Ta-Ta-ismus im Dschungel

Werbepause? Nicht wegschalten, bloß nicht wegschalten! Denn der Dschungel ist sogar für eine sprachwissenschaftliche Betrachtung gut, die für alle von uns was bereithält. ALLE! Für die, die den Dschungel lieben und für die, die ihn für den Untergang des guten Geschmacks halten, für Menschen, die Entlehnungsprozesse fasziniert verfolgen und sogar für diejenigen, die Anglizismen scheiße finden („Bahahawiepeinlich! Anglizismus voll falsch verwendet!“). Seit Wochen – ach, was sage ich: seit Jahren! – steht auf meiner To-Do-Liste: „Beim nächsten Dschungel: was zu ta schreiben!!DRÖLF!!!“. Denn wir wissen ja: Publicity, Publicity, Publicity!

Am Ende jeder Folge verabschiedet sich Sonja Zietlow beim Publikum mit einem höheroktavigen „ta!“, bevor sich das Duo umdreht und lästernd von dannen zieht. Mit ta meint Zietlow aufgrund des Kontexts offenbar ‚tschüss‘. Ich meine mich zu erinnern, dass ta als Australizismus für ‚tschüss‘ in einer früheren Staffel kurz thematisiert wurde – und ich sofort dachte: das stimmt soooo aber nicht. Denn mir selbst ist ta ausschließlich als Kurzformel für ein lockeres Dankeschön bekannt, die vor allem in Großbritannien und Australien verwendet wird.

Vom Publikum scheint es eindeutig als „tschüss“ interpretiert zu werden, denn was anderes macht hier wenig Sinn, auch, weil Tweets mit ta fast nur nach Sendungsende auftauchen:

…oder nach Staffelende:


Klar, wenn ich jemanden verabschiede, dann bedanke ich mich immer irgendwie auch für die gemeinsam verbrachte Zeit — so ist ta quasi inhärent ambig (ähnlich übrigens wie cheers). Es stellt sich vielleicht die Frage, bei wem sich #ibes-Twitterer/innen bedanken sollten? Och, vielleicht beim #ibes-Twitterversum (wobei @xJaninaGrande generell sehr englisch-muttersprachlich twittert und ihr die konventionelle danke–Verwendung bekannt sein dürfte):

Im Englischen wird ta meist eindeutig im Sinne von danke verwendet, wie diese klaren Beispiele aus dem COW-Korpus zeigen, wobei in 600mio Wörter nur gut zwei Dutzend Belege zu finden waren1:

like i said any help would be great, ta.

Bring us up a cup of tea luv, ta.

Have been washing myself too, im not prude but a young male non nurse type came in and saidf im here to wash you, so my reply was " no your not il do it my self ta!

ta mate .. eventually … one of those shoes that are just so comfy and no effort to slip on at all , and look like they will never get dirty either …

Have been going through a fairly horrendous time, so ta for everyone who posted links to youtube, the new saviour of my sanity!!

Linguistisch interessant sind vor allem Verwendungen innerhalb einer Aussage (Beispiel 5), weil sie in den linguistischen Kontext eingebettet sind. Das wäre der erste Schritt in der Weiterentwicklung eines „isolierten“ pragmatischen Markers am Ende einer Äußerung zu einem eher grammatischen Marker.

Woher ta kommt, dazu gibt es übrigens einige, meist eher halbgare Theorien, die sich alle nicht abschließend bewerten lassen. Den ersten Beleg gibt das OED mit 1772 an („an infantile form of thank-you, now also commonly in colloq. adult use“, ‚eine kindliche Form für Danke, heutzutage umgangssprachlich auch von Erwachsenen verwendet‘). Eindeutige Korpusbelege, vor allem aus der Vergangenheit, sind schwer zu finden, weil es ein Phänomen der spontanen, informellen Interaktion ist.

Einige behaupten, es käme vom Dänischen tak ‚danke‘, andere vermuten, es sei aus dem Schottischen Gälischen tapadh leibh ‚danke‘ abgeleitet, wieder andere verorten den Ursprung in der Kindersprache, weil Kinder das <th> in thank you schwer aussprechen können. Das Problem: keine Theorie kann man wirklich ausschließen. Selbst die – finde ich – unplausibelste Vermutung mit der Entlehnung aus dem Dänischen lässt sich natürlich nicht ganz von der Hand weisen, aber man muss halt gewillt sein, in der englischen Sprachgeschichte gaaaaaaanz weit zurückzugehen.

Und natürlich alternative Erklärungen ausschließen: Wörter für Danke beginnen in vielen nordwesteuropäischen Sprachen mit [d] oder [t] (u.a. schw. tack, nor./isl. takk, ndl. dank, fries. tank; walisisch diolch), also auch viele Sprachen, mit denen Englisch in den letzten 1600 Jahren mehr oder weniger intensiv in Kontakt gekommen ist. Wenn es entlehnt wurde, dann kommen dafür also mehrere Kandidaten in Frage, warum sollte es ausgerechnet Dänisch sein?2 Allgemein plausibel ist die Erklärung mit der Kindersprache: einsilbige Wörter mit Vokal im Auslaut sind für Kleinkinder besonders einfach auszusprechen und werden dann von Erwachsenen als „Wort“ erkannt und aufgegriffen, besonders wenn es statt eines ähnlich klingenden Worts aus dem allgemeinen Lexikon verwendet wird. Das sieht man auch in der (welt)weiten Verbreitung von ma- und pa-/ba–Varianten für Mutter bzw. Vater. Der Ursprung spielt für die heutige Verwendung aber nur eine untergeordnete Rolle – es scheint sich eben vor allem in der allgemeinen Umgangssprache in weiten Teilen Großbritanniens und später besiedelten Überseeregionen (Australien, Neuseeland, Südafrika) etabliert zu haben.

Worüber sich aber zum Beispiel die Kommentator/innen hier (fast) alle einig sind – und das deckt sich mit meinen Erfahrungen: die viel seltenere Dopplung ta-ta ist eine besonders infantile Variante für good-bye, ist aber näher an dem dran, was Zietlow zu meinen scheint.

Es ist sehr schwer vorstellbar, dass Zietlow, die seit 2004 fast jedes Jahr mehrere Wochen in Australien ist, die konventionelle Verwendung bisher nicht begegnet ist. Und vielleicht ist es genau deshalb so, dass ta! mittlerweile bewusst zur Sendung dazugehört – wie sone Art Sandmännchensand für Erwachsene.

Für alle, die sich also Sorgen machen um die Verdrängung von tschööö! oder tschüüüüss! (wobei…) gibt’s Entwarnung: ta wird viel zu selten verwendet und die Suche im Zusammenhang mit #ibes gibt nur eine Handvoll Tweets. Die Verwendung von ta ist da vielmehr wie eine Tagline für #ibes-Insider/innen:

In diesem Sinne:

Embrace ta, ta. Ta-ta!

Postscript

Uns wurde über Twitter (und weiter unten in den Kommentaren) noch dieser Blogpost zu Britishisms zugespielt, in dem vor allem in den Kommentaren sehr ausführlich diskutiert wird.

  1. Fast alle Belege stammen von .uk-Webseiten oder aus Foren, die einen starken Bezug zu britischen Themen haben; aus dem australischen Englisch oder anderen Varietäten sind sehr wenige Daten im ENCOW. []
  2. Außerdem sind [t] und [d] in vielen muttersprachlichen englischen Varietäten verbreitete Varianten für die „th“-Laute [θ] und [ð], man braucht schon allein deshalb nicht unbedingt eine Entlehnung annehmen. []

7 Kommentare

  • Dierk hat Folgendes geschrieben:

    Ich habe 'ta' von Südengländern [vor 1960 geboren] schon oft als Verabschiedung gehört und gelesen. In Kommunikationssituationen, in denen eindeutig ein lockeres 'Cao' oder 'Tschüss' gemeint war, da z.B. ich derjenige war, der sich bedanken musste [für eine Auskunft].

    Abwägig ist die Verwendung somit nicht mehr.

  • Susanne Flach hat Folgendes geschrieben:

    @Dierk: mhmmm, auf Twitter wurde uns noch das hier verlinkt — auch hier sprechen die Indizien, vor allem der Kommentare, gegen eine systematische Verbreitung von ta als bye, auch in Südengland. Was man natürlich nie ausschließen kann sind lokal oder familiär begrenzte Konventionen. (Die dort mehrfach geäußerte Feststellung „X has absolutely nothing to do with Y“ ist mE eine zu absolute Aussage — weil sie offenbar beide aus der Kindersprache kommen und pragmatisch sehr ähnliche, fast ambige Funktionen haben.)

  • Merlin van Reboe hat Folgendes geschrieben:

    Beim Googeln nach „ta as goodbye” bin ich noch auf diesen mehr journalistischen Artikel gestoßen (wo es eigentlich um „ta-ta“ geht): https://britishisms.wordpress.com/2013/09/15/ta-ta/

    Der zweite Kommentar dort, von „Nick L. Tipper“, erklärt vielleicht, warum Dierk ein südenglisches „ta“ als „bye“ zu hören geglaubt hat.

  • Susanne Flach hat Folgendes geschrieben:

    @Merlin: die Erklärung ist zumindest unkonventionell — und selbst wenn ta eine Kontrahierung von ta-ta sein sollte, dann wäre es trotzdem ta und nicht ta-ta.

  • Jörn hat Folgendes geschrieben:

    Sehr spannend. Ich habe das bisher tatsächlich immer als Abschiedsformel von "down under" verstanden. Ich finde es aber auch nicht deplatziert, wenn es bei Twitter verwendet wird. Denn es ist ja so, dass man sich dort gemeinschaftlich über die laufende Dschungel-Sendung austauscht und — auch wenn das bei anderen Gelegenheiten so nicht passiert — ist doch ein Dank für einen gewissermaßen gemeinsam verbrachten Fernsehabend nicht zwingend unangebracht. Insofern sollten wir höchstens darüber nachdenken, uns noch viel häufiger auch bei "Schwiegermutter gesucht", "Der Bachelor" oder "Bauer sucht Frau" bei den virtuellen Wohnzimmergenossen zu bedanken, wenn es mal wieder besonders viel Spaß gemacht hat, gemeinsam zum selben Thema zu twittern. 😉

  • Dierk hat Folgendes geschrieben:

    @Susanne Schon richtig, das sollte auch keine generelle Kritik sein, nur ein Hinweis, dass etwas im Gange sein könnte.

    Und jetzt erklärt mir jemand, weshalb meine Autokorrektur 'abwägig' kennt. Ich kannte das bis heute nicht.

  • Susanne hat Folgendes geschrieben:

    Im Dschungelcamp dürfte man noch mehr sprachliche Eigenheiten finden. Vermutlich sind einige andere, hauptsächlich die der "Insassen", deutlich erschreckender…

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