Warum man Fake News nicht verbieten kann: Eine Fallstudie

Zufällig war ich heute auf der Suche nach Weihnachtsgeschenken in den Schönhauser-Allee-Arkaden (einem Einkaufszentrum im Prenzlauer Berg), als der Eingang und die Straße und der U-Bahnhof vor dem Einkaufszentrum von der Polizei abgesperrt wurden. Ein freundlicher Beamter erklärte auf Nachfrage, dass man einen verdächtigen Gegenstand gefunden habe, der nun untersucht würde.

Das wurde auch schnell von einigen lokalen Medien auf Twitter bekanntgegeben, z.B. hier (um 14:33):

Der Gegenstand wurde am Ende ergebnislos gesprengt (es war, je nach Meldung, eine Tüte, ein Koffer oder ein leerer Schuhkarton) und mein Weihnachtsgeschenk habe ich auch nicht gefunden, aber dafür eine schöne Fallstudie darüber, wie man Fake News verfasst, ohne dabei zu lügen.

Der Daily Star, eine britische Boulevardzeitung, griff die Meldung auf und twitterte dazu „BREAKING: Berlin shops LOCKED DOWN and trains off as hunt for terror suspect gathers pace“, also „Berliner Läden unter Ausgangssperre und Züge eingestellt während die Jagd nach dem Terrorverdächtigen Fahrt aufnimmt.“

Auch die Meldung selbst hatte ursprünglich eine mit dem Tweet identische Überschrift und auch der Teaser stellte eine Verbindung zwischen der Sperrung und der europaweiten Fahndung nach dem Täter des Berliner Weihnachtsmarkt-Angriffs her:

Meldung der britischen Boulevard-Zeitung Daily Star

Meldung der britischen Boulevard-Zeitung Daily Star

Nun gab es ja keinen solchen Zusammenhang, und wer auch immer die Überschrift und den Teaser verfasst hat, wusste das zu diesem Zeitpunkt (eine Stunde nach der ersten Meldung) auch. Aber „Polizei überprüft Schuhkarton an U-Bahnhof“ ist halt keine Meldung, also wird eben ein Zusammenhang hergestellt (inzwischen wurde die Überschrift aktualisiert und lautet nun „BREAKING: Berlin shops LOCKED DOWN and trains off as cops investigate bomb scare” – der URL sieht man aber die ursprüngliche Schlagzeile noch an).

Interessant ist nun, wie dieser Zusammenhang hergestellt wird, nämlich völlig ohne dass er tatsächlich behauptet wird. Schlagzeile und Teaser sagen wortwörtlich genommen nur aus, dass zwei Dinge gleichzeitig passieren: Läden sind geschlossen und die Polizei sucht einen Terrorverdächtigen.

Kein Wahrheitsministerium hätte einen Grund, diese Meldung zu verbieten – was kann schließlich der Daily Star dafür, dass in den Köpfen der Leser/innen die Idee entsteht, der gesuchte Terrorverdächtige sei in der Umgebung des Einkaufszentrums gesichtet worden?

TL;DR: Sprache ist komplexer als die Verfechter von Fake-News-Verboten glauben: nicht alles, was mit einem Text gesagt wird, steht auch tatsächlich da.

9 Kommentare

  • Muriel hat Folgendes geschrieben:

    Najaaaa… Das finde ich als Begründung aber nun gar nicht zwingend. Gerichte entscheiden ja jetzt schon über Tatsachenbehauptungen und deren Formulierung, und so. Es gibt schon Straftatbestände wie Betrug, bei denen solche Unschärfen überwunden werden müssen. Nur weil etwas nicht ganz explizit da steht, muss es ja noch lange nicht unverboten bleiben.

  • David hat Folgendes geschrieben:

    Das Wörtchen "as" suggeriert m.E. hier aber nicht nur einen zeitlichen, sondern auch einen kausalen Zusammenhang, womit die Meldung doch "Fake" wäre:
    "Berlin shops LOCKED DOWN and trains off as hunt for terror suspect gathers pace"

  • Mycroft hat Folgendes geschrieben:

    Haarspalter würden jetzt sagen, dass sich das "as" nur auf die Jagd nach dem Terrorverdächtigen bezieht, nicht auf die geschlossenen Läden.

    Kultivierte Menschen würden natürlich in der Überschrift schreiben: "Was hatte der Vorfall x mit der Jagd auf den Verdächtigen y zu tun?" um dann im Text (sinngemäß) zu schreiben: "Nix!"

    Die Frage ist eigentlich, ob man solche journalistischen Glanzleistungen verbieten sollte, und ob "Fake-News" vllt. doch was anderes ist.

  • @ David: Natürlich suggeriert das Wort as einen kausalen Zusammenhang – das ist der Punkt meines Beitrags. Es bezeichnet aber keinen kausalen Zusammenhang, sondern nur eine Zeitgleichheit – z.B. The phone started ringing as John left the house. Das gilt nicht nur für as – Wörter, die Zeitgleichheit oder direkte zeitliche Abfolge bezeichnen, legen schnell einen kausalen Zusammenhang nahe, dieser entsteht aber im Kopf der Hörer/innen bzw. Leser/innen, er steckt nicht in diesen Wörtern selbst. Die Meldung ist also wortwörtlich wahr.

  • Thomas hat Folgendes geschrieben:

    Ich halte es für von vornherein aussichtslos, "polizeilich" gegen Fake News vorgehen zu wollen. Mal ganz abgesehen davon, dass dies nur durch einen enormen Überwachungsapparat mit weitgehenden Befugnissen überhaupt technisch denkbar wäre, ist es auch inhaltlich nicht möglich, wie dieser Beitrag am Beispiel des Wörtchens "as" zeigt. Wer sollte auch entscheiden, wo hier die Grenze zwischen tatsächlich ausgesagter (zeitlicher Zusammenhang) und suggerierter (kausaler Zusammenhang) verläuft?

    Das Problem ist ein ganz anderes: Der fehlende kritische Umgang mit Informationen. Berühmt-berüchtigt sind in diesem Zusammenhang z.B. die "Deutschen Wirtschafts Nachrichten" (https://netzpolitik.org/2014/deutsche-wirtschafts-nachrichten-fuer-einsteiger/), deren Geschäftsmodell darin besteht, realen Meldungen einen skandalisierenden, möglichst verschwörungstheoretischen Spin zu geben, damit diese über Facebook und Twitter viral verbreitet werden und auf diese Weise Besucher auf ihre Seite locken (sog. Clickbaiting). Inzwischen braucht es solche "externen" Anreize aber kaum noch; Fake News werden gleich in den sozialen Netzwerken in die Welt gesetzt und gerade deshalb geglaubt, weil sie eben *nicht* von konkreten externen Quellen stammen, die nachgeprüft werden können, und schon gar nicht aus den "Mainstream-Medien", sondern aus dem Nichts.

    Das Problem sind also nicht die vergleichsweise wenigen Urheber von Fake News, sondern die vielen, die sie glauben und/oder weiterverbreiten.

  • Daniel hat Folgendes geschrieben:

    Auch aus einem ganz anderen Grund ist der Kampf gegen "Fake-News" problematisch: Man muss erstmal bestimmen, ob eine News fake ist oder nicht.

    Bei Millionen von News über Twitter und Facebook ist das nicht so trivial. Da müsste man bei allen erst mal umfangreiche Recherchen starten, um den Wahrheitsgehalt zu bestimmen. Um es rechtsstaatlich sauber zu machen, müsste erst ein Gericht urteilen.

    Es wird darauf hinauslaufen, dass eine Stelle ( http://www.focus.de/politik/deutschland/kampf-gegen-fake-news-innenministerium-will-abwehrzentrum-gegen-desinformation_id_6397882.html http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/fake-news-bundesinnenministerium-will-abwehrzentrum-einrichten-a-1127174.html ) definiert, was wahr ist und was falsch und eine Software bei Twitter und Co. im Hintergrund die Texte analysiert und bei einem Widerspruch zur definierten Wahrheit die gleich löscht.

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  • […] Stil von: „Steht doch nicht nur rum, verbietet endlich etwas!“; aber erst, seitdem ich diesen Artikel gelesen habe, fiel mir auf, dass es irgendwie keine Definition, oder wenigstens einen […]

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