Blogspektrogramm 36/2015

Son­ntagskaf­fee getrunk­en? Dann ist jet­zt höch­ste Zeit für eine gemütliche Leserunde mit einem komis­chen Buch­staben, besorgten Leuten, Baby­na­men, dem Inter­net anno 2000 und Wörter­buchgeschicht­en.

  • Ein ÿ mit Punk­ten drauf? Die GFDS weiß, woher’s kommt und wann es benutzt wurde: »Beson­ders im 16. und 17. Jahrhun­dert, in der Renais­sance und im Barock, sind Schreib­weisen wie zwaÿ, Maÿ, Julÿ, Kaÿs­er oder seÿn zu find­en, sel­tener einige für unser heutiges Sprachge­fühl selt­sam anmu­ten­den Schrei­bun­gen wie wÿr (›wir‹). In dieser Zeit wur­den auch Ort­sna­men oder Namen von Regio­nen wie z. B. Steÿr, Tÿrol und Kÿburg oft mit ÿ ver­schriftet«
  • Wenn besorgte Men­schen sich irgend­wo äußern, dann sind das zunehmend Men­schen­feinde, stellt Mar­tin Haase auf NEUSPRECH fest: »Wer besorgt ist, macht sich Gedanken und will möglicher­weise sog­ar etwas zum Pos­i­tiv­en verän­dern. Jedoch wird b. lei­der auch in einem ganz anderen Kon­text ver­wen­det: als Euphemis­mus für frem­den­feindlich, ras­sis­tisch oder schwu­len­feindlich: b.-e Bürg­er protestieren gegen Flüchtlinge, b.-e Anwohn­er gegen Flüchtling­sun­terkün­fte in ihrer Nähe, wobei nicht sich­er ist, ob alle „Anwohn­er“ wirk­lich dort wohnen, wo sie protestieren. Worum sie sich eigentlich sor­gen, bleibt eben­so unklar. Um das Schick­sal der Flüchtlinge jeden­falls nicht.«
  • Deb­o­rah Cameron sieht sich auf LANGUAGE: A FEMINIST GUIDE an, welche Ruf­na­men Kinder momen­tan in Großbri­tan­nien bekom­men – und wirft einen Blick auf ihre Geschlechts­markierung: »In the ear­ly 20th cen­tu­ry ‘Dana’, ‘Mar­i­on’, Sta­cy’ and ‘Tra­cy’ were all androg­y­nous; but as they became more pop­u­lar with the par­ents of daugh­ters, they fell out of favour with the par­ents of sons. As a result, they have all become girls’ names. There are no exam­ples of a name mov­ing in the oth­er direc­tion, and this reflects the basic fem­i­nist insight that gen­der isn’t just a dif­fer­ence, it’s a hier­ar­chy.«
  • Gretchen McCul­loch hat in ihrer Jugend Stilempfehlun­gen von Wired gele­sen, die sie in ihrem Umgang mit Sprache nach­haltig geprägt haben — jet­zt hat sie sich eine alte Buchaus­gabe davon gekauft und ihr (Wieder-)Leseerlebnis für THE TOAST fest­ge­hal­ten: »The thing that stuck in my mind about the Wired style guide was the atti­tude. I’d read oth­er usage guides […] But while Strunk & White and their inher­i­tors con­sid­ered them­selves the last thing stand­ing between The Eng­lish Lan­guage and Mor­tal Per­il, Wired Style said, essen­tial­ly, No. We’re not the guardians of tra­di­tion, we’re a for­ward-fac­ing tech pub­li­ca­tion, and it’s essen­tial for us to be on the van­guard of lin­guis­tic change. Hyphens will drop even­tu­al­ly, so let’s drop them now; cap­i­tals will even­tu­al­ly de-cap­i­tal­ize, so let’s low­er­case as soon as the oppor­tu­ni­ty presents itself.«
  • Wörter­büch­er enthal­ten nicht nur Wörter, son­dern auch Sätze — und aus denen baut Jez Bur­rows auf DICTIONARY STORIES Kurzgeschicht­en: »Almost every word you’ll find in the dic­tio­nary will be accom­pa­nied by an exam­ple sen­tence. These sentences—researched and writ­ten by fear­less lexicographers—are intend­ed to demon­strate the most prob­a­ble usage of a word, in order to help you use it cor­rect­ly. All the sto­ries col­lect­ed here are writ­ten entire­ly using exam­ple sen­tences from the New Oxford Amer­i­can Dic­tio­nary, with noth­ing added except some punc­tu­a­tion to piece them togeth­er.« Für das Deutsche wurde so etwas auch gele­gentlich schon unter­nom­men, allerd­ings nicht zum Spaß, son­dern als Gesellschaft­skri­tik (z.B. Luise Pusch: Das DUDEN-Bedeu­tungswörter­buch als Triv­ial­ro­man).

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