Am Jungwortbrunnen

Das Jugend­wort des Jahres 2014 wurde gestern bekan­nt gegeben. Auch in diesem Jahr sind dem Sprachlog die Aufze­ich­nun­gen der Beratun­gen aus den Redak­tion­sräu­men des Wörter­buchver­lags Schlangenei­dt zuge­spielt wor­den, die wir im Fol­gen­den ungekürzt veröf­fentlichen.

In den Redak­tion­sräu­men des Wörter­buchver­lags Schlangenei­dt in München.

Anwe­send sind OBERLEXIKOGRAF DR. WILLHELM WORTWISPERER und ASSISTENZOBERLEXIKOGRAF SIEGFRIED SILBENSÄUSLER.

SILBENSÄUSLER. Wortwisper­er, Wortwisper­er!

(STILLE)

SILBENSÄUSLER. Aufgewacht, Wortwisper­er.

WORTWISPERER. Mor­bleu, Sil­ben­säusler, wie oft habe ich Ihnen gesagt, Sie sollen mich nicht beim Nach­denken stören!

SILBENSÄUSLER. Verzei­hung, Wortwisper­er, aber der Herr Direk­tor Schlangenei­dt hat mich heute früh an den Fern­sprech­er rufen lassen. Er will, dass wir ihm ste­hen­den Fußes ein Jungspund­wort des Jahres zukom­men lassen.

WORTWISPERER. So ein Unfug, Sil­ben­säusler, das Jungspund­wort des Jahres ist doch „Babo“, ich habe die Rohrpost an den Her­rn Direk­tor selb­st ver­schickt.

SILBENSÄUSLER. Das war im let­zten Jahr, Wortwisper­er.

WORTWISPERER. Potz­tausend, ist tat­säch­lich schon wieder ein ganzes Jahr ins Land gegan­gen? Wo in aller Welt sollen wir denn nun auf die Schnelle ein neues Jungspund­wort auftreiben?

SILBENSÄUSLER. Da bin ich Ihnen einen Schritt voraus, Wortwisper­er! Das Wort „Babo“ hat­ten wir doch aus einem Sprechge­sang von diesem – wie hieß er noch gle­ich? „Durch­suchungs­beschluss“ oder „Freis­pruch“ oder so ähn­lich. Und da war ich so frei und bin in dieses Schallplat­tengeschäft in der Nähe vom Vik­tu­alien­markt gefahren – wie heißt es noch gle­ich? „Nep­tun“ oder „Jupiter“ oder so ähblich.

WORTWISPERER. Eine weite Reise, Sil­ben­säusler! Die Droschke hat zu mein­er Zeit bis zum Vik­tu­alien­markt fast zwei Stun­den gebraucht.

SILBENSÄUSLER. Mit der Unter­grund­bahn dauert es nur eine halbe Stunde, Wortwisper­er.

WORTWISPERER. Mit der Unter­grund­bahn, Sil­ben­säusler, Sie haben Traute! Ich hätte ja Sorge, dass durch die hohe Geschwindigkeit die Luft aus den Abteilen gesaugt würde.

SILBENSÄUSLER. Doch nicht in der Unter­grund­bahn, Wortwisper­er, Sie denken da an D-Züge! Nun, wie dem auch sei, ich habe mich dort erkundigt, ob es in let­zter Zeit beliebte Sprechgesänge gab, in denen mor­gen­ländis­che Wörter vorkom­men.

WORTWISPERER. Eine vorzügliche Idee, Sil­ben­säusler! Und?

SILBENSÄUSLER. Ein voller Erfolg, Wortwisper­er. Es gibt da einen Sprech­bar­den, wie hieß er noch gle­ich? „KC Umstür­zler“ oder „KC Aufmüp­figer“ oder so ähn­lich. Auf jeden Fall hat er einen Kassen­schlager mit dem Titel „Hay­van“ gelandet. Ich habe das Wort gle­ich nachgeschla­gen, es bedeutet „Tier“, aber auch „Lüm­mel“ oder „grober Kerl“.

WORTWISPERER. Ja, das passt zu diesen jun­gen Tau­genicht­sen mit ihrem Sprechge­sang. Alles Tiere, wenn Sie mich fra­gen. Aber uns fragt ja kein­er, Sil­ben­säusler.

SILBENSÄUSLER. Uns fragt kein­er, Wortwisper­er, wie wahr, wie wahr.

WORTWISPERER. Wohlauf, Sil­ben­säusler, kabeln Sie das Wort dem Her­rn Direk­tor, dann haben wir wieder ein Jahr Ruhe um aus­giebig… nachzu­denken.

(ZWEI TAGE SPÄTER)

SILBENSÄUSLER. Wortwisper­er, Wortwisper­er!

(STILLE)

SILBENSÄUSLER. Aufgewacht, Wortwisper­er.

WORTWISPERER. Was, wer, wo bin ich? Sil­ben­säusler, Sie schon wieder? Sie sollen mich doch nicht beim Nach­denken stören!

SILBENSÄUSLER. Verzei­hung, Wortwisper­er, aber der Herr Direk­tor Schlangenei­dt hat mich heute früh wieder an den Fern­sprech­er rufen lassen, wegen des Jungspund­wortes.

WORTWISPERER. Aber das Jahr kann doch nicht schon wieder um sein!

SILBENSÄUSLER, Nein, nein, Wortwisper­er, der Herr Direk­tor ist äußerst unge­hal­ten über unseren Vorschlag!

WORTWISPERER. Mais pour quoi, Sil­ben­säusler?

SILBENSÄUSLER. Nun, er hat uns daran erin­nert, wie pein­lich es im let­zten Jahr war, als sich her­aus­gestellt hat, dass „Babo“ gar nicht aus dem Türkischen stammt. Dieses – wie war das Wort noch gle­ich? Ajvar? Er hat wohl das Fräulein Jan­i­na gefragt, und die hat gesagt, aus dem Türkischen ist es schon, aber die Jungspunde ver­wen­den es gar nicht!

WORTWISPERER. Aber Sil­ben­säusler, das hat den Her­rn Direk­tor doch son­st nie gestört!

SILBENSÄUSLER. Die Zeit­en ändern sich, hat er gesagt. Seit dieses „Sprachlog“, wo das Fräulein Jan­i­na ihr Frei­williges Soziales Jahr absolviert, unsere Gespräche an die Öffentlichkeit gebracht hat – man nen­nt das wohl „geleakt“, nach dem Angel­säch­sis­chen – kön­nen wir uns so etwas nicht mehr leis­ten.

WORTWISPERER. „Geleakt“, sagen Sie, Sil­ben­säusler? Was ist denn das für neu­modis­ch­er Mum­men­schanz?

SILBENSÄUSLER. Es bedeutet soviel wie „leck­en“, im Sinne von „aus­laufen“.

WORTWISPERER. Aus­laufen… das erin­nert mich an den Sohn mein­er Nichte, Sil­ben­säusler. Der Lüm­mel hat doch neulich „Läuft bei dir“ zu mir gesagt. Ich war an dem Tag erkäl­tet und…

SCHLANGENEIDT. „Läuft bei dir“? Ein her­vor­ra­gen­der Vorschlag, Wortwisper­er. Ich wusste, dass ich mich auf Sie ver­lassen kann, mein Bester!

WORTWISPERER. Herr Direk­tor, wo kom­men Sie denn plöt­zlich her?

SILBENSÄUSLER. …plöt­zlich her?

SCHLANGENEIDT. Nun, ich wollte sicherge­hen, dass Sie mich nicht wieder über den Löf­fel bar­bi­eren, wie im let­zten Jahr. Und im Jahr davor. Und in allen anderen Jahren. Aber „Läuft bei dir“, das gefällt mir ganz aus­geze­ich­net, das hat die Nichte meines Sohnes neulich auch zu mir gesagt. Ich hat­te etwas zuviel Portwein getrunk­en und… egal, das tut nichts zur Sache. Lassen Sie sporn­stre­ichs die Pressemit­teilung vor­bere­it­en.

(MAN HÖRT SCHRITTE, DIE SICH ENTFERNEN, DANN SCHLÄGT EINE TÜR.)

WORTWISPERER. Jet­zt flugs die Pressemit­teilung ver­fasst, Sil­ben­säusler, und danach feiern wir das wie jedes Jahr bei einem Her­rengedeck in der Spelunke an der Ecke! Sie wis­sen schon, die, wo dieser flotte Käfer hin­ter der Theke ste­ht!

SILBENSÄUSLER. Ho ho ho.

WORTWISPERER. Hö hö hö.

SILBENSÄUSLER. Und dann wieder ein Jahr lang süßer Müßig­gang!

 

Nach­trag. Hier die zukün­fti­gen Jugend­wörter des Jahres:

6 Gedanken zu „Am Jungwortbrunnen

  1. Daniel

    Ich bin mit mein­er Schwest­er, nenne wir sie N1, die Liste der Vorschläge durchge­gan­gen. “Läuft bei Dir” war eines der weni­gen Wörter, das ihr bekan­nt war. Allerd­ings nur in der iro­nis­chen Ver­wen­dung. (Sitz­nach­bar bekommt seine Mathe-5 zurück. “Läuft bei Dir”) “Bitch” stand noch auf der Liste, ihr Vorschlag wäre “Bitch­fight” (Für hässlich aus­ge­tra­ge­nen Stre­it).
    In diesem Jahr finde ich die Wahl übri­gens eher harm­los als albern. Immer­hin hat etwas gewon­nen, was jugendliche tat­säch­lich sagen.

  2. Evanesca Feuerblut

    Läuft bei dir” höre ich von mein­er kleinen Schwest­er (16) oft genug, bin also dieses Jahr tat­säch­lich mal zufrieden — es hat was gewon­nen, das ich aus dem Munde von echt­en, leben­den Jugendlichen höre 😉

    Das “geleak­te” Gespräch wäre eines Lit­er­aturnobel­preis­es würdig, so neben­bei erwäh­nt 😀

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  5. Tim

    Jepp — ‘läuft bei Dir’ kann ich als stolz­er Erzeuger zweier pubertieren­der Kinder bestäti­gen. Entwed­er, wie von Daniel gesagt, iro­nisch, oder aber tat­säch­lich anerken­nend. Es scheint also zu Recht weit oben auf der Liste zu ste­hen. Ansnsten: danke für diese Ein­blicke!

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