Unwort des Jahres: Alternative Fakten

Die Sprachkritische Aktion hat gerade das Unwort des Jahres bekanntgegeben: alternative Fakten (PDF). Sie schließt sich damit sowohl der American Dialect Society an, die alternative facts zum Euphemism of the Year wählte (PDF), als auch der australischen Plain English Foundation für die es das Worst Word of the Year war (PDF).

Der Ausdruck ist nur einer von vielen fast schon hypnotisch postfaktischen Sprachmustern, die US-Präsident Trump und seine Gefolgschaft zum Standard des amerikanischen politischen Diskurses erhoben haben. Er stammt von Trumps Beraterin Kellyanne Conway, die ihn verwendete, um die Trump'sche Behauptung zu stützen, zu seiner Amtseinführung seien mehr Zuschauer/innen erschienen als zu der irgendeines anderen Präsidenten vor ihm.

Diese Behauptung, die sich durch Filmaufnahmen leicht als falsch entlarven ließ, wiederholte Trumps damaliger Pressesprecher Sean Spicer gleich bei seiner ersten Begegnung mit der amerikanischen Presse. Vom CNN-Moderator Chuck Todd darauf angesprochen, warum man die Zusammenarbeit mit der Presse mit einer Lüge beginne, antwortete Conway: „Sie nennen das eine Lüge. Unser Pressesprecher Sean Spicer lieferte aber alternative Fakten“. „Alternative Fakten sind keine Fakten“, erwiderte Todd. „Sie sind Lügen.“ Aber natürlich sind sie mehr als das – „alternative facts“ sind Lügen, mit denen eine offensichtliche und umfassend dokumentierte Wahrheiten solange bestritten wird, bis sich keiner mehr daran erinnert, was denn nun wirklich stimmt.

Die Trump-Regierung dominierte auch die englischsprachigen Wort-des-Jahres-Wahlen der letzten Jahre: in diesem Jahr wählten sowohl die American Dialect Society als auch die britischen Collins Dictionaries fake news zum Wort des Jahres (im letzten Jahr war das bereits der deutsche Anglizismus des Jahres und das Australische Macquarie Dictionary Word of the Year), im letzten Jahr war es dumpster fire („Müllcontainerbrand“) – eine Metapher unter anderem für den US-Präsidentschaftswahlkampf. Das britische Word-of-the-Year der Oxford Dictionaries war im letzten Jahr post truth.

Wenn der postfaktische Zugang zur Realität sich flächendeckend durchsetzt, kann wenigstens niemand sagen, die internationale Lexikografie hätte nicht davor gewarnt.

2 Kommentare

  • Kwink hat Folgendes geschrieben:

    "Der postfaktische Zugang zur Realität" ist aber auch eine sehr schöne Formulierung für Propagandagläubigkeit (wenn ich die Worte hier richtig verstehe).

  • spyri hat Folgendes geschrieben:

    Ich tue mich schwer mit diesem Wort und halte es ehrlich gesagt für etwas fehlgedeutet. Es kann doch schlicht neben Fakten (ein Pferd ist kleiner als ein Elefant) auch noch alternative Fakten (ein Pferd ist größer als ein Hund) geben.
    Nicht, dass sich nicht hinter manchen alternativen Fakten auch eine Lüge verbirgt, aber es scheint mir nicht die vielerorts empfundene 1:1 Deckungsgleichheit zu sein, weswegen man sich vielleicht nicht unbedingt einen Gefallen damit tut es zu verwenden.
    Analog zu Höckes "Denkmal der Schande", welches — die verachtenswerte Dimension seiner Benutzung unbenommen — fortgesetzt nicht in seinen zwei Bedeutungen verstanden wird, was wiederum einen prima Aufhänger für AFD-Polemik und Opfermythen liefert.
    Schwierige Sache das.

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird niemals weitergegeben.Erforderliche Felder sind mit einem * markiert.