Photobombing: Kandidat für den Anglizismus 2014

Wie jedes Jahr im Jan­u­ar beteili­gen wir uns an der Wahl zum Anglizis­mus des Jahres, indem wir die Kan­di­dat­en der Endrunde auf ihre Tauglichkeit zum Sieger abklopfen. Bere­its abge­han­delt haben wir Social Freez­ing, Phablet, Big Data, Inter­net of Things und Smart­watch, heute ist Pho­to­bomb­ing an der Rei­he.

Nor­mal­men­schen und Stars tun es, Tiere tun es, die Queen hat es getan1 und, break­ing news, Miss Israel2 … ja, was eigentlich genau? Das Pho­to­bomb­ing, im Deutschen auch Pho­to­bomben, beze­ich­net, wie Men­schen (oder Tiere) ein Foto­mo­tiv durch ihre Anwe­sen­heit »spren­gen«. Dabei kön­nen sie sich unbe­merkt im Hin­ter­grund ver­steck­en oder sich vor das Motiv drän­gen, und die Moti­va­tio­nen kön­nten unter­schiedlich­er nicht sein: Aus Spaß, aus Bosheit, zu Wer­bezweck­en, aus Verse­hen. Eine kun­st- oder kul­turgeschichtliche Betra­ch­tung der ganzen Angele­gen­heit würde mich sehr inter­essieren — während bei Pri­vat­fo­tos bes­timmte Sit­u­a­tio­nen (z.B. Hochzeit und Stran­durlaub) sowie bes­timmte Störele­mente (z.B. nack­te Hin­tern und Erek­tio­nen) sehr häu­fig wiederkehren, bleiben Stars eher auf dem roten Tep­pich oder ein­er Par­ty und schnei­den ein wenig Gri­massen. Das genügt schon, allein ihre Berühmtheit sorgt für die Explo­sion des Bildes.

Das Phänomen des Pho­to­bomb­ings gibt es in ver­schiede­nen Spielarten schon lange — z.B. in Form der beliebten »Hasenohren«3 –, benan­nt wird es dage­gen erst in neuer­er Zeit.4

Wann wurde die erste Photobomb gezündet?

Die Suche im englis­chen Sprachraum legt nahe, dass das Wort dort noch nicht alt ist – das Archiv der NYT (bis 2015) liefert keine Funde, der ngram-View­er (bis 2008) eben­falls nicht. Die englis­che Wikipedia spricht von erhe­blich­er Berichter­stat­tung seit 2009, wobei die Quelle let­ztlich Google Trends ist. Einen Wikipedi­aein­trag hat das Wort seit Okto­ber 2012. Das Collins Eng­lish Dic­tio­nary datiert sein erstes Auftreten auf 2008 (»as the sub­ject of a Google search«, auch sehr vage), und es hat Pho­to­bomb­ing zum Wort des Jahres 2014 gewählt. In sein­er Begrün­dung ver­weist das Wörter­buch darauf, dass es 2014 beson­ders viele promi­nente Fälle von Pho­to­bomb­ing gab, sodass das Wort im englis­chen Sprachraum sehr präsent war.

Die Bil­dung des Wortes ist auch für SprecherIn­nen des Deutschen trans­par­ent: Der Bestandteil bomb(ing) bezieht sich auf die Wirkung, die das uner­wartete Auf­tauchen auf die Beteiligten oder Betra­ch­t­en­den hat, das eigentlich geplante Motiv wird zer­stört, gesprengt. Die Oxford­dic­tionar­ies stellen die Ver­mu­tung an, Pho­to­bomb sei von Google bomb inspiri­ert, der Bee­in­flus­sung des Google-Rank­ings mit dem Ziel, eine bösar­tige Kom­bi­na­tion von Per­son und Such­be­griff zu erre­ichen — z.B. im Jahr 2003 mis­er­able fail­ure und George W. Bush. Woher die Ver­mu­tung kommt, kann ich aber lei­der nicht nachvol­lziehen.

Fremdartig oder Angepasst?

Das englis­che Wort ist für SprecherIn­nen des Deutschen sofort erkennbar — es ist nicht weit ent­fer­nt von Foto und Bombe. So kommt es naturgemäß auch zu Anpas­sun­gen in der Schrei­bung (wie im ersten Beispiel) und zu Lehnüber­set­zun­gen (wie im zweit­en):

Die 13 witzig­sten Foto­bomb-Typen

Die Foto­bombe ist jet­zt reif fürs Wörter­buch

Neben dem Sub­stan­tiv tritt das Verb auf, das sich erwartungs­gemäß ordentlich inte­gri­ert, sich aber — eben­falls erwartungs­gemäß — nicht ganz sich­er ist, wo dabei das ge des Par­tizips ste­hen soll:

Wet­terkam­era fotogebombt von Spinne

Wollte ein ern­sthaftes Bild haben, wurde gefoto­bombt

Und schließlich ist da noch die Tat­sache, dass das zweite <b> im Englis­chen zwar geschrieben, nicht aber gesprochen wird. Nach der Entlehnung kön­nte es zu ein­er Leseaussprache kom­men, statt -bom würde dann -bomb gesagt — hier würde ich mich über Hin­weise aus der Leser­schaft freuen, gerne auf deutschsprachige Videos, in denen das Wort vorkommt.

Aufrüstung im Deutschen

Als typ­is­ches Net­zphänomen find­et sich Pho­to­bomb­ing auch im deutschen Sprachraum — so ist es natür­lich neben dem Weit­erteilen beson­ders lustiger Fotos auf Face­book und Twit­ter per­fekt geeignet für Klick­streck­en, das tägliche Brot des Online­jour­nal­is­mus: Stel­lvertre­tend her­aus­ge­grif­f­en seien Die besten Foto-Attack­en bei Chip, Gut ist, was das Bild ver­saut bei SPON, die Gala macht mit, die OK!, die Huff­in­g­ton Post natür­lich auch und der Focus ent­blödet sich nicht, weit­ge­hend iden­tis­che Fotos5 gle­ich mehrfach zu zeigen.

Eine Datierung ist hier schwierig, die notorisch schlechte zeitliche Einord­nung von Inter­net­seit­en über die Google­suche ver­sagt beim Pho­to­bomb­ing kom­plett. Matthias Heine hat eine Ver­wen­dung aus dem Jahr 2011 bei BILD aus­gemacht und ver­weist darauf, dass das Wort bere­its im Langenscheidt’schen Jugend­sprach­wörter­buch verze­ich­net ist. In deren Jugend­wortwet­tbe­werb war es 2013 auch eines der, let­ztlich glück­losen, Kan­di­daten­wörter. Eine deutsche Wikipedi­a­seite hat Pho­to­bomb­ing, für das als Äquiv­a­lent Foto­bombe angegeben wird, seit Mai 2014.

Eine Recherche im DeReKo liefert zwis­chen 20126 und 2014 nur 13 Tre­f­fer für das Wort und alle von ihm abgeleit­eten For­men — allein 5 davon in einem einzi­gen Artikel aus der Zeit: Neben Pho­to­bomb­ing (6 Tre­f­fer) find­en sich Pho­to­bomb (1) und die eingedeutschte Form Foto­bombe (1), dreimal ist von einem Foto­bomber die Rede und ein­mal vom Foto­bomben.7

Das ist nicht sehr ver­wun­der­lich: Viele Nachricht­en­magazine und Zeitun­gen sprin­gen im Inter­net auf den Zug auf, wo sie ja z.B. auch lustige Youtube­v­ideos teilen (ide­al­er­weise ergänzt mit dem eige­nen Logo oder Wer­bung) — in den Druck lässt sich das aber kaum über­set­zen.

Fazit?

Das Pho­to­bomb­ing hat es in tra­di­tionellen Kor­po­ra, die auf gedruck­ten Tex­ten basieren, schw­er, ist im Inter­net aber sehr präsent — auch auf den Seit­en etabliert­er Medi­en. Die großen Pho­to­bomb­ings inter­na­tionaler Berühmtheit­en wur­den im deutschsprachi­gen Raum wahrgenom­men, auch wenn sie oft noch als etwas frem­dar­tig ein­ge­ord­net wer­den. Der Begriff leis­tet etwas sehr Inter­es­santes: Er gibt ein­er existieren­den kul­turellen Prak­tik eine Label (oder macht eine Art Meme aus ihr?) und bee­in­flusst damit unsere Wahrnehmung von Fotos und vielle­icht auch unser Ver­hal­ten beim Fotografier­twer­den. Er lässt sich in den generell verän­derten Umgang mit dem Fotografieren und Veröf­fentlichen von Fotos einord­nen, der sich ja auch schon im Wort Self­ie niedergeschla­gen hat. Mir fehlt jedoch momen­tan noch eine gute Möglichkeit, für das Deutsche über die reinen Ein­drücke hin­aus eine gestiegene Ver­wen­dung im Jahr 2014 festzu­machen. Ich würde Pho­to­bomb­ing aber den­noch nicht als chan­cen­los betra­cht­en.

  1. Dank an @pia_pe []
  2. Dank an @erbloggtes []
  3. Die Unter­schrift zu diesem Foto sug­geriert, dass Hasenohren und Pho­to­bomb­ing etwas Ver­schiedenes sind, eben­so gibt es aber ander­swo auch ganz viele Fälle von Hasenohren, die als Pho­to­bomb­ing klas­si­fiziert wer­den. []
  4. Hier ein Text, in dem die Autorin sich Gedanken dazu macht, wie ältere Fotos nach Aufkom­men der Beze­ich­nung neu inter­pretiert und rezip­iert wer­den. []
  5. Ich hat­te nicht den Nerv zu über­prüfen, ob die wirk­lich genau gle­ich sind … []
  6. Dem ersten Jahr, das über­haupt Tre­f­fer hat. []
  7. Auf 1 Mio. Tex­twörter umgerech­net ergeben sich ins­ge­samt die fol­gen­den Werte, auf deren Steigerung man aber bei den gerin­gen Zahlen bess­er nichts geben sollte:
    (Ph|F)oto*bomb*
    2012 0,003
    2013 0,011
    2014 0,062

    []

2 Gedanken zu „Photobombing: Kandidat für den Anglizismus 2014

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