Man ist so Wort, wie man sich fühlt

Das Jugendwort des Jahres 2015 wurde eben bekannt gegeben. Wie auch in den letzten Jahren (2013, 2014) sind dem Sprachlog die Aufzeichnungen der Beratungen aus den Redaktionsräumen des Wörterbuchverlags Schlangeneidt zugespielt worden, die wir im Folgenden ungekürzt veröffentlichen.

Aufzeichnung 1: Im Büro von DR. WORTWISPERER, Oberlexikograf des Wörterbuchverlags Schlangeneidt in München.

Anwesend sind OBERLEXIKOGRAF DR. WILLHELM WORTWISPERER und ASSISTENZOBERLEXIKOGRAF SIEGFRIED SILBENSÄUSLER.

SILBENSÄUSLER. Wortwisperer, Wortwisperer!

(STILLE)

SILBENSÄUSLER. Aufgewacht, Wortwisperer!

WORTWISPERER. Potztausend, Silbensäusler! Wie oft habe ich Ihnen gesagt, Sie sollen mich nicht beim Sinnieren unterbrechen!

SILBENSÄUSLER. Pardon, Wortwisperer, aber es eilt! Der Herr Direktor Schlangeneidt verlangt das Jungspundwort des Jahres!

WORTWISPERER. Gemach, gemach, Silbensäusler. Wir fragen einfach wieder das Fräulein Janina, ob einer dieser sogenannten Jutiubianer kürzlich eins dieser kurzen Lichtspiele mit Sprechgesang aufgezeichnet hat, in dem ein geeignetes Wort auftaucht.

SILBENSÄUSLER. Dazu ist keine Zeit, Wortwisperer! Wir sollen umgehend beim Herrn Direktor vorsprechen, er will das Wort noch heute!

WORTWISPERER. Begeben wir uns gleich zur Rohrpoststation, Silbensäusler, wir müssen uns eben just etwas ausdenken.

Aufzeichnung 2: An einer Rohrpoststation mit Verbindung zum Haupthaus des Wörterbuchverlags Schlangeneidt.

SILBENSÄUSLER. Was tun wir denn jetzt, Wortwisperer! Ich kann es mir nicht leisten, unrühmlich in den Vorruhestand geschickt zu werden, mit gerade einmal 96 Jahren.

WORTWISPERER. Keine Sorge, Silbensäusler, wir denken uns einfach eines dieser neumodischen Kofferwörter aus – das wird dem Herrn Direktor Schlangeneidt gefallen.

SILBENSÄUSLER. Ein Kofferwort! Mon Dieu, Sie sind ein Genius, Wortwisperer!

WORTWISPERER. Sie Schmeichler, Silbensäusler! Aber im Ernst: Was wissen Sie über die Befindlichkeit der Jungspunde heutzutage?

SILBENSÄUSLER. Schwierig, schwierig, Wortwisperer. Ich treffe so selten welche – die Jungspunde heutzutage gehen ja kaum noch in die Oper!

WORTWISPERER. Das stimmt, das stimmt, Silbensäusler. Keine Kultur mehr, diese jungen Banausen.

SILBENSÄUSLER. Aber mir ist aufgefallen, dass sie ständig auf diese kleinen Täfelchen starren – mein Neffe hat mir erklärt, das seien tragbare Fernsprechapparate!

WORTWISPERER. Stimmt, stimmt! Man kann damit wohl sogar diese moderne Jazz-Musik spielen, habe ich neulich in meinem Rundfunkempfangsgerät gehört. Mit Streifen – Lochstreifen vielleicht? Nein, warten Sie, „Striemen“ hieß es dort.

SILBENSÄUSLER. Wundersam, Wortwisperer! Aber traurig, dass die Jungspunde so mit diesen Fernsprecher-Täfelchen befasst sind, dass sie einem kaum noch in die Augen blicken.

WORTWISPERER. Das stimmt, Silbensäusler. Wir haben uns ja früher noch mit einem guten Grund nicht in die Augen geblickt: Wir haben Zeitung gelesen! Aber diese Jungspunde – sie sind wie Untote, wie sie auf ihre Fernsprecher-Täfelchen starren und alles um sich herum vergessen.

SILBENSÄUSLER. Eine vorzügliche Observation, lieber Wortwisperer! Dieser junge Philosoph, der immer im Ferntonkino spricht, hat neulich etwas ähnliches bemerkt. Wie hieß er noch gleich?

WORTWISPERER. Precht?

SILBENSÄUSLER. Nein, doch nicht so jung!

WORTWISPERER. Matussek?

SILBENSÄUSLER. Ja, der könnte es gewesen sein. Nein, der Herr Professor Spitzer war's! Die tragbaren Fernsprech-Täfelchen senken die Intelligenz der Jungspunde, hat er herausgefunden.

WORTWISPERER. Kann man die überhaupt noch senken, Silbensäusler?

(STILLE)

WORTWISPERER. Ein Scherz, Silbensäusler!

SILBENSÄUSLER. Ach so, und ich habe gerade noch überlegt! Ho, ho, ho, Wortwisperer, Sie sind mir ja einer!

WORTWISPERER. He, he, he!

SILBENSÄUSLER. Ha, ha, ha!

WORTWISPERER. Aber Silbensäusler, das ist es! Wir bilden ein Kofferwort aus „Fernsprecher“ und „Untoter“, und das schicken wir dem Herrn Direktor!

SILBENSÄUSLER. Exzellente Idee! „Fernspoter“, vielleicht? Oder „Untecher“?

WORTWISPERER. Nein, das hat beides keinen rechten Wohlklang, Silbensäusler.

SILBENSÄUSLER. Vielleicht, wenn wir englische Wörter verwenden? Die Jungspunde lieben doch alles, was Englisch ist!

WORTWISPERER. Gute Idee, schauen Sie doch einmal im Wörterbuch nach.

SILBENSÄUSLER (blättert). Also, diese mobilen Fernsprecher nennt man wohl „Smarfohn“, sagt mein Neffe. Und Untoter heißt, Moment… ah, hier: „Zombie“.

WORTWISPERER. Gut, dann nehmen wir „Zomfohn“… nein, das tönt auch nicht recht.

SILBENSÄUSLER. Ich habs, Wortwisperer: „Smombie“!

WORTWISPERER. Donnerlittchen, Silbensäusler, das ist es! Notieren Sie es schnell auf einem Stück Pergament und schicken Sie es ab! Hier, nehmen Sie meinen Federkiel. Und hier, mein Tintenfass.

(Man hört das Kratzen eines Federkiels auf Pergament, dann das Geräusch von Pressluft.)

WORTWISPERER. Warten Sie, Silbensäusler – die Jungspunde, die sind ja von ihren Fernsprech-Täfelchen ganz angetan. Die betrachten sich doch selbst womöglich gar nicht als Untote!

SILBENSÄUSLER. Zu spät, Wortwisperer, die Rohrpost ist schon abgeschickt.

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