Sexting [Kandidaten für den Anglizismus 2014]

Der letze Wortkandidat auf der Shortlist für unseren Anglizismus des Jahres 2014 bezeichnet die schönste Nebensache der Welt 2.0: Sexting – das Versenden von Texten und erotischen Selfies. Sehen wir uns an, ob dieses Wort den Ansprüchen unseres Wettbewerbs standhält und vielleicht sogar in letzter Minute an Social Freezing, Phablet, Big Data, Internet of ThingsSmartwatch, Photobombing, Blackfacing, Selfie und Emoji vorbeizieht.

Englische Vorgeschichte

Die englische Vorgeschichte ist so kurz, dass das Wort noch nicht im Oxford English Dictionary verzeichnet ist (Online-Wörterbücher wie das Cambridge Advanced Learners Dictionary und Merriam-Websters haben es aber schon aufgenommen, wobei das CALD die Definition auf Textnachrichten begrenzt, die „von Sex handeln oder jemanden sexuell erregen sollen“, während Merriam-Websters auch das Verschicken von Bildern einschließt.

Merriam-Websters nennt als Jahr der ersten Verwendung 2007, gibt aber keinen tatsächlichen Beleg. Der erste Beleg, den ich durch eine Suche im Corpus of Current American English und bei Google Books finden konnte, stammt von 2009 aus einem Artikel, der bei Newsweek und Slate erschien. Die Einführung des Wortes in diesem Artikel legt aber nahe, dass dies nicht der Erstbeleg ist, da die Autorin eine „Journalist/innen-schreiben-über-Sexting-Epidemie“ diagnostiziert:

Sexting is the clever new name for the act of sending, receiving, or forwarding naked photos via your cell phone. I wasn't fully persuaded that America was facing a sexting epidemic, as opposed to a journalists-writing-about-sexting epidemic…

Das Jahr 2007 könnte also durchaus das Geburtsjahr des Wortes Sexting sein.

Strukturell ist Sexting ein sogenanntes Kofferwort (oder eine „Kontamination“) aus den Wörtern Sex und Texting („SMSen“). Gesellschaftlich bestand seine Funktion von Anfang an hauptsächlich darin, über die Gefahren des Verschickens sexuell expliziter Bilder zu sprechen – im amerikanischen Kontext ging es dabei zunächst um etwa um die ungewollten Schwangerschaften, die aus dem Sexting hervorgehen könnten, und um die Gefahr, dass Minderjährige, die Nacktaufnahmen von sich selbst verschicken, sich damit der Verbreitung von Kinderpornografie strafbar machen könnten. In jüngerer Zeit geht es eher um die Gefahr, dass Nacktaufnahmen zum Zweck des Bullyings und/oder des „Revenge Porn“ missbraucht werden könnten (dazu gleich mehr). Die neben diesen – durchaus realen – Gefahren vermutlich auch existierenden schönen Seiten des Sexting werden dagegen kaum thematisiert.

Entlehnung ins Deutsche

Der Erstbeleg des Wortes Sexting im Deutschen stammt ebenfalls aus dem Jahr 2009, aus einem (online nicht verfügbaren) Artikel in der Süddeutschen Zeitung mit dem vielsagenden Titel „Die gefährliche Entdeckung der eigenen Lust“ (28.02.2009, S. 13). Die Gefahren sind dabei die, in denen es auch in den zeitgleich erscheinenden amerikanischen Texten geht:

Aber wenn es um „Sexting” geht, sind die Gefahren sowohl für die Gesetze und den Kampf gegen Kinderpornographie, wie für die freie Rede und die Sexualität des Kindes enorm. Und sie werden in nächster Zeit nicht weniger werden.

Es handelt sich bei Sexting also um ein ganz klassisches Lehnwort, das eine Lücke im Wortschatz füllt, die durch ein neues gesellschaftliches Phänomen entstanden ist. Interessant ist dabei, dass mit dem Wort auch der Gefahrendiskurs direkt aus der Gebersprache (dem amerikanischen Englisch) übernommen wird.

Nach der Entlehnung steigt die Verwendungshäufigkeit des Wortes zunächst relativ langsam an – das Interesse an dem Wort (gemessen anhand der Suchanfragen in Google Trends) durchläuft aber zunächst eine kleine Spitze und flacht dann wieder ab:

Sexting

Die Häufigkeit von Sexting im Deutschen Referenzkorpus (pro Millionen Wörter) und in Google-Suchanfragen, jeweils als Anteil relativ zur häufigsten Verwendung

Das ist wohl damit zu erklären, dass das Wort eben neu war und viele Sprecher/innen sich zunächst genauer informieren wollten, was es wohl bedeuten mag, denn da das Wort Texting im Deutschen ja nicht existiert (wir sag(t)en hier „simsen“), ist das Kofferwort Sexting nicht auf dieselbe Weise transparent, wie dies im Englischen der Fall war.

Wie die Grafik zeigt, steigt die Häufigkeit dann 2014 sprunghaft an, womit neben der Bedingung einer Entlehnung aus dem Englischen auch die eines Schubs in der Ausbreitung des Wortes klar erfüllt ist. Woran dieser Anstieg liegt, ist auch nach einer Analyse der konkreten Verwendungszusammenhänge im Deutschen Referenzkorpus nur schwer zu sagen. Interessanterweise steigt das Suchinteresse schon ab 2011 deutlich wieder an, was mit dem Skandal um den amerikanischen Politiker Anthony Weiner Mitte 2011 zusammenhängen könnte, der per Twitter ungebeten Nacktbilder von sich an verschiedene Frauen und dann aus Versehen öffentlich an seine über 50 000 Follower geschickt hatte.

Über diesen Skandal wurde auch in den deutschen Medien breit berichtet, allerdings führte das noch nicht zu einem deutlichen Anstieg der Worthäufigkeit von Sexting. Die kam eben erst 2014, und der beste Grund, den ich für dieses plötzliche Interesse ausmachen konnte, ist, dass es zunehmend im Zusammenhang mit Cybermobbing auftaucht. In einer von verschiedenen Zeitungen aufgegriffenen Agenturmeldung Anfang 2014 wurde das Wort sogar direkt als „ungewollte Verbreitung“ von Nacktbildern definiert:

Eine neue Variante des Cybermobbings ist das sogenannte Sexting – der Austausch und die ungewollte Verbreitung persönlicher Intim-Fotos und Videos via Internet. „Sexting ist ein großes Problem geworden“, sagte Wockenfuß. Die Dunkelziffer der Betroffenen sei hoch. Wahrscheinlich seien Tausende Jugendliche in Deutschland Opfer von Cybermobbing und „Sexting“. [Mannheimer Morgen, 24.01.2014]

Wenngleich diese ausschließliche Definition von Sexting als „ungewollte Verbreitung persönlicher Intim-Fotos“ sicher zu eng ist, trifft sie doch sehr genau die Perspektive, unter der das Wort und die damit bezeichnete Praxis 2014 in den Medien diskutiert wurde. Insofern hat das Wort möglicherweise einen subtilen Bedeutungswandel hin zu einem ausschließlich negativ konnotierten Wort durchlaufen.

Grammatisch ist es hervorragend in die deutsche Sprache integriert. Als Substantiv tritt es unproblematisch in allen Zusammenhängen auf, in denen ein Substantiv eben stehen kann. Lautlich stellt es keine Besonderheit dar, da das Lehnwort Sex (mit dem für das Standarddeutsche ungewöhnlichen „scharfen“ S am Wortanfang) bereits seit langem Teil des deutschen Wortschatzes ist und die Endung –ing im Deutschen so vertraut ist, dass sie sogar an Wörter angehängt wird, die im Englischen so gar nicht verwendet werden (wie im Fall von Blackfacing von Englisch Blackface.

Aber es wird nicht nur als Substantiv verwendet: per Rückbildung ist auch ein Verb daraus entstanden: sexten, in Sätzen wie wann „Señor Gefahr“ denn nun wirklich zum letzten Mal gesextet hätte (Hamburger Morgenpost, 25.7.2013) und Nicht nur Außenseiter sexten (Zeit Online, 26.6.2014).

Fazit

Das Wort besteht aus englischem Sprachmaterial, ist aus dem Englischen entlehnt, hat einen spektakulären Häufigkeitsanstieg hinter sich, und füllt eine Lücke im Wortschatz, die es ungefüllt sowohl schwer machen würde, sich kulturpessimistisch über sexbesessene Jugendliche zu ereifern, als auch über die vielen echten Gefahren des Verschickens von Nacktaufnahmen zu sprechen. Es ist bestens integriert und wird so schnell weder verschwinden, noch durch eine deutschere Alternative ersetzt werden. Ich würde sagen: ein in jeder Hinsicht heißer Kandidat für den Kampf um den Titel „Anglizismus 2014“.

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