Sonnenfinsternis anno 1654

2015-03-20-Sonnenfinsternis

Eclip­siographia oder Beschrei­bung der vnge­wohn­lichen grossen Sonnen=Finsternus/ welche sich im nech­stkünffti­gen 1654 Jahr/ den 12. 2. Augstmonats/ kurtz vor Mit­tag erzeigen/ vnd mit Ver­wun­derung anzuschawen seyn wird.

Nicht erst seit Neustem gibt es Son­nen­fin­stern­israt­ge­ber … bei mein­er Kor­pusar­beit bin ich über dieses Trak­tat des Math­e­matik­ers Eber­hard Welpern gestolpert, dessen Beschrei­bung ich so char­mant fand, dass ich sie nie­man­dem voren­thal­ten möchte:

Nun wolan/ diese Fin­ster­nus inson­der­heit betreffend/ so wollen wir dieselbe den Philo­matem­ati­cis vnd der Sternkun­st Lieb­habern zu gefallen/ erstlich Astro­nom­icé jhrer Erschei­n­ung nach/ betra­cht­en: […] So wird diese Fin­ster­nus sich begeben zu Straßburg/ den 2 12. Augusti/ […] wird zwar par­tialis, aber auff 11 Zoll groß genug seyn/ vnd die Sonne von oben herab vom Mond vast gar bedeckt vnd verfin­stert werden/ welche Ver­dunck­elung dann mit gross­er Verwunderung/ weil der gle­ichen bey vns nicht viel ist gese­hen worden/ anzuschawen seyn wird. Der Anfang wird seyn vbm 8. Vhr 57. m. das ist ein klein wenig  vor 9 Uhr/ da der Mond motu suo pro­prio mit seines Leibs linck­er Seyten  der Son­nen rechte Seyten oder Ranfft zube­stre­ichen vnd vns der­sel­ben Schein zubenehmen anfan­gen wird: welch­es momen­tum prin­cip­ij Eclip­sis man fleis­sig mercken/ vnd durch eine zuvor wol zugerichte Son­nen oder Zeigvhr/ gewiß erforschen solle/ oder aber die Zeit ex alti­tu­dine solis supra Hor­i­zon­tem per Qnardran­tem Astro­nom­icum inves­ti­gatam, außrechnen/ vnd diesel­bige her­nach mit obge­nandter Zeit conferiren/ vmb zusehen/ wie die Obser­va­tiom mit dem Cal­cu­lo zutr­e­ffe. Das Mit­tel vnnd gröste Ver­dunck­elung wird sich erzeigen vmb 10. Vhr 7. min­ut. das ist ein 1/2 Vier­tel­stund nach 10. Vhr da dann vmb diese Zeit wird offen­bar werden/ ob es fin­ster seyn wird/ wie ein­er dar­für haltet/ vnd vnden soll erk­lärt werden/ oder ob es nur dunck­el vnd düster seyn werde/ als wenn der Abend herzu kom­men wolte. Das End beg­ibt sich vmb 11. Vhr 19. min. das ist ein wenig mehr/ als ein Vier­tel­stund nach 11. Vhr/ vnd solch­es alles vor Mit­tag; daß also dis­er Fin­ster­nus gantzeWärung sich erstreck­en wird auff 2. Stund vnd 22. min­ut. vmb welche Zeit der Mond von der Son­nen seinen Abschied nemmen/ vnnd mit sein­er Recht­en Seyten die lincke Seyten der Son­nen verlassen/ vnd vns das volle Liecht wider ein­rau­men wird: […] Dem­nach nun diese hochbe­denck­liche Fin­ster­nus bey hellem Wet­ter vom Anfang biß zum End wird kön­nen observirt vnd gese­hen wer­den: Als wollen sich die Philo­matem­ati­ci mit tauglichen Jnstrumenten/ son­der­lich einem Tubo opti­co bey Zeit­en gefast machen/ damit sie die obser­va­tion recht vnd wol anzustellen mögen […]

Irgendwelche Sicher­heits­maß­nah­men wer­den übri­gens nicht emp­fohlen — der erwäh­nte tubus opti­cus ist ein­fach ein Fer­n­rohr, und hochbe­den­klich bezieht sich wohl nicht auf das Naturschaus­piel, son­dern wahrschein­lich auf die Fol­gen, die das für die Men­schheit hat: Krieg und Verder­ben, zum Beispiel, aber kommt drauf an, in welchem Land man lebt und wann man geboren ist. Und wenn man nur ordentlich betet, ist das auch alles ganz erträglich:

Darauß dann ver­muth­lich zuschliessen/ daß ob wol ins­ge­mein diese Fin­ster­nus ein gar bös­es anse­hen hat/ zu Krieg vnd Kranck­heit­en geneigt/ wie wir vnden fern­ers hören wer­den: daß jedoch solch­es alles durch Gottes son­der­bare Gnad der­massen werde gemil­tert werden/ daß wir es in gedult ertra­gen mögen/ wann wir nur auch aller­seits vnsere Schuldigkeit dar­bey thun/ vnd Gott den Her­rn vmb Vät­ter­liche abwen­dung aller angeträwten Straf­fen ern­stlich bit­ten / vnd mit erzei­gung der Liebe gegen vnserm Nech­sten beweisen werden/ was vnd wie star­ck vnser Glaube seye.

Wie sehr viele Texte aus dieser Zeit ist auch die Eclip­siographia dig­i­tal­isiert: Hier kann man darin stöbern.

Sprach­liche Fra­gen oder Anmerkun­gen zum Text gerne in den Kom­mentaren!

5 Gedanken zu „Sonnenfinsternis anno 1654

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  2. Sven

    Wor­tan­fänge, die man nach heutiger Schreib­weise mit “u” schreiben würde, wer­den mit “v” geschrieben. Den Buch­staben “u” gibt es, aber er kommt nur im Inneren oder am Ende von Worten vor. (Nur das große “U” scheint am Wor­tan­fang vorzukom­men, allerd­ings sehe ich keinen Unter­schied zum großen “V”; vgl. etwa “8. Vhr 57. m.” mit “9 Uhr” in den ersten bei­den Zeilen auf Seite 8.)
    Gibt es dafür eine Erk­lärung?

    Noch eine kleine Anmerkung: Bei der Erk­lärung von 10:07 Uhr fehlt ein “½” (“das ist ein ½ Vier­tel­stund nach 10. Vhr”). Das wäre son­st eine etwas selt­same Run­dung.

  3. Wir

    Über­haupt mutet es etwas selt­sam an, dass man 10 Uhr vnd 7 Minuten noch erk­lären musste. War die Minute damals eine neue Erfind­ung oder war sie im gemeinen Volk nicht bekan­nt weil die Kirch­turm-Vhr nur vier­tel­stündlich geschla­gen hat?
    Span­nend find­en wir auch, dass der Autor offen­bar genau wusste warum sich die Sonne verfin­stert aber trotz­dem glaubt dass es sich dabei vm eine Strafe Gottes vnd einen Vnheils­bringer han­delt.

  4. Kristin Kopf Beitragsautor

    @Sven: Vie­len Dank, ist kor­rigiert. Zu u/v antworte ich noch.

  5. Mycroft

    Kolum­bus kan­nte auch schon Vulka­naus­brüche und musste sein­er Mannschaft trotz­dem erk­lären, dass der Aus­bruch des Tei­de KEIN bös­es Omen war.
    Son­nen­fin­stern­isse wur­den schon in der Antike vorherge­sagt; von den Men­schen der frühen Neuzeit sollte man das erst recht erwarten kön­nen.
    Bzgl. der Gnade Gottes — was soll man den Leuten son­st erzählen?

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