der Annahme, dass Radio­hör­er und Albenkäufer eine beson­ders große Schnittmenge besitzen.
    Nor­maler­weise bedi­enen Sender bes­timmte Musikgeschmäck­er, und die, die die häu­figeren Musikgeschmäck­er tre­f­fen, haben eben mehr Hör­er. Oder eben weniger, ist doch deren Problem.
    (Mir ist schon klar, dass die VDS keine Unternehmungs­ber­atung im Sinn hat.)

    Antworten
  10. Vilinthril

    Ich möchte mich an dieser Stelle als Öster­re­ich­er kurz her­zlichst für Gabalier entschuldigen. Wir meinen das echt nicht böse.

    Antworten
  11. Pingback: Ins Netz gegangen (22.11.) – »Nächstens mehr.«

Schreibe einen Kommentar zu Dr. Peter Löffelad Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.