Blogspektrogramm 21/2016

Unser heutiges Blogspektrogramm kommt gleich beim ersten Link vom Kurs ab, um etwas über französische Verneinung zu erzählen, findet dann aber wieder zurück zu Sprachpflege der besonderen Art, verräterischen Buchstaben, schlechtem Geschmack und f–. Viel Spaß!

  • Wie kam das Vergissmeinnicht zu seiner Bezeichnung? Stephan Bopp hat's auf FRAGEN SIE DR. BOPP zusammengetragen. Besonders spannend: »Ebenfalls im 15. Jahrhundert findet sich im Französischen die gleichbedeutende Bezeichnung ne m’oublie(z) mie (Modernfrz. ne m’oubliez pas).« An den beiden französischen Angaben kann man nämlich eine alte Verneinungsvariante beobachten (und hier verlassen wir das Reich der kommentierten Verlinkung für einen kurzen Exkurs:) Das, was im Deutschen durch ein einfaches nicht ausgedrückt wird, erledigt im Französischen eine zweiteilige Form aus ne und pas (bzw. in der älteren Form ne und mie). Geht man ihrer Herkunft nach, so zeigt sich für ne eine lange Verneinungsgeschichte, mie und pas sind aber erst später eingestiegen. mie bedeutete im 15. Jh. wörtlich 'Krume, Krümel' und pas heißt auch heute noch 'Schritt' (z.B. in Pas de deux). Zur Verneinung kamen sie wohl durch Übertreibung: Auch im Deutschen kann man sagen, dass einen etwas nicht die Bohne interessiert, dass man keinen Deut (eine Kupfermünze von geringem Wert) auf etwas gibt oder keinen Strich für etwas tut. Man verweist also auf etwas, das klein und von geringem Wert ist und stärkt damit die Verneinung — nicht einmal soooo wenig passiert etwas. Genauso geschah das im Französischen, nur dass sich dort eines dieser Vergleichswörter, der pas, so sehr etabliert hat, dass es zu einem festen Bestandteil der Negation geworden ist. Neben dem Krümel gibt es im Französischen noch weitere Verlierer der Entwicklung, z.B. goutte 'Tropfen' und das heute noch eingeschränkt gebrauchte point 'Punkt'. Interessant ist, dass sich das Standbein der Negation zunehmend verlagert: Heute wird das ne umgangssprachlich zunehmend weggelassen und dem pas die ganze Verneinung übertragen. (Wer sich dafür im Detail interessiert, wird unter dem Stichwort »Jespersen-Zyklus« fündig.)
  • Unser Blog– und Linguistikkollege Kilian Evang spricht mit SAGSO über die Gesellschaft zur Stärkung der Verben — wer schon immer mal wissen wollte, was ein starkes oder schwaches Verb ist und vor allem, wie man mit ihnen linguistisch fundierten Schabernack treiben kann, kommt hier auf ihre Kosten: »sagso: Wie würdest du die politische Stimmung in Deutschland und Europa gegenüber Schwacher Verben beschreiben? Werden ihrer geduldet? Kilian Evang: Der Politik sind schwache Verben weitgehend egal. Wenn es in der Politik um Sprache geht, dann meistens um den Wortschatz: Sollten Wörter mit Migrationshintergrund, insbesondere Anglizismen wie Sale, Selfie oder Crowdfunding, in der deutschen Sprache geduldet werden? Die Gesellschaft zur Stärkung der Verben setzt sich für eine liberale sprachliche Einwanderungspolitik ein. Wörter aus anderen Sprachen sind eine Bereicherung. Nicht zuletzt kann man auch mit ihnen trefflich spielen, wie z.B. von uns gestorkene Anglizismen wie scannen/sconn/gesconnen oder clustern/clorst/geclorsten zeigen.«
  • ã, ă, ģ, ű, ł, … Sprachen erkennen, (fast) nur an Buchstaben? James Harbeck hat für THE WEEK eine Liste gebastelt. Wie man am Deutschen sieht, ist sie nicht ganz vollständig (<ß> wäre zumindest für Deutschland und Österreich sinnvoll gewesen), aber durchaus brauchbar. Neben einzigartigen Buchstaben gibt es auch weitere Tipps dazu, wie man nah verwandte Sprachen auseinanderhalten kann. Für Nicht-Alphabetschriften gibt's außerdem ein Follow-up.
  • Von schlechtem Geschmack zu schlechter Kunst? Katy Waldman zeigt auf LEXICON VALLEY, wie das funktioniert, nämlich metaphorisch: »we know exactly how to telegraph our disdain for (or grudging pleasure in) bad art. We compare it to bad food. The food is bad in the way that the art is bad. It’s not so much disagreeable as unhealthy, even unvirtuous. Fluorescent with goopy cheese, oozing easy sentiment, it clogs our arteries and blunts our intellects. […] I wish we could link eating for pleasure to aesthetic bounty as tightly as we now bind it to aesthetic “badness.” If only our vocabulary for assessing art did not so persistently claim that less emotion, less femininity, and less physical presence on earth is more.«
  • Meine Studierenden haben mich diese Woche gefragt, wozu es im Leben sinnvoll ist, etwas über Silbenstruktur zu wissen. Schade, dass ich nicht schon vorher James Harbecks Überlegungen zur tabubedingten Abkürzung von Flüchen auf STRONG LANGUAGE gelesen hatte. Das hätte zwar keinen konkreten Nutzen aufgezeigt, aber bestimmt hinreichend abgelenkt. Der Text geht der Frage nach, warum z.B. fuck als f– widergegeben wird, nicht als –u–- oder –k. Dabei gibt er sich nicht allein damit zufrieden, dass das halt der Anfang des Wortes ist: Auch f–k kommt vor, aber fu– kaum. Warum der Vokal nicht mitgenommen wird, wird  sprachlich recht explizit erklärt: »The vowel is really the business part of the word. The first letter is the face – what we need to recognize it – but the vowel is the cock or cunt of the word, and the letters after it are the upper legs: not really the fucker, but they lead to it. And that all has to do with syllable structure as we English speakers know it.«

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